Streikwelle in Südafrika weitet sich aus, 12.000 Bergleute entlassen

Von Bill Van Auken
12. Oktober 2012

Um die anwachsende Woge wilder Streiks zu ersticken, entließ der weltgrößte Platin-Produzent Anglo American Platinium (Amplats) am Freitag vergangener Woche 12.000 streikende südafrikanische Bergleute.

Die Massenentlassung wurde nach drei Wochen wilder Streiks von 28.000 Bergleuten in den vier Minen von Amplats in Rustenberg bekannt gegeben. Nur einen Tag, vorher wurde bei Zusammenstößen von Bergleuten mit der südafrikanischen Polizei ein weiterer Bergmann getötet.

„Gestern (Donnerstag) schossen die Polizisten auf viele Leute, einer von ihnen ist jetzt tot. Der tote Körper liegt sogar noch an dem Platz, wo er gestern erschossen wurde, er wurde noch nicht entfernt,“ sagte Gaddhafi Mdoda, ein Sprecher der Streikenden, am Freitag zu AFP. Er sagte, dass die Polizei neben Gummigeschossen und Tränengas auch mit scharfer Munition auf die Bergleute geschossen habe. Nachdem die Polizei wiederholt angegriffen hatte, um eine Versammlung der Bergleute zu verhindern, kam es zur Erschießung des Bergmanns.

Am Freitag demonstrierten Amplats-Arbeiter nochmals vor der Barackensiedlung in der Nähe der Mine, blockierten die Straßen mit brennenden Reifen und Steinbrocken, als Sondereinsatzkräfte der Polizei unterstützt von gepanzerten Wagen eintrafen, um ihre Aktionen zu ersticken.

Die Streikenden gerieten auf Grund der Unterdrückungsmaßnahmen der Polizei und der Weigerung des Konzerns, über ihre Forderung nach einem Monatslohn von 16.000 Rand (1.400 Euro) zu verhandeln, immer mehr in Wut. Anfang letzter Woche wurden zwei Förderbänder, ein Ausbildungszentrum und mehrere Autos abgebrannt.

Amplats versuchte die Massenentlassung damit zu rechtfertigen, dass die Arbeiter der Forderung der Betriebsleitung nach disziplinarischen Befragungen nicht nachgekommen seien. Wie das Management zugibt, war es nicht in der Lage, mehr als 20 Prozent der Belegschaft an ihre Arbeitsplätze zu bekommen und musste deshalb die Produktion einstellen.

Am Dienstag war der Streik auf eine weitere Mine von Amplats im 250 Meilen entfernten Limpopo in der nördlichsten Provinz des Landes ausgedehnt worden.

Die Weigerung der Minenarbeiter in Limpopo, in den Schacht einzufahren, bewirkte, dass die Anzahl der streikenden Arbeiter im Bergbau, die sich den Bergbaukonzernen, der ANC-Regierung, den offiziellen COSATU-Gewerkschaften und der Nationalen Bergarbeitergewerkschaft (NUM) mit Streikaktionen widersetzen, auf 75.000 anwuchs. Das sind 15 Prozent der gesamten Arbeitskräfte in dem Industriebereich.

Die Streikwelle war vor zwei Monaten durch eine Arbeitsniederlegung von Minenarbeitern, die höhere Löhne verlangten, im Platinbergwerk Marikana von Lonmin (dem zweitgrößten Platinförderer des Landes) ausgelöst worden. Die ANC-Regierung und ihre Sicherheitskräfte reagierten auf diesen Streik, gegen den sich auch die NUM und COSATU wandten, mit dem schlimmsten Massaker seit dem Ende des Apartheid-Regimes vor 18 Jahren. Schwer bewaffnete Polizisten feuerten auf die Streikenden, töteten 34 und verwundeten 78 weitere. Vielen von ihnen wurde in den Rücken geschossen.

Diese Todesschüsse wie auch die Inhaftierung und die brutale Behandlung Hunderter weiterer Bergleute konnten den Streik nicht brechen, worauf Lonmin sich zur Beendigung des Ausstands der Arbeiter durch die Gewährung einer Lohnerhöhung von 22 Prozent entschloss.

Sowohl die Empörung über das Massaker – das viele in Südafrika an ähnliche Massaker des weißen Minderheitenregimes in Sharpeville und in Soweto erinnerte – als auch der gestärkte Kampfgeist in Folge des Nachgebens von Lonmin angesichts der Kampfbereitschaft der Arbeiter führten zur Ausbreitung wilder Streiks im Bergbau und darüber hinaus.

Von dem Platin-Bereich breitete sich die Streikwelle auf die Gold-, Eisenerz-, Diamant- und Chrom-Minen aus. In fast allen Fällen richteten sich die Streiks gegen die von den Bergbauchefs und der NUM durchgesetzten Niedriglohn-Verträge und wurden deswegen für illegal erklärt.

Bei Gold Fields, der viertgrößten Goldmine der Welt, zwang das Management 5.000 streikende Bergleute ihre Firmenunterkünfte zu räumen. Dies geschah unter dem Vorwand, die Arbeiter würden ihre Unterkünfte für die Organisierung von Streikmaßnahmen nutzen und andere Arbeiter abhalten in die Grube einzufahren. Gold Fields erwirkte einen Gerichtsbeschluss, der die Entlassung der Arbeiter billigte. Einige der Anführer der Bergleute wurden verhaftet.

Um der drei Wochen andauernden Arbeitsniederlegung von mehr als 13.000 Bergleuten ein Ende zu setzen, schickte COSATU seinen Generalsekretär Zwelinzima Vavi zu Gesprächen mit dem Chef von Gold Fields, Nick Holland. Ein Firmensprecher sagte, dass die Gespräche zwischen dem Firmenchef und dem führenden Gewerkschaftsbürokraten gut verlaufen seien. Er fügte allerdings noch an: „Wir warten nun ab und schauen, was bei den Bergleuten vor sich geht, wenn sie sich mit ihren Vertretern getroffen haben.“ Offenbar vertraut man kaum darauf, dass die Bergleute die Anweisungen von COSATU und NUM befolgen.

AngloGold Ashanti, der größte Edelmetallproduzent Südafrikas, ist durch den Streik von mindestens 24.000 seiner 35.000 Arbeiter fast vollständig lahmgelegt. Das Firmenmanagement hat ebenfalls gedroht, mit Massenentlassungen zu kontern.

Der Chef von AngloGold, Mark Cutifani, besteht darauf, außerhalb der formalen Verhandlungsstrukturen von Firma und NUM auf keinerlei Forderungen einzugehen. Die Nachrichtenagentur SAPA zitierte ihn mit der Aussage, AngloGold „könne nicht riskieren, so verstanden zu werden, als ob es illegale, gewaltsame und bedrohliche Aktionen streikender Arbeiter belohne.“

Über 28.000 LKW-Fahrer streiken seit zwei Wochen und eine ihrer Gewerkschaften, SATAWU, teilte mit, sie wolle die südafrikanischen Eisenbahn- und Hafenarbeiter diese Woche zum Streik aufrufen. Der Streik der LKW-Fahrer beginnt, die Industrieproduktion zu beeinträchtigen. Wie General Motors berichtete, musste das Autowerk in Port Elizabeth an der Südküste Südafrikas seine Geschäftstätigkeit einschränken. Inzwischen hat Shell Oil seinen Franchise-Nehmern offiziell mitgeteilt, dass die vereinbarten Treibstofflieferungen nicht mehr garantiert werden könnten und hat damit Befürchtungen über die Kürzung von Benzinlieferungen ausgelöst.

Nachdem während des Streiks LKWs abgebrannt worden waren, erhielt die Vereinigung Südafrikanischer Beschäftigter im Straßengüterverkehr am Freitag vergangener Woche eine gerichtliche Verfügung gegen gewaltsame Aktionen.

Etwa 7.100 Arbeiter der Toyota-Fabrik in Durban legten am Freitag ihren viertägigen Streik bei, indem sie einer Lohnerhöhung von 5,4 Prozent zustimmten. Die unkontrollierte Kampfmaßnahme hatte in Unternehmens- und Regierungskreisen die Befürchtung ausgelöst, die Welle militanter Aktionen, die den Bergbaubereich erschüttert hatte, könne nun auch auf Kernsektoren der Industrie übergreifen.

„Wir sind über diese Streiks besorgt,“ erklärte Arbeitsministerin Mildred Oliphant am Freitag: „Ich denke, es gibt Rädelsführer.“

Südafrikas Präsident Jacob Zuma hielt am Freitag eine Rede vor der Südafrikanischen Industrie- und Handelskammer in Johannesburg, die zeigte, dass sich der ANC-Präsident Meilen weit entfernt von den Realitäten der Massenkämpfe der Arbeiterklasse befindet.

Er ging kurz auf, „das Durchleben einer schwierigen Phase“ von wilden Streiks und das Massaker in Marikana ein, um dann zu der Aussage zu kommen: „Lassen sie mich die Gelegenheit nutzen, Unternehmen und die Arbeiterbewegung daran zu erinnern, dass wir Arbeitsfrieden und Stabilität im Lande brauchen, damit wir weiterhin die kollektive Verantwortung für weiteres Wirtschaftswachstum und Entwicklung tragen können.“ Das Problem dabei ist nur, dass sich die Arbeiter gegen das System zur Sicherung uneingeschränkter Profite erhoben haben, das von Unternehmen und den mit dem ANC verbündeten Gewerkschaften zur Aufrechterhaltung von „Frieden und Stabilität“ gebildet wurde.

Weiter tat Zuma, als sei das Problem nur eine Frage der Wirkung auf den Betrachter: „Wir sollten uns nicht ständig als eine in Querelen verwickelte Nation darstellen.“

Er gab zu, dass in Südafrika, in einem der Länder mit der weltweit größten sozialen Ungleichheit „die Kluft zwischen reich und arm immer noch besteht“. Den verarmten Massen im Lande erklärte er, der Grund dafür sei, dass „der neue Möglichkeiten eröffnende wirtschaftliche Neuaufbau länger braucht.“

In den 18 Jahren seit dem Ende der Apartheid wurde indes kein derartiger „Neuaufbau“ angegangen. Stattdessen präsentierte sich der ANC als Verteidiger des Kapitalismus und derselben Finanz-, Bergwerks- und Industrieunternehmen, die das Land unter der Apartheid beherrschten. Als Gegenleistung brachte Politik des „black empowerment“ eine schmale Schicht von ANC-Vertretern – einschließlich des ehemaligen NUM-Vorsitzenden und Generalsekretärs des ANC, Cyril Ramaphosa, – in hohe Positionen und machte schwarze Unternehmer zu Multimillionären.

Es ist genau dieses abgekartete Spiel, das jetzt von unten durch Massenstreiks der Bergleute und anderer Schichten der Arbeiterklasse attackiert wird. Daneben gibt es Proteste, die sich auf die schwarzen Elendsviertel ausgebreitet haben und sich gegen die Regierung richten, die es nicht fertig gebracht hat, für angemessenen Wohnraum, sanitäre Einrichtungen und weitere grundlegende Dienste zu sorgen.

Die Offensive der südafrikanischen Arbeiterklasse hat zunehmend Alarmstimmung auf den globalen Finanzmärkten erzeugt. Bergbauaktien erlitten enorme Verluste: Lonmin musste ein Minus von 39 Prozent hinnehmen, der Jahresverlust von Amplats beträgt 21 Prozent. Moody's setzte das Rating für die Kreditwürdigkeit Südafrikas herunter und warnte vor der „verminderten Kapazität“, die das Land in Bezug auf die Erfüllung der Forderungen der streikenden Bergleute und der arbeitslosen Massen habe.

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