Milliarden-Sparprogramm bei ThyssenKrupp

Von Elisabeth Zimmermann und Dietmar Henning
19. Dezember 2012

Die aktuellen Entwicklungen bei ThyssenKrupp sind die Vorbereitung auf den Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen, die Senkung der Löhne und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, Vorstandschef Heinrich Hiesinger, die IG Metall und der Konzernbetriebsrat arbeiten dabei eng zusammen.

Das Unternehmen meldete für das vergangene Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro. Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte schon kurz zuvor ein Sparprogramm für das gesamte Unternehmen angekündigt, das in den nächsten drei Jahren zwei Milliarden Euro einsparen soll.

Begründet und gerechtfertigt wird das mit den hohen Verlusten, die durch den Bau von zwei neuen Stahlwerken in Alabama (USA) und bei Rio de Janeiro (Brasilien) entstanden seien.

Geplant und begonnen wurden diese Projekte 2005 bis 2007. Das Stahlwerk in Brasilien sollte Stahl-Brammen sowohl nach Alabama zur Weiterverarbeitung für die Autoindustrie als auch nach Europa liefern. Ursprünglich sollte der Bau des Stahlwerks in Brasilien knapp zwei Milliarden Euro kosten. Inzwischen belaufen sich die Kosten nach Angaben des Konzerns auf acht Milliarden Euro. Die beiden Werke in Nord- und Südamerika, die nun verkauft werden sollen, sind angeblich für insgesamt bis zu 11 Milliarden Euro Verluste verantwortlich.

Selbst wenn dem so wäre, ist es ein Novum, dass die Verluste des Konzerns nicht durch Bilanztricks klein gerechnet oder auf mehrere Jahre verteilt werden. Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte zahlt ThyssenKrupp seinen Aktionären keine Dividende aus. Das unterstreicht, dass mit der Bekanntgabe der hohen Verluste ein radikaler Umbau des Konzerns zu Lasten der weltweiten und deutschen Belegschaft bevorsteht.

Die an die Öffentlichkeit geratenen Korruptions- und Kartellaffären, in die ThyssenKrupp verstrickt ist, kommen da gerade recht. Die Organisation von Luxusreisen für Journalisten, die Verwicklung von ThyssenKrupp in das Schienen- und Aufzugskartell sowie publik gewordene Schmiergeldzahlungen für Aufträge in Asien und Osteuropa haben in der letzten Woche zur Entlassung von drei Vorstandsmitgliedern geführt. Der ThyssenKrupp-Aufsichtsrat unter Vorsitz von Gerhard Cromme beschloss die Entlassung der Vorstandsmitglieder Jürgen Claasen (verantwortlich für Kommunikation und Compliance), Olaf Berlien (Technologie) und Edwin Eichler (Stahl).

Vorwürfe gegenüber Cromme wischte Hiesinger beiseite und machte für die Verluste und die Affären das alte Management verantwortlich. „Es gab bisher ein Führungsverständnis, in dem Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger waren als unternehmerischer Erfolg“, sagte er.

Es wäre nicht das erste Mal, das mit der Begründung der Korruptionsbekämpfung und der angeblichen Notwendigkeit einer „neuen Unternehmenskultur“ harte Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen zu Lasten der Arbeiter und Angestellten durchgesetzt werden.

Ein prominentes Beispiel dafür ist Siemens, wo nach der Aufdeckung der Korruptionsskandale im Jahr 2007 eine ähnliche Um- und Neubesetzung des Konzernvorstands durchgeführt wurde. Als Organisator fungierte auch damals Gerhard Cromme, der 2007 zusätzlich zum Vorsitz des Aufsichtsrats bei ThyssenKrupp auch den von Siemens übernahm. Nur ein Jahr später brachte der neue Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher ein umfangreiches Sparprogramm auf den Weg, das zum Verlust von weltweit mehr als 17.000 Arbeitsplätzen führte.

Hiesinger selbst arbeitete in dieser Zeit für Siemens, bevor er vor zwei Jahren den Vorstandsvorsitz von ThyssenKrupp übernahm. Er kündigte nun an, „Seilschaften und verkrustete Strukturen“ im Konzern ein Ende zu bereiten. „Wir müssen und wir werden unsere Führungskultur grundlegend verändern, um wieder erfolgreich zu sein“, sagte er. Er und Cromme arbeiten dabei eng zusammen.

Hinter Cromme steht nach wie vor der inzwischen 99-jährige Berthold Beitz. Er hatte im Auftrag von Alfried Krupp nach dem Zweiten Weltkrieg den Krupp-Konzern wieder zu Ansehen verholfen. Die Waffenschmiede Krupp war einer der größten Finanziers Hitlers und durch die Aufrüstung des Dritten Reichs auch einer der größten Kriegsgewinnler.

„Beitz hat bei wichtigen Entscheidungen immer noch das letzte Wort“, schreibt Spiegel Online. Der 69-jährige Cromme soll Beitz‘ Nachfolger als Vorsitzender der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung werden. Die Stiftung hält mit 25 Prozent immer noch den größten Anteil am Unternehmen.

Unterstützt werden Cromme und Hiesinger aber vor allem von der IG Metall und dem Konzernbetriebsrat. Im Personalausschuss des ThyssenKrupp-Aufsichtsrats, der die Entlassung der drei Manager eingefädelt hat, sitzen Bertin Eichler, Hauptkassierer der IG Metall und gleichzeitig Aufsichtsratsmitglied bei BMW, sowie der Konzernbetriebsratsvorsitzende Wilhelm Segerath.

Beide unterstützten die Entlassung der bisherigen Vorstandsmitglieder. Dies sei ein „Signal für einen Neuanfang“. Auch die Abfindungszahlungen in Millionenhöhe für die drei wurden von diesem Gremium abgesegnet. Claasen, der erst seit gut einem Jahr Vorstandsmitglied war, erhält 3,2 Millionen Euro Abfindung, Berlien und Eichler jeweils etwa 4 Millionen Euro.

Es ist diese „Seilschaft“ von Beitz, Cromme, Hiesinger, Gewerkschaft und Betriebsrat, die sich nun anschickt, die geplanten Angriffe gegen die Arbeiter durchzusetzen. Die Süddeutsche Zeitung vom vergangenen Wochenende schrieb dazu einen aufschlussreichen Artikel über Gerhard Cromme unter der Überschrift „Seine Freunde“. Als Crommes Freunde gelten IG Metall und Betriebsrat, die so eng zusammen arbeiten würden „wie in kaum einem anderen Unternehmen“.

Aufsichtsrat Eichler betont, der Umbau des Konzerns gehe „nur mit, nicht gegen die Beschäftigten“, wobei Eichler das Wort „Beschäftigte“ synonym für IG Metall und Betriebsrat nutzt. Beide unterstützten den Umbau des Konzerns, „wenn sie umfänglich beteiligt werden und aktiv mitbestimmen können“.

Zum Umbau gehört auch der Verkauf der Edelstahltochter Inoxum an den finnischen Konzern Outokumpu, der Anfang dieses Jahres eingeleitet wurde. „Wir haben bei einem anderen Eigentümer mehr Entfaltungsmöglichkeiten“, zitiert die Süddeutsche einen IGM-Vertreter im Aufsichtsrat. Die Arbeiter im Krefelder Edelstahlwerk sehen dies anders. Ihr Werk wird im Zuge des Verkaufs bis Ende nächsten Jahres stillgelegt. Das Edelstahlwerk in Bochum wird voraussichtlich 2016 geschlossen.

Die Süddeutsche Zeitung verweist auf die fließende „Grenze zwischen Management und Arbeitnehmerschaft“ bei ThyssenKrupp. Betriebsräte würden gut bezahlt, fast jeder der Betriebsratsvorsitzenden, wovon es Dutzende gebe, fahre einen Dienstwagen. „Arbeitnehmervertreter bilden hier eine Arbeiteraristokratie, die keine schwarzen Fingernägel mehr kennt.“ Kein Management-Posten bei ThyssenKrupp werde ohne Zustimmung dieser Arbeiteraristokratie besetzt. „Man braucht sich, man hilft sich, man lobt sich gegenseitig.“

So übernimmt bei der Konzerntochter ThyssenKrupp Steel im nächsten Jahr der bisherige Betriebsratsvorsitzende Thomas Schlenz den Posten des Personalvorstands, oder Arbeitsdirektors, wie er in der Montanmitbestimmung unterworfenen Konzernen genannt wird.

Im Stahlbereich sind in nächster Zeit keinerlei Investitionen vorgesehen. Laut Aussagen Hiesingers soll der Vorstandsposten des bisherigen Stahlchefs Edwin Eichler auch nicht neu besetzt werden. Die Wirtschaftswoche berichtete vor zwei Wochen unter Berufung auf Aufsichtsratskreise, Hiesinger erwäge für die Stahltochter alle Optionen von einer organisatorischen Ausgliederung bis hin zu einem Börsengang der deutschen Stahlwerke. Bei ThyssenKrupp Steel arbeiten rund 28.000 Menschen. Seit August dieses Jahres befinden sich 2.200 Stahlarbeiter in Kurzarbeit.

Oliver Burkhard, Bezirksleiter der IG-Metall in Nordrhein-Westfalen, tritt im April den Posten des Thyssen-Krupp-Personalvorstandes an und verzehnfacht dabei sein Einkommen auf knapp zwei Millionen Euro im Jahr. Neben Hiesinger und dem Finanzvorstand Guido Kerkhoff ist Burkhard der dritte gesetzte Mann im ThyssenKrupp-Vorstand. Der von der IG Metall eingesetzte Burkhard tritt die Nachfolge des 59-jährigen IGM-Funktionärs Ralph Labonte an, der aus gesundheitlichen Gründen in Pension geht. Burkhard und Schlenz werden die Aufgabe übernehmen, das Milliarden-Sparprogramm gegen die eigenen Mitglieder durchzusetzen.

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