Jack Londons „Eiserne Ferse“ – Ein bleibender Klassiker

Von Jack Hood
15. September 2012

“Ich bin tief versunken im Beginn eines sozialistischen Romans. (…) Ich werde ihn Die eiserne Ferse nennen. Wie ist das für einen Titel? Der arme nutzlose kleine Kapitalist! Meine Güte, wenn das Proletariat eines Tages aufräumt!“ Die Erregtheit dieses Briefes an einen Freund unterstreicht den Enthusiasmus, der die Arbeit von John Griffith Chaney, auch bekannt als Jack London (1876-1916), beflügelte, als er seinen ersten explizit politischen Roman, Die eiserne Ferse, schrieb. Er wurde erstmals 1908 vom Verlag Macmillan unter dem englischen Titel The Iron Heel veröffentlicht.

Das Werk handelt in der Zukunft und beschreibt aus der Retrospektive detailliert die Jahre von 1912 bis 1932. Einer niedergeschlagenen Erhebung der Arbeiterklasse und darauf einsetzender oligarchischer Diktatur folgte Jahrhunderte später eine soziale Revolution.

Die Voraussicht des Romans ist außergewöhnlich. In einem Brief aus dem Jahr 1937, drei Jahrzehnte nach dem Erscheinen des Buchs, schrieb Leo Trotzki an Londons Tochter Joan, dass der Autor „nicht nur in kreativer Weise die Triebkraft der Revolution [von 1905] absorbierte, sondern ebenso mutig in ihrem Lichte über das Schicksal der kapitalistischen Gesellschaft als ganzer nachdachte. (…) Jack London fühlte mit einer solchen Unerschrockenheit, dass man gezwungen wird, sich immer und immer wieder mit Verwunderung zu fragen: Wann wurde das geschrieben? Wahrhaftig vor dem [Ersten Welt-]Krieg?“

Besonders angetan war Trotzki von Londons Einschätzung der Gewerkschaftsbürokratie und der konterrevolutionären Rolle, die sie in den von ihm erzählten Handlungen spielt. Mit seinem Verständnis der „heimtückischen Rolle“ der Arbeiteraristokratie war London, wie Trotzki sagt, „allen sozialdemokratischen Führern der Zeit zusammengenommen“ voraus. Darüber hinaus hat sich zur Zeit der Niederschrift des Romans, wie Trotzki ergänzt, „nicht einer der marxistischen Führer, Lenin und Rosa Luxemburg nicht ausgenommen, die unheilvolle Perspektive eines Bündnisses zwischen Finanzkapital und Arbeiteraristokratie so vollständig vorgestellt. Dies allein reicht aus, um das besondere Gewicht des Romans zu bestimmen.“

(Es gibt eine weitere Verbindung zwischen Trotzki und London. London schrieb eines seiner frühen Werke, den Briefroman The Kempton-Wace Letters (1903) gemeinsam mit Anna Strunsky, einer lebenslangen Sozialistin und Schriftstellerin. Ihre Schwester Rose Strunsky, ebenfalls Sozialistin, übersetzte 1925 Trotzkis Literatur und Revolution ins Englische. Diese Übersetzung ist immer noch maßgeblich.)

Die Einsichten und Stärken der Eisernen Ferse sind nicht zu trennen von der sozialistischen Einstellung und Erfahrung ihres Autors. London trat im April 1896 in die von Daniel De Leon geführte Socialist Labor Party ein. In diesem Jahr brachte der San Francisco Chronicle eine Geschichte über seine nächtlichen Ansprachen im City Hall Park von Oakland, für die er später verhaftet wurde. Im Jahr 1901 verließ er die Socialist Labor Party, um in die neugegründete Sozialistische Partei Amerikas (Socialist Party of America) einzutreten. Als Sozialist kandidierte er für das Bürgermeisteramt von Oakland. Er bereiste später, im Jahr 1906, das Land, um Vorträge über den Sozialismus zu halten.

In einem Essay aus dem Jahr 1910 berichtet London von Massenzusammenkünften und Spendensammlungen zur Unterstützung der Russischen Revolution von 1905. Ein Abschnitt aus diesem Essay vermittelt einen Eindruck von der revolutionären Bewegung, mit der London sich identifizierte und die häufig durch sein Werk fließt.

London erinnerte an die Millionen Menschen, die zu dieser Zeit „ihre Briefe mit ‚Lieber Genosse‘ begannen“ und staunte darüber, was die Zukunft wohl bereit halte. „Hier sind sieben Millionen Genossen in einer organisierten, internationalen, weltumspannenden, revolutionären Bewegung. Hier ist eine gewaltige menschliche Macht. Man muss mit ihr rechnen. Hier ist Kraft. Und hier ist Hingabe – eine Hingabe, die so gigantisch ist, dass es scheint, sie gehe über den Horizont normaler Sterblicher hinaus. Diese Revolutionäre werden von großer Leidenschaft getragen. Sie haben ein feines Gespür für persönliche Rechte, große Ehrfurcht vor Menschlichkeit, doch wenig, wenn überhaupt, Ehrfurcht vor der Herrschaft der Toten über die Lebenden. Sie beabsichtigen, die bourgeoise Gesellschaft mitsamt den meisten ihrer süßlichen Ideale und teuren Moralvorstellungen zu zerstören. Zu diesen Moralvorstellungen zählen in erster Linie diejenigen, die sich unter solchen Prämissen wie privater Kapitalbesitz, Überleben der Stärksten und dem Patriotismus – ja, sogar dem Patriotismus! – zu fassen sind.“

London blieb nicht unbeeinflusst von den sozialen und ideologischen Widersprüchen der frühen sozialistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten und der Arbeiterklasse selbst. Beispielsweise war er von den Schriften Friedrich Nietzsches und seiner Theorie des „Übermenschen“ abwechselnd fasziniert und wieder abgestoßen. Dessen ungeachtet bleibt die Aufrichtigkeit von Londons früher sozialistischer Überzeugung unangreifbar.

Die eiserne Ferse sieht das Auftauchen des Faschismus voraus, der aus einem verfaulenden Kapitalismus aufsteigt, ebenso dessen schreckliche Auswirkungen für die Arbeiterklasse und ihre Führung. Der Roman zeichnet den Aufstieg politischer Organisationen der herrschenden Klasse nach, die von der „Plutokratie“ oder „Oligarchie“ kontrolliert werden. Diese Organisationen bilden zusammenwirkend eine Einheit, die London einprägsam als die „Eiserne Ferse“ bezeichnet, und deren Brutalität über den gesamten Roman hinweg ausführlich geschildert wird.

Die Geschichte folgt einem komplexen und ungewöhnlichen Weg: Der Roman nimmt die Form eines Manuskripts an, das ursprünglich von Avis Everhard angefertigt wurde, der Geliebten und politischen Vertrauten von Ernst Everhard, einem Revolutionsführer des als „zweite Revolution“ von 1912-32 bezeichneten Aufstandes. Dieses Manuskript wurde von einem fiktiven Historiker, Anthony Meredith, im 26. Jahrhundert offenbar aufgefunden, wieder hergestellt und publiziert. Nachdem die Oligarchen besiegt worden waren, folgte ihnen eine sozialistische Ruheperiode, wirtschaftlicher Wohlstand und Gleichheit, über dem allem eine „Brüderschaft der Menschen“ steht.

Um die soziale Genesis der Eisernen Ferse zu verstehen, ist es notwendig, das Jahrzehnt, welches dem Ersten Weltkrieg vorausging, in den Blick zu nehmen. Die sozialen, wirtschaftlichen und militärischen Spannungen, die sich damals auf nationaler und internationaler Ebene aufluden, finden ihren Ausdruck in Londons Geschichte.

Die Jahre 1905 und 1906, die der Publikation der Eisernen Ferse unmittelbar vorhergingen, sahen eine Reihe internationaler Ereignisse, die tiefgehenden Einfluss auf Londons Verständnis der kapitalistischen Gesellschaft und der Kämpfe hatte, die aus ihrem Zerfall hervorgingen. Der russisch-japanische Krieg von 1904/05 forderte hunderttausende Menschenleben und führte zur Russischen Revolution von 1905, der „Generalprobe“ zur Oktoberrevolution zwölf Jahre darauf.

Die Vereinigten Staaten betraten als jüngste imperialistische Macht die Weltbühne und verdienten sich kurz zuvor mit der Unterjochung Kubas und der Philippinen die ersten Sporen, wobei der letztere Konflikt einer ganzen Million Philippiner das Leben raubte.

In dieser Periode wuchs die Mitgliedschaft der Sozialistischen Partei der Vereinigten Staaten auf 135.000 und mehrere Sozialisten kamen zu Berühmtheit. Ihre Mitglieder wurden in den gesamten USA in öffentliche Ämter gewählt. Eugene Debs, der Parteikandidat für das Präsidentenamt im Jahr 1904, erhielt 402.810 Stimmen, was insgesamt den dritten Platz bedeutete. Die herrschenden Klassen auf der ganzen Welt reagierten mit intensivierter Bekämpfung der Arbeiterorganisationen und der revolutionären Parteien, wobei sie sich über elementare demokratische Rechte hinwegsetzten. Die Empörung und die Sorge, die breite Schichten der amerikanischen Arbeiter aufwühlten, als sie sich in großer Zahl dem Sozialismus zuwandten, werden in der Eisernen Ferse reflektiert.

Das wohl interessanteste Motiv der Eisernen Ferse ist unterdessen die Wichtigkeit der internationalen Solidarität unter den Arbeitern in ihrem Widerstand gegen die Oligarchen und ihre Ausbeutungspläne. In einem „Der Generalstreik“ betitelten Kapitel macht London sichtbar, wie die Widersprüche zwischen dem Kapitalismus und den Nationalgrenzen die konstante Kriegsgefahr unausweichlich machen:

“Die schweren Zeiten hatten eine ungeheure Absatzstockung verursacht. Die Arbeiter, meistens ohne Arbeit, hatten kein Geld, um zu kaufen. Die Folge war, dass die Plutokratie einen größeren Überschuss als je in Händen hatte. Diesen Überschuss musste sie an das Ausland absetzen, denn zur Ausführung ihrer riesigen Pläne brauchte sie viel Geld. Die Folge der großen Anstrengungen, die sie machte, um diesen Überschuss auf dem Weltmarkt abzustoßen, war, dass die Plutokratie mit Deutschland zusammenstieß. Wirtschaftliche Zusammenstöße pflegen durch Kriege ausgetragen zu werden, und diesmal war es nicht anders. Der mächtige deutsche Kriegsherr rüstete, und dasselbe taten die Vereinigten Staaten.

Die Kriegswolken hingen schwarz und drohend am Himmel. Eine Weltkatastrophe schien vor der Tür zu stehen, denn in der ganzen Welt gab es schwere Zeiten, Arbeiterunruhen, untergehenden Mittelstand und Heere von Arbeitslosen, Zusammenstöße wirtschaftlicher Interessengruppen auf dem Weltmarkte und ein Gemurmel und Raunen von der kommenden sozialistischen Revolution.“ [1]

Die Katastrophe kann allerdings mithilfe des sozialistischen Internationalismus, der sich in der Geschichte des Generalstreiks von 1912 ausdrückt, abgewendet werden. Nach einem bewaffneten Aufeinandertreffen deutscher und amerikanischer Armeen sowie einer Reihe von Kriegserklärungen, die sich nahe den Kampflinien von 1914 befinden, koordiniert die Arbeiterklasse in Deutschland und den Vereinigten Staaten eine Arbeitsniederlegung, die erfolgreich organisiert wird und dazu führt, dass die herrschenden Klassen aller beteiligten Nationen das Kriegsende ausrufen.

Der Roman schildert, wie die herrschenden Klassen beider Länder mit gesteigerter Erbitterung auf den von den Arbeitern erfolgreich durchgesetzten Kriegsabbruch reagieren. Kriegsrecht, Konzentrationslager und illegale Folter halten Einzug. London erläutert, wie die faschistische Regierung eine antidemokratische Revision der Verfassung der Vereinigten Staaten vornimmt, nachdem die Hauptfigur des Romans, Ernst Everhard, verleumdet wird, einen Bombenanschlag auf den Kongress verübt zu haben, der eine Vorwegnahme des abgekarteten Reichstagsbrands von 1933 ist.

Bezeichnenderweise illustriert der Roman auch die Nutzlosigkeit und Gefahr der reformistischen Politik, indem er auf die Verbindung zwischen Reformismus, dem Ausverkauf der Arbeiterbewegung sowie seinem letztlichen Zusammenbruch unter der „Eisernen Ferse“ des Faschismus verweist. London hoffte, das Werk würde der Arbeiterklasse zur Lehre über die Notwendigkeit einer revolutionären Führung dienen.

Jack Londons Roman bewahrt heute, da ökonomische und soziale Bedingungen die Arbeiter auf eine Weise radikalisieren, die oft der Periode der sozialen Erhebungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleichen, seine außerordentliche Stärke und Bedeutung.

Anmerkung: In einer Sparmaßnahme jüngeren Datums beschlossen Jerry Brown, der demokratische Gouverneur von Kalifornien, und ein von der Demokratischen Partei kontrolliertes Bundesstaatsparlament vergangenes Jahr, den Jack London State Park im kalifornischen Glen Ellen zu schließen. Im September 2011 wurden die Tore verriegelt.


[1] Zitiert nach Jack London: Die eiserne Ferse, Heyne Verlag, München 1978, S.186-187.