Die Schneeschmelze in der Arktis entfesselt die Jagd auf Profit

Von Ernst Wolff
2. Oktober 2012

Wie das National Snow and Ice Data Center (NSIDC) bekannt gab, ist die Ausdehnung des arktischen Packeises am 16. September auf den niedrigsten jemals aufgezeichneten Stand von 3,41 Millionen Quadratkilometern (1,31 Millionen Quadratmeilen) gefallen. Sie liegt damit 49 Prozent unter dem durchschnittlichen Minimum der Aufzeichnungen während der 1980er und 1990er Jahre.

„Die Dinge entwickeln sich sehr viel schneller als jedes wissenschaftliche Modell es vorhergesagt hat“, sagte Dr. Morton Rasch, Leiter des Beobachtungsprogramms für das grönländische Ökosystem an der Universität Aarhus in Dänemark.

Ein Fjord in Grönland Ein Fjord in Grönland

Während diese beunruhigenden Aussagen die meisten Menschen erschrecken, reiben sich internationale Investoren bereits die Hände. Die größte Eisschmelze in der jüngeren Geschichte der Menschheit bedeutet, dass sie Zugang zu einem Teil der Welt bekommen, der ihnen vorher verschlossen war.

Die arktische Region, die einst als das “Ewige Eis” bezeichnet wurde, enthält große Fischgründe und zwanzig Prozent der weltweit geschätzten Öl- und Gasreserven. Darüber hinaus werden dort riesige Vorkommen an Seltenen Erden, Kupfer, Silber und Gold vermutet.

Die globale Erwärmung hat bereits zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Bedingungen für die Ausbeutung dieser bisher unberührten Gebiete geführt. Höhere Temperaturen machen es nun möglich, die Arbeiten im Frühjahr zwei Wochen früher zu beginnen und im Herbst zwei Wochen später enden zu lassen. Die Aussicht auf eisfreie Wasserstraßen bis Ende dieses Jahrzehnts verspricht die bisher hohen Transportkosten radikal zu senken.

Ein Blick auf Grönland zeigt, wie gierige Investoren bei diesen unerwarteten Möglichkeiten jubilieren. Im Jahr 2010 gab es nur eine einzige Bohrstelle im Land. Heute werden mehr als hundert Probebohrungen von verschiedenen Unternehmen, darunter NUNAOIL, DONG Energy, Chevron, ExxonMobil, Husky Energy und Cairn Energy durchgeführt.

Keines dieser Unternehmen hat die notwendige Übersicht, die eine weitere ökologische Katastrophe vom Ausmaß der BP Ölpest des Jahres 2010 verhindern würde. Das Meer ist sechs Monate im Jahr zugefroren und es wäre von Oktober bis Mai unmöglich, eine unvorhergesehene Ölpest zu bekämpfen.

Es gäbe auch keine Chance, das Öl an den unzugänglichen Küsten Grönlands zu sammeln, und das ausgetretene Öl selbst würde unendlich viel langsamer verdunsten als z. B. im Golf von Mexiko. Das ist der Grund, weshalb der kommunale Bereitschaftschef der Region 2010 warnte. “Wenn etwas passiert”, sagte er, “wären wir verloren. Wir könnten nichts tun, außer zuzusehen.”

Unberührt von Umweltbedenken konzentrieren sich internationale Investoren derzeit auf ein ganz anderes Problem. China, dem im Gegensatz zu Russland, den USA und einigen europäischen Staaten keine Gebiete in der Arktis gehören, hat vor einiger Zeit begonnen, in dieser Region aktiv zu werden.

Chinesische Delegationen haben in diesem Jahr Dänemark, Schweden und Island besucht und dabei erste Verträge angeboten. China hat in Bohrstellen in Grönland investiert und seine Vertreter haben vorgeschlagen, eigene Arbeiter für die Entwicklung neuer Öl- und Gasfelder einzusetzen, weil Grönland, mit einer Fläche von mehr als zwei Millionen Quadratkilometern, eine Bevölkerung von weniger als siebenundfünfzigtausend Einwohnern hat. China hat insbesondere ein Interesse an der Gewinnung von Seltenen Erden, die für die Herstellung von High-Tech-Produkte benötigt werden.

Als Reaktion auf die chinesischen Aktivitäten besuchte Antonio Tajani, Vizepräsident der Europäischen Union, im Juni die grönländische Hauptstadt Nuuk und bot mehrere hundert Millionen Euro “Entwicklungshilfe” an, um zu verhindern, dass die grönländische Regierung chinesischen Unternehmen Exklusivrechte auf die grönländischen Rohstoffe gewährt. Um das Angebot zu unterstreichen, empfing Juan Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, den grönländischen Premierminister Kuupik Kleist in Brüssel.

Die Europäische Union, Japan und Südkorea haben sich bereits für einen permanenten Beobachterstatus im Arktischen Rat verwendet. Die Institution wurde 1996 als ausschließliches Forum der arktischen Küstenstaaten gegründet. China folgte in diesem Sommer und forderte einen Platz in der Körperschaft, die rapide an Bedeutung gewinnt. “Wir sind von einem reinen Forum zu einem Entscheidungsgremium geworden”, sagte der amtierende Präsident des Rates, der schwedische Arktis Botschafter, Gustav Lind.

Geostrategische Überlegungen spielen bei dem aktuellen Rennen um die Arktis ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Küstenstaaten und die Nato bauen bereits militärische Stützpunkte in der Region. Die USA, deren Militär der weltweit nördlichste Stützpunkt in der grönländischen Stadt Thule gehört, verfolgen die Entwicklung sehr genau. Das schmelzende arktische Eis wird in naher Zukunft Seewege über den polaren Weg nach China freigeben und dadurch dem größten Handelsrivalen der USA neue, sowohl wirtschaftliche als auch militärische Möglichkeiten eröffnen.

Die dramatische Beschleunigung der Schneeschmelze in der Arktis hat innerhalb sehr kurzer Zeit gewaltige Kräfte des Kapitalismus in Bewegung gesetzt. Die Jagd auf Profit und um geostrategische Vorteile ist in vollem Gange, und die Logik der kapitalistischen Konkurrenz wird nicht nur zur Zerstörung von einem der Naturwunder dieser Erde führen, sondern könnte möglicherweise auch in militärischen Konflikten und Umweltkatastrophen mit katastrophalen Folgen für die Menschheit enden. 

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