Andrew Marr’s History of the World: Eine Verunglimpfung der Revolution

Von Thomas Scripps
28. Dezember 2012
“Andrew Marr’s History of the World“

Verunglimpfungen des Sozialismus gehören in den Medien zum Alltag – oft im Rahmen von historischen Sendungen – aber sie sind selten so scharf und so voll von Geschichtsverdrehungen wie in der BBC-Dokureihe Andrew Marr’s History of the World, die vor kurzem ausgestrahlt wurde.

Andrew Marr ist ein hochkarätiger britischer Politikjournalist, war Redakteur des Independent und politischer Redakteur der BBC. Außerdem moderiert er eine eigene Radio- und Fernsehsendung. In seiner Studienzeit in den späten 1970ern bezeichnete er sich selbst als „Linksradikalen.“ Er war Mitglied der Socialist Campaign for a Labour Victory, betont aber, er sei nie so weit gegangen, die Zeitung des Socialist Organizer zu verkaufen, der Gruppe, die am engsten damit in Verbindung stand, und die sich zu Unrecht als trotzkistisch bezeichnete.

Marr ist ein schlagendes Beispiel für den Weg einer ganzen Schicht linker und liberaler Intellektueller, die ihren jugendlichen Widerstand gegen den Kapitalismus aufgegeben und mit dem Establishment einen profitablen Frieden geschlossen haben. Wie bei vielen seiner Zeitgenossen, führte sein Weg nach rechts über die Zustimmung zur westlichen Intervention im Kosovo.

Im Jahr 2007 produzierte Marr unter eigenem Namen die Dokureihe Andrew Marr’s History of Modern Britain. Seine Erklärung, die Privatisierungen und Deregulierungen unter Premierministerin Margaret Thatcher hätten keine Konterrevolution, sondern „eine kulturelle, wirtschaftliche und politische Revolution“ dargestellt, bietet einen Einblick in seine derzeitige politische Perspektive.

Nachdem sich Marr oberflächlich mit dem modernen Großbritannien auseinandergesetzt hatte, beschloss er, sich die ganze Welt vorzunehmen. In den ersten fünf Folgen seiner neuen Serie befasste er sich mit der Geschichte der Menschheit von den ersten Menschen, über den Aufstieg der Piraterie bis zu den ersten Ursprüngen des privaten Unternehmertums. In den letzten drei erfährt man, was er über „Revolution“, „Industrie“ und „Extremismus“ zu sagen hat.

Marrs allgemeine Ansicht zeigt sich in seiner Zusammenfassung der französischen Revolution (die er als Aufhänger benutzt, um sich über Revolutionen an sich zu äußern). Man erfährt, dass die Revolution mit der Krönung Napoleons vorbei war. Das ist alles. Während er sich ausführlich mit der „Terrorherrschaft“ beschäftigt, blendet er die grundlegenden Änderungen der Verfassung, der Eigentumsrechte und der Entwicklung der Gesellschaft danach völlig aus. Seine Erklärung wirkt, als würde man über die Mona Lisa nichts anderes erklären als: „Sie ist auf Leinwand gemalt.“

Danach erklärt er: „Seither hat die Welt viele Revolutionen erlebt, und die meisten sind dem gleichen Muster gefolgt: Idealismus, Extremismus, und dann reißt ein starker Mann aus dem Militär die Macht an sich.“ So beschreibt er die Ereignisse, die die Grundlagen für das System gelegt haben, das heute ihn und die BBC finanziert. Marxisten haben die Entwicklung der französischen Revolution studiert und analysiert, sie und ihre Führer als progressive Kraft in der Geschichte geschätzt, die Bourgeoisie jedoch verzerrt die Grundlagen ihres Aufstiegs und ihrer Geschichte. Wie Trotzki in „Ergebnisse und Perspektiven“ schrieb: „Das Bürgertum hat alle Traditionen seiner historischen Jugend schmählich verraten, seine gegenwärtigen Söldlinge entehren die Gräber seiner Ahnen und verlästern die Überreste seiner Ideale.“

Es gehört zum Standardrepertoire rechter Kommentatoren, zu behaupten, dass Revolutionen in Diktaturen enden, ebenso gehört es dazu, die französische Revolution zum Ursprung aller Übel des zwanzigsten Jahrhunderts zu erklären. Sie stellen nur selten die Zahl der Toten durch die Terrorherrschaft der Zahl der Toten durch die Invasion von Frankreich gegenüber, oder der Zahl potenzieller Todesopfer, wenn die Terrorherrschaft es den Jakobinern nicht erlaubt hätte, den Widerstand gegen die Invasion zu mobilisieren. Sie verlieren kein Wort über den reaktionären Weißen Terror nach der Pariser Kommune 1871 oder während des Russischen Bürgerkrieges.

Marrs Absicht ist es, die „Idee“ der Revolution zu verleumden. Die Annahme, dass Revolutionen nur von Ideen geleitet werden, ist selbst eine Verzerrung mit eindeutiger politischer Absicht. Vor allem wollen die Bourgeoisie und ihre Vertreter die Revolution von ihren konkreten sozialen Ursachen und dem historischen Kontext trennen. Diese Absicht zeigt sich an Marrs Formulierung: „Trotzdem kommt es immer wieder zu Revolutionen, oft angetrieben von den gleichen Idealen.“

Der Russischen Revolution, dem wichtigsten Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts, widmet Marr ganze zwei Minuten. Es gibt keine Ausrede dafür, warum ein so wichtiger Teil der Geschichte so übergangen wird. Auch wenn in einem so weiten Zeitraum bestimmte Ereignisse kurz abgehandelt werden müssen, hätte man zumindest hoffen können, dass sich die Sendung an die Fakten halten würde. Stattdessen verbreitet Marr mit perverser Genugtuung die alte abgedroschene Behauptung, der Transport von Lenin und anderen Bolschewiki durch die deutschen Behörden nach Russland sei „wie eine Giftspritze gewesen, die über einen halben Kontinent entfernt gespritzt wird.“

Marr ignoriert Trotzkis monumentales Werk Geschichte der Russischen Revolution, in dem er diesen Behauptungen ein ganzes Kapitel einräumt und erklärt, dass sie ihren Ursprung in Versuchen der zaristischen Geheimpolizei haben, die Soldaten an der Front gegen Lenin aufzubringen und gegen die Bolschewiki Pogromstimmung zu schüren.

Dann deutet Marr an, dass die Forderung der Bolschewiki nach einem Ende des Ersten Weltkriegs auf einem Plan des deutschen Beamten Arthur Zimmermann, einem Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten beruht habe. Es gibt keine unschuldige Erklärung für die scheinbare Ignoranz von Marr oder der BBC gegenüber dem Widerstand der Bolschewiki gegen den imperialistischen Krieg. Selbst eine oberflächliche Betrachtung der Schriften aus der Zeit hätte gezeigt, dass die Bolschewiki seit Beginn des Krieges für den Frieden gekämpft haben. Auch hier ist die Absicht eindeutig: Die Russische Revolution soll als Ergebnis der Machenschaften des deutschen Imperialismus dargestellt werden, um die Rolle der russischen Massen und der Bolschewiki als treibende Kraft der Revolution zu verbergen.

Die Ereignisse von 1917 wurden vom Zusammenbruch des Weltkapitalismus ausgelöst, der zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs und zu dem beispiellosen Gemetzel führte, als alle damaligen Großmächte versuchten, zu Lasten ihrer Rivalen Märkte, Ressourcen und Einflusssphären für sich zu sichern.

Die widersprüchliche Entwicklung des Kapitalismus Ende des neunzehnten Jahrhunderts – die Einführung der modernsten kapitalistischen Produktion im rückständigen Russland – bedeutete, dass sich die Gelegenheit zur Machtübernahme der Arbeiterklasse zuerst im rückständigsten Land Europas ergab, statt in den fortgeschrittensten kapitalistischen Ländern. Die Arbeiterklasse stand jedoch nicht vor der Aufgabe, durch „nationales Eigentum“ eine „nationale Produktion“ aufzubauen, auch nicht vor der Aufgabe, die imperialistischen Kriege fortzusetzen, sondern den Weg für die europäische Revolution und den Kampf für den Sozialismus im Weltmaßstab vorzubereiten. Die Russische Revolution hatte ihre Wurzeln in den sozialen Beziehungen im damaligen Europa und wurde von ihnen angetrieben. Davon wurden die revolutionären Massen und ihre Partei angetrieben, nicht von den verschwörerischen Machenschaften eines deutschen Staatsdieners.

Die Episode endet mit der Schlussfolgerung, dass Zimmermann für die Schaffung der beiden neuen Supermächte der Welt verantwortlich war, der UdSSR und der USA. Man muss sich fragen, warum ihm die Nachwelt nie für diese monumentale Leistung gedankt hat, oder Statuen von ihm in den Städten der Großmächte aufgestellt hat... Im Lincoln Memorial oder im Lenin-Mausoleum.

Marrs Ansicht, dass die Geschichte von großen Persönlichkeiten gemacht wird, zeigt sich darin, wie er über Edward Jenner berichtet. Zweifellos ist dieser ein bemerkenswerter Wissenschaftler, aber laut Marr hat er mehr für die Welt getan und mehr Leben gerettet als alle Politiker und Philosophen zusammen. Jenner soll ganz alleine für die Ausrottung der Pocken verantwortlich sein. Wie er es geschafft hat, seinen Impfstoff ohne die Hilfe von Regierungen und Mitarbeitern in die ganze Welt zu verteilen, erfährt der Zuschauer nicht.

Diese Glorifizierung von Einzelpersonen entspricht der sensationslüsternen journalistischen Darstellung der Geschichte, die heute so verbreitet ist. Geschichte dient nicht der Wahrheit, sondern der Unterhaltung in einem festen politischen Spektrum. Außerdem soll so die Rolle der Massen bei der Entwicklung der Geschichte geschmälert werden.

Man hätte eigentlich erwarten können, dass die letzte Folge der Serie die Ereignisse in Russland von 1917 bis 1929 weiter behandelte; stattdessen ging es weiter zur nächsten Episode: der Herrschaft Stalins. Die Geschehnisse in der Sowjetunion werden erstmals in einem Abschnitt erwähnt, in dem die Säuberung Kiews von Juden durch die Nazis behandelt wird. Man erfährt, dass sie es „durch die Taten der Roten“ leichter hatten – damit war die Hungersnot durch Stalins Agrarpolitik gemeint.

Wie soll es eine Hungersnot den Nazis leichter gemacht haben, ihre Verbrechen zu begehen? Es gibt keinen logischen Zusammenhang, und die Aussage soll nur die nächste rechtfertigen: „Rote und Nazis... leider sind sie keine Monster... sondern Menschen mit großen Plänen.“

Die Gleichsetzung von Faschismus und Sozialismus (durch die Gleichsetzung von Sozialismus und Stalinismus) ist eine Verleumdung. Marr ignoriert wieder Trotzkis Analyse der Degeneration des Stalinismus in Verratene Revolution, und wie der Widerstand der Trotzkisten gegen den Nationalsozialismus stärker und weitsichtiger war als der jeder anderen Gruppe zu der Zeit – mit Sicherheit stärker als der „Widerstand“ imperialistischer Mächte wie Großbritannien und Frankreich, die die Nazis als das beste Bollwerk gegen den revolutionären Sozialismus ansahen. Wieder einmal kann man die Verfälschung der historischen Wahrheit im Interesse der herrschenden Klassen erleben.

Die Bourgeoisie greift den revolutionären Sozialismus zurzeit mit offensichtlichsten Geschichtsfälschungen an. Diese Entwicklung muss man im Kontext der immer zahlreicheren Angriffe in diese Richtung sehen – vor allem die Schmähschrift von Robert Service gegen Trotzki, auf die der Vorsitzende der Redaktion der WSWS David North ausführlich reagiert hat.

Marr möchte mit seiner Sendung behaupten, dass alle Revolutionen im Grunde gleich sind, wozu er sie aus ihrem historischen Kontext reißt, und das Konzept der Revolution mit Terrorherrschaft in Verbindung setzen. Er erklärt die Russische Revolution von vornherein zu einer negativen Kraft und stellt Stalins Herrschaft als Fortsetzung der sowjetischen Politik dar, gegen die es keinen Widerstand gab. Trotzki wird kein einziges Mal erwähnt. Die wachsende Angst vor der Revolution zeigt sich in jeder Lüge und Verzerrung – die Verteidigung der historischen Wahrheit dagegen wird zur wichtigsten Waffe in der Hand der Massen.

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