Die Übernahmewelle und der Wirtschaftsparasitismus

23. Februar 2013

Diesen Monat gab es so viele Unternehmensfusionen und Übernahmen wie zuletzt vor dem Finanzzusammenbruch von 2008. Letzten Donnerstag kündigte Berkshire Hathaway, das dem Multimilliardär Warren Buffet gehört, an, den Lebensmittelkonzern Heinz für dreiundzwanzig Milliarden Dollar aufzukaufen. Am gleichen Tag gaben die Fluggesellschaften American Airlines und US Airways Pläne eine elf Milliarden Dollar Fusion bekannt.

Eine Woche davor hatten Michael S. Dell und eine Gruppe von Private Equity-Bankern Pläne bekanntgegeben, den Computerhersteller Dell Inc. für vierundzwanzig Milliarden Dollar zu kaufen. Liberty Global erklärte sich bereit, den britischen Kabelfernsehanbieter Virgin Media für sechzehn Milliarden Dollar zu kaufen.

Die Liste könnte noch weiter geführt werden. Diese Woche kündigte das britische Private Equity-Unternehmen CVC Capital Partners an, dass es die größte fremdfinanzierte Übernahme Europas seit dem Zusammenbruch von 2008 plant.

Bisher kam es dieses Jahr in den USA zu Fusionen und Firmenaufkäufen im Wert von 158,7 Milliarden Dollar, doppelt soviel wie im gleichen Zeitraum im letzten Jahr.

Obwohl es eine Reihe von Hinweisen gibt, dass die Realwirtschaft weiter zurückgeht, gaben diese Übernahmen Anlass zu zahlreichen Medienberichten über einen Wirtschaftsaufschwung. „Die Fusionen sind zurück: Der Markt wächst und die Wirtschaft gewinnt an Stärke“, hieß es letzten Freitag in einer Schlagzeile der New York Times. Diese Behauptung wurde von der Tatsache, dass die Eurozone am vorherigen Tag ihren stärksten Wirtschaftsrückgang seit 2009 verzeichnete, besonders ad absurdum geführt.

Diese Fusionen sind keineswegs ein Anzeichen für einen echten Wirtschaftsaufschwung, sondern vollkommen parasitär. Sie steigern den Realwert der Wirtschaft nicht um ein Jota, sie vergrößern die Produktivkapazitäten der Gesellschaft nicht, sie schaffen keine neuen Arbeitsplätze. Es handelt sich dabei ausschließlich um Finanzoperationen, die es Spekulanten ermöglichen, durch eine Vergrößerung des Papierwertes reicher zu werden, die jedoch nur zum bestehenden Schuldenberg beitragen.

Tatsächlich sind die wirtschaftlichen und sozialen Folgen dieser Fusionen und Übernahmen zerstörerisch. Sie sind das Vorspiel für Kapazitätsreduzierungen und Kostensenkungsmaßnahmen, darunter die Schließung von Werken und den Abbau von Arbeitsplätzen, die unweigerlich mit neuen Forderungen nach mehr Arbeitsleistung und Lohnsenkungen einhergehen.

Mit diesen Finanzmanipulationen verlagert die herrschende Klasse den Reichtum von unten nach oben an die Spitze der Gesellschaft. Der wachsende Schuldenberg, aus dem sich die obszönen persönlichen Vermögen der Finanzaristokraten finanzieren, muss früher oder später zurückgezahlt werden. Und es ist die Arbeiterklasse, die dafür bezahlen muss – in Form von brutalen Sparmaßnahmen, die mit staatlicher Gewalt und Unterdrückung durchgesetzt werden.

Dass die räuberischsten Formen der Spekulation wieder aufkeimen, ist nicht nur das Ergebnis unpersönlicher ökonomischer Kräfte, sondern vielmehr das beabsichtigte Ergebnis einer klaren Politik, die die Regierungen und Zentralbanken der Welt verfolgen, allen voran die Obama-Regierung und die Federal Reserve. Sie versuchen, die Preise für Finanzprodukte – Aktien, Anleihen, Derivate – in die Höhe zu treiben, gleichzeitig führen sie einen Wirtschaftskrieg gegen die arbeitende Bevölkerung.

Der erste Schritt in diesem Prozess war die Bankenrettung nach dem Börsenkrach von 2008. Danach kam der Sparkurs, mit dem der Arbeiterklasse für die Schulden, die von den Banken in die Staatskassen ausgelagert worden waren, die Rechnung präsentiert wurde. Darauf folgte die Ausdehnung der Geldmenge. Billionen von Dollar wurden in die Banken und Finanzmärkte gepumpt. Diese Institutionen werden mit nahezu kostenlosen Krediten subventioniert, mit dem sie enorme Profite einfahren können.

Eines der Mittel, aus diesen billigen Krediten Mega-Gewinne zu erzielen, ist der Aufkauf von Konzernen, Banken, etc. um ihr Geld in die Hand zu bekommen, das fusionierte Unternehmen mit Schulden zu belasten und dann rücksichtslos die Arbeitsplätze und Löhne der Arbeiter zusammenzustreichen.

Die hohen Preise auf den weltweiten Aktienmärkten erleichtern diese Geschäfte, die ihrerseits die Aktienkurse noch höher steigen lassen. Das Volumen des weltweiten Wertpapierhandels erreichte am Mittwoch einen neuen Höchststand, der NASDAQ hat sich mittlerweile von den Verlusten von 2008 erholt und ist so hoch wie nie zuvor seit der Dotcom-Blase Anfang der 2000er Jahre.

Auch die enormen Barmittel, die ungenutzt auf den Konten der Konzerne lagern, sind ein Grund für die Übernahmewelle. Im dritten Quartal des Jahres 2012 verfügten die Konzerne laut der Federal Reserve über insgesamt 1,7 Billionen Dollar Geldreserven. Aber die Investitionen in Produktionsaktivitäten gehen zurück. Im letzten Quartal schrumpfte die amerikanische Wirtschaft, gleichzeitig trockneten die Geschäftsinvestitionen weiter aus.

Viereinhalb Jahre nach dem Crash erreicht die Spekulationsorgie nicht nur in ein paar Ländern, sondern weltweit neue Höhen, obwohl sich die Wirtschaft nicht wirklich erholt hat, Das zeigt, dass diese Form von Parasitismus integral für das kapitalistische System ist, und nicht nur eine Krankheit eines ansonsten gesunden Organismus.

Man könnte noch hinzufügen, dass kein einziger Vorstand eines der großen Finanzunternehmen, die die Welt in den wirtschaftlichen Abgrund gestürzt haben, dafür zur Verantwortung gezogen wurde. Warum? Weil diese parasitäre Finanzelite eine de facto-Diktatur über die Regierungen und die offiziellen Institutionen ausübt und praktisch über dem Gesetz steht.

Alles Gerede darüber, den Finanzspekulationen Einhalt zu gebieten und dabei im Rahmen des Kapitalismus zu bleiben, oder das System zu reformieren, um es vernünftiger und gerechter zu machen, sind entweder das Ergebnis von Naivität, Selbsttäuschung oder bewusster Täuschung. Dieses System kann nicht reformiert werden. Es muss ersetzt werden.

Der aktuelle Finanzboom kann nicht ewig dauern. Er ist auf Sand gebaut. Ein riesiges Gebäude aus Spekulation und Finanzmanipulation, das von ständigen Geldspritzen der Zentralbanken gestützt wird, lastet auf einer schwächlichen Wirtschaft, die immer weiter in den Abgrund sinkt. Die Situation ähnelt einem Kartenhaus, das hat sich diese Woche an der panischen Reaktion der Märkte auf die Veröffentlichung der Protokolle der Federal Reserve gezeigt, in denen sich die Sorge um die massive Ausweitung der Bilanzen der Zentralbank ausdrückt. Jedes Anzeichen eines Rückgangs der Geldspritzen jagt Schauder durch das Finanzsystem.

Die grundlegendsten sozialen Bedürfnisse der Arbeiterklasse, deren Arbeit die wahre Grundlage allen Reichtums ist, lassen sich nicht mit dem Fortbestehen dieses Systems und der Herrschaft der Finanzparasiten vereinbaren. Diese Erkenntnis findet auch zunehmend ihren Weg ins Bewusstsein der Arbeiterklasse.

In den großen Klassenkämpfen, die bevorstehen, muss das Programm der sozialistischen Revolution zum Leitprinzip des Kampfes der arbeitenden Bevölkerung in der ganzen Welt werden. Die Diktatur der Finanzelite muss gebrochen und die Umgestaltung der Wirtschaft auf der Grundlage sozialer Gleichheit und des Allgemeinwohls in Angriff genommen werden.

Andre Damon und Barry Grey