Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty: Hollywood und die „dunkle Seite“

Von Bill Van Auken
27. Dezember 2012
Zero Dark Thirty

Am 19. Dezember hatte Kathryn Bigelows neuer Film Zero Dark Thirty (dreißig Minuten nach Mitternacht), der die Jagd der CIA nach Osama bin Laden schildert, in ausgewählten Kinos Premiere.

Er erhielt überwiegend begeisterte Kritiken und zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen als bester Film des Jahres. Dabei handelt es sich um ein beschämendes Werk und die Reaktionen der Kritik sagen mehr über den Zustand der Medien und der Populärkultur in den USA aus, als über den Film selbst.

Der Film beginnt mit den Anschlägen vom 11. September 2001: Das Bild bleibt dunkel, man hört Funksprüche von Feuerwehrleuten und panische Hilferufe aus den oberen Stockwerken der Twin Towers. Nach dieser reißerischen Einleitung wechselt die Handlung zu einem Geheimgefängnis der CIA. Ein Gefangener mit zerschnittenem und lädiertem Gesicht, dessen Arme mit von der Decke hängenden Seilen gefesselt sind, steht einem amerikanischen Vernehmungsoffizier gegenüber. Dieser droht, ihm „weh zu tun“, wenn er nicht die geforderten Informationen preisgibt.

Die Gegenüberstellung der Ereignisse vom 11. September und die erschütternde Darstellung von Folter dient dazu, erstere als Ursache und letzteres als Folge darzustellen und zu rechtfertigen.

Dem Vernehmungsoffizier stehen mehrere Helfer zur Seite, deren Gesichter von Skimasken verborgen sind. In einer Pause zwischen zwei Foltersitzungen nimmt eine dieser Helferinnen ihre Maske ab. Es ist Maya (Jessica Chastain), eine angehende Agentin, die zum ersten Mal im aktiven Dienst ist. Als der Verhöroffizier sie fragt, ob sie sich das brutale Schauspiel lieber von außerhalb der Folterkammer auf einem Monitor anschauen wolle, besteht Maya darauf, die grauenhafte Arbeit fortzusetzen.

Mit dieser Szene beginnt die Haupthandlung des Dramas – auch wenn man davon nur eingeschränkt sprechen kann: Maya konzentriert ihre ganze Energie auf die Suche nach Hinweisen auf bin Ladens Versteck. Dabei stößt sie auf Widerstand der CIA-Führung, die von Männern dominiert wird, aber schließlich hat sie Erfolg.

Laut dieser unglaubwürdigen Darstellung der Ereignisse war der Überfall auf das Anwesen im pakistanischen Abbotabad am 1. Mai 2011, bei dem bin Laden und mehrere wehrlose Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden, allein das Werk einer untergeordneten Analystin.

Bigelow hängt ihrer faschistoiden Verherrlichung des US-Militärs und der CIA ein dünnes feministisches Mäntelchen um. Einige Kritiker gingen sogar soweit, Parallelen zu Bigelow selbst zu ziehen – sie ist die erste Frau, die einen Oscar in der Kategorie „Beste Regie“ gewonnen hat.

Der Film dauert fast zwei Stunden, er ist dunkel und langweilig. Kein einziger Charakter wird entwickelt, auch Maya nicht, der Zuschauer weiß am Ende so viel von ihr wie am Anfang. In einem Interview mit dem Magazin Time erklärte Bigelow, sie habe ihren Charakteren keine Tiefe gegeben, weil dies „die Handlung aufhalten würde.“

Die „Handlung“ besteht im Wesentlichen aus Folter und zahlreichen ohrenbetäubenden Explosionen. Im Film sind nicht nur die Anschläge vom 11. September zu sehen, sondern auch die vom 7. Juli 2005, der Bombenanschlag auf das Marriot-Hotel in Islamabad 2008, der Selbstmordanschlag eines jordanischen Doppelagenten in einer CIA-Einrichtung in Khost in Afghanistan im Dezember 2009, bei dem sieben CIA-Agenten starben, und das gescheiterte Autobomben-Attentat am Times Square im Jahr 2010.

In fast allen Fällen hatten die Täter keine Verbindungen zu bin Laden, sondern waren durch die Ermordung von Zivilisten während der Kriege in Afghanistan und im Irak und durch die Entführung und Folterung von Moslems in Guantanamo, Abu Ghraib und anderen CIA-Geheimgefängnissen radikalisiert worden.

Die erste halbe Stunde des Films und die Szenen, in denen ein hilfloser Gefangener mit Waterboarding gefoltert, geschlagen, sexuell erniedrigt, an einem Hundehalsband mit einer Kette über den Boden gezerrt, zwangsernährt und in eine winzige Kiste gesperrt wird, sorgten für einige Kontroversen um den Film – was der Regisseurin und ihrem Drehbuchautor Mark Boal zweifellos recht ist. Der nationale Sicherheitsanalyst Peter Bergen erklärte auf CNN, man habe Bigelow und Boal dazu überreden müssen, bei der Verfilmung des Drehbuchs die Gewalt „zurückzuschrauben.“ Ursprünglich sollte der Gefangene zu einem blutigen Klumpen Fleisch geprügelt werden.

Der Film verbreitet eindeutig die Botschaft, die Folterungen hätten die ersten wichtigen Erkenntnisse geliefert, die acht Jahre später zum Tod von bin Laden geführt hätten. Diese Behauptung vertreten auch der rechte Flügel der Republikaner und die CIA selbst. Sie wurde allerdings bereits klar widerlegt, zuletzt in einem 6000-seitigen Bericht, den der Geheimdienstausschuss des Senats letzte Woche vorlegte.

Bigelow streitet ab, dass ihr Film Folter rechtfertige oder gar verherrliche. Sie möchte sich in der Frage nicht festlegen. „Mit dem Film verfolge ich keine Agenda und erlaube mir kein Urteil“, erklärte sie im New Yorker. „Ich wollte eine authentische Erfahrung rüberbringen.“

Im gleichen Interview erklärte sie, sie und Boal praktizierten eine „fast schon journalistische Herangehensweise ans Filmemachen“. Eine weitere Aussage zeigt, wie tief sie in die Kultur des Militarismus eingetaucht ist: Sie bezeichnete sich als „Trägerrakete für Marks Drehbuch.“

Boal war zuvor für die Zeitschriften Village Voice, Rolling Stone und den Playboy tätig, außerdem hat er das Drehbuch zu Bigelows Film The Hurt Locker (2008) geschrieben. Im Jahr 2004 war er im Irak als „embedded journalist“ (ziviler Kriegsberichterstatter) an der Seite amerikanischer Soldaten tätig. Bigelow erhielt jetzt beispiellosen Zugang zu CIA-Mitarbeitern und Mitgliedern des Seal Team Six. Sie hat als „eingebettete Regisseurin“ mit dem Militär und dem Geheimdienst eine symbiotische Beziehung aufgebaut, aus der unweigerlich die erwartete Propaganda hervorgeht.

Die Fehldarstellung der Rolle, die die Folter spielt, ist eine ernste Angelegenheit, vor allem angesichts der Aussage zu Beginn des Films, er beruhe auf Tatsachen und Schilderungen der Beteiligten. Boal hat versucht, das Thema herunterzuspielen: Er erklärte, der Gefangene, der zu Anfang gefoltert wurde, habe die geforderten Informationen bei einer gewaltlosen Verhörsitzung preisgegeben, während er mit seinen Vernehmungsoffizieren beim Essen sitzt.

Das ist bestenfalls unehrlich. Maya und der Vernehmungsoffizier kommen an die Informationen, indem sie den Gedächtnisverlust ausnutzen, den der Gefangene durch seine Folterung erlitten hat. Im Laufe des Films wird Folter mehrfach erwähnt oder angedeutet. Maya sichtet DVDs, auf denen zu sehen ist, wie Gefangene von der Decke hängen, in schmerzhaften Haltungen kauern und vor Angst Informationsbruchstücke preisgeben, die sie zusammenfügt. In einer Szene verhört sie einen Mann und befiehlt ihrem pakistanischen Assistenten, ihn zu verprügeln. Ein anderer sagt ihr, er werde gestehen, weil er nicht noch einmal gefoltert werden wolle.

Natürlich sind die grundlegenden Fragen bei der Anwendung von Folter durch die CIA nicht, inwieweit Tatsachen verdreht werden, oder ob Folter „funktioniert“: Vor allem handelt es sich dabei um ein Kriegsverbrechen, das von hochrangigen Mitgliedern der Regierung angeordnet wurde – vom US-Präsidenten abwärts – und von führenden Mitgliedern beider Parteien unterstützt wurde. Die Verantwortlichen, die dieses Verbrechen angeordnet und ausgeführt haben, wurden von der Obama-Regierung vorbehaltlos beschützt.

Die Kritik der Liberalen an diesem Aspekt des Films ist besonders armselig. Beispielhaft dafür ist eine Kritik der Chefredakteurin des Magazins Slate, Emily Bazelon. Sie schreibt, Zero Dark Thirty sei „zwar nicht der Film, den sich Linke über den Tod von bin Laden wünschen... wir können moralisch gegen Folter argumentieren – und sogar mit einer Kosten-Nutzen Rechnung: Der mögliche Erkenntnisgewinn durch Folter ist es nicht wert, unseren Ruf, unser politisches Kapital und unsere Ehre zu verlieren. Dazu müssen wir nicht auf die Behauptung zurückgreifen, Folter brächte nie etwas.“

Und wie sieht es mit dem großen Finale des Films aus, der Ermordung von bin Laden und mehreren anderen Menschen? Obwohl Bigelow und Boal behaupten, dem Thema Folter neutral gegenüber zu stehen, halten sie sich nicht damit zurück, das Vorgehen von Seal Team Six zu verherrlichen, das im Grunde eine außergerichtliche staatliche Tötung vornimmt – mit anderen Worten, einen Mord.

Viele Kritiker rechneten damit, dass Zero Dark Thirty ein Teil von Barack Obamas Wahlkampf sein würde. Der amtierende Präsident hatte Bigelow und Boal Zugang zu Material ermöglicht und sich selbst mit der Ermordung bin Ladens gebrüstet, um Angriffe der Republikaner auf seine Rolle als „Oberbefehlshaber der Streitkräfte“ abzuwehren.

Letzten Endes erschien der Film nicht mehr vor der Wahl. Obama erscheint nur kurz in dem Film in einem Fernsehprogramm, das in einer CIA-Einrichtung in Pakistan läuft. Er äußert sich darin gegenüber einem Interviewer kritisch über Folter und verspricht, „Amerikas moralische Position in der Welt zurückzuerobern.“ Die anwesenden CIA-Mitarbeiter reagieren darauf verblüfft und setzen ihre Arbeit unabhängig von dem politischen Geschwätz fort.

Aber abgesehen von Obamas Rolle im Film ist die Verherrlichung staatlicher Morde in einer von immenser Bedeutung. Diese Praxis ist zu einem dauerhaften Werkzeug der amerikanischen Politik geworden. Der Präsident selbst maßt sich das Recht an, die Ermordung amerikanischer Bürger ohne Anklage zu anzuordnen, und wählt am „Terror-Dienstag“ im Weißen Haus die Opfer dafür aus.

Bigelow beschreibt bin Ladens Ermordung als „episches Ereignis“ und „einmaliges Erlebnis.“ Im New Yorker erklärte sie: „So etwas geschieht nur ein- oder zweimal in tausend Jahren.“

Die Ermordung von bin Laden soll das wichtigste Ereignis seit 500 Jahren gewesen sein? Was hat die Ermordung eines kranken alten Mannes verändert, der sich seit zehn Jahren versteckt gehalten und kaum eine aktive Rolle gespielt hat?

Washington hat Kriege organisiert, um Gaddafi in Libyen und Assad in Syrien zu stürzen, und dabei Elemente von al-Qaida unterstützt und mit Waffen versorgt. Beide Regimes hatten zuvor mit der CIA im Kampf gegen die islamistische Terrororganisation zusammengearbeitet. Angesichts dieser Umstände hat die amerikanische Bevölkerung das Recht zu fragen, was hinter diesem „einmaligen Erlebnis“ steckt. In Bigelows Film wird sie diese Antwort nicht finden.

Auch ihr letzter Film, The Hurt Locker, der ebenfalls einen Oscar gewonnen hat, war „authentisch“. Der Film diente der Rechtfertigung des Irakkrieges, in dessen Verlauf eine ganze Gesellschaft zerstört wurde und eine Million Menschen ihr Leben verloren. Mit ihrem aktuellen Werk versucht sie, die weltweite Anwendung völkerrechtswidriger Mittel und die Abschaffung verfassungsmäßiger Prinzipien und demokratischer Rechte durch den amerikanischen Staat und das herrschende Establishment zu rechtfertigen.

Vor einem Jahr zeigte das Museum of Modern Art in New York eines von Bigelows ersten Filmprojekten von 1975. Es trug den Titel Psychological Operations in Support of Unconventional War (psychologische Kriegsführung zur Unterstützung eines unkonventionellen Krieges). Sie kritisierte darin die Methoden der amerikanischen Gegenspionage und den Einsatz von Todesschwadronen. 37 Jahre später verherrlicht sie Todesschwadronen und wird von der US-Regierung unterstützt.

Schon zu der Zeit, als sie ihre ersten Filme drehte, studierte sie an der Columbia University den Postmodernismus. Damit eignete sie sich eine misanthropische Weltsicht an, die dem Sozialismus und der Arbeiterklasse gegenüber zutiefst feindselig eingestellt ist.

Diese Ideologie zementierte ihre Klasseninteressen, während sie in Hollywood zur Multimillionärin wurde. Bigelow gehört zu einer Schicht von ehemaligen „Linken“ und Liberalen, die ihren Frieden mit dem Imperialismus gemacht und unterschwellig erkannt haben, dass ihr Reichtum und ihre Privilegien einen starken Staat erfordern, der in der Lage ist, räuberische Kriege im Ausland zu führen und im eigenen Land soziale Unruhen niederzuschlagen.

Einige von ihnen trösten sich damit, dass die schrecklichen Verbrechen, die dabei begangen werden, von einem schwarzen Präsidenten angeordnet und von weiblichen CIA-Mitarbeiterinnen umgesetzt werden.

Aus dieser Klassendynamik und aus diesen hässlichen politischen Strömungen kann ein grotesker Film wie Zero Dark Thirty entstehen.

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