Contergan – ein bis heute währender Skandal

Von Werner Albrecht und Konrad Kreft
6. November 2012

Vor einem halben Jahrhundert ereignete sich einer der größten Arzneimittelskandale in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Zum Jahreswechsel 1961/62 wurde aufgedeckt, dass die Totgeburt und Missbildung tausender Kinder auf die Einnahme des Mittels Contergan der Firma Grünenthal in Stolberg bei Aachen zurückzuführen war.

Contergan war ein von dem 1946 gegründeten deutschen Unternehmen seit 1957 verkauftes rezeptfreies Schlaf- und Beruhigungsmittel, das als besonders unbedenklich gepriesen wurde und einen hohen Absatz erzielte. Weil es auch gegen die morgendliche Übelkeit half, die in den ersten Monaten der Schwangerschaft auftritt, wurde es von vielen Schwangeren genommen. Bei weltweit schätzungsweise 10.000 Kindern führte der in Contergan enthaltene Wirkstoff Thalidomid, der heute als Arzneimittel gegen Lepra eingesetzt wird, zu Schädigungen im Mutterleib. Der Schlafmittelwirkstoff wurde in 47 Ländern vertrieben.

Ende der 1950er Jahre machte sich in Deutschland eine vermehrte Geburtenzahl missgebildeter Kinder bemerkbar. Diese Kinder kamen mit verkrüppelten Armen und Beinen zur Welt, manchmal fehlten die Gliedmaßen vollständig. Da die wirkliche Ursache verdeckt blieb, wurde in der Öffentlichkeit zunächst über mögliche Auswirkungen der weltweit stattfindenden Atomtests spekuliert. Im Mai 1958 erging dazu eine Anfrage an den Bundestag. Ein Zusammenhang wurde von der Bundesregierung abgestritten. Noch 1961 erging eine ähnliche Anfrage an den Bundespräsidenten.

Im Mai 1961 beantragte Grünenthal die Rezeptpflicht für Contergan. Seit Herbst 1959 waren bei dem Unternehmen Beschwerden und Arztberichte aus medizinischen Fachzeitschriften eingetroffen, die die Unbedenklichkeit des frei verkäuflichen Mittels in Frage stellten. Ärzte und ihre Patienten berichteten zunächst über „unangenehme Gefühle an Händen und Füßen“, „Brennschmerz“, „abnormes Kältegefühl“, „Kopfschmerzen, Schwindelanfälle, innere Unruhe“ sowie „Lähmungen“ und weitere Beschwerden.

Im August 1961 zogen Ärzte in einem vom Spiegel veröffentlichten Artikel die Harmlosigkeit des Medikaments öffentlich in Zweifel. Zu diesem Zeitpunkt wurde es „von über einer Million Menschen regelmäßig eingenommenen und selbst Säuglingen und Kleinkindern in Form eines nach Himbeersaft schmeckenden roten Sirups eingegeben“. Der Umsatz des Medikaments brach daraufhin stark ein.

Das Unternehmen, unter starken öffentlichen Druck geraten, weigerte sich hartnäckig, „dieses gute Präparat aus dem Handel zu nehmen“, weil es drastische Umsatzeinbußen befürchtete. Grünenthal versandte stattdessen beschwichtigende Werbe- und Rundschreiben an Ärzte.

Im November 1961 intervenierte der Hamburger Erbforscher Widukind Lenz, der neben anderen Wissenschaftlern den Zusammenhang der Fehlbildungen mit Contergan erkannt hatte, persönlich bei Grünenthal, um eine Einstellung des Arzneimittels zu erreichen. Aber erst nachdem wenige Tage später Gesundheitsbeamte drohten, das Präparat zu verbieten, nahm die „empörte“ Firmenleitung das Medikament vom Markt.

Die amerikanische Pharmakologin Frances Kelsey entdeckte etwa zeitgleich mit Professor Lenz die für Embryonen verheerenden Folgen des Wirkstoffs Thalidomid. In ihrer Funktion als Mitarbeiterin der Food and Drug Administration (FDA), der amerikanischen Behörde für Lebensmittelüberwachung, verweigerte sie der Substanz die Zulassung in den USA.

Die Wissenschaftlerin forderte für die Substanz eine Testphase und zweifelte die ihr von der Industrie vorgelegten Befunde an. Kelsey sah sich bis 1962 wachsendem Druck aus Wirtschaft und politischen Kreisen ausgesetzt, die Zulassung dennoch zu erteilen. Erst als der Contergan-Skandal seine Kreise zog, ließ der Druck auf die mutige Wissenschaftlerin nach, die mit ihrem Einsatz unzähligen Menschen in den Vereinigten Staaten Leben und Gesundheit rettete.

Viele Tausende durch das Medikament geschädigte Kinder starben bereits bei der Geburt. Die Überlebenden litten und leiden unter schwerwiegenden Fehlbildungen, deren Folgen sie im zunehmenden Alter verstärkt zu spüren bekommen. Die meisten der Opfer leben in Deutschland. Weitere Medikamentengeschädigte finden sich aber auch in Japan, Australien, Kanada und Großbritannien.

Grünenthal bot seinen Opfern bis zu 20.000 Mark Schmerzensgeld an, wenn sie auf weitere Ansprüche verzichten. Vereinzelte Prozesse von Angehörigen der Opfer begannen bereits 1962, doch erst 1968 kam es in Aachen zu einem umfangreichen Prozess. Die Zwischenzeit nutzten Firmenchef Hermann Wirtz und weitere führende Verantwortliche des Unternehmens, die dank Thalidomid ein Vermögen angehäuft hatten, zu umfangreichen Vermögensverschiebungen, wie die Presse 1963 berichtete.

Im Januar 1968 standen der frühere Laborleiter Heinrich Mückter und weitere Verantwortliche Grünenthals vor Gericht. Dieser Prozess endete im April 1970 mit der Einstellung des Verfahrens „wegen geringfügiger Schuld der Angeklagten und mangelnden öffentlichen Interesses“ an der Strafverfolgung. Als Entschädigung für die Opfer stellte das Chemie-Unternehmen rund hundert Millionen Mark bereit.

Wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) am 13. März 2012 berichtete, soll Grünenthal in den 1950er und 1960er Jahren auch Ärzte und Chemiker eingestellt haben, die an menschlichen Experimenten der Nationalsozialisten beteiligt gewesen waren.

Dem 1987 gestorbenen Heinrich Mückter hatte die polnische Justiz medizinische Experimente an KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern während der NS-Zeit vorgeworfen. Er hatte jedoch rechtzeitig in den Westen fliehen können, wo er als wissenschaftlicher Direktor von Grünenthal die Entwicklung von Contergan leitete.

Die Familie Wirtz wies Forderungen nach Aufklärung dieser Geschichte mit der Begründung zurück: „Unser Unternehmen ist in der Nachkriegszeit gegründet worden, aus diesem Grunde besitzt es auch keine Historie, die in die Zeit des Nationalsozialismus fällt und die es daher unter derartigen Aspekten aufzuarbeiten gäbe.“

Laut WAZ waren die betreffenden Nazis keine kleinen Rädchen oder einfache Mitläufer im NS-System. Als Chemiker und Ärzte hatten sie leitende Funktionen inne und waren an grausamen und tödlichen Menschenexperimenten beteiligt. Kriegsverbrecher, die dem faschistischen Deutschland als Giftgasexperten, als Forscher im Institut für Fleckfieber- und Virusforschung oder als Ärzte in Konzentrationslagern gedient hatten, tauschten ihre mit Blut befleckten Arbeitsanzüge gegen Nadelstreifenanzüge. Von dem Karrieresprung, der ihnen anschließend gelang, ist der Öffentlichkeit verhältnismäßig wenig bekannt – die Archive Grünenthals bleiben bis heute verschlossen.

Der Eigentümerclan Wirtz, zu dessen Konsortium neben der Pharmafirma Grünenthal noch die Dalli-Werke und die Parfümfabrik Maurer & Wirtz gehören und dessen Privatvermögen sich auf geschätzte vier Milliarden Euro beläuft, bezeichnet den Contergan-Skandal bis heute als „eine nicht absehbare Katastrophe“.

Alle Hinweise, die diesen Mythos wiederlegen und belegen, dass Grünenthal das Medikament nur aufgrund der hohen Profite nicht sofort vom Markt nahm, als der Verdacht auf die verheerenden Nebenwirkungen aufkam, versucht das Unternehmen immer wieder zu unterdrücken.

So durfte die ARD den Zweiteiler „Eine einzige Tablette“ erst 2007 senden. Der Spielfilm von Adolf Winkelmann – es handelte sich nicht um eine Dokumentation – war bereits 2006 fertiggestellt worden und sollte auch im selben Jahr gesendet werden. Doch durch juristische Schritte gelang es Grünenthal, die Ausstrahlung zunächst zu verhindern. Nach langwierigen Rechtsstreitigkeiten gab erst das Bundesverfassungsgericht den Filmemachern und dem Sender grünes Licht.

Das Contergan-Opfer Stephan Nuding, der den Film nach großer Überwindung ansah, erzählte, er habe schließlich wie ein kleines Kind geweint, weil ihm die vielen Verdrängungen zu Bewusstsein gekommen seien. Nuding hatte sechs Jahre seines Lebens im Krankenhaus verbracht und sechzehn Operationen über sich ergehen lassen müssen. Als Historiker kämpft er darum, die Hintergründe des Skandals aufzudecken. Sein vorläufiges Fazit lautet: „Wir sind fünfzig und unsere Körper fühlen sich an wie achtzig. Aber noch haben wir die Kraft.“

Zu den in Deutschland lebenden, etwa 50-jährigen und älteren noch rund 2.300 Contergan-Geschädigten gehört auch der bekannte Sänger Thomas Quasthoff. Er berichtete kürzlich in einem Interview, er habe eine Einladung des Unternehmens Grünenthal, bei ihnen zu singen, entrüstet abgewiesen.

Mit Beteiligung des Bundes, der schließlich die Hauptlast der finanziellen Entschädigung der Opfer übernahm, entstand 1972 die Conterganstiftung für behinderte Menschen. Nachdem die dort verfügbaren Geldbeträge erschöpft waren, überwies Grünenthal 2009 noch einmal 50 Millionen Euro an die Stiftung. Jeder Betroffene erhält von der Stiftung je nach Behinderungsgrad zwischen 250 und 1.127 Euro Rente monatlich.

Nach über fünfzig qualvollen und aufzehrenden Jahren voller Demütigungen sowie der Verweigerung jeglicher Entschuldigung seitens des Pharmaunternehmens Grünenthal, ist schließlich am 30. August 2012 im Frankentaler Kulturzentrum in Stolberg ein Denkmal für die Conterganopfer enthüllt worden.

Der Bundesverband Contergangeschädigter blieb allerdings dieser Veranstaltung mit der Begründung fern, dass es wirklich Dringenderes für Grünenthal zu tun gebe, als ein Denkmal zu sponsern.

Die bei der Denkmaleinweihung von Grünenthal-Chef Harald Stock gehaltene Rede, in der er die Betroffenen erstmals um Entschuldigung bat, stieß weltweit auf Kritik der Opferverbände.

„Wir erwarten Taten“, sagte Ilonka Strebitz, die Sprecherin des Bundesverbands Contergangeschädigter, „und wenn diese Taten nicht folgen, dann bleibt dies nur ein PR-Gag.“ Australische Geschädigte nannten die Geste „erbärmlich“. Auch der japanische Opferverband Sakigake, der von der sehr späten Entschuldigung enttäuscht war, erklärte: „Die Zahl der Opfer wäre geringer gewesen, wenn der Konzern den Verkauf früher gestoppt hätte.“

Der Kampf der Betroffenen und Angehörigen um Schmerzensgeld, um Rente und auch um die vollständige Aufdeckung der Hintergründe dieses größten deutschen Arzneimittelskandals währt bis heute.