IG-Metall-Chef von NRW wird Vorstand bei ThyssenKrupp

Von Dietmar Henning
12. Dezember 2012

Vom Gewerkschaftsfunktionär zum doppelten Einkommensmillionär; diesen Schritt macht im nächsten Jahr der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef Oliver Burkhard. Er wird im April neuer Personalvorstand von ThyssenKrupp.

Der 40-Jährige trete dann die Nachfolge von Ralph Labonte an, teilte der Konzern am 21. November nach einer Sitzung des Aufsichtsrats mit. Sein Jahreseinkommen wird damit auf rund zwei Millionen Euro steigen, das sind mehr als 160.000 Euro im Monat.

Der Arbeitsdirektor, wie der Personalvorstand in montanmitbestimmten Unternehmen heißt, darf in diesen nicht gegen den Willen der Gewerkschafts- und Betriebsratsvertreter im Aufsichtsrat ernannt werden. Er wird bei ThyssenKrupp also de facto von der IG Metall bestimmt.

Der gebürtige Frankfurter Burkhard absolvierte eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden, wo er anschließend weitere sechs Jahre als Sachbearbeiter tätig war. Während dieser Tätigkeit studierte er nebenher Betriebswirtschaft.

1997 wechselte das SPD-Mitglied Burkhard als Politischer Sekretär in den IG-Metall-Vorstand nach Frankfurt/Main. Er war zuständig für die Abteilung Wirtschaft, Technologie, Umwelt sowie für die Abteilung Tarifpolitik. Vor zehn Jahren ging er nach Düsseldorf, wo er in der IGM-Bezirksleitung Nordrhein-Westfalen den Posten eines Sekretärs antrat.

2005 übernahm er dann wieder beim IGM-Vorstand in Frankfurt den Posten des Bereichsleiters Tarifpolitik, um nur zwei Jahre später als Bezirksleiter an die Spitze der IG Metall in NRW zurückzukehren. Die IG Metall handelte Burkhard als potenziellen Nachfolger von IGM-Chef Bertold Huber, der nach eigenen Aussagen allerdings „nur“ auf ein Jahresgehalt von knapp 240.000 Euro kommt.

Nicht wenige Kommentare bezeichnen den Wechsel von der IG Metall in den Vorstand eines der größten deutschen Konzerne als „Seitenwechsel“. Das ist falsch. Burkhard stand, wie alle Gewerkschaftsfunktionäre, auch schon bisher auf der Seite des Unternehmens und nicht auf der Seite der Belegschaft. Er musste also keine Seite wechseln.

Die Gewerkschaften übernehmen seit langem die Aufgabe, im Interesse der Unternehmen Arbeitsplatzabbau, Lohnsenkungen und schlechtere Arbeitsbedingungen gegen die Belegschaften durchzusetzen. Das ist in der Montanindustrie so, wo in den vergangenen Jahrzehnten Hunderttausende Arbeitsplätze abgebaut und zahlreiche Standorte geschlossen wurden, wie in der Autoindustrie und allen anderen Bereichen.

Deshalb fahren die Montankonzerne auch so gut mit den Arbeitsdirektoren aus den Gewerkschaftsetagen. Für diese Aufgabe qualifizieren sich Gewerkschafter, die in Verhandlungen mit den Vorständen hinter verschlossenen Türen ihre Fähigkeit bewiesen haben, Mechanismen auszuarbeiten, mit denen die Konzerninteressen gewahrt und gegen die Belegschaften durchgesetzt werden. Da stört es nicht, dass sie, wie Burkhard, manchmal in der Öffentlichkeit laut gegen die Konzerne wettern. Im Gegenteil.

Bei ThyssenKrupp wird Burkhard jetzt die Aufgabe übernehmen, die hohen Verluste – im letzten Jahr ein Minus von 5 Milliarden Euro – durch Arbeitsplatzabbau, Lohnsenkungen und Flexibilisierungsmaßnahmen bei den weltweit rund 150.000 Arbeitern wieder auszugleichen.

Was hat Burkhard zu diesem Job qualifiziert? „Er gilt als kämpferisch und durchsetzungsstark“, behauptet das Deutschlandradio. Zur Begründung wird der von Burkhard verantwortete Tarifabschluss 2008 in der Stahlindustrie angeführt.

Die Gehälter wurden damals nominal um 5,2 Prozent erhöht. Vorher hatte es allerdings jahrelang Nullrunden gegeben, und der Abschluss reduzierte sich bei einer Laufzeit von 14 Monaten auf weniger als 4,5 Prozent. Die Stahlkonzerne konnten damit leben, machen die Lohnkosten bei der Stahlproduktion doch nur noch neun Prozent aus. Der damalige Vorstandschef des Branchenführers ThyssenKrupp Steel, Karl-Ulrich Köhler, erklärte folgerichtig, das Ergebnis sei „akzeptabel“.

Auch in den Auseinandersetzungen im Bochumer Opel-Werk hat Burkhard gemeinsam mit dem Betriebsrat in den letzten Jahren den Abbau durchgesetzt, der das Werk jetzt reif für die Schließung gemacht hat. So schrieb er im April 2009 einen Brief an die Opel-Belegschaft, in dem er diese drängte, einer von der IG Metall ausgehandelten Lohnkürzung zuzustimmen. Er erpresste die Opel-Arbeiter mit der Drohung, dies sei „die einzige Lösung, um Zukunft und Arbeitsplätze bei Opel dauerhaft zu sichern“. (Siehe: „IG Metall setzt Lohnkürzung bei Opel in Bochum durch“)

Der stets in Anzug und Krawatte auftretende Burkhard ist nicht der erste Gewerkschaftsfunktionär, der für seine Dienste mit einem hochdotierten Posten belohnt wird.

Sein Vorgänger als Arbeitsdirektor, Ralph Labonte, war von 1979 bis 1987 Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Duisburg, stieg dann über den Vorstand der IG Metall in Düsseldorf 1994 zum Arbeitsdirektor eines Tochterunternehmens von Thyssen auf und wurde 2003 Arbeitsdirektor von ThyssenKrupp. Jetzt scheidet der 59-Jährige aus gesundheitlichen Gründen aus.

Burkhards Vorgänger an der Spitze der IG Metall Nordrhein-Westfalen, Heinz-Peter Gasse, ist inzwischen Arbeitsdirektor bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann. Gasses Vorgänger Harald Schartau wurde erst Landesarbeitsminister in NRW und dann Personalchef bei der Georgsmarienhütte.

Der langjährige Konzernbetriebsratsvorsitzende von ThyssenKrupp-Steel, Thomas Schlenz, bereitet sich derzeit darauf vor, ab 2013 den Posten des Arbeitsdirektors im selben Unternehmen zu übernehmen. Er folgt Dieter Kroll, einem einst wortradikalen Vertrauensmann bei Thyssen Stahl, der ebenfalls über den Betriebsratsvorsitz zum Personalvorstand aufgestiegen war.

Kroll hat in seinen acht Amtsjahren eine zweistellige Millionensumme verdient. Mit seinen 56 Jahren hat er nun vor, ausgiebig zu reisen. „Ich freue mich auf ein selbstbestimmtes Leben“, sagt er. Die Stahlarbeiter, auf deren Rücken er nach oben stieg, können sich nicht auf ein solches Leben freuen.

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