Der intellektuelle Bankrott der Verteidiger von Django Unchained und Zero Dark Thirty

Von David Walsh
26. Februar 2013

Das Erscheinen der Filme Lincoln (Steven Spielberg und Tony Kushner), Zero Dark Thirty (Kathryn Bigelow und Mark Boal) und Django Unchained (Quentin Tarantino) Ende 2012 entzündete eine heftige und immer nach andauernde Mediendebatte sowohl zu Verdiensten als auch historischen Bezugnahmen der Filme.

Obwohl vieles des Geschriebenen oberflächlich und gedankenlos ist, spricht die Diskussion wichtige Fragen an. Im Wesentlichen reflektieren die verschiedenen Kommentare gegensätzliche Klassenhaltungen gegenüber historischen und heutigen Ereignissen.

Bemerkenswerter Weise, wenngleich nicht unbedingt überraschend, hat die Mehrheit der Kritiker und Kommentatoren – besonders wohl die liberal denkenden und „linken“ unter ihnen – ihre Vorliebe für Django Unchained (im besonderen) und Zero Dark Thirty klar gemacht. In einigen Fällen zogen sie Lincoln den beiden Filmen vor. Wir haben bereits die Positionen von Jon Wiener von der Nation, des Filmemachers Michael Moore und anderen angeführt.

Auf den ersten Blick wirkt diese Wahl vom ästhetischen Gesichtspunkt aus unverständlich. Ungeachtet seiner Schwächen bemüht sich Lincoln darum, verständlich zu machen, wie sich die verschiedenen Haupt- und Nebenpersönlichkeiten während der Bürgerkriegsepochen verhalten haben; er will dem Zuschauer einigen Einblick in den Gang von Geschichte und Politik liefern und die menschliche Persönlichkeit differenzierter präsentieren, mit angemessenem Quantum an Humor und Mitgefühl.

Tarantinos Django Unchained ist weitestgehend von Monstern bevölkert, deren Motive fast ausnahmslos die niederträchtigsten sind. In der menschenverachtenden und rassistischen Weltanschauung von Regisseur und Drehbuchautor wurde oder sollte die Sklaverei durch blutrünstige individuelle Racheakte liquidiert werden. Der Film lässt sich von der Tatsache, dass diese Institution keineswegs auf diese Weise liquidiert worden ist, in nichts aufhalten. Seine Handlungen sind gekünstelt und unglaubwürdig, die Charaktersierungen erdrückend eindimensional und die Dialoge infantil.

Zero Dark Thirty ist eine auf der Sicht der CIA basierende, stumpfsinnige und düstere Schilderung der rastlosen Anstrengungen einer Geheimagentin Osama bin Laden aufzuspüren und ermorden zu lassen. Seine Hauptannahme – dass die Invasion Afghanistans und des Iraks sowie der „Krieg gegen den Terror“ aufrichtige und patriotische Antworten auf die Ereignisse des 11. September waren – ist eine Lüge, die unvermeidlich und verhängnisvoll jeden Aspekt des Werks verzerrt. Die unkritisch erzählte Lebensgeschichte eines imperialistischen Vernehmungsbeamten und Folterers kann letzten Endes keinen ernstzunehmenden künstlerischen oder dramatischen Eindruck erwecken.

Zwei der neuesten Kommentatoren, die sich den Vorzügen der drei Filme widmeten, sind Ann Hornaday von der Washington Post und Frank Rich, ein ehemaliger New York Times-Kolumnist, der heute für das New York-Magazin schreibt.

Hornadays Artikel (“Warum Tarantino besser als Spielberg die Sklaverei darstellt”) ist lediglich ein weiterer der zahllosen Kommentare, die behaupten, Tarantino würde das Publikum der Wahrheit über die Sklaverei näher bringen als Spielbergs Lincoln.

In diesem Sinne schreibt sie, der Drehbuchautor und Regisseur von Django Unchained gehe das Sklavereisystem „mit ausbeuterischer Ausschweifung“ an. „Es könnte sein, dass die Darstellung der Perversität eines Systems, das darauf beruht, entführte Menschen routinemäßig zu kaufen, zu verkaufen, zu vergewaltigen, zu verstümmeln und zu ermorden, Genre-Filmemacher dazu treibt, besonders drastisch und übertrieben zu zeichnen. Wie sonst könnten Filme in angemessen symbolischer Weise Amerikas blutigstes und beschämendstes Kapitel darstellen?“

Dies ist von der Historie nicht beeinflusstetes Moralisieren. Die Sklaverei war mitwirkender Bestandteil in der Frühentwicklung des Weltkapitalismus, eines Systems, dessen heutigen Betrieb Hornaday im Traum nicht in Frage stellen würde. Marx erklärte im Kapital: „Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära.“ Diese „idyllischen Prozesse“, erklärte er, seien Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals. (Das Kapital I, MEW, Bd. 23, S. 779)

Grauenerregende Zustände herrschten auch in den Industriestädten und –orten Englands. Laut einem zeitgenössischen Kommentator wurden Kinder „gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit; sie wurden in vielen Fällen bis auf die Knochen ausgehungert, während die Peitsche sie an der Arbeit hielt... Ja, in einigen Fällen wurden sie zum Selbstmord getrieben“ (ebd., S. 786). Im selben Werk stellte Marx, auf eine Enthüllung der Lebensbedingungen der Sklaven im amerikanischen Süden antwortend, fest: „Lies statt Sklavenhandel Arbeitsmarkt, statt Kentucky und Virginien Irland und die Agrikulturdistrikte von England, Schottland und Wales, statt Afrika Deutschland!“ (ebd., S. 282). Ganze Generationen wurden in Fabriken, Arbeitshäusern und Bergwerken ausgerottet. Die Lebenserwartung eines männlichen Angehörigen der Arbeiterklasse betrug im Jahr 1840 in Manchester siebzehn Jahre.

Tatsächlich führt Lincoln das Publikum weit näher an die Wahrheit heran, weil der Film die Sklaverei in der realen Geschichte verortet. Diese Wahrheit ist nicht das Produkt von angeborenem Rassismus und von Schmutzigkeit à la Tarantino und seiner Apologeten, sondern ein aufgrund seiner Rückständigkeit und Brutalität wie der moralischen Opposition, die es heraufbeschwörte, dem Untergang geweihtes Wirtschaftssystem. Die Betrachtung eines Menschen, der von Hunden zerfleischt wird, bringt uns dem Kern der Sache nicht näher – sie führt uns lediglich Tarantinos krankhafte und ungenießbare Zwangsvorstellungen vor Augen.

Hornadays Kolumne in der Post ist gänzlich von dem Argument durchzogen, die Sklaverei sei solch ein „perverses“ und irrationales Phänomen gewesen, dass es in seiner Behandlung nach Verfälschung und Unwahrheit verlange. „Doch selbst da, wo er am grellsten, absurdesten und ahistorischsten ist, teilt ‘Django Unchained’ Wahrheiten mit, die pathetischere, ernsthaftere Versuche [d. h. Lincoln] vermissen lassen“ und: „Vielleicht braucht es den irrigen Wahnsinn von Django und [Abraham Lincoln Vampirjäger (!)] um den Wahnsinn eines Landes zu beschreiben, das auf dem Rücken von Sklaven zu einer Weltmacht geworden ist.“

Kunst erfordert Abstraktion, Verdichtung und Übertreibung. Dies ist aber nicht, wovon Tarantinos oder Bigelows Werke handeln. Ihre Darstellungen des Lebens sind nicht darum falsch, weil sie, um zu wesentlichen Wirklichkeiten zu gelangen, sich solcher Mittel bedienten, sondern weil sie diese Wirklichkeiten letzten Endes verdecken wollen. Indem im einem Fall nicht etwa das Bild einer Wirtschaftsordnung gezeichnet wird, die umgestürzt werden muss, sondern das eines Landes und einer Bevölkerung, die vorbehaltlos eingeäschert gehören (Django Unchained) und im anderen Falle dasjenige eines Militär- und Geheimdienstapparates, der sich im Kampf mit einem unergründlichen, fremden Bösen befindet und gelegentlich ‚moralische Grenzen überschreitet‘(Zero Dark Thirty), betreiben Tarantino und Bigelow ideologische und moralische Verteidigung des amerikanischen Status Quo.

Worin besteht dasjenige, was die weltweite Pseudo-Linke speziell an Lincoln auszusetzen hat und andererseits so an Django Unchained schätzt?

Diese wohlsituierte soziale Schicht, konditioniert durch Jahrzehnte währenden akademischen Anti-Marxismus, Identitätspolitik und Nabelschau, lehnt die Vorstellung von Fortschritt ab, ferner die Berufung auf Vernunft, die Fähigkeit, etwas aus der Geschichte lernen zu können, den Einfluss von Ideen auf die Bevölkerung, Massenmobilisierungen und zentralisierte Macht. Sie fühlt sich stark angesprochen vom Irrationalismus, der Mythologisierung, dem „karnevalesken“ kleinbürgerlichen Individualismus, Rassismus, Geschlechterpolitik, Vulgarismus und gesellschaftlicher Rückwärtsgerichtetheit.

Für Leute dieses Schlages ist Lincoln langweilig, bieder und hagiographisch, weil er Ideen und Geschichtsakteure mit Ernsthaftigkeit und sogar Bewunderung behandelt. Für diese sogenannten radikalen Kommentatoren kann ein heutiger Film kaum entwürdigend oder „dunkel“ genug sein. Die letzteren verachten jeden Ausdruck von Zuversicht in die besten Gefühle und die demokratische Sensibilität der amerikanischen Bevölkerung, der sie immerzu unterstellen, sie sei kurz davor, einen Lynchmob zu bilden. Der Bürgerkrieg versetzt diese ex-linken Elemente in fiebrigste Gereiztheit, denn das ideologische Engagement und die Opferbereitschaft einer Großzahl weißer Nordamerikaner in diesem Feldzug gegen die Sklaverei widerlegt ihre Konzeptionen und muss entweder ausgeblendet oder verleumdet werden.

Frank Richs Kolumne im New York-Magazine („Folter, Kompromiss, Rache“) ist ein weitschweifiger und mutloser Text. Als erstes kommt einem intellektuelle Ermüdung und Auszehrung in den Sinn. Rich hatte seinen Platz an der Sonne als Kritiker der Bush-Regierung, ihres Kriegstreibens im Nahen Osten und ihrer Angriffe auf demokratische Rechte. Beispielsweise schrieb er 2005 in der New York Times bezüglich der Ereignisse im Irak, dass „wir immer noch nicht die ganze Geschichte kennen, wie unsere eigene Demokratie auf dem Weg in den Krieg gekapert worden ist.“

Doch das liegt jetzt hinter ihm. Rich erklärt, dasjenige, was ihm am meisten Bedenken über Zero Dark Thirty bereitete, sei nicht die Haltung des Films zur Folter, sondern die Tatsache, dass sein angeblicher Erfolg die Haltung der amerikanischen Bevölkerung zur Folter enthülle: „Es stört sie nicht. Die Pein, die Zero Dark Thirty auf den Feuilletonseiten auslöste, drang einfach nicht zum breiteren Publikum durch.“ Die Reaktion auf den Film sei „übereinstimmend mit dem stillen Einverständnis der meisten Amerikaner, inklusive Demokraten, zum Einsatz von Drohnenwaffen (ungeachtet ziviler Opfer) und innerstaatlicher Überwachung.“

Für diese Behauptungen legt Rich keine Beweise vor. Woher weiß er, wie die Bevölkerung im Großen und Ganzen über Folter denkt? Hat sie innerhalb des politischen Systems, das sich im Besitz der Konzerne befindet, irgendwelche Mittel, ihre Meinungen zu artikulieren? Der Kolumnist verwechselt die Vorgänge in den Medien und im politischen Establishment – seinen eigenen Kreisen – mit der umfassenderen öffentlichen Meinung.

Natürlich gibt es Verwirrung. Wie könnte es anders sein, nach über einem Jahrzehnt täglichen 24-stündigen Propagandabombardements zum Thema „Terrorismus“ und der Notwendigkeit „die Heimat“ zu verteidigen, in welchem Richs frühere Operationsbasis, die Times, eine schändliche und führende Rolle spielte? Doch viel Wasser floss seit September 2001 den Rhein hinab: Es gibt keine Vorliebe des Volkes für Krieg, Folter und auswärtige Eroberungen, und die Regierung steht großem Misstrauen allem gegenüber, was sie sagt.

Rich gesellt sich dem Schandchor kritischer Zustimmung für Django Unchained bei und behauptet, dass die filmische „Träumerei über die Bürgerkriegsära, ein verrücktes Amalgam aus alptraumhaftem und komischem Surrealen, jene Rassenkonflikte zutage befördert, welche sowohl von Lincoln als auch von Lincoln ungelöst belassen wurden – und die selbst heute Hürden für den ersten afro-amerikanischen Präsidenten der Nation darstellen.“ Jedem das Seine, doch was dem Kolumnisten als „alptraumhaftes und komisches Surreales“ erscheint, ist für den Autor vorliegender Besprechung primitiv, kunstlos und stumpfsinnig über die Grenzen des Erträglichen hinaus.

Jedenfalls, und dies ist wichtiger, stellt Rich sich hier hinter Tarantino und Obama um einer vorgeblich rassistischen Bevölkerung entgegenzutreten. So verfährt er im gesamten letzten Teils seines Artikels.

Der Text im New York-Magazin schließt mit folgender Bemerkung: “Dass Filmbesucher von beiderlei Hautfarbe bereit sind, das lästerliche und undiplomatische Stegreifstück eines weißen Filmemachers zur höchstheiligen afro-amerikanischen Geschichte zu begutachten, sagt etwas Hoffnungsfrohes über Amerika aus. Sollte der Präsident seinen jetzigen Kurs beibehalten, in welchem er etwas mehr von dem entfesselten Django in die Washingtoner Kämpfe seiner zweiten Amtszeit hineinbringt, so können wir von dort weiteren Wandel erwarten.“

Nur eine zutiefst demoralisierte Person, die darauf hofft, dass niemand mit Aufmerksamkeit liest, und die anscheinend auf sich selbst nicht achtgibt, kann sich in demselben Artikel als einsamen Gegner der illegalen und mörderischen Drohnenwaffen der Regierung darstellen, um dann zu einem Unterstützer des Mannes zu mutieren, der diesem Programm vorsteht.

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