Moody’s Bonitätsherabstufung verschärft britische Wirtschaftskrise

Von Chris Marsden
28. Februar 2013

Im Angesicht der weltweiten Währungs- und Wirtschaftskrise, und besonders der Eurokrise, würde nur ein Narr das Schicksal des Pfundes für die nächsten Tage und Wochen voraussagen. Nichtsdestoweniger ist die Herabstufung des britischen Kreditratings durch Moody’s ein wohlbegründetes negatives Verdikt über die britische Wirtschaft.

Die Europäische Kommission und der Internationale Währungsfond sagen eine unmittelbar bevorstehende triple dip (dreifach)-Rezession vorher. Dabei werden nur wenige Menschen in Großbritannien den Unterschied zu einer Depression verstehen. Der Hauptvorteil, den internationale Investoren in Großbritannien sehen, ist seine Bereitschaft, den Banken und Spekulanten Milliarden in Form von Bailouts und quantitativer Lockerung in den Rachen zu schieben, und gleichzeitig Sozialprogramme rücksichtslos zu kürzen, Löhne zu senken und die Ausbeutung der britischen Arbeiter zu steigern.

Die große Bevölkerungsmehrheit empfindet die Wirtschaftslage völlig anders als die Superreichen. Aus diesem Grund hören sich alle Behauptungen über eine Teilerholung so gekünstelt an.

Die Financial Times beeilte sich, die Bedeutung von Moodys Entscheidung kleinzureden, die Kreditwürdigkeit des Vereinigten Königreichs von der Top-Note AAA auf AA1 herunterzustufen. „Äußerungen von Kreditrating-Agenturen sollten im Großen und Ganzen als irrelevant aufgefasst werden“, stand in der Zeitung. „Moody’s Bekanntgabe enthüllt nichts, was professionelle Investoren nicht schon gewusst hätten.“

Regierungssprecher verbreiteten die gleiche Botschaft. Schatzkanzler George Osborne stellte die Frage: „Was ist die Botschaft der Ratingagentur? Großbritannien hat ein Schuldenproblem. Dem stimme ich zu.“ Er betonte, die Kürzungsmaßnahmen auf Kosten der Arbeiterklasse würden weitergehen, und sagte: “Ich sage dem Land seit Jahren, dass wir ein Schuldenproblem haben. Das müssen wir in Angriff nehmen.“

Trotzdem fiel das Pfund auf ein 31-Monats-Tief gegenüber dem Dollar und auf ein 16-Monats-Tief gegenüber dem Euro, bevor es sich am Ende des Handelstages wieder etwas erholte.

Robin Charter vom Europäischen Unternehmerverband warnte:“[Die Entscheidung] ist ein Schlag gegen Großbritannien als führendes Finanzzentrum. Die britische Zahlungsbilanz hängt derart stark von seinen Finanzdienstleistungen ab, dass selbst ein kleiner Verlust aus dem Handelseinkommen den Wert des Pfundes beeinträchtigen und spürbare Auswirkungen auf das BIP haben würde.“

Hedge Fonds und Händler wetten schon seit geraumer Zeit gegen das Pfund. Sie nehmen an, dass ein neuer Schub quantitativer Lockerung (QE) es in die Knie zwingen werde. Vergangene Woche stimmte der Gouverneur der Bank von England, Mervyn King, mit einer Minderheit von drei anderen im geldpolitischen Ausschuss für eine QE von weiteren 25 Milliarden Pfund. King argumentierte, weitere QEs seien nötig, um „einen potentiell dauerhaften Verlust von Produktionskapazitäten und ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit zu vermeiden“.

Im dritten Quartal des letzten Jahres war die britische Wirtschaft gewachsen, weil sie durch die Olympiade eine Belebung erfahren hatte. Aber nach dieser Adrenalinzufuhr schrumpfte sie im vierten Quartal wieder um 0,3 Prozent. Sie wird sich in einer triple dip-Rezession befinden, wenn sich der Trend im ersten Quartal 2013 fortsetzt.

Sterling ist jetzt gegen den Euro ca. acht Prozent weniger wert als im letzten Monat. Das Pfund hat seit 2008 schon um zwanzig Prozent abgewertet.

Der Hauptgrund für die Verschuldung, die jetzt bei 91,5 Prozent des BIP steht, sind die Bankenbailouts seit 2008, die sich inzwischen auf mehr als eine Billion Pfund belaufen.

Außerdem sind durch QE 375 Milliarden Pfund in das Finanzsystem gepumpt worden. Die Märkte beklagen, dass QE genutzt wird, um die geforderten brutalen Kürzungsmaßnahmen zu vermeiden, und dass dies nur zu weiterer Schuldenaufnahme des öffentlichen Sektors führe.

Im Prinzip wird sich das Schicksal Großbritanniens dadurch entscheiden, dass eine wirklich globale Erholung ausbleibt. Larry Eliot verglich im Guardian die Weltfinanzmärkte mit einem Junkie, der „nach dem nächsten Schuss QE“ verlangt. Er warnte: „Die Welt war seit den 1930er Jahren noch nie so nah an einer Depression wie heute.“

Großbritannien ist ein besonders schwaches Glied in der Kette der Weltwirtschaft, weil es stark vom parasitären Finanzsektor abhängt. Für Millionen arbeitender Menschen verschlimmern sich die Bedingungen drastisch.

In der Realwirtschaft, abseits der City of London, schmückt sich die Regierung mit einer wirtschaftlichen Erholung. Dafür führt sie den Rückgang der Arbeitslosengeldempfänger auf 1,54 Millionen an, den niedrigsten Stand seit Juni 2011, und einen Rückgang der Arbeitslosigkeit in einem Jahr um 156.000 auf 2,5 Millionen.

Das wurde aber weitgehend durch eine starke Zunahme der Teilzeitarbeit und durch Lohnsenkungen um bis zu zwanzig Prozent erreicht. Neun Millionen sind dennoch weiter wirtschaftlich inaktiv. Die Jugendarbeitslosigkeit ist um 11.000 gestiegen, das ist der größte Anstieg in einem Jahr. Die Zahl der Personen mit mehr als einem Arbeitsplatz ist um 41.000 auf 1,1 Millionen angestiegen.

Die Lohnsumme (ohne Boni) erhöhte sich nur um 1,3 Prozent, das ist der geringste Wert seit Ende 2009 und wesentlich niedriger als die Inflationsrate. Außerdem verdeckt dieser Durchschnitt das wachsende Ungleichgewicht. Das oberste Prozent der Verdiener erhält inzwischen zehn Prozent des gesamten Einkommens in Großbritannien, eine Erhöhung um dreißig Prozent seit Mitte der 1990er Jahre. Die ärmste Hälfte der Bevölkerung erzielt nur achtzehn Prozent des gesamten Einkommens. Das sind die Angaben des Thinktanks Resolution Foundation.

Vierzehn Prozent der Beschäftigten wurden dem Jobs Economist zufolge seit 2008 mindestens einmal entlassen, das sind 3,5 Millionen Arbeiter und Angestellte. Die meisten, die einen neuen Arbeitsplatz finden, erhalten weniger Lohn als vorher.

Seit 2010 müssen Arbeiter im Durchschnitt schon Lohnsenkungen von 1.400 Euro hinnehmen. Auf jede offene Stelle entfallen fünf Arbeitssuchende. Als Beispiel bewarben sich in Nottingham bei einer neuen Filiale von Costa Coffee für nur acht offene Stellen 1.700 Bewerber, obwohl der Anfangslohn nur 7,10 Euro betrug. Einer der erfolglosen Bewerber war ein Einzelhandelsfilialleiter mit fünfzehn Jahren Berufserfahrung.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schreibt warnend: “Die Lage auf dem britischen Arbeitsmarkt lässt die Einkommensschere zwischen Vollzeitbeschäftigten und Teilzeitbeschäftigten, unsicheren und Niedriglohnjobs immer weiter auseinandergehen. Schon vor der Rezession war die Einkommensungleichheit hoch und steigend.“

Fast ein Drittel der britischen Bevölkerung, d.h. fünfzehn Millionen Menschen, habe keine Ersparnisse. Viele leben am „finanziellen Abgrund“. Siebzehn Prozent der Menschen haben keinerlei Geld, auf das sie zurückgreifen können, und fast ein Drittel hat Ersparnisse von weniger als 1.100 Euro. Ein Viertel der Eltern hat ihren Kindern Darlehen von im Durchschnitt 17.500 Euro gewährt, und Großeltern haben ihren Enkeln durchschnittlich 4,250 Euro geliehen.

Die meisten Menschen überleben nur, indem sie sich verschulden. Nach Angaben der Schuldnerorganisation Credit Action stand die Summe der offenen privaten Schulden Ende Dezember 2012 bei 1.470 Milliarden Euro. Das entspricht fast dem BIP von 2011. Die Hypothekenschulden betrugen 1.470 Milliarden Euro, und ausstehende Konsumentenkredite betrugen 182 Milliarden Euro. Die durchschnittliche Verschuldung eines Haushalts inklusive Hypotheken betrug im Dezember 62.800 Euro. Ohne Hypotheken waren es 6.900 Euro.

Kreditkartenschulden usw. betrugen durchschnittlich 3.700 Euro. Die jährlichen Zinszahlungen für diese Schulden beliefen sich auf eine Summe von siebzig Milliarden Euro. Jeder Haushalt hatte im Durchschnitt 2.700 Euro jährliche Zinsen zu zahlen.