Jakob Augstein als Antisemit diffamiert

Von Justus Leicht
12. Januar 2013

Das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles hat den deutschen Journalisten und Verleger Jakob Augstein auf Platz neun seiner jährlichen Liste der zehn führenden Antisemiten gesetzt. Augstein ist Herausgeber der Wochenzeitung Freitag, regelmäßiger Kolumnist auf Spiegel Online und Mitbesitzer des von seinem Vater gegründeten Spiegel Verlags.

Das Simon Wiesenthal Center wurde 1977 gegründet und nach dem berühmten Jäger von Nazi-Verbrechern benannt. Außer dem Namen hat es allerdings nichts mit Simon Wiesenthal zu tun. Gründer ist Rabbi Marvin Hier, der die politische Rechte in Israel unterstützt. Seit einiger Zeit gibt das Center eine Art „Hitliste des Antisemitismus“ heraus, die offiziell „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“ heißt.

Auf dieser Liste befindet sich Augstein in Gesellschaft der ägyptischen Moslembruderschaft, des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, des Führers der US-amerikanischen Nation of Islam Louis Farrakhan, sowie offen faschistischer Organisationen wie der ukrainischen Swoboda, der griechischen Goldenen Morgenröte und der ungarischen Jobbik.

Augstein hat sich nie durch antisemitische Äußerungen hervorgetan. Er kritisiert zwar gelegentlich die israelische Regierung und die extreme religiöse Rechte in Israel, diffamiert aber nicht die jüdische Bevölkerung Israels und erst recht nicht die Juden im Allgemeinen.

Das Simon Wiesenthal Center zitiert als Beleg Passagen aus Augsteins Kolumne für Spiegel Online, die – obwohl teilweise verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen – den Vorwurf des Antisemitismus in keiner Weise belegen.

Augstein kritisiert darin den Einfluss von zionistischen Lobbygruppen in der US-Politik, die Unterstützung der USA und Deutschlands für die Kriegstreiberei der Netanjahu-Regierung, die atomare Bewaffnung Israels und die Lebensbedingungen in Gaza, wo Israel sich seine eigenen Gegner ausbrüte. In weiteren Passagen vergleicht Augstein islamische Fundamentalisten mit Ultraorthoxen Juden und bemerkt, dass gewalttätige Anschläge von Islamisten den Rechten in den USA und Israel in die Hände spielen.

Dass Augstein trotzdem auf der Liste der zehn führenden Antisemiten gelandet ist, dürfte er dem deutschen Publizisten Henryk M. Broder verdanken, der vom Simon Wiesenthal Center ausdrücklich als Zeuge angeführt wird.

Broder wird auf der Liste des Centers als „respektierter Kolumnist für Die Welt“ bezeichnet und mit den Worten zitiert: „Jakob Augstein ist kein Salon-Antisemit, er ist ein lupenreiner Antisemit, … ein Überzeugungstäter, der nur Dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen. Das Zeug dazu hätte er.“ [1]

Broder, heißt es auf der Liste des Simon Wiesenthal Centers, habe Augstein als „kleinen Streicher“ bezeichnet. Julius Streicher war Herausgeber des Stürmer, eines für seine primitive antisemitische Hetze berüchtigten Naziblattes. Er wurde 1946 von den Alliierten als Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Broder hatte bereits im Frühjahr letzten Jahres eine wichtige Rolle bei der Kampagne gegen den Schriftsteller Günter Grass gespielt. Grass hatte damals in dem Gedicht „Was gesagt werden muss“ die israelischen Kriegsvorbereitungen gegen den Iran und deren Unterstützung durch Deutschland kritisiert und vor den katastrophalen Folgen eines Militärschlags gewarnt. (Siehe: „Verteidigt Grass!“) Broder hatte Grass darauf als „Prototyp des gebildeten Antisemiten“ beschimpft.

Der 1946 geborene Broder hatte seine publizistische Karriere in den 1960er Jahren bei den St. Pauli-Nachrichten begonnen, die Sex-Fotos mit längeren, eher links orientierten Texten kombinierten. Bald spezialisierte er sich darauf, im linken publizistischen Spektrum Antisemitismus zu entdecken, wobei er mehr und mehr dazu neigte, jede Kritik an der israelischen Regierung und jede Sympathiebekundung für die Palästinenser als antisemitisch zu denunzieren. Schließlich erklärte er ausdrücklich, dass jede Kritik am Zionismus eine Form des Antisemitismus sei.

Obwohl Broders Angriffe auf politische Gegner immer gehässiger und unflätiger wurden, boten ihm zahlreiche Medien eine Plattform. Von 1995 bis 2010 schrieb er regelmäßig für den Spiegel. Außerdem publizierte er in der Zeit, der Süddeutschen Zeitung und mehreren Sendungen im öffentlichen Fernsehen und Radio. 2010 wechselte er schließlich zum rechtslastigen Springerverlag. Seither schreibt er für Die Welt und Welt Online.

Der von Broder mitverantwortete Blog Die Achse des Guten vertritt ähnliche Auffassungen wie die amerikanischen Neocons und verbreitet einen rabiaten Antiislamismus. Er pflegt eine enge Zusammenarbeit mit dem Schweizer Wochenmagazin Die Weltwoche, die der ausländerfeindlichen Schweizerischen Volkspartei SVP nahe steht. In seinem Buch „Hurra, wir kapitulieren!“ warf Broder dem Westen Kapitulation vor dem Islamismus vor. Nicht zufällig hat der norwegische Rechtsterrorist Anders Behring Breivik zur Begründung seiner Massenmorde auch Zitate von Broder benutzt.

Bei seinen Angriffen auf Günter Grass schwamm Broder noch mit dem Mainstream. Der berühmte Schriftsteller stand damals einer nahezu geschlossenen Front aus Medien und Politik gegenüber. Nur wenige Journalisten, unter ihnen Jakob Augstein, stellten sich damals, wenn auch äußerst halbherzig, hinter Grass.

Diesmal ist es anders. Augstein wird, mit Ausnahme der Springer-Presse, von den meisten Medien verteidigt.

Auch der Zentralrat der Juden lehnt den Vorwurf des Antisemitismus ab. Sein Präsident Dieter Graumann kritisierte zwar Augsteins Artikel zu Israel. Einen „camouflierten Antisemitismus, der sich der Israel-Hetze bedient“, wolle er Augstein aber „nicht unterstellen“, sagte er dem Magazin Focus.

Ähnlich äußerte sich der Vizepräsident des Zentralrats Salomon Korn im Deutschlandradio. Er habe „nie den Eindruck, dass das, was er [Augstein] geschrieben hat, antisemitisch ist.“ Zu Broder meinte er: „Man kann nicht immer alles wörtlich nehmen, was er sagt, und man kann auch nicht immer alles ernst nehmen, was er sagt.“

Während Grass von seiner eigenen Partei, der SPD, dem FDP-Außenminister und der Kandidatin der Linkspartei für das Bundespräsidentenamt angegriffen wurde, wird Augstein heute von einem breiten politischen Spektrum, das vom Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi bis zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU Julia Klöckner reicht, gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen.

Grund ist, dass Grass nicht nur die israelische Regierung, sondern auch die deutsche Außenpolitik kritisierte, die gerade dabei war, sich aktiver im Nahen Osten einzumischen. Augsteins Kritik ist dagegen wesentlich milder. Sie richtet sich hauptsächlich gegen die israelische Regierung und nicht gegen die deutsche Außenpolitik. Und auch hier ist sie äußerst wankelmütig und halbherzig.

Sie kommt der deutschen Regierung sogar bis zu einem gewissen Grad entgegen. Diese ist voll in die Kriegsvorbereitungen gegen Syrien und den Iran integriert und arbeitet dabei eng mit der Regierung Israels zusammen. Sie will sich ihre Politik aber nicht vollständig von Tel Aviv und Leuten wie Broder diktieren lassen.

Das Verhalten der Regierung Netanjahu wird inzwischen auch in Berlin, London und Washington als Problem gesehen. Die Londoner Financial Times kommentierte erst gestern, man dürfe die Unterstützung Israels nicht mit Rückhalt für die Kolonisierung der palästinensischen Westbank durch Benjamin Netanjahu gleichsetzen. „Man kann pro-israelisch sein, ohne Herrn Netanjahu zu unterstützen.“ [2]


[1] “Jakob Augstein is not a salon anti-Semite, he’s a pure anti-Semite…an offender by conviction who only missed the opportunity to make his career with the Gestapo because he was born after the war. He certainly would have had what it takes.”

[2] …equate support for Israel with backing for Benjamin Netanyahu’ colonisation of the Palestinian West Bank. “You can be pro-Israel without backing Mr. Netanyahu.”