Imperialismus im humanitären Gewand

Washington versucht, die Empörung über Anschlag auf pakistanische Schülerin auszunutzen

Von Keith Jones
18. Oktober 2012

Die Obama-Regierung, die Medien und Washingtons Satrapen in Pakistan versuchen, die Empörung über den Mordversuch an der vierzehnjährigen Schülerin Malala Yousafzai auszunutzen, um die Verschärfung imperialistischer Militäroperationen in Afghanistan und Pakistan zu rechtfertigen.

Yousafzai wurde der Öffentlichkeit erstmals bekannt, als sie im Alter von elf Jahren einen Blogeintrag für das urdusprachige Angebot des BBC schrieb, in dem sie die pakistanischen Taliban für die Unterdrückung der Ausbildung von Frauen verurteilte, als diese im Frühjahr und Sommer 2009 das Swat-Tal, Yousafazis Heimat, kontrollierten.

Am 9. Oktober erhielt Yousafzai einen Kopfschuss, als Mitglieder der Gruppe Tehreek-e-Nafaz-e-Shariat e-Mohammadi, dem Bus auflauerten, in dem sie von der Schule heimfuhr. Diese Gruppe gehört zu den lose organisierten pakistanischen Taliban. Zwei weitere Schülerinnen wurden bei dem Anschlag verwundet.

Yousafzai lag mehrere Tage in einem künstlichen Koma und wurde am Montag für eine Spezialbehandlung nach England gebracht. Laut Medienberichten gehen ihre britischen Ärzte davon aus, dass sie überleben wird.

Nur Stunden nach dem Anschlag am 9. Oktober begannen das amerikanische Establishment und seine Statthalter in Pakistan eine Propagandaoffensive, mit der sie die Gräueltat der Taliban ausnutzten, um gegen den massiven Widerstand gegen die Nato-Besatzung von Afghanistan in Pakistan und Nordamerika vorzugehen und die Öffentlichkeit auf eine neue Militäroffensive gegen mit den Taliban verbündete Gruppen in Pakistan vorzubereiten.

Obama verurteilte das Vorgehen der Taliban als „barbarisch.“ Außenministerin Hillary Clinton verurteilte die Taliban als „Extremisten, die nicht wollen, dass sich Mädchen Bildung aneignen... und für sich selbst sprechen dürfen.“ Sie erklärte, Amerikaner sollten „ihre Bemühungen tapferen jungen Frauen“ wie Malala Yousafzai widmen.

Während sich Obama und Clinton als Verteidiger der Rechte von Frauen und Kindern darstellen, wies ein Leitartikel der New York Times auf die wahren Absichten der Regierung hin. Sie bereitet weiteres Blutvergießen vor, um das amerikanische Marionettenregime in Afghanistan zu stabilisieren. „Als Malala sich gegen die Taliban aussprach, hat sie mehr Mut gezeigt als die pakistanische Regierung und Militärführung“, hieß es in der Times. „Der Anschlag war eine Blamage für das pakistanische Militär, das sich damit rühmt, die Taliban aus dem Swat-Tal vertrieben zu haben... Worte bedeuten nur dann etwas, wenn sie mit Taten untermauert sind.“

Das pakistanische Militär und die Regierung unter Führung der Pakistanischen Volkspartei (PPP) haben gleichzeitig eine eigene Propagandakampagne begonnen. Der Oberbefehlshaber der pakistanischen Streitkräfte General Ashfaq Parvez Kayani, besuchte Yousafzai letzten Mittwoch im Krankenhaus und erklärte, die Schülerin sei „zu einem Symbol für die Werte geworden, für die das Militär kämpft... eine islamische Gesellschaft auf der Grundlage der Prinzipien von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit der Menschen.“

Am nächsten Tag trafen sich der Premierminister und Chef der PPP, Raja Pervez Ashraf, und Minister von allen Koalitionspartnern der PPP mit Yousafzais Familie in einem Krankenhaus in Rawalpindi. Zeitgleich drängte die führende liberale Tageszeitung Dawn die Regierung und das Militär in mehreren Leitartikeln dazu, „das Beste“ aus der öffentlichen Empörung über den Mordversuch an Yousafzai zu machen und eine Militäraktion zu beginnen. „Pakistan kann es sich nicht erlauben, diese Gelegenheit verstreichen zu lassen“, erklärte das Blatt.

Der Anschlag der Taliban auf Yousafzai zeigt ihre reaktionäre islamistisch-fundamentalistische Politik.

Dennoch sollte der Versuch des US-Imperialismus, den Mordanschlag der pakistanischen Taliban auf Yousafzai auszunutzen, um sich als Verteidiger der Rechte von Mädchen und Frauen darzustellen, bei klassenbewussten Arbeitern und Jugendlichen nur Abscheu hervorrufen.

Die moralische Antenne der amerikanischen Elite reagiert erstaunlich selektiv und passt unausweichlich zu den Interessen ihrer räuberischen Außenpolitik.

Warum haben die Medien nicht aufgeschrien, als Nato-Kampfflugzeuge neun junge Frauen töteten, die an einem Berghang bei Kabul Feuerholz sammelten? Die Besatzungstruppen unter Führung der USA versuchten anfangs zu behaupten, sie hätten Aufständische getötet.

Obama kritisiert die Taliban für ihre rückständigen Ansichten über Frauen, um Unterstützung für seine Kampagne zur Unterwerfung Afghanistans zu gewinnen, aber die USA sind seit Jahrzehnten fest mit Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten verbündet, in denen halbfeudale Herrscher den Frauen grundlegende Rechte vorenthalten.

Außerdem bewaffnet Washington zurzeit rechte sunnitisch-islamistische Kräfte in Syrien, darunter Al-Qaida, unter Vermittlung Saudi-Arabiens und Katars und stürzt das Land und möglicherweise die ganze Region in einen sektiererischen Bürgerkrieg, wie sie es bereits in den 1970ern und 1980ern mit Gruppen taten, die gegen das prosowjetische Regime in Afghanistan kämpften.

Obama täuscht zwar Empörung über den Mordversuch an Yousafzai vor, aber er selbst trägt direkte Verantwortung für den Tod zahlloser pakistanischer Frauen und Kinder durch die illegalen Drohnenangriffe, die die USA regelmäßig in Pakistan durchführen.

Eine vor kurzem erschienene akademische Studie dokumentiert, dass diese Luftangriffe die Bevölkerung der Stammesgebiete unter Bundesverwaltung (FATA) in Angst und Schrecken versetzt haben. Dennoch sind die Obama-Regierung, das Pentagon und die CIA dem pakistanischen Volk gegenüber so verächtlich eingestellt, dass sie sich weigern, Informationen über die Drohnenangriffe zu veröffentlichen. Nicht einmal die Zahl der Todesopfer ist bekannt.

Obama lässt sich über die „Barbarei“ der Taliban aus, aber laut der New York Times macht es ihm große Freude, bei den wöchentlichen Treffen eines nationalen Sicherheitsteams, das ausdrücklich für Drohnenangriffe verantwortlich ist, selbst die Ziele für dieses grausame und zutiefst völkerrechtswidrige Vorgehen auszusuchen.

Nichts davon entschuldigt oder rechtfertigt den Anschlag der pakistanischen Taliban auf die vierzehnjährige Yousafzai. Aber es ist Realität, dass der Imperialismus der Hauptverantwortliche für den endlosen Albtraum ist, der sich im modernen Afghanistan und Pakistan abspielt.

Seit den 1950ern unterstützten die USA eine rechte Militärdiktatur in Pakistan nach der anderen. Damals war Pakistan ein „Frontstaat“ im Kalten Krieg Washingtons gegen die Sowjetunion und wurde in seiner reaktionären geopolitischen Rivalität mit Indien ermutigt.

Ende der 1970er Jahre unterstützte Washington den Militärputsch von General Zia ul-Haq und begann bald eine enge Partnerschaft mit Zia in Pakistan, das als Hauptroute für amerikanische und saudische Waffen an die islamisch-fundamentalistischen Kräfte diente, die gegen die prosowjetische Regierung in Kabul kämpften. Diese von der CIA unterstützten Kräfte, die von ausländischen Kämpfern unterstützt wurden, die ihrerseits vom amerikanischen und saudischen Geheimdienst rekrutiert wurden, brachten schließlich die Taliban, Al-Qaida und die Warlords und Milizen hervor, die eine wichtige Stütze des amerikanischen Marionettenregimes von Hamid Karzai sind.

Während General Zia die Mudschaheddin bewaffnete, verfolgte er in Pakistan eine Politik der „Islamisierung“, in deren Rahmen er religiösen Fundamentalismus als Bollwerk gegen die Arbeiterklasse und zum Schüren sektiererischer Spannungen propagierte.

In dem Vierteljahrhundert seit Zias Tod geriet Pakistan von einer Krise in die nächste. Die USA und der Internationale Währungsfonds haben mehrere Wellen von wirtschaftlichen Umstrukturierungen durchgesetzt, die die soziale Infrastruktur (auch das Bildungswesen) zerstört und die Armut vergrößert haben. Gleichzeitig wurden Afghanistan und ein Großteil von Nordwestpakistan in ein Schlachtfeld verwandelt, während die USA versuchen, Afghanistan zu unterwerfen und damit einen Stützpunkt im ölreichen Zentralasien zu sichern.

In den letzten acht Jahren hat das pakistanische Militär einen brutalen Krieg gegen Aufständische in den FATA und angrenzenden Gebieten geführt, darunter im Swat-Tal, und Millionen aus ihren Wohnungen vertrieben, Dörfer mit Flächenbombardements zerstört und Tausende entführt und gefoltert. Allerdings hat Washington immer behauptet, Pakistan müsse „mehr tun“, um die amerikanische Besatzung Afghanistans zu unterstützen.

Im letzten Jahr hat Washington Pakistan gedrängt, eine Offensive in Nordwaziristan zu beginnen. Dort ist der Sitz des Haqqani-Netzwerkes. Das ist eine Miliz, die den USA früher als Stellvertreter diente, als sie gegen die prosowjetische Regierung in Afghanistan kämpften. Heute ist es mit den afghanischen Taliban verbündet.

Am Freitag deutete der pakistanische Innenminister Rehman Malik an, dass eine Offensive aktiv erwogen würde, und bezog sich dabei auf den Anschlag auf Yousafzai.

Die Arbeiter Pakistans, der Vereinigten Staaten und der Welt sollten den Versuch ablehnen, die Ausweitung des Kriegs in Afghanistan und Pakistan mit den höheren Weihen der Verteidigung von Menschen- und Frauenrechten zu versehen. Ein pakistanischer Angriff auf Nordwaziristan unter Führung der USA wird nur zum Tod und zur Verwundung von Tausenden, zu Massen von neuen Flüchtlingen und zur Zerstörung von Krankenhäusern und Schulen führen und die Bedingungen für verstärkte Nato-Operationen in Afghanistan schaffen.

Die Taliban und die Gruppen, die mit ihnen verbündet sind, sind ein Nebenprodukt der räuberischen Außenpolitik Washingtons und Islamabads und der extrem rückständigen Sozialstruktur, die kapitalistische und halbfeudalistische Elemente verbindet, und die der Imperialismus in Afghanistan, Pakistan und ganz Südasien geschaffen hat. Ein Sieg über solche Kräfte auf progressiver Grundlage ist nur möglich mit einer internationalen sozialistischen Strategie zur Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen den Afghanistankrieg, den Imperialismus und seine nationalen Stellvertreter aus der Bourgeoisie.

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