63. Internationales Berliner Filmfestival

La Plaga: “Einsamkeit, Stärke, Humanität und Schönheit” einfacher Leute

Teil 2

Von Francisca Vier
7. März 2013

Dies ist der zweite Teil einer Artikelreihe zum kürzlich beendeten Berliner Filmfestival, der Berlinale, vom 7.-17. Februar 2013. Teil 1 wurde am 5. März veröffentlicht.

La Plaga

Der spanische Film La Plaga war einer der interessantesten Filme auf der 63. Berlinale. Zwischen Dokumentation und Fiktion angelegt, zeigt er einen Ausschnitt aus dem Lebensalltag von fünf Menschen und deren zufälligen Begegnungen. So unterschiedlich die Protagonisten zu Beginn scheinen, ist ihnen eines gemeinsam: sie alle sind einfache Arbeiter, die sich in stiller Anstrengung, zum Teil in Isolation und Einsamkeit, ihren Lebensunterhalt verdienen und mit großer Menschlichkeit und Anteilnahme für einander ausgestattet sind.

Schauplatz dieser menschlichen Begegnungen ist die Peripherie der spanischen Großstadt Barcelona: eine eigenartige Zwitterlandschaft aus staubiger Natur und vereinzelten landwirtschaftlichen Feldern. Einsame Sandwege verbinden die Ausläufer der Hochhausvorstädte, die Landschaft ist durchschnitten von Autobahnen und Landstraßen.

Der äußere Rahmen der Erzählung, sozusagen die dramaturgische Klammer, bildet die sengende Hitze eines Sommers, dessen gnadenlose Sonne die Landschaft langsam zu braungelbem Staub verbrennt. Diese wüstenähnliche Szenerie wird immer wieder durch Western und Country Musik begleitet, um das Erdrückende des Moments herauszustellen. Im Verlauf der Films hören wir wiederholt die Wettervorhersage im Radio, die kein Ende der Hitzewelle verspricht und von steigenden Temperaturen spricht.

La Plaga beginnt mit Iurie beim Ringen. Sein Gesicht frontal zur Kamera, fast auf dem Boden, über ihm sein Gegner. Aus dem Off hört man den Trainer ihn antreiben, er solle durchhalten und weiter kämpfen. Sein Gesicht ist verschwitzt und vor Kraftanstrengung verzerrt. Später erfahren wir, dass er aus Moldawien kommt und auf spanische Papiere wartet. Als Feldarbeiter hilft er dem Kleinbauern Raül aus, der ihm bereits seit längerem einen Vertrag versprochen hat.

La Plaga

Doch Raüls Ernte ist durch die weiße Fliege, eine Insektenplage, bedroht, die sich auf natürlichem Weg nur mit Gewitterstürmen abwaschen lässt oder aber durch den Einsatz chemischer Mittel. Doch der Bauer verkauft den Feldertrag als organisch. Eine Aussicht auf Besserung scheint also nicht in Sicht.

Nach der Zerstörung der halben Ernte muss sich Raül selbst einen weiteren Broterwerb suchen (als Gabelstaplerfahrer in einem Lager). Auch Iurie ist davon betroffen, Raül kann ihm nicht länger die versprochene Arbeit geben.

Die Erzählung um Raül macht deutlich, dass das karge Bauernleben nichts mit Romantik oder Idylle zu tun hat, sondern ein Knochenjob ist, in dem die Arbeit immer an erster Stelle steht und der Natur schutzlos ausgeliefert bleibt.

Zwischen Iurie und Raül, die so eng zusammen arbeiten, besteht eine freundschaftliche Verbundenheit. Sie schauen zusammen Fußball in einer Bar. Am Ende des Films besucht Raül Iurie im Krankenhaus, der sich sein Bein beim Wettkampf verletzt hat. Auf Druck des Trainers trotzte er den Schmerzen und hielt durch. In Verknüpfung zur Eingangsszene müssen wir mit ansehen, wie er nun mit den tragischen Konsequenzen dieses Durchhaltens zurecht kommen muss.

La Plaga

Das Thema des menschlichen Miteinanders dieser einfachen Leute ist zentrales Motiv des Films. Eine weitere Geschichte im Film handelt von Maria, einer 88-jährigen Frau mit einem Buckel, die ihr Haus aufgrund zunehmender Atemprobleme verlassen muss, und Rosemarie, einer philippinischen Pflegerin, die sich in dem Altenheim um sie kümmert. Die alte Frau ist geistig noch vollkommen fit. Sie fühlt sich entwurzelt und sichtlich unwohl in dem Heim mit den anderen Alten, die einsam und deprimiert ihre Tage verbringen.

Der Austausch zwischen Rosemarie und Maria wirkt authentisch und überzeugend. Die trotzige Maria hat ein Alter erreicht, in dem sie sich nicht von anderen herumkommandieren lässt. Gleichzeitig obliegt es Rosemarie, die alte Frau zu waschen und sauber zuhalten.

Hinter der strengen Auseinandersetzung über die Notwendigkeit sich zu duschen verbirgt sich ein wachsendes Band zwischen den beiden Frauen.

Unfähig die Bedingungen im Pflegeheim auszuhalten, nimmt die verkrüppelte Maria reiß aus und kehrt zu ihrem alten Haus zurück. Eine Einstellung zeigt die nun vertrockneten Blumen, die Maria so liebevoll gepflegt hat. Traurig und einsam bleibt ihr nichts anderes übrig als sich von Raül wieder zum Heim zurückfahren zu lassen.

Die Konzeption des Films und die Kamera konzentrieren sich vollkommen auf die Protagonisten. Als Leihendarsteller spielen sie sich sozusagen selbst: Raül ist in seinem wirklichen Leben tatsächlich Bauer und in einem Interview erzählt er, dass seine Familie schon immer Bauern gewesen sind.

La Plaga kreiert eine emotionale Spannung, die durch die Geschichten und die Kameraeinstellungen aufgebaut wird. Der Betrachter ist immer nah am Geschehen, es gibt viele Nahaufnahmen der Gesichter, oft werden die Darsteller in Rückenansicht gefilmt, als würde der Betrachter ihnen folgen. Auch die Kameratotalen, die die Protagonisten eingerahmt in die unwirtliche Landschaft zeigen, tragen ihre Wirkung zu der Atmosphäre bei.

Die letzte und nicht so geglückte Geschichte, die sich nur am Rande abspielt, ist weniger überzeugend: Maribel, eine alternde Prostituierte, sitzt auf ihrem Campingstuhl am Rande eines Feldwegs, raucht und wartet auf Kundschaft (die niemals auftaucht). In der Vergangenheit war sie in der Lage ihren Lebensunterhalt zu verdienen, jetzt ist sie glücklich mit ein paar Cent. Sie spricht kaum und ihre Geschichte wird in dem Film nicht weiter entwickelt. Mit Iurie gibt es eine kurze Unterhaltung, in der man ein wenig über ihre Beweggründe erfährt. Iurie versucht Trost zu spenden, entgegnet ihr „Es werden bessere Zeiten kommen“, auch wenn er selbst nicht daran zu glauben scheint.

Auch über die anderen Personen erfährt man sonst wenig außerhalb der filmischen Erzählung. Hier wird keine Lebensgeschichte erzählt sondern der Ausschnitt eines täglichen Überlebenskampfs gezeigt.

Es gibt einige berührende Momente, in der die Menschen versuchen ihre Bürden zu teilen. Ein Gespräch zwischen Rosemarie und einer anderen philippinischen Pflegerin im Heim nach dem Tod eines alten Mannes deutet an, dass sie scheinbar keine professionelle Ausbildung als Altenpflegerin haben. Dennoch zeigt sie in einer anderen Szene, dass sie bereits eine beachtliche Entwicklung gemacht hat. Sie warnt eine jüngere Kollegin sich nicht zu emotional mit den älteren Patienten einzulassen, deren Leben sich dem Ende neigt. Wir sind es, die Betreuer, die nach ihrem Tod leiden, sagt sie.

Ihren eigenen Worten zum Trotz, zeigt die Schlussszene Rosemarie an Marias Sterbebett, offensichtlich bewegt.

Die Regisseurin, Neus Ballús (33), ist selbst in den Außenbezirken Barcelonas geboren und aufgewachsen. Es ist ihr zweiter Spielfilm. Ursprünglich wollte sie eine Dokumentation über die Gegend machen. Einen Film über den „besonderen Charakter“ der Bewohner dieser Orte. Sie habe diese fünf Menschen deswegen ausgewählt, weil sie ziemlich ungewöhnlich seien und sie von ihrer Mischung aus „Einsamkeit, Stärke, Menschlichkeit und Schönheit“ fasziniert war. Sie behalten ihre Würde trotz der Tatsache, dass ihr tägliches Leben auf einen Kampf ums Überleben reduziert ist.

Die Arbeit an diesem Film hat vier Jahre gedauert. Die ersten beiden Jahre hatte Ballús damit verbracht, die Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen anzufreunden. Ausgestattet nur mit einer Fotokamera hat sich die dokumentarische Intention mit der Zeit geändert, so dass der Film letztendlich zu einem Portrait der Gefühle und Beziehungen von Maria, Rosemarie, Iurie, Raül und Maribel wurde.

Das tiefe Vertrauen zwischen Filmteam und Schauspielern ist deutlich zu spüren. Der Film zeigt Menschen in Einsamkeit, die am Rande des Systems leben, ihre Zukunftsangst,

„das Gefühl einer Bedrohung, die außerhalb unserer Kontrolle liegt“, wie die Regisseurin erzählt.

Der Satz, mit dem Raül das oben bereits angesprochene Interview beendet, scheint beispielhaft für das Gefühl zu sein, dass der Film vermittelt: „Aber es ist halt so, was willst Du machen?“, denn außer ihrer Anteilnahme und Menschlichkeit besitzen sie nichts. La Plaga fehlen einige der oberflächlichen politischen Bezüge, um die sich andere Filme des Festivals bemühen. Stattdessen zeichnet er sich durch Sympathie und Wärme für seine Protagonisten aus.