Arbeitslosigkeit in Europa steigt seit 22 Monaten

Von Stefan Steinberg
5. April 2013

Die jüngsten Zahlen der Statistikbehörde Eurostat bestätigen, dass die wirtschaftliche Rezession in Europa sich immer mehr in steigender Arbeitslosigkeit und sinkendem Lebensstandard niederschlägt.

Eurostat erklärte am Dienstag, dass die Arbeitslosigkeit in den siebzehn Ländern der Eurozone von den ursprünglich für den Monat angegebenen 11,9 Prozent auf zwölf Prozent gestiegen sei. Die Zahlen für Januar wurden nachträglich auf zwölf Prozent revidiert, und es ist anzunehmen, dass das gleiche mit den Zahlen für Februar geschehen wird. Die aktuellen Zahlen berücksichtigen zum Beispiel nicht die Auswirkungen der jüngsten Wirtschafts- und Bankenkrise in Zypern auf den europäischen Arbeitsmarkt.

Der Wert von zwölf Prozent ist der höchste seit Gründung der Eurozone und kommt dem von der EU erwarteten Höchstwert von 12,2 Prozent für 2013 schon sehr nahe. Die Arbeitslosigkeit in der ganzen EU mit ihren 27 Mitgliedstaaten stieg im Februar von 10,8 auf 10,9 Prozent. Sie beträgt in absoluten Zahlen 26 Millionen. Die Arbeitslosigkeit in Europa steigt nun seit 22 Monaten kontinuierlich.

Die nackten Statistiken verbergen eine wachsende soziale Krise und Verelendung von Millionen Familien in ganz Europa. Steigende Arbeitslosigkeit ist eine schwere Anklage an die Politik der Europäischen Union und ihrer Anhänger, vor allem der Gewerkschaften. Alle jüngeren EU-Gipfel begannen mit Appellen der Gewerkschaften für Maßnahmen gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in ganz Europa. Im Austausch für ein paar windelweiche Sätze am Ende der Gipfelresolutionen und ein paar Millionen Euro für Arbeitsplatzprogramme sagen die Gewerkschaften der EU-Sparpolitik regelmäßig ihre weitere Unterstützung zu.

Die Arbeitslosigkeit von zwölf Prozent bezieht sich auf offiziell registrierte Arbeitslose, die Arbeitslosenunterstützung beantragt haben. Sie berücksichtigt nicht all jene, die keine Unterstützung mehr bekommen, und auch nicht Unterbeschäftigte. Die offizielle Zahl unterzeichnet die wirkliche Arbeitslosigkeit in Europa stark. So hat Deutschland mit durchschnittlich 6,9 Prozent eine der niedrigsten Arbeitslosenraten in Europa. Diese Zahl berücksichtigt aber nicht, dass über sieben Millionen Deutsche für sehr niedrige Löhne und im informellen Sektor arbeiten.

Die höchste Arbeitslosigkeit gibt es in den Ländern, denen die Troika aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfond schon mehrere Sparprogramme aufgezwungen hat.

Im Februar stieg die Arbeitslosigkeit in Spanien auf 26,3 Prozent und in Portugal auf 17,5 Prozent. Noch vor Spanien liegt Griechenland mit 26,4 Prozent. Aber auch hier stammen die Zahlen vom Dezember und sind schon wieder veraltet. Nach den jüngsten Kürzungsmaßnahmen sind die Zahlen in Griechenland dieses Jahr sicher noch weiter gestiegen.

Am härtesten betroffen von der durch Kürzungspolitik angefachten Rezession sind wieder einmal die Jugendlichen. Nach Eurostat sind in der Eurozone fast ein Viertel aller unter 25-Jähringen arbeitslos. In der gesamten EU ist die Rate mit 23,5 Prozent nur geringfügig niedriger.

Südeuropäische Länder liegen bei der Jugendarbeitslosigkeit in Führung. In Griechenland sind deutlich über die Hälfte der jungen Arbeiter arbeitslos (58,4 Prozent im Dezember) und in Spanien 55,7 Prozent. Portugal nimmt mit 38,7 Prozent den dritten Platz ein, gefolgt von Italien mit 37,8 Prozent. Die hohe Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen, die in der absehbaren Zukunft kaum Aussicht auf einen Arbeitsplatz haben, veranlasst bürgerliche Kommentatoren schon dazu, von einer „verlorenen Generation“ zu sprechen.

Am Tag der Bekanntgabe der Eurostat Statistiken zeigte auch eine weitere Analyse, dass der Trend zu einer Rezession in Europa zunimmt. Der MP Manager Index Markit für die Eurozone ging im März auf 46,8 Punkte zurück. Der Index registriert das Vertrauen der Unternehmer in die Wirtschaft, und jeder Wert unter 50 ist ein Anzeichen für eine aufziehende Rezession.

Die Wirtschaft der Eurozone ist in den letzten fünf Quartalen zurückgegangen, und der Markit-Index macht zusammen mit den jüngsten Arbeitslosenzahlen deutlich, dass sich der Trend zur Rezession fortsetzt und sich im Laufe des Jahres eher noch verstärken wird.

Während die Plage der Massenarbeitslosigkeit sich über ganz Europa ausbreitet, feierten die Börsen am Dienstag fröhliche Urständ’. Der deutsche DAX stieg um 1,9 Prozent, der britische FTSE 100 legte 1,2 Prozent zu und der französische CAC 40 gewann zwei Prozent. Ein anderer führender Index, der Stoxx Europe 600, sprang um 1,3 Prozent in die Höhe.

Der Finanzanalyst Nicholas Spiro kommentierte die Börsengewinne so: “Der Anstieg der Arbeitslosigkeit ist zusammen mit der düsteren PMI-Umfrage von heute morgen ein beredtes Beispiel dafür, wie weit sich die Marktreaktion auf die Eurozone von den wirtschaftlichen Grundtatsachen entfernt hat.“

Tatsächlich gibt es diesen Gegensatz nicht. Die Börsen feiern die ungeheure Umverteilung des Reichtums, die in ganz Europa Millionen Menschen in Armut stürzt, während eine kleine Minderheit ihre Portfolios gerade deutlich vergrößern kann.

Die Zunahme der Ungleichheit in Europa wird in einer anderen Studie von Eurostat mit dem Titel „Bevölkerung und soziale Lage“ deutlich. Der Autor der Studie kommt zu dem Schluss, dass der Lebensstandard in fünfzehn der 27 EU-Staaten von 2009 auf 2010 gefallen ist. Der stärkste Rückgang fand in den ärmeren Ländern wie Bulgarien, Lettland, Griechenland und Spanien statt. Die stärksten Einbußen erlitten die Arbeitslosen und das unterste Fünftel der Gesellschaft.

Die Studie führt den Rückgang der Einkommen in einigen europäischen Ländern an und kommt zu der Erkenntnis, dass eine wachsende Zahl europäischer Familien sich nicht mehr jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder einem vegetarischen Äquivalent leisten kann.

Die Einkommen sind im Durchschnitt in ganz Europa gesunken, aber die gleiche Studie hält fest, dass die reichsten zwanzig Prozent der Bevölkerung in mehreren europäischen Ländern ihr Vermögen deutlich steigern konnten.

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