Südafrika: Streikwelle erfasst gesamten Bergbau und greift auf Transportbereich über

Von Chris Marsden
2. Oktober 2012

Die Streikwelle, die ihren Ausgang von der Platin-Mine Marikana von Lonmin nahm, hat sich inzwischen auf den ganzen südafrikanischen Platin-, Gold- und Kohlenbergbau ausgeweitet und auf den Transportsektor und weitere Bereiche übergegriffen.

In Südafrika befinden sich jetzt über 100.000 Arbeiter im Streik.

Am 16. August eröffnete die Polizei das Feuer auf die streikenden Marikana-Arbeiter, tötete 34 und verletzte weitere 78 Menschen. Der erbittert geführte Kampf wurde erst abgebrochen, als die Streikenden eine 22prozentige Lohnerhöhung zugesagt bejamen. Ihre entschlossene Haltung ermutigte viele andere, den Kampf gegen die Unternehmer aufzunehmen.

Der Experte für Gold von SGB Securities, David Davis, warnte, dass "die Arbeiter jetzt Lohnerhöhungen nach dem Beispiel der 'Lonmin-Vereinbarung' fordern werden."

Er warnte weiter, dass die Epidemie illegaler Streiks "wahrscheinlich die ganze Industrie erfassen wird."

Nach Angaben des weltweit führenden Produzenten Anglo American Platinium oder Amplats befinden sich 21.000 Beschäftigte in einem wilden Streik und haben sich allen Drohungen mit Entlassungen widersetzt und eine Lohnerhöhung entsprechend der bei Marikana verlangt. Bei den vier Minen von Amplats in Rustenberg haben sich am Freitag nur 20 Prozent der Belegschaft zu Arbeit gemeldet.

Wie die Arbeiter von Marikana begreifen die Bergleute von Amplats die Nationale Bergarbeitergewerkschaft NUM und andere Gewerkschaften als Handlanger der Unternehmer und ließen sie vollständig abblitzen. Sie wandten sich auch nicht der NUM-Abspaltung, der Vereinigung der Bergarbeiter und Baugewerkschaft AMCU, zu, sondern wählten eine Führung aus der Belegschaft.

Dies hielt AngloGold jedoch nicht von der Behauptung ab, die Streiks seien "offensichtlich koordiniert".

Die NUM-Sprecherin Lesiba Seshola sagte; "Wir haben davon überhaupt nichts...Unsere größte Sorge ist, dass es bei sporadischen Forderungen in der ganzen Industrie zu einer Unterhöhlung kollektiver Tarifvereinbarungen und damit zu chaotischen Entwicklungen kommt."

Auch bei Gold Fields, AngloGold und anderen Bergbaubetrieben sind wilde Streiks ausgebrochen. 39 Prozent des Goldminenbereichs Südafrikas sind betroffen und die Arbeiter fordern auch hier Lohnerhöhungen von 22 Prozent.

AngloGold Ashanti, der drittgrößte Goldproduzent, stellte vergangene Woche seine gesamte Geschäftstätigkeit in Südafrika ein. In der ganzen Firma hat sich der Großteil der 35.000 Arbeiter einem wilden Streik angeschlossen, der am 20. September in Kopanong begann.

Hauptsorge der Betriebsleitung ist, dass die Arbeiter ihre betrieblichen Aufpasser, die Gewerkschaften, entmachten. "Wirklich bedenklich ist der offensichtliche Zusammenbruch des Systems kollektiver Regelungen, das seit Mitte der 1980er Jahre gut funktioniert," sagte Alan Fine, ein Sprecher von AngloGold der Financial Times. "Für uns kommt es darauf an, dass dieses System weiter besteht."

Coal of Africa gab ebenfalls bekannt, dass Beschäftigte der Zeche Mooiplaats in den ersten Arbeitskampf im Kohleabbau seit Marikana getreten sind.

Ein Streik von 20.000 Arbeitern im Güter- und Transportbereich für eine 12-prozentige Lohnerhöhung nimmt immer mehr an Schärfe zu, obgleich er offiziell von vier Gewerkschaften angeführt wird - der Südafrikanischen Gewerkschaft der Transportarbeiter und Vereinigten Arbeiter, der Südafrikanischen Fachgewerkschaft der Transportarbeiter und Vereinigten Arbeiter, der Gewerkschaft der Transportarbeiter und Vereinigten Arbeiter Südafrikas sowie der Gewerkschaft der Arbeiter im Kraftfahrzeugtransport. (South African Transport and Allied Workers' Union, Professional Transport and Allied Workers' Union South Africa, ransport and Allied Workers' Union of South Africa und Motor Transport Workers' Union”.

Zahlreiche LKWs wurden geplündert und angezündet. Rettungsdienste wurden in Alarmbereitschaft versetzt, nachdem Streikbrecher nach tätlichen Auseinandersetzungen ins Krankenhaus eingewiesen worden waren.

Der Leiter von AngloGold, Mark Cutifani, bezeichnete die derzeitigen Forderungen nach höheren Löhnen mahnend als "eine Gefahr für das Land".

Die Drohungen der Unternehmer klingen zunehmend kampfbereiter. Amplats leitete am Freitag Disziplinarmaßnahmen ein und droht mit Entlassungen. In einer Verfügung gegen streikende Arbeiter in der Mine Beatrix von Gold Fields hieß es: "Auf streikende Arbeiter zu schießen, bleibt eine Option."

Die Hauptgefahr für die Bergleute und die anderen Arbeiter geht jedoch vom Staat und vom African National Congress (ANC) aus.

Arbeitsminister Mildred Olipgant erklärte, dass es "keine Rechtfertigung für die jüngste Welle ungeregelter (illegaler) Streiks" gibt und auch "kein Pardon gegenüber gesetzlosem Verhalten."

Am Mittwoch sagte Präsident Jacob Zuma in New York zu Associated Press, die Welle "illegaler" Streiks sei nicht das Ergebnis von Ungleichheit, sondern sei "beeinflusst durch diesen besonderen Streik (in Marikana) und sie wurde auch beeinflusst von der Art und Weise, wie eine Lösung gesucht wurde, wobei sich die Gewerkschaften in diesem Fall in der vordersten Front befanden, obwohl dies die Umstände nicht unbedingt verlangten."

Dies habe "einige weitere Bergleute zur Arbeitsniederlegung angestoßen“, sagte er.

Der Zurückweisung der Gewerkschaften ist der Grund für die ernste politische Krise, in der sich die gesamte Bourgeoisie befindet.

Alexander Joe schreibt in einem Artikel für AFP: "Die gewalttätige Krise, die den südafrikanischen Bergbau erschüttert, zeigt das Misstrauen der Arbeiter gegen die traditionellen Gewerkschaften, die trotz der tiefgreifenden Ungleichheit in dem Land bis jetzt Wächter des sozialen Friedens waren."

Er zitiert Daniel Silke: "Marikana hat das Potential, eine neue Ära in den Arbeitsbeziehnugen Südafrikas einzuleiten, in denen gewaltsame Streikverläufe die geschwächten Betriebsleitungen in Zwangslagen versetzen, im Gegensatz zu den historisch üblichen Tarifverhandlungen, wie sie COSATU und seine angeschlossenen Gewerkschaften führten."

"Die Schlüsselfrage ist hier, ob die Gewerkschaftsbewegung, ob COSATU selbst seinen Einfluss auf die kampfbereiten Arbeiter aufrecht erhalten kann, die als Ergebnis von Marikana in der Konfrontation mit der Betriebsleitung Blut gerochen haben," so Silke.

Durch die sich entfaltende politische und soziale Massenbewegung der Arbeiterklasse und die Schwächung seines wichtigen Verbündeten, des Bundes der Südafrikanischen Gewerkschaften (COSATU) ist der ANC in die Krise geraten. Der Fraktionskonflikt zwischen Zuma und seinen Unterstützern und der Gruppe um Julius Malema, dem ausgeschlossenen Führer der Jugendgruppe des ANC, ist davon nur der deutlichste Ausdruck.

Am Mittwoch erschien Malema wegen Geldwäsche vor dem Regionalgericht von Polokwane. Als korrupter "Kassierer" ist er jedoch nur ein Amateur im Vergleich zu einigen von denen, die seine Verurteilung anstreben, zu denen Zuma selbst auch gehört.

Um seine Position zu stabilisieren gibt sich Malema als Freund der Bergleute und fordert die Verstaatlichung der Industrie. Sein primäres Ziel ist jedoch die Absicherung der eigenen Vormachtstellung in seiner ANC-Fraktion. Sein Ziel ist nicht, die Funktion dieser Partei als führende Verteidigerin der südafrikanischen Bourgeoisie und der transnationalen Konzerne und Banken in Frage zu stellen.

Zu einer Demonstration vor dem Gerichtsgebäude konnte er nur etwa eintausend Menschen mobilisieren. Seine Unterstützer stammten aus dem ANC, wie der ehemalige Jugendsekretär des Jugendbundes des ANC, (ANCYL), Sindiso Magaqa, derzeitiger Vorsitzender der Freunde des Jugendbundes. Weitere kamen aus seiner Hochburg Limpopo.

Vor dem Gerichtsgebäude ging Malema lobend auf die ANC-Führungsmitglieder Kgalema Motlanthe und Fikile Mbalula ein, die er als Herausforderer Zumas unterstützt.

Er sagte: "Wir müssen sicherstellen, dass Jacob Zuma nicht Vorsitzender des ANC wird (...).Sofort danach müssen wir ihn als Präsidenten absetzen, und gleich darauf müssen wir Anklage gegen ihn erheben."

Der Vorsitzende des COSATU, Sidumo Dlamini reagierte darauf am Donnerstag mit der Aussage, dass sich die Gewerkschaften auf dem ANC-Kongress im Dezember in Mangaung "Stabilität und Führung" wünschten. Beim Schlusswort zum Jahreskongresses des COSATU sagte er: "Dieses Land braucht keinen Fraktionismus, es braucht keine gespaltene Führung, es braucht Stabilität und Führung."

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