Hewlett-Packard schließt Werk in Rüsselsheim

Von Jan Peters
12. Februar 2013

Am Freitag, den 1. Februar, erfuhren die Mitarbeiter von Hewlett-Packard in Rüsselsheim, dass ihr Standort zum 31. Oktober 2013 geschlossen werden soll. Die Schließung betrifft 1.100 hochqualifizierte Beschäftigte.

Die Art und Weise, wie sie informiert wurden – durch eine E-Mail-Mitteilung –, schockierte die Angestellten und machte sie sauer und zornig. Sie wissen genau, dass hunderte arbeitslose Computerspezialisten im Rhein-Main-Gebiet nicht gleichzeitig zu vermitteln sind. Um etwas Dampf abzulassen, organisierten IG Metall und Verdi am Mittwoch darauf einen Protestzug, an dem etwa 700 IT-Spezialisten teilnahmen.

Hewlett Packard hatte 2008 das Dienstleistungsunternehmen EDS in Rüsselsheim übernommen. Vor dieser Übernahme war EDS Outsourcing-Partner von General Motors und Opel gewesen. General Motors hatte zu der Zeit immer mehr IT-Aufgaben ausgegliedert und EDS zwischenzeitlich sogar als Tochterunternehmen in den Konzern integriert.

Bereits wenige Monate nach der Übernahme von EDS kündigte das HP-Management weltweit Massenentlassungen an. Die Belegschaft sollte um rund 25.000 Mitarbeiter reduziert werden, was 7,5 Prozent der Gesamtbelegschaft entsprach. Meg Whitmann, Chefin von Hewlett-Packard, kündigte Ende 2012 noch einmal an, weltweit bis in zwei Jahren 29.000 Stellen zu streichen.

Wie bei vielen Konzernen geht es bei Hewlett-Packard darum, genug Profit zu erwirtschaften, um die Investoren zufrieden zu stellen. Arbeiter in aller Welt zahlen für die Forderungen der Banken nach hohen Profiten mit Entlassungen, Lohnkürzungen und verschärfter Arbeitshetze. Bis Ende 2014 will HP durch die Entlassungen über drei Milliarden Dollar einsparen. (Siehe auch: „Hewlett-Packard announces 27,000 job cuts”)

Dabei machte Hewlett Packard im Jahr 2011 mehr als sieben Milliarden Dollar Profit. Jetzt wird erwartet, dass ein Drittel der zusätzlichen Profite, die durch den Abbau der 25.000 Stellen erzielt werden, nicht in neue Investitionen fließen, sondern direkt in die Taschen der Aktionäre.

Im Gespräch mit der Computerwoche begründete HP-Geschäftsführer Volker Smid die Schließung in Rüsselsheim. „Rüsselsheim ist für HP fast ausschließlich ein Outsourcing-Standort, und im Outsourcing gibt es erhebliche Marktveränderungen“, sagte er. Im Outsourcinggeschäft müsse ständig die Automatisierung und Standardisierung erhöht werden.

Die Kosten dafür sollen im Wesentlichen die Beschäftigten tragen. So werden die Aufgaben von 400 Mitarbeitern nach Sofia im Billiglohnland Bulgarien verlagert. Ungefähr 250 IT-Spezialisten könnten zu Opel zurückkehren, falls die Firma die Auslagerung der IT-Abteilung rückgängig macht. Die restliche Arbeit soll laut Smid auf die übrigen in Deutschland tätigen 4.400 Servicemitarbeiter übertragen werden, was zu weiterem Arbeitsstress führen wird.

Den Angriffen eines globalen Konzerns wie Hewlett Packard können Arbeiter nur entgegentreten, wenn sie sich über nationale Grenzen hinweg zusammenzuschließen und die Arbeitsplätze und Errungenschaften in jedem Land gemeinsam verteidigen.

Auf die Gewerkschaften können sie sich dabei nicht verlassen. Gewerkschaften wie Betriebsräte fungieren als Co-Manager der Geschäftsführung und lehnen einen prinzipiellen Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze ab. Auch bei HP verfolgen IG-Metall- und Verdi-Funktionäre in erster Linie das Ziel, einvernehmlich mit der Direktion zusammenzuarbeiten. Sie kritisieren, dass sie zu spät in deren Pläne eingeweiht wurden und dass keine „langfristige Strategie“ erkennbar sei.

Johannes Katzan (IG Metall) und Thomas Müller (Verdi), beide Aufsichtsratsmitglieder der HP Deutschland GmbH, begründen ihre Ablehnung der Pläne des Konzerns folgendermaßen: „Die Beschäftigten sollen hier für Managementfehler gerade stehen, ohne dass eine Strategie erkennbar wird, wohin sich HP in Deutschland entwickeln soll. Wir fordern eine langfristige Personalplanung und Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten im Konzern an Stelle einer kurzfristigen Kahlschlagspolitik.“

Und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Günter Hornung erklärte: „Wir sind empört, dass wir in die Planungen des Managements nicht einbezogen wurden. Wer von uns vertrauensvolle Zusammenarbeit erwartet, muss auch seinen Teil dazu beitragen.“

Dieselben Funktionäre hatten schon im Dezember vergangenen Jahres im Einvernehmen mit der Geschäftsleitung dafür gesorgt, dass zunächst 450 Stellen im Bereich des HP-Produktgeschäfts abgebaut werden.

Vergangenen Mittwoch warf IGM-Sekretär Martin Sperber-Tertsunen der Firmenleitung am Rande der Demonstration vor, das Management habe mit seinem rabiaten Vorgehen und seiner unsensiblen Informationspolitik „Öl ins Feuer gegossen, statt das Verständnis der Mitarbeiter zu gewinnen“. Damit brachte Sperber-Tertsunen deutlich zum Ausdruck, dass er das Vorgehen von HP nur kritisiert, weil es den Unmut der Beschäftigten anheizt und die Arbeit der Gewerkschaft und der Betriebsräte erschwert, den Arbeitsplatzabbau reibungslos über die Bühne zu bringen.

Die Schließung von HP in Rüsselsheim reiht sich in eine täglich länger werdende Reihe von Massenentlassungen und Betriebsschließungen ein.

In Offenbach wurde der Druckmaschinenhersteller manroland zerschlagen und die Arbeitsplätze auf 900 halbiert; aktuell werden noch einmal 200 Entlassungen durchgeführt, und der Standort Plauen wird ganz geschlossen. Die Commerzbank entlässt 5.000 Angestellte, und der Stahlkonzern Thyssen-Krupp mindestens 2.000 Arbeiter. In Bochum soll das Opelwerk geschlossen werden, ebenso die Großdruckerei Prinovis in Itzehoe. Vor einem dreiviertel Jahr wurde Neckermann abgewickelt und der Drogeriemarkt Schlecker mit vielen Tausend Filialen und mehr als 20.000 Arbeitsplätzen geschlossen. Aktuell steht die Frankfurter Rundschau mit Druckerei und Verlag vor dem Aus.