Bombenanschläge im Libanon stehen mit Bürgerkrieg in Syrien in Verbindung

Von Niall Green
23. Oktober 2012

Zwei Bombenanschläge in der libanesischen Hauptstadt Beirut haben das Land in eine Krise geworfen. Immer deutlicher zeichnet sich die Gefahr ab, dass der syrische Bürgerkrieg zu einem allgemeinen Konflikt in der ganzen Region werden könnte.

Am Freitag tötete eine sehr starke Explosion in Beirut acht Menschen, darunter den Geheimdienstchef Brigadegeneral Wissam al-Hassan. 78 Menschen wurden bei der Explosion verletzt, als die Bombe in einem historischen christlichen Viertel der Stadt explodierte, während ein Autokorso vorbeifuhr.

Ein libanesischer Sicherheitssprecher sagte Reportern, unmittelbar bevor die Bombe Hassan tötete, sei dieser von einem Besuch Frankreichs und Deutschlands zurückgekehrt. Sein Auto war offenbar nicht gepanzert, obwohl die Lage im Libanon in letzter Zeit immer instabiler wird und der Geheimdienstchef offensichtlich gefährdet war.

General al-Hassan hatte dieses Jahr eine Untersuchung gegen einen ehemaligen Minister der von der Hisbollah geführten Regierung des Libanon geleitet. Der Minister sollte sich mit syrischen Vertretern verschworen haben, Terroranschläge im Land auszuführen. Der in al-Hassans Untersuchung verwickelte Ex-Minister Michel Samaha soll seit langem Beziehungen zu den Geheimdiensten der USA, Frankreichs und Syriens unterhalten haben. Im libanesischen Bürgerkrieg hatte Samaha noch der faschistischen Phalange angehört, hatte aber in den letzten Jahren ein Bündnis mit der Hisbollah geschlossen.

Mehrere führende libanesische Politiker beeilten sich, die syrische Regierung für den Mordanschlag verantwortlich zu machen. Zum Beispiel behauptete Saad Hariri, der Führer des wichtigsten Oppositionsblocks im Libanon, hinter der Ermordung Hassans stecke die Regierung in Damaskus.

Hariri ist der Sohn von Rafik Hariri, dem ehemaligen libanesischen Premierminister, der 2005 ermordet worden war. Washington und seine Verbündeten vor Ort beschuldigten damals Syrien des Mordes. In der Folge mussten die im Libanon stationierten syrischen Truppen das Land verlassen, und Israel begann 2006 einen Krieg gegen den Libanon. General Hassan stand der Hariri-Familie und ihrer Oppositionsbewegung des 14. März sehr nahe. Hassan wurde am Wochenende neben Rafik Hariri beigesetzt.

Syriens Informationsminister Omran al-Zoubi verurteilte den Bombenanschlag und nannte ihn einen “feigen Terroranschlag”.

Pro-amerikanische Politiker im Libanon zeigten nicht nur sofort mit dem Finger auf Damaskus, sondern nutzten den Mordanschlag auch, um zu Massenkundgebungen gegen die von der Hisbollah geführte Regierung zu protestieren. Libanesische Oppositionspolitiker fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Najib Mikati und versuchen den Bombenanschlag von Freitag für einen Regierungswechsel in Beirut zu nutzen. Sie wollen eine neue Regierung, die eine härtere Haltung gegen das Regime des syrischen Präsidenten Assad einnehmen würde.

Auf Druck der Opposition bot Mikati noch am Samstag demonstrativ seinen Rücktritt an, aber Präsident Michel Suleiman bat ihn im nationalen Interesse, im Amt zu bleiben.

Die schiitische Hisbollah, die größte Partei in der labilen libanesischen Koalitionsregierung, zeigte sich in einer Erklärung “schockiert über dieses schreckliche Verbrechen” und versprach, Polizei und Geheimdienst würden die Täter schnell fassen.

In Washington verurteilte die Sprecherin des Außenministeriums den Bombenanschlag vom Freitag, erklärte aber, die USA besäßen keine Informationen über die Täter. Außenministerin Hillary Clinton kommentierte Hassans Ermordung mit unterschwelliger Kritik an Syrien als „ein gefährliches Zeichen dafür, dass immer noch Kräfte versuchen, die Sicherheit des Libanon zu unterminieren“.

Trotz diplomatischem Druck Washingtons und seiner Verbündeten hat sich die Regierung in Beirut bisher geweigert, die Kampagne der USA zum Sturz des Assad-Regimes zu unterstützen. Die Hisbollah hat jahrzehntelang Unterstützung aus Syrien und von der iranischen Regierung erhalten.

Der amerikanische Stellvertreterkrieg in Syrien setzt den gespannten Frieden zwischen den rivalisierenden, religiös-politischen Fraktionen im Libanon erneut einer Zerreißprobe aus. Die Hisbollah-Regierung und die Oppositionsparteien geraten immer mehr über die Frage aneinander, wie Beirut auf den Bürgerkrieg in Syrien reagieren solle. „Rebellenkämpfer“, hauptsächlich Islamisten, könnten Teile des Libanon als Operationsbasis für ihre Angriffe in Syrien nutzen und die Oppositionskräfte dort ausrüsten.

Am Wochenende kam es in Beirut und anderen Städten und Dörfern zu Demonstrationen, und mehrere Straßen wurden mit brennenden Autoreifen blockiert. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Es gab Berichte über heftige Kämpfe in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli, einem Zentrum der Opposition gegen die von der Hisbollah geführte Koalitionsregierung und eine Bastion für die Unterstützung der syrischen Opposition.

Zum Zeitpunkt der anti-syrischen und Anti-Hisbollah Proteste am Sonntag kam es in Beirut zu einem weiteren Bombenanschlag. Im gleichen, überwiegend christlichen Stadtteil explodierte eine Autobombe vor einem Polizeirevier. Dreizehn Personen kamen ums Leben, und viele wurden verletzt.

Für keinen der beiden Anschläge hat irgendeine Gruppe die Verantwortung übernommen.