Lufthansa kündigt Entlassungen an

Von Ernst Wolff
23. Februar 2013

Die Lufthansa verschärft trotz eines Gewinns von 990 Mio. Euro im vergangenen Jahr ihren aggressiven Kurs gegen die Belegschaft. Ein Unternehmenssprecher kündigte Anfang der Woche die Schließung der Kölner Hauptverwaltung mit 365 Arbeitsplätzen und der Buchhaltungstochter Lufthansa Revenue Services in Norderstedt mit 407 Arbeitsplätzen an.

Zusätzlich sollen 160 der rund 200 Arbeitsplätze der Konzernverwaltung im Bereich Financial Services in Hamburg in ein „spezialisiertes Dienstleistungszentrum“ ausgelagert werden. Die Cateringtochter LSG plant, die Löhne ihrer Mitarbeiter zu kürzen. Über eine Verlegung der Zentrale der Lufthansa-Tochter Cityline von Köln nach München, die rund 300 Mitarbeiter beträfe, wird derzeit noch zwischen dem Vorstand und Vertretern von Betriebsrat und Gewerkschaft verhandelt.

Bereits im Oktober hatte der Lufthansa-Vorstand angekündigt, rund 700 Stellen in der Verwaltung ins Ausland und weitere rund 400 Jobs bei Konzerntöchtern außerhalb Deutschlands an andere Standorte zu verlegen.

Ziel der Firmenleitung ist es, die Personalausgaben weltweit um 500 Mio. Euro jährlich zu reduzieren. Nicht gespart wird bei Investitionen: Zwischen 2015 und 2025 soll die Lufthansa-Flotte um acht Langstreckenjets sowie 100 Kurz- und Mittelstreckenmaschinen im Wert von rund neun Milliarden Euro erweitert werden. Rechnet man bereits bestellte Maschinen hinzu, steckt die Lufthansa bis zum Jahr 2025 etwa 23 Milliarden Euro in den Kauf von 239 neuen Flugzeugen.

Ihre Kompromisslosigkeit im Umgang mit den eigenen Beschäftigten hat die Lufthansa-Führung bei der Auslagerung des Flugbetriebes ihrer Tochtergesellschaft Austrian Airlines auf den Billigflieger Tyrolean bewiesen. Dort wurden die Löhne des Flugpersonals um bis zu 25 Prozent gekürzt, Arbeitszeiten verlängert, Sonderzahlungen gestrichen und Pensionsleistungen gekürzt. Wer die Änderungen nicht akzeptierte, durfte gehen. Das operative Ergebnis 2012 wurde auf diese Weise um 115 Mio. Euro gesteigert.

Möglich war dieser Frontalangriff durch die enge Zusammenarbeit mit der österreichischen Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft Vida und den Betriebsräten, die jeglichen Widerstand abwürgten oder behinderten. (Siehe „Lufthansa droht mit Lohnkürzungen und Entlassungen“)

Auch in Deutschland stützt sich der Lufthansa-Vorstand auf die Gewerkschaften und Betriebsräte. Das zeigt sich vor allem in Norderstedt: Dort haben Verdi und Betriebsrat Klaus Kahlcke seit Jahren mitgeholfen, das Personal der Buchhaltungstochter Lufthansa Revenue Services zu reduzieren und so die Personalkosten zu drücken.

Als die endgültigen Schließungspläne bekannt wurden, wandte sich Betriebsrat Kahlcke nicht etwa an die Belegschaft, um Widerstand zu organisieren, sondern legte der Firmenleitung einen Plan zur „Streckung der Entlassungen“ vor. Ihm ging es nicht darum, den Arbeitsplatzabbau zu verhindern, sonder ihn so zu gestalten, dass er möglichst reibungslos vonstatten geht.

Nicht anders verhält sich die Gewerkschaft Verdi. Angesichts der Kampfbereitschaft der Beschäftigten schlug Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle am Mittwoch radikale Töne an. Man werde den Abbau von Arbeitsplätzen „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen“, erklärte sie. Gleichzeitig fügte sie hinzu, ihr gehe es vor allem darum, dass der Lufthansa-Vorstand sich an die mit Verdi vereinbarten Ziele und Vorgehensweise halte. Sie beschwerte sich, dass der geplante Stellenabbau in Norderstedt, Hamburg und am Unternehmenssitz in Köln „über das angekündigte Maß“ hinausgehe.

Christine Behle arbeitet vor allem an ihrer eigenen Karriere. Ihre Streikdrohung steht im Zusammenhang mit den bevorstehenden Aufsichtsratswahlen bei der Lufthansa. Behle hat mit Verdi-Chef Frank Bsirske abgesprochen, dass sie seinen Posten als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende übernimmt, weil er in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank wechselt. Behle kandidiert deshalb auf einem prominenten Platz für den Aufsichtsrat der Lufthansa.

Während der Unternehmensvorstand sein radikales Sparprogramm und massive Entlassungen durchsetzt, genehmigen sich die Geschäftsführer Millionengehälter, die wiederum von den Gewerkschaftsvertretern im Aufsichtsrat abgenickt werden. Laut Geschäftsbericht erhielt Vorstandschef Christoph Franz bereits im ersten Jahr 2011 für seinen Chefposten ein Jahresgehalt von knapp 2,3 Millionen Euro.

Frank Bsirske erhielt im selben Jahr als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender 175.000 Euro. Insgesamt erhielten die neun Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat für ihre enge Zusammenarbeit mit der Unternehmensleitung alleine im Jahr 2011 über eine Million Euro.

Im Wirtschaftsausschuss und anderen Gremien werden die Gewerkschaftsvertreter frühzeitig und umfassend über geplante Entlassungen und Sozialabbau informiert und beraten die Geschäftsleitung über die beste Vorgehensweise. Verdi sorgt dann dafür, dass dort, wo Proteste und beschränkte Kampfmaßnahmen unvermeidlich sind, diese isoliert und wirkungslos bleiben.

Während es an allen Ecken und Enden des größten europäischen Luftfahrtkonzerns und darüber hinaus in allen anderen Luftfahrtunternehmen brodelt, trennt Verdi alle Proteste strikt voneinander und verhindert einen gemeinsamen Arbeitskampf. Am Hamburger Flughafen streikte am Mittwoch das Sicherheitspersonal zum vierten Mal in diesem Jahr.

Einen Tag zuvor hatte Air Berlin zahlreichen Mitarbeitern zum 20. April gekündigt, in der kommenden Woche sollen weitere Entlassungen folgen. Der Personalabbau ist Teil des Sparprogramms „Turbine 2013“, mit dem etwa jeder zehnte der rund 9.000 Arbeitsplätze bei Air Berlin vernichtet werden soll.

Auch international toben heftige Auseinandersetzungen in der Luftfahrtindustrie. Am Montag kam es in Madrid zu Zusammenstößen zwischen 4.000 streikenden Iberia-Mitarbeitern und der Polizei, für diese Woche wurden bereits mehr als eintausend Flüge gestrichen.

Hintergrund all dieser Auseinandersetzungen ist der gnadenlose Preiskampf im internationalen Fluggeschäft, der zu immer neuen Fusionen, Betriebsübernahmen und bei steigender Marktkonzentration zu immer schlechteren Arbeitsbedingungen und einer nicht endenden Welle von Lohnkürzungen und Entlassungen führt.

Verdi und einige Spartengewerkschaften haben die Aufgabe übernommen, den Widerstand zu zersplittern und eine Ausweitung von Arbeitskämpfen über den eigenen Betrieb oder die eigene Branche hinaus zu verhindern.