Andy Durgan und En Lucha: Historische Verfälschungen zur Rechtfertigung des politischen Betrugs an den spanischen Arbeitern

Teil 2

Von Dave Hyland
1. Februar 2013

Um der Lerroux-Regierung Widerstand zu leisten und der Möglichkeit vorzubeugen, dass die CEDA Regierungsmacht übernimmt, wurden im Dezember 1933 Arbeiterallianzen gebildet. Die Spanische Sozialistische Partei (PSOE), die ihre Politik des „parlamentarischen Wegs zum Sozialismus“ gegen den „Weg des Aufstands“ ausgewechselt hatte, wurde zur wichtigsten Partei innerhalb der Arbeiterallianz.

Als Lerroux den Forderungen der CEDA nachgab und am 1. Oktober 1934 drei Ministerposten an sie übertrug, ließ die PSOE indessen ihre revolutionäre Rhetorik wieder fallen und rief einen „friedlichen Generalstreik“ für den 6. Oktober aus. Sodann tat sie alles Erdenkliche, um den Druck, der durch diese Aktion auf die Regierung fiel, minimal zu halten. Niemals unternahm sie den Versuch, eine Miliz zu organisieren oder einen Aufstand zu planen. Als die Arbeiter schließlich in Madrid ohne die PSOE auf die Straße gingen, überließ die sozialdemokratische Partei sie ihrem Schicksal. Die Arbeiterklasse von Asturien war die einzige, die den Aufstand wagte.

Durgan verharmlost die Rolle der PSOE und erfindet eine fiktive „Einheit“ innerhalb der Arbeiterallianzen. Er schreibt: „Die Bergarbeiter standen im Mittelpunkt dieser Bewegung. Dies verdankten sie ihren Kampftraditionen, einer Krise in der Bergbauindustrie und der Einheit der Arbeiterorganisationen in den Arbeiterallianzen.

Solche Allianzen wurden in ganz Spanien gegründet. Doch nur in Asturien umfassten sie sowohl die mächtige anarchistische Gewerkschaft, die CNT, als auch die kommunistischen und revolutionären Sozialisten.

Die Rebellion wurde zwei Wochen später von der Armee General Francisco Francos niedergeschlagen, der anschließend als „Schlächter von Asturien“ zu Bekanntheit gelangte.

Die Bergarbeiter wurden schließlich von übermächtigen Kräften besiegt,” fasst Durgan zusammen.

Das ist unwahr. Die Arbeiterklasse konnte mit der Armee fertig werden. Das Problem bestand darin, dass eine revolutionäre Partei fehlte und deshalb der Verrat der PSOE für die spanischen Arbeiter bedeutete, auf eine anarcho-syndikalistische Führung und deren Kampfformen zurückzufallen.

Durgan breitet seine Schwingen über die Anarcho-Syndikalisten aus und verwischt ihre Rolle bei der politischen Vorbereitung zur brutalen Unterdrückung der Rebellion. Es existierte, schreibt er, in Asturien „ein revolutionäres Komitee auf der Grundlage von Delegierten der Gewerkschaften und Arbeiterparteien“, das „die Region zu einer Sozialistischen Republik erklärte.“

Was Durgan “Sozialistische Republik” nennt, war ein bürgerliches Regime unter Führung der von der UGT kontrollierten asturischen Arbeiterallianz, das die Anarcho-Syndikalisten unterstützten. Die Weigerung der letztgenannten, die Macht zu ergreifen, erlaubte es der PSOE und der UGT, die Rebellion zu isolieren und ihre Niederlage zu besiegeln.

In Asturien traten die “Kommunisten”, wie Durgan die Stalinisten bezeichnet, den Arbeiterallianzen erst nach zweimaliger Ablehnung der Einladung bei. Während der stalinistischen „Dritten Periode“ lehnten sie mit der Begründung ab, diese seien randvoll mit „Sozialfaschisten“, „Anarchofaschisten“ und „Trotzkisten-Faschisten“. Erst nachdem Moskau die „Volksfront“-Periode eingeleitet hatte, trat die stalinistische Kommunistische Partei Spaniens (PCE) den Arbeiterallianzen bei, und zwar mit dem Ziel, sich dem rechten Flügel der PSOE anzunähern.

Die kriminelle Rolle, welche die Komintern in Deutschland spielte, sowie ihre Weigerung, dazu eine politische Analyse zu liefern, überzeugten Trotzki, dass es nicht mehr möglich war, sie zu reformieren. Die Verteidigung des Programms der sozialistischen Weltrevolution – zu dieser Gewissheit war Trotzki gelangt – konnte nur noch in Opposition zum Stalinismus, mittels des Aufbaus einer neuen, der Vierten Internationale, gelingen.

Auch diese entscheidende Erfahrung erwähnt Durgan nicht. Nahtlos geht er von den spanischen Ereignissen 1934 zu denen von 1936 über, als ob Trotzkis Kampf bedeutungslos gewesen wäre. Vergebens wartet man auf ein Wort von ihm zu der Rolle, welche die von den Stalinisten unterstützte Volksfront, zusammengesetzt aus der liberalen Bourgeoisie im Bündnis mit der PCE, der PSOE und den Zentristen von der Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit (POUM), gespielt hat.

Durgan schreibt: “Die Bergarbeiter hielten zwei Wochen in den Bergtälern und der Provinzhauptstadt Oviedo gegen die Armee aus,“ bevor sie besiegt und „fürchterlicher Repression“ durch Francos Truppen ausgesetzt wurden – „mit tausenden Ermordeten und vielen weiteren Verhafteten und Gefolterten.“

Er vermerkt die inspirierende Rolle, die sie während des 1936 ausgebrochenen Bürgerkrieges spielten, bis sie erneut „ im Oktober 1937 von den faschistischen Einheiten überwältigt“ wurden.

Nicht an einer Stelle findet sich eine politische Analyse der Niederlagen der Bergarbeiter und der spanischen Arbeiterklasse, die sich aus der konterrevolutionären Rolle der Volksfront ergaben. Die Koalition der linken und republikanischen Parteien, die am 16. Februar 1936 als Wahlsieger hervorgingen, hatte den Auftrag, den Klassenkampf innerhalb von Grenzen zu halten, die die Existenz des Kapitalismus nicht infrage stellten. Während sie die CEDA-Koalition verurteilte, die Freilassung politischer Gefangener und die Wiedereinführung der Reformen forderte, lehnte sie zugleich die Nationalisierung von Land und Privateigentum ab.

Nur Stunden nach den Wahlen vom 16. Februar unternahmen Franco und andere Generäle erfolglos einen Putschversuch. Azaña weigerte sich, sie ihrer Posten zu entheben und versetzte sie einfach an andere Stellen.

Während die Arbeiterparteien nicht darauf vorbereitet waren, gegen die Bourgeoisie tätig zu werden, bereitete die Bourgeoisie Maßnahmen gegen die Arbeiterklasse vor. Nur Monate später, im Juli, leitete Franco einen Staatsstreich ein und der dreijährige Bürgerkrieg brach aus.

Durgan erwähnt nicht einmal die Existenz der POUM. Dies kann nicht einmal als historische Unkenntnis seinerseits abgetan werden. Es ist nicht das erste Mal, dass die World Socialist Web Site auf seine Arbeit zurückkommen musste. Im Jahr 2008 zitierte Ann Talbot in einer Besprechung seines Buches The Spanish Civil War einen Artikel über die POUM, den Durgan 1990 für Revolutionary History verfasst hatte.

Talbot erläutert, dass Durgan “damals Kritik an Trotzki übte und sowohl seine Analyse der Weltsituation als auch des Verlaufs der spanischen Revolution ablehnte, doch er stellte sich nicht direkt auf die Seite der Volksfront, wie er es im vorliegenden Buch tut, indem er sich die Theorie der Modernisierung aneignet.“

“Trotzki wird bloß zweimal beiläufig erwähnt“, bemerkt Talbot. In einer der Erwähnungen wird er für zu „schroffes“ Benehmen gegenüber Andres Nin, dem Führer der POUM, gerügt.

Trotzki führte einen langwierigen theoretischen und politischen Kampf gegen die zentristischen Positionen der POUM und ihres Führers Nin. Nin war ehemals Mitglied der Kommunistischen Partei, brach 1930 mit der Komintern und sollte Führer der jungen spanischen Linken Opposition werden.

Trotzki hatte großen Respekt vor Nin, doch dieser lehnte es ab, obwohl er mit den Stalinisten gebrochen hatte, für die Vierte Internationale einzutreten. Stattdessen verschmolz er die Kommunistische Linke Spaniens mit der von Joaquin Maurin geführten Arbeiter- und Bauernpartei, die im Bündnis mit der rechten Opposition in Russland unter Nikolai Bucharin stand, zur POUM.

Im Zentrum von Trotzkis Kampf mit Nin stand die Notwendigkeit, in Spanien eine revolutionäre Partei aufzubauen, die eng mit einer internationalen Organisation unter ihrer Disziplin zusammenarbeitete. Der Aufbau einer nationalen Organisation, wobei politische Differenzen opportunistisch zerredet wurden, stand dem entgegen.

Obwohl er die Volksfront kritisierte, übernahm Nin einen Ministerposten in der katalanischen Regierung und legitimierte damit ihre paralysierende Rolle. Trotzki erklärte, dass es die POUM war, die eine entscheidende Rolle bei der Niederlage der Revolution spielte:

“Links von all den anderen Parteien in Spanien stand die POUM, welche zweifellos revolutionäre proletarische Elemente umfasste, die vorher nicht fest mit dem Anarchismus verbunden gewesen waren. Aber gerade diese Partei spielte in der Entwicklung der spanischen Revolution eine verhängnisvolle Rolle. Sie konnte keine Massenpartei werden, denn dazu wäre es notwendig gewesen, erst einmal die alten Parteien zu zerbrechen, und das hätte nur durch einen unversöhnlichen Kampf, durch erbarmungsloses Anprangern ihres bürgerlichen Charakters erreicht werden können.

Zwar kritisierte die POUM die alten Parteien, unterwarf sie sich ihnen aber gleichzeitig in allen Grundfragen. Sie beteiligte sich am „Volks“-Wahlblock, trat einer Regierung bei, die Arbeiterkomitees liquidierte, kämpfte für die Wiederherstellung dieser Regierungskoalition, kapitulierte immer wieder vor der anarchistischen Führung, betrieb in diesem Zusammenhang eine falsche Gewerkschaftspolitik und nahm eine schwankende und nichtrevolutionäre Haltung gegenüber dem Mai-Aufstand von 1937 ein.

Vom Standpunkt des Determinismus im Allgemeinen kann man natürlich erkennen, dass die Politik der POUM keine zufällige war. Jedes Ding auf dieser Welt hat seine Ursache. Jedoch die Reihe von Gründen, die den Zentrismus der POUM erzeugten, sind auf keinen Fall eine bloße Widerspiegelung des Zustandes des spanischen oder katalanischen Proletariats. Zwei Reihen Ursachen bewegten sich in einem Winkel aufeinander zu, und in einem bestimmten Moment kollidierten sie.“

Es ist unfassbar, aber Durgan verliert nicht ein Wort über die GPU, Stalins mordende Geheimpolizei, und ihre Auswirkungen auf die spanische Arbeiterbewegung.

Die GPU führte eine Mordkampagne gegen jeden, der Stalins politischer Linie Widerstand leistete. Dies richtete sich einerseits speziell gegen die Trotzkisten, die die Arbeiter aufriefen, ihren Kampf auf Grundlage eines internationalen revolutionären Programms zu führen und sich gegen die Politik der Klassenzusammenarbeit positionierten, und anderseits gegen Francos faschistische Schergen. Auch Nin, zuvor gefoltert, wurde Opfer der feigen Morde der GPU. Diesen Mord beging Stalins Geheimpolizei zur Zeit des ersten Moskauer Schauprozesses im Jahr 1936, bei dem Trotzki in Abwesenheit als Hauptangeklagter zum Tode verurteilt wurde.

Durgans Artikel ist unausgesprochen von dem demoralisierten kleinbürgerlichen Klassenstandpunkt durchzogen, dass es unmöglich sei, den Kampf gegen Kapitalismus und Faschismus auf Grundlage eines sozialistischen Programms zu führen, weil man am Ende doch besiegt würde. Gewiss, beginnt man den Kampf, wie er es tut, nämlich im Glauben, dass der Kapitalismus allmächtig und nicht zerrissen von explosiven Widersprüchen ist, dann kassiert man eine sichere Niederlage. Durgan macht sich die Feigheit und Servilität der sozialdemokratischen, stalinistischen und zentristischen Führer der Volksfront zunutze, um die objektive revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse verleugnen zu können.

Trotzki schrieb kraftvoll über die Verantwortung der Führung:

“Die historische Verfälschung besteht darin, die Verantwortung für die spanische Niederlage den arbeitenden Massen aufzuladen und nicht den Parteien, die die revolutionäre Bewegung der Massen gelähmt oder einfach zerbrochen haben. Die Anwälte der POUM leugnen einfach die Verantwortung der Führer, um sich damit vor ihrer eigenen Verantwortung drücken zu können. Diese Philosophie der Ohnmacht, die versucht, Niederlagen als notwendige Glieder in der Kette überirdischer Entwicklungen hinzunehmen, ist total unfähig, Fragen nach solch konkreten Faktoren wie Programmen, Parteien, Persönlichkeiten, die die Organisatoren der Niederlage waren, überhaupt aufzuwerfen, und weigert sich, dies zu tun. Diese Philosophie des Fatalismus und der Schwäche ist dem Marxismus als der Theorie der revolutionären Aktion diametral entgegengesetzt.“

Wird fortgesetzt

Andy Durgan: “The Spanish Trotskyists and the Foundation of the POUM” [Die spanischen Trotzkisten und die Gründung der POUM], Revolutionary History, Vol. 4, Nos.1-2. (1990) [Englisch]

Ann Talbot: The Spanish Civil War by Andy Durgan: Britain’s SWP lends credence to Stalinist line on Spanish Civil War” [Der Spanische Bürgerkrieg von Andy Durgan. Die britische SWP verleiht der stalinistischen Politik im spanischen Bürgerkrieg Glaubwürdigkeit] (16. September 2008) [Englisch]

Leo Trotzki: Klasse, Partei und Führung. Warum wurde das spanische Proletariat besiegt? (1940), in: Ders.: Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1931-39, Band 2, Frankfurt am Main 1976, S. 345 [Orthographie angepasst]

Ebd., S. 346