Kürzungen zerstören griechisches Gesundheitssystem

Von Christoph Dreier
27. Oktober 2012

Nirgends zeigt sich der barbarische Charakter des Kürzungsdiktats der EU so offen wie im griechischen Gesundheitswesen. In einem Land, das seit dreißig Jahren der Europäischen Union angehört, sind große Teile der Bevölkerung von jeder medizinischen Versorgung abgeschnitten.

Am Mittwoch berichteten verschiedene Zeitungen, dass sich die griechische Regierung mit Vertretern von IWF und EU auf ein neues Kürzungspaket geeinigt habe. Eine endgültige Entscheidung darüber soll am Sonntag fallen. Berichten zufolge sieht es neben Lohn- und Rentenkürzungen sowie Massenentlassungen Kürzungen von insgesamt zwei Milliarden Euro im Gesundheitswesen vor. Unter anderem sollen zehn Prozent der Ärzte und des sonstigen Personals der öffentlichen Kliniken entlassen werden.

Das könnte zum endgültigen Kollaps der Krankenhäuser führen. Schon jetzt protestieren täglich Ärzte, Pfleger und Patienten an den unterschiedlichen Standorten gegen die katastrophalen Zustände im Gesundheitsbereich. Im Juni hatte sich die griechische Ärztekammer an die Vereinten Nationen gewandt, um den Ernst der Lage zu beschreiben.

Laut der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ sind die Finanzmittel der staatlichen Kliniken seit 2008 um 40 Prozent gesunken, während die Nachfrage deutlich gestiegen ist. Weil unter diesen Bedingungen Rechnungen der Zulieferer nicht fristgerecht bezahlt werden, kommt es vermehrt zu gravierenden Versorgungsengpässen.

Oft können selbst lebenswichtige Operationen nicht stattfinden, weil sich die Lieferanten weigern, Material bereitzustellen. Die griechische Tageszeitung Ta Nea berichtet etwa von einer Klinik in Thessaloniki, die keine Herzoperationen mehr durchführen konnte, weil die Stents fehlten. Im Krankenhaus der mittelgriechischen Stadt Larisa gab es zeitweise kein Toilettenpapier mehr. An anderen Orten fehlt Pharma-Alkohol zum Reinigen von Wunden.

Auch niedergelassene Ärzte und Apotheker sind betroffen. Ihnen schuldet allein die größte Krankenkasse des Landes, EOPYY, 230 Millionen Euro. Aus diesem Grund müssen die Griechen in Apotheken und auch bei einigen Ärzten in Vorkasse gehen und die Rechnung später selbst bei den Versicherern einreichen. Für alte, arme und chronisch kranke Menschen ist das oft unmöglich, so dass sie auf lebensnotwendige Medikamente und Behandlungen verzichten müssen.

Der Verband der Vertragsärzte hat Zahlen veröffentlicht, laut denen der EOPYY im laufenden Haushalt 1,5 Milliarden Euro fehlen. Dies geht einerseits auf die durch Rezession und Arbeitslosigkeit gesunkenen Beitragszahlungen, andererseits auf die partielle Zahlungsunfähigkeit des griechischen Staates zurück, dem die Europäische Union seit Juni einen eingeplanten Hilfskredit über 31,5 Milliarden Euro verweigert. Eine Studie aus der Region Patras zeigt, dass sich bereits 70 Prozent der Griechen die Medikamente, die ihnen der Arzt verschrieben hat, nicht mehr kaufen können.

Ein großer Teil der Kinder ist deshalb zunehmend Infektionskrankheiten wie Diphtherie und Meningitis ausgesetzt, weil sich die Eltern die Impfstoffe nicht mehr leisten können. Die HIV-Neuinfektionen sind zudem allein 2011 um über 50 Prozent gestiegen.

Die wachsende Armut, die laut einer aktuellen Studie des EKKE-Forschungszentrums längst auch mehr als ein Viertel jener trifft, die noch eine Arbeitsstelle haben, wird im Winter zu weiteren schweren Krankheiten führen. Zahlreiche Haushalte sind schon jetzt ohne Strom und werden die kalten Monate ohne Heizung verbringen müssen, weil sie die Rechnungen nicht begleichen können. Diese verzweifelte Situation führte in den letzten drei Jahren zu einer Steigerung der Selbstmordrate um 40 Prozent.

Besonders hart sind jene getroffen, die im Rahmen der Sparmaßnahmen entlassen wurden. Sie erhalten in Griechenland nur für maximal ein Jahr Sozialhilfe und Krankenversicherung. Anschließend sind sie völlig auf sich allein gestellt. Schätzungen zufolge haben 25 bis 30 Prozent keinen ausreichenden Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Hälfte der 1,2 Millionen Arbeitslosen im Land verfügt über keine Krankenversicherung.

Die New York Times berichtete am Mittwoch von einer Gruppe Ärzten, die versucht, sich unterhalb des Radars der Behörden um diese Menschen zu kümmern. Insbesondere helfen sie Krebs-Patienten, die sich eine teure Behandlung nicht leisten können. Wenn Krebs bei Unversicherten diagnostiziert wird, „werden diese vom System einfach ignoriert“, zitiert die Times Dr. Kostas Syrigos von dem Helfer-Netzwerk. „Sie haben keinen Zugang zu Chemotherapie, Chirurgie oder auch nur einfachen Medikamenten.“

Die Ärzte versorgen die Arbeitslosen in ihrer Freizeit und sind auf Medikamentenspenden von Firmen und Privatpersonen angewiesen. Diese werden angesichts der desaströsen wirtschaftlichen Lage allerdings geringer, während die Zahl der Hilfesuchenden wächst. „In Griechenland bedeutet arbeitslos zu sein momentan den Tod“, sagt Dr. Syrigos.

Die Times berichtet von Elena, die über keine Krankenversicherung verfügt und sich daher mit ihrem vor einem Jahr diagnostizierten Brustkrebs an keinen Arzt wenden konnte. Als sie zu Dr. Syrigos kommt, ist ihr Krebs auf die Größe einer Orange angewachsen und durch die Haut gedrungen. Die offene Wunde hatte Elena mit Papiertaschentüchern trockengelegt.

„Als wir sie sahen, waren wir sprachlos“, sagte Dr. Syrigos der Times. „Wir haben alle geweint. Solche Dinge sind zwar in Lehrbüchern beschrieben, aber man sah sie nicht, weil bisher jeder, der krank wurde, in diesem Land Hilfe bekommen konnte.“

Dass dies nun ein Ende hat und Millionen Menschen in einem entwickelten Land jede Gesundheitsversorgung verwehrt wird, dass sie zum Sterben auf die Straße geschickt werden, verdeutlicht den brutalen Charakter der EU als Instrument der europäischen Finanzelite. Es zeigt deutlich, dass die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse mit einer humanitären Organisation der Gesellschaft unvereinbar sind.

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