„Schutzengel“: Til Schweiger wirbt für die Bundeswehr

Von Ernst Wolff
12. Oktober 2012

Bei der Premiere von Til Schweigers neuem Film „Schutzengel“ in Berlin zeigte sich neben dem üblichen Aufgebot an Prominenten auch eine Abordnung der Bundeswehr mit Verteidigungsminister de Maizière an der Spitze. Der Auftritt der Militärs war kein Zufall, sondern die Demonstration einer neuen Allianz: „Schutzengel“ ist der erste deutsche Kinofilm, der mit aktiver Unterstützung der Bundeswehr in die Kinos kommt.

Scheiger

Der Action-Streifen erzählt die Geschichte der 15-jährigen Waise Nina und des Afghanistan-Veteranen Max Fischer (Til Schweiger). Nina wird Augenzeugin eines Verbrechens und soll als Kronzeugin vor Gericht aussagen. Da der Waffenhändler Backer (Heiner Lauterbach) Nina auf Grund ihres Wissens nach dem Leben trachtet, erhält der inzwischen als Personenschützer arbeitende Max den Auftrag, auf sie aufzupassen.

Zusammen mit Nina flieht Max zu seinem besten Freund, dem in Afghanistan schwer verletzten Rudi (Moritz Bleibtreu) und anschließend zu seiner Ex-Freundin Sara, in die Max immer noch verliebt ist. Nach einer Unzahl von Schusswechseln mit einer kaum überschaubaren Anzahl von Toten endet der Film mit Backers Ermordung und Max Fischers Ausstieg aus seinem Beruf.

Der Film, der bereits am ersten Wochenende die Spitze der Kinocharts eroberte, zeichnet sich neben seinem kalten Zynismus vor allem durch intellektuelle Anspruchslosigkeit aus. Der Plot enthält nicht eine einzige unvorhergesehene Wendung, die Figuren sind blutleere Schablonen, ihre Dialoge von erbärmlicher Qualität. Wann immer der Film versucht, den Zuschauer mit menschlicher Tragik zu berühren, gleitet er in triviale Peinlichkeiten ab. Die Regie bemüht sich so krampfhaft, amerikanische Vorbilder zu kopieren, dass gewollte Dramatik an vielen Stellen in unfreiwillige Komik umschlägt.

Auf der Website des Filmes findet man neben dem Trailer ein Werbevideo, das in Mazar-I-Scharif aufgenommen wurde. Es zeigt eine von vier Vor-Premieren, für die Til Schweiger und sein Filmteam auf Kosten der Bundeswehr über Usbekistan nach Afghanistan eingeflogen wurden. Der größte Teil des Videos besteht aus den Kommentaren deutscher Soldaten, die Schweiger als Kameraden loben, der „für die Jungs da“ ist, und sein Werk als „bewegend“, „sehr glaubwürdig“ und als Widerspiegelung „unserer Realität“ anpreisen.

Tatsächlich reduziert der in Berlin und Brandenburg angesiedelte Film die Wirklichkeit ausschließlich auf die Themen Krieg und Gewalt. Der Krieg wird als völlig normaler Bestandteil menschlichen Zusammenlebens dargestellt, der Alltag als Schauplatz brutaler Exzesse und als Schlachtfeld, auf dem nur derjenige eine Überlebenschance hat, der das Kriegshandwerk perfekt beherrscht. Nach den Ursachen des Krieges wird nicht gefragt, die weltweite Wirtschaftskrise und ihre Folgen – wie wachsende Armut, um sich greifende Arbeitslosigkeit, explodierende soziale Ungleichheit und die Zukunftsangst vor allem junger Menschen – werden nicht einmal am Rande erwähnt.

Die Bundeswehr verfolgt mit der Wahl dieses Films und seines Produzenten als neuem Werbeträger ein klares politisches Ziel. Nach der Umstellung von einer Wehrpflichtigen- auf eine Berufsarmee verläuft die Anwerbung Freiwilliger schleppender als erwartet. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, der Armee in „Ausnahmesituationen katastrophischen Ausmaßes“ ein Eingreifen im Innern zu erlauben, ist auf erhebliche Kritik gestoßen.

Darüber hinaus sitzt die Erinnerung an zwei Weltkriege und die Zeit des Faschismus auch heute noch tief im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung. Und das Kriegsverbrechen von Kundus, bei dem 2009 auf Befehl eines Bundeswehrobersten mehr als einhundertvierzig Menschen, überwiegend Zivilisten, getötet wurden, ist noch in Erinnerung. Umfragen zeigen mit großer Deutlichkeit, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen nicht nur den Afghanistankrieg, sondern jeden militärischen Einsatz im Ausland ablehnt.

Deshalb setzt die Bundeswehr jetzt auf einen Verbündeten aus dem Showgeschäft, der zwei Bedingungen erfüllt: Zum einen erreicht Schweiger, dessen Karriere als Schauspieler im Film „Manta, Manta“ begann, seit einigen Jahren auch als Produzent und Regisseur romantischer Komödien wie „Barfuß“ und „Kokowääh“ ein überwiegend jugendliches Millionenpublikum und erschließt der Bundeswehr damit den Zugang zu einer wichtigen Zielgruppe.

Zum anderen hat Schweiger sich in den vergangenen Jahren politisch immer weiter nach rechts bewegt. In Filmkreisen ist seine anti-demokratische Haltung schon seit längerem bekannt: Obwohl seine Filme mit Millionen an öffentlichen Geldern gefördert werden („Schutzengel“ erhielt mehr als 3 Mio. Euro), verweigert er einem Großteil der Medien seit einigen Jahren die übliche Vorab-Präsentation seiner Werke und macht sie nur solchen Journalisten zugänglich, die in der Vergangenheit positiv über ihn berichtet haben.

In der Öffentlichkeit hat sich Schweiger vor allem durch Auftritte in TV-Talkshows als Verfechter von Recht und Ordnung und politischer Rechtsaußen etabliert. In einer NDR-Talkshow fasste er seine Sicht der Judenverfolgung im Dritten Reich folgendermaßen zusammen: „(Die Juden), die nicht schlau genug waren, sind umgebracht worden, die anderen, die schlau genug waren, sind abgehauen und haben den amerikanischen Film bereichert.“

Diese Verhöhnung von Millionen jüdischen KZ-Opfern hat den NDR nicht daran gehindert, Schweiger für vier Folgen der ARD-Reihe „Tatort“ zu verpflichten und ihm so auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Millionenpublikum zu garantieren. Mit welchen Methoden er als Hamburger Kommissar antreten wird, hat sein zukünftiger Regisseur und „Lethal-Weapons“-Fan Christian Alvert den Medien bereits verraten: „Til Schweiger fragt nicht an der Tür, er tritt sie ein.“

Wegen der ständigen Verrisse durch ernstzunehmende Kritiker stellt sich Schweiger in der Öffentlichkeit gern als einsamer Wolf dar, der gegen den Strom schwimmt. In Wirklichkeit schwimmt er auf einer Welle von billigstem Populismus und verfügt mit der Bild-Zeitung und dem Springer-Konzern seit langem über mächtige und finanzkräftige Partner. Sie sorgen für die Vermarktung seiner Filme und haben ihn mit der Veröffentlichung eines „Afghanistan-Tagebuchs“, in dem Schweiger „exklusiv für Bild“ seine Eindrücke schildert, bei seiner neuen Allianz mit der Bundeswehr öffentlichkeitswirksam unterstützt.

Die in diesem Tagebuch in Landser-Manier verklärten Soldaten sind aber alles andere als die von Schweiger beschworenen „Helden“. Sie sind die Opfer einer Politik, die sie unter falschem humanitärem Vorwand in einen Krieg schickt, in dem es um Großmachtinteressen geht, und zur Unterdrückung der afghanischen Bevölkerung einsetzt.

Dieser Widerspruch und seine Auswirkungen auf die Soldaten im Feld wären ein realistisches und zeitgemäßes Thema für einen Film über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Daran aber ist Schweiger nicht interessiert. Er zieht es vor, ein Militär zu idealisieren, das in Afghanistan junge Menschen für imperialistische Interessen in den Tod schickt und sich angesichts wachsender sozialer Spannungen auch auf Einsätze im Inneren vorbereitet.

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