Laut IWF-Bericht wächst das Finanzrisiko

Von Nick Beams
13. Oktober 2012

Vier Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers macht der jüngste Global Financial Stability Report des Internationalen Währungsfonds (IWF) klar, dass ein völliger Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems immer noch nicht aus der Welt ist. Die Gefahr, dass es dazu kommt, ist heute eher noch größer.

Der Bericht von Anfang der Woche beginnt damit, dass die Stabilitätsrisiken für das Finanzsystem seit dem letzten Bericht im April noch zugenommen hätten, und dass „das Vertrauen in das globale Finanzsystem sehr brüchig geworden“ sei.

Das größte Risiko für die Finanzstabilität gehe von einer weiteren Verschlimmerung der Krise in der Eurozone aus, aber “wachsende Ungleichgewichte geben auch anderswo Anlass zur Sorge“.

Der Bericht weist auf ein Auseinanderdriften der Eurozone hin, was zu einem massiven Abfluss von Kapital aus den schwächeren Ländern und auch aus Zentral- und Osteuropa führen könnte. Ein solcher Abfluss würde die Rekordarbeitslosigkeit noch höher treiben. Es gebe jetzt einen „Keil“ zwischen den Peripherieländern der Eurozone und den Kernländern.

Die Krise hat ihre Ursache in den Ungleichgewichten, die von Anfang an in die Eurozone eingebaut waren. Für die so genannten Peripherieländer bedeutete die Einführung des Euro, dass sie nicht mehr die Möglichkeit hatten, über die Abwertung ihrer Währung die Konkurrenzfähigkeit auf den Exportmärkten zurückzugewinnen. Daher litten sie unter einem ständig wachsenden Zahlungsbilanzdefizit.

Aber das wurde erst einmal durch einen Zufluss von Kapital aus den stärkeren Volkswirtschaften, besonders aus Deutschland, überdeckt. Der Zufluss von Kapital stimulierte die Nachfrage und schuf wertvolle Märkte für deutsche Exporte. Das ergab eine positive Wechselwirkung. Die hat jetzt einem Teufelskreis Platz gemacht, weil das Kapital in die andere Richtung fließt. „Die Liquidität der Banken in den Kernländern“, heißt es in dem Bericht. „wird nicht mehr in die Peripherie recycelt, sondern bei den Zentralbanken geparkt oder in relativ sichere Staatsanleihen investiert“.

Seither gingen Bankenrettungsprogramme mit Sparprogrammen und Rezession einher, was zu einem weiter verstärkten Abfluss von Kapital führte.

Der IWF-Bericht warnt, die Privatwirtschaft könnte zu “einer zusätzlichen Kraft in dieser bösartigen Feedbackschleife werden“, weil die Herabstufung von Staaten die Schulden investierender Unternehmen auf Schrottniveau hinabziehen könnten.

Die Voraussagen, die der Bericht macht, werden auf der Grundlage von (in den Worten der Autoren) Mindestszenarien getroffen. Diese unterstellen, dass europäische Entscheidungsträger die wirtschaftliche und politische Integration voranbringen, einen einheitlichen Überwachungsmechanismus schaffen und Maßnahmen ergreifen, um die Kluft zwischen den hohen Zinsen an der Peripherie und den sehr niedrigen in den Kernstaaten wie Deutschland zu verringern.

Angesichts der wachsenden Konflikte zwischen den europäischen Mächten ist es nicht besonders wahrscheinlich, dass diese Maßnahmen auch wirklich getroffen werden. Aber dann, so heißt es im Bericht, werde die Eurozone in ein Szenarium abgleiten, das „von schwacher Politik bestimmt“ sei.

Dieses Szenarium werde zu einer rapiden Verschlechterung der Finanzkrise führen. Die Fliehkräfte würden sich „verfestigen“, und die Probleme der Kapitalausstattung der Banken verschlimmerten sich, was eine „weitreichende Bedrohung für das globale Finanzsystem und die globalen Wirtschaftsaussichten bedeuten“ werde.

Was politische Vorschläge angeht, forderte der IWF eine Intensivierung der Angriffe auf die Arbeiterklasse. Schlüsselelement jedes Wiederaufbauprogramms müsse eine „wachstumsfreundliche Haushaltskonsolidierung“ sein.

Doch ein solches Ding gibt es nicht. „Haushaltskonsolidierung“ ist ein Euphemismus für Haushaltskürzungen, die zu einer Schwächung der Nachfrage führen, entweder durch Kürzungen bei Sozialleistungen oder durch die Streichung von Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst, – was einen weiteren Wirtschaftsabschwung und infolgedessen weitere Kürzungen nach sich zieht.

Gleichzeitig fordert das Finanzkapital, dass die Reallöhne gesenkt und die Ausbeutung der Arbeiterklasse verschärft werden. Deswegen forderte der IWF „weitrechende strukturelle und institutionelle Reformen“, um „die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und äußere Ungleichgewichte zu verringern“.

Das bedeutet, dass Länder mit einem Zahlungsbilanzdefizit, die ihre Währung nicht abwerten können, eine so genannte „innere Abwertung“ durchführen müssen, um ihre Kosten zu senken. Dies betrifft vor allem die Löhne, denn nur so können sie auf den internationalen Märkten wieder wettbewerbsfähiger werden.

Die Geschichte solcher “innerer Abwertungen” behandelte der Financial Times-Kolumnist Martin Wolf am Mittwoch in einem Kommentar. Er wies darauf hin, dass in Großbritannien, als es zwischen den Weltkriegen ein solches Programm umsetzte, das Produktionsniveau 1938 kaum höher lag als 1918. „Hohe Arbeitslosigkeit war der Mechanismus, mittels dessen nominelle und reale Löhne niedrig gehalten wurden“, erklärte Wolf.

Dieses Programm soll nun in ganz Europa durchgesetzt werden.

Der IWF-Bericht konzentrierte sich zwar auf Europa, aber er kommentierte auch die schlechte Lage in den USA und Japan, zwei starken Säulen der Weltwirtschaft.

Eine wichtige “Herausforderung” für die Stabilität der USA sei das Risiko der Staatschulden. Der jetzt schon schwachen Wirtschaft drohe weiter langsames Wachstum und unzureichende Nachfrage. Zusätzlich stelle eine „Haushaltsklippe“ Ende des Jahres ein großes Risiko dar. D.h. mehrere Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen, die Ende des Jahres in Kraft treten sollen, könnten die USA um bis zu zwei Prozentpunkte Wirtschaftswachstum kosten.

Was Japan betrifft, so wies der Bericht darauf hin, dass die aktuellen Probleme der Eurozone mit seinen hohen Staatsschulden und der starken Verstrickung der Banken in Staatsanleihen Japan eine Warnung sein sollten.

Für dieses Land hat die Krise widersprüchliche Folgen gezeitigt. Auf der einen Seite hat Japan infolge der Eurokrise einen Zufluss von Kapital auf der Suche nach sicheren Anlagen erlebt. Das hat die Zinsen für japanische Staatsanleihen auf ein rekordverdächtig niedriges Niveau gedrückt. Dadurch war es leicht, die Staatsschulden zu finanzieren.

Auf der anderen Seite hat der Kapitalzufluss den Wert des Yen gesteigert und so die japanischen Exporte geschwächt, was einen negativen Einfluss auf die Produktion im Land hat.

Die starken Investitionen japanischer Banken in Anleihen der eigenen Regierung könnten die Saat für zukünftige Probleme legen. Wenn die Zinsen japanischer Staatsanleihen aus welchem Grund auch immer steigen sollten, d.h. wenn der Preis der Anleihen sinken sollte, dann würden die Banken Kapitalverluste erleiden. Und wie die Erfahrung in Europa gezeigt hat, kann daraus schnell eine umfassende Finanzkrise entstehen.

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