Theaterlabor Bielefeld: „Briefe an Trotzki“

Von Sybille Fuchs
23. März 2013

Am 14. März hatte im Bielefelder Theaterlabor ein bemerkenswertes Stück Premiere: „Briefe an Trotzki“. Aus Briefen an Leo Trotzki, den Schöpfer und Oberbefehlshaber der Roten Armee, die der Historiker Gleb Albert im sowjetischen Militärarchiv entdeckt hat, wurde eine beeindruckende szenische Collage entwickelt. In den mitreißend gespielten Szenen entsteht ein Bild der Stimmung, die in der jungen Sowjetunion in den Jahren nach dem Ende des Bürgerkriegs herrschte.

Sie war einerseits geprägt von den großen Hoffnungen, die die Revolution geweckt hatte, aber andererseits auch von der großen Not, in die viele Menschen durch die Jahre des Weltkriegs und den Bürgerkrieg geraten waren. Diese Stimmung, verstärkt durch die internationale Isolation des jungen Arbeiterstaats, trug dazu bei, die Bürokratie zu stärken, die sich wie ein Krebsgeschwür in Staat und Partei zu entwickeln begann. Der todkranke Lenin, der die Gefahr erkannt hatte, war nicht mehr in der Lage, diese Entwicklung aufzuhalten.

Das Stück stellt Menschen auf die Bühne, die sich in persönlichen Briefen an Trotzki wandten. Von ihm, dem neben Lenin beliebtesten Führer der Revolution, der für sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verkörperte, erhofften sie Hilfe. Vor allem in der Person des jungen Sekretärs Trotzkis Michail Glasman, der im Zentrum des Stücks steht, wird aber deutlich, wie schwierig und wie bedroht der junge Arbeiterstaat und die in ihm lebenden Menschen vor allem nach der verpassten Revolution 1923 in Deutschland waren.

Albert hatte im Militärarchiv der Roten Armee nach Material zum Internationalismus in der frühen Sowjetunion 1921 bis 1927 geforscht und auf der Suche nach Militärkorrespondenz diese Briefe gefunden, von denen Trotzki selbst wohl höchstens einen kleinen Bruchteil zu Gesicht bekommen hatte.

Albert schreibt im Programmheft: „In Trotzkis Posteingang tummelten sich Fan- und Hassbriefe, Bittschriften alter Revolutionäre und armer Bauern, Autogrammwünsche, Werbepostkarten, Gnadengesuche, Einladungen, Bibliotheksmahnungen und Kettenbriefe. Die Briefe, insgesamt mehrere Tausend, richteten sich an Leo Trotzki, den Organisator der Oktoberrevolution und Erbauer der Roten Armee. Für viele Briefschreiber verkörperte er die Hoffnung und den Ausweg aus ihrer oft aussichtslosen Lage.

Albert konnte diese Briefe für seine Forschung zwar nicht verwenden, war aber so beeindruckt von ihnen, dass er sie der Regisseurin Yuri Birte Anderson zeigte, die sofort daran dachte, mit dem Material zu arbeiten. Sie erklärte dazu in einem Interview: „Die Briefe sind aus den frühen 20er Jahren. Sie machen den postrevolutionären Prozess sichtbar, was aus der Idee der Revolution – den Vorstellungen, Träumen, Hoffnungen, Forderungen, manchmal auch den Wünschen, die die Menschen damit verbanden – wurde. Die Frage Revolution und was nun? Wofür habe ich gekämpft? Kann ich meine Ziele durchsetzen?“

Die russische Revolution sei noch gar nicht so lange her, ihr Großvater habe sie noch erlebt, meint die Regisseurin. „Die Nachwehen der Oktoberrevolution haben das ganze 20. Jahrhundert geprägt und auch jede Form linker Politik kommt nicht umhin, sich mit den Erfahrungen aus dieser Zeit auf irgendeine Art auseinandersetzen zu müssen. Die Frage bleibt aktuell, ob man mit seinem Handeln etwas bewirken kann oder ob man an dieser Vorstellung, wenn nicht sogar Illusion, an jemanden oder an etwas zu glauben, zerbricht.“

Was sie in erster Linie interessierte, waren die individuellen Schicksale der einzelnen Briefeschreiber, ihre Geschichte: Vor allem die Geschichten der kleinen Leute, denen ein Unrecht widerfahren war und die sich an Trotzki als ihre letzte Hoffnung wandten. Es ging ihr darum, an Hand der Schicksale dieser Briefschreiber ein Stück weit deutlich zu machen, wie sich der Stalinismus entwickeln konnte.

Trotzki, der im Stück nie auftritt, war der Adressat, an den sich Menschen höchst unterschiedlicher sozialer Stellung aus dem In- und Ausland mit ihren weit gefächerten Wünschen wandten. Einige von ihnen sind mehr oder weniger bekannte Personen, die Trotzki irgendwann kennen gelernt hatten, andere sind vollkommen unbekannt. Wie im Programmheft hervorgehoben, richteten diese Menschen ihre Bitten damals an Trotzki und nicht etwa an Stalin, der zwar dabei war, die Macht an sich zu reißen, aber weder so bekannt noch so beliebt war wie Trotzki.

Die verwendeten Briefe stammen aus einer Umbruchperiode. Trotzki wird von den Briefschreibern noch als mächtiger Führer der Revolution angesehen, während im Zentralkomitee bereits ein erbitterter Kampf gegen ihn entfacht wird. Nur wenige Jahre später, 1927 wird er entmachtet und ins Exil geschickt, und die stalinistische Bürokratie unternimmt große Anstrengungen und fälscht Dokumente und Bilder, um die Erinnerung an ihn aus der Geschichte der Sowjetunion zu tilgen. Sie verfolgt Trotzki, der seinen Prinzipien treu bleibt und die Vierte Internationale gründet, und seine Anhänger durch viele Länder, bis er schließlich 1940 von einem Agenten Stalins erschlagen wird.

Die Briefe an Trotzki zeugen einerseits von der großen Wertschätzung, die Sowjetbürger und Menschen aus aller Welt Trotzki entgegenbrachten, weil sie verstanden, welche entscheidende Rolle er in der Revolution und ihrer Verteidigung gespielt hat. Andererseits spiegeln sie auch die Gefahr wider, in der sich der Arbeiterstaat und damit sie selbst befinden.

Kopien etlicher Briefe waren im Vorraum des Theaters auf Tische geklebt, so dass die Zuschauer sie lesen und sich von ihrer Authentizität überzeugen konnten.

Symptomatisch für die Situation 1923 ist der Brief der Rotarmistin Nadja Bogomolova, deren Rolle hervorragend mit Alina Tinnefeld besetzt wurde:

„Genosse Trotzki,

ich wende mich an Sie als an einen Menschen im wahrsten und erhabensten Sinne dieses Wortes. Drei Jahre habe ich in Ihrer Roten Armee gedient. Drei Jahre habe ich die Rotarmisten gelehrt, dass es ‚keinen Weg zurück’ gibt, dass es dort, wo die Wahrheit nur sterben oder siegen kann, für einen Soldaten keinen Rückzug geben darf, dass man die erkämpften Rechte nicht wieder aufgibt, auch wenn man dafür sein Leben hergibt.

Indem ich andere lehrte, stählte ich meinen eigenen stolzen Willen. Ihre Rote Armee hat mich gelehrt, bis zum Schluss stark zu sein. Und hier, in den Straßen Moskaus, fürchte ich um meine Wahrheit. Ich trage meine Ideale wie ein Banner vor mir her und sterbe dafür. Nur Sie können mich retten. Empfangen Sie mich und hören Sie mich an. Ich flehe Sie an, denn meine Kraft geht zu Ende.

Eine Frau ans der Roten Armee, aus der Budjenny-Armee“

Das Stück beginnt mit der Projektion einiger Sequenzen aus dem Film Vom Zar zu Lenin, die die Zuschauer in die Zeit nach dem Bürgerkrieg einstimmen – eine Zeit der größten Entbehrungen aber auch der größten Hoffnungen. Trotzki spricht.

Einige der Bitten aus den Briefen aber wirken geradezu absurd in der welthistorisch so entscheidenden Situation Anfang der 20er Jahre. So erbittet z. B. ein Vertreter eines Nestlé Labors für Haarforschung in New York eine Haarprobe von Trotzki.

Der Ethnologe Prof. Friedrich S. Krauss (dargestellt von Thomas Behrend) aus Wien, der ihn an Schachspiele im Café Zentral erinnert, möchte gern sein Buch „Streifzüge im Reiche der Frauenschönheit“ mit Frauenbildnissen aus aller Welt durch Porträts schöner Sowjetbürgerinnen vervollständigen und erbittet „leihweise 100-200 Klischees von Bildern schönster Frauengestalten aller in den Sowjetrepubliken vereinigten Völker“. Mit dieser grotesken Bitte trifft er im Stück auf die empörte Ablehnung der begeisterten Rotarmistin Nadja Bogomolowa.

Die Hauswirtin Rosa Spieß aus Wien, bei der die Familie Trotzki in der Zeit des Wiener Exils gewohnt und ihr wohl so manches Mal die Miete geschuldet hatte, gratulierte Trotzki zu seinem so hohen Amt und erbat Fürsprache für ihren Neffen, der gern in der Sowjetunion arbeiten wollte.

Die australische Gewerkschaftsaktivistin Harriet Frances Powell – dargestellt von Agnetha Jaunich – schreibt mehrfach an Trotzki. Sie sucht verzweifelt nach ihrem 1923 verschollenen Mann. Sie vermutet ihn an der „entscheidenden Front“ in Deutschland. Er sei ein hervorragender Ingenieur. Sie hofft, dass Trotzkis Büro ihn ausfindig machen könne. Wegen seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten in Strategie und Taktik und seiner militärischen Führungsqualitäten glaubt sie, er sei im von Frankreich besetzten Ruhrgebiet. Das sei offensichtlich der Platz, an dem er sein müsse, um das deutsche Volk zu retten. Sie beabsichtige außerdem ebenfalls nach Deutschland und Russland zu kommen, wo sie glaube von Nutzen sein zu können.

Bild 3: (v.l.) Michail Glasman, Willi Sommer (Florian Wessels) Alexandra Anufrijewna Grischtschuk, Harriet Frances Powll ( Agnetha Jaunich) (Foto Shantan Kumarasamy).jpg

Willi Sommer, ein deutscher Seemann, der 1917 zusammen Trotzki in Amherst in Kanada vom britischen Militär interniert und sein Schlafnachbar war, ist durch Gefangenschaft, Arbeitslosigkeit und Inflation mit seiner Familie in Existenznot geraten. Er schreibt am 16. September 1923: „Augenblicklich befinde ich mich in einer sehr gedrückten Lage. Die ersten Jahre war ich im Rheinland im besetzten Gebiet und bin durch die Unruhen nach Leipzig gereist, dadurch habe ich meine Möbel eingebüßt, welche ich mir jetzt nicht wieder von meinem Verdienst anschaffen kann. Vielleicht dürfte ich mir eine Bitte an Sie erlauben, da ich weiter niemanden (sic) angehöre, der mir helfen könnte, damit ich mir die notwendigsten Sachen anschaffen kann, da ich bloß ein Kinderbett und ein großes Bett besitze.“ Zur Erinnerung legt er noch ein Bild von sich in Uniform bei.

Trotzki schreibt in Mein Leben über den Aufenthalt in Amherst: „Unter den achthundert Gefangenen, in deren Gesellschaft ich fast einen Monat verbracht habe, waren etwa fünfhundert Matrosen deutscher, von den Engländern versenkter Kriegsschiffe, etwa zweihundert Arbeiter, die der Krieg in Kanada überrascht hatte, und an die hundert Offiziere und Zivilgefangene aus bürgerlichen Kreisen. Das Verhalten der deutschen Gefangenschaftskameraden uns gegenüber begann in dem Augenblick sich zu klären, da sie erfuhren, dass wir als revolutionäre Sozialisten verhaftet seien. Die Offiziere und die älteren Unteroffiziere der Marine, die hinter einer Bretterwand hausten, ordneten uns sofort in die Reihe ihrer Feinde ein. Dafür aber sympathisierte die einfache Masse mit uns mehr und mehr. Der Monat dieses Lebens im Lager ähnelte einem ununterbrochenen Meeting. Ich erzählte den Gefangenen über die russische Revolution, über Liebknecht, über Lenin, über die Ursachen des Zusammenbruchs der alten Internationale, über die Einmischung der Vereinigten Staaten in den Krieg. Außer den öffentlichen Referaten führten wir dauernd Gruppendiskussionen. Unsere Freundschaft wurde mit jedem Tage enger.“

Bild 1: Stefanie Taubert als Alexandra Anufrijewna Grischtschuk (Foto Shantan Kumarasamy)

Die Försterin Aleksandra Anufriejewna Grischtschuk beklagt sich herzzerreißend über Männer, die sich als Rotarmisten ausgegeben und ihre Kuh geraubt hatten. Eingeblendet wird bei dieser Szene ein in Schwarz-Weiß gedrehter Film, der die Frau zusammen mit ihrer Kuh zeigt, die sie zärtlich streichelt und füttert. Die Kuh war der wichtigste Besitz, um sie und ihre Kinder am Leben zu erhalten. Über diesen Fall wurden, wie Gleb Albert schreibt, offenbar offizielle Nachforschungen angeordnet. Die meisten der Briefe landeten mit einem entsprechenden Vermerk von Trotzkis Sekretariat jedoch im Archiv.

Erschütternd sind auch die Szenen mit Schmil Stein (Michael Grunert). Er ist ein alter Mann, ein Analphabet. Er bittet seine Nachbarin, einen Brief an Trotzki zu schreiben, weil er vollkommen allein und mittellos ist. Denn sein Sohn wurde erschossen, obwohl er vollkommen unschuldig war. Die Nachbarin schenkt ihm Schuhe, weil er sich barfuss auf die lange Reise machen will, um Trotzki seinen Brief persönlich zu überbringen. Glasman kann ihm nicht helfen, verspricht aber den Brief zu übergeben.

Das überwiegend junge Ensemble des Bielefelder Theaterlabors, ein 1983 gegründetes Freies Experimentiertheater, das in der Fabrikhalle der ehemaligen Dürrkoppwerke spielt, war hervorragend in der Lage, die unterschiedlichen Persönlichkeiten, wie sie aus den ausgewählten Briefen sprechen, lebendig werden zu lassen.

Das Bühnenbild, bestehend aus Podesten unterschiedlicher Höhe an beiden Seiten der Bühne, die gitterartig von unregelmäßigen Holzstäben begrenzt sind, an junge Birkenstämme erinnernd, vermittelt die Atmosphäre der Armut und Beschränktheit der Lebensumstände der Bittstellenden, in denen sie gefangen sind. Die immer wieder von ihnen über die Bühne getragenen Koffer symbolisieren zugleich den Aufbruch, die Hoffnung aber auch die Entwurzelung durch den Bürgerkrieg, die Reisen der Akteure in dem großen Land, um der Revolution zu dienen und ihr Recht zu erlangen.

Gelungen ist auch die Choreographie der Szene vom ersten Mai, bei der rote Fahnen und ein riesiges rotes Transparent geschwungen werden. Sie erinnert stark an die Fotos und Filme von den großen Kundgebungen nach der Revolution, in denen die Menschen stolz ihren Sieg feierten.

Bild 2 Michail Glasman (Lukas Pergande) am Klavier und Alexandra Anufrijewna Grischtschuk (Foto Shantan Kumarasamy)

In starkem Kontrast dazu steht in den anderen Szenen auf der meist leeren Bühne im Zentrum der Schreibtisch des Sekretärs Michail Glasman, gespielt von Lukas Pergande. Man weiß nicht, ob wirklich er es war, der diese Briefe entgegennahm. Aber das ist unerheblich. Indem er zur zentralen Figur des Stücks gemacht wird, gelingt sowohl die Verknüpfung der einzelnen Szenen zu einer Handlung als auch die Erzeugung der Atmosphäre, in der ihm und Trotzki selbst das politische Handeln immer mehr eingeschränkt wird.

Historisch verbürgt ist, dass Glasman, der als junger Student Trotzkis persönlicher Sekretär und Stenograph wurde und im Bürgerkrieg unermüdlich im Zug an seiner Seite arbeitete, auch danach weiter für ihn tätig blieb. (siehe Leo Trotzki: Mein Leben, Frankfurt/M., 1974, S. 360)

Der beim Sortieren der Briefe laut denkende Glasman wird gleichzeitig in einem Film an die Bühnenwand projiziert, während er auf der Bühne stumm am Schreibtisch sitzend immer mehr verzweifelnd die Flut der eintreffenden Briefe an Trotzki entgegennimmt, nach dem er mehrmals vergeblich ruft. Er leidet unter der wachsenden Isolation Trotzkis, den zunehmenden Intrigen der Mehrheit im Zentralkomitee und ihren Verleumdungen gegen ihn und erinnert sich an die Zeit im Zug während des Bürgerkriegs, in der trotz des immensen Arbeitspensums alles noch „so einfach“ war.

Zwischen einzelnen Szenen drückt er seine Gefühle aus, indem er am Klavier improvisiert. Zum Schluss schreibt er an der Schreibmaschine seinen Abschiedsbrief an Lew Davidowitsch. Die Partei hatte ihn ausgeschlossen und ihm jede weitere politische Arbeit versagt. In einem Bericht über die Zeit der Exilierung ihrer Familie nach Alma Ata, den Trotzki in Mein Leben zitiert, schreibt seine Frau Natalia Sedowa: „ Den lieben bescheidenen Glasman hatten sie bereits im Jahre 1924 zum Selbstmord getrieben.“

Den Schluss bilden Projektionen von Bildern der Opfer der Stalinschen Säuberungen aus dem Buch von David King Ganz normale Bürger. Der Bezug zu den Briefen ist natürlich deutlich. Allerdings könnte man danach zu dem Schluss kommen, dass Revolution und Bürgerkrieg vergeblich waren. Trotzki selbst hat dies natürlich anders gesehen. Er hat seine Rolle im Exil zur Verteidigung des Marxismus gegen den Stalinismus und für den Aufbau der Vierten Internationale für bedeutender gehalten als seine Arbeit in den Jahren zuvor. Ohne seine klaren Analysen über die bürokratische Entartung des ersten Arbeiterstaats ist ein Verständnis seines Scheiterns und der gesamten Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht möglich.