Japan kündigt “neue Dimension” bei quantitativer Lockerung an

Von Nick Beams
9. April 2013

Mit ihrer Entscheidung vom vergangenen Donnerstag, „massiv“ Staatsanleihen aufzukaufen, verschärft die japanische Zentralbank den so genannten globalen Währungskrieg.

Das Programm, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, wird als Maßnahme zur Ankurbelung der Binnenwirtschaft und zur Beendigung der Deflation gerechtfertigt, in deren Würgegriff sich die japanische Wirtschaft seit fast zwei Jahrzehnten befindet. Gleichzeitig wird es den Wert des japanischen Yen auf den internationalen Währungsmärkten drücken.

Im Rahmen des von einem Kommentator als „Schock-Methode“ bezeichneten Programms wird die japanische Zentralbank ihre Kapitalbasis innerhalb von zwei Jahren von 135 Billionen Yen (über eine Billionen Euro) auf 270 Billionen Yen verdoppeln. Dies wird dadurch erreicht, dass langfristige Staatsanleihen aufgekauft und die Fälligkeit von drei auf sieben Jahre angehoben werden.

Die japanische Zentralbank wird ihre Bilanz für den Rest dieses Jahres um den Gegenwert von einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) pro Monat und im Jahr 2014 um 1,1 Prozent pro Monat erhöhen. Das entspricht in etwa dem Doppelten der Ausweitung der Reserven der US-Zentralbank Federal Reserve, die im Rahmen ihres Quantitative-Easing-Programms pro Monat um etwa 0,54 Prozent des BIP wachsen.

Die neuen Maßnahmen wurden verkündet, nachdem der neunköpfige Gouverneursrat der japanischen Zentralbank sich zum ersten Mal unter dem kürzlich ernannten Gouverneur Haruhiko Kuroda versammelt hatte.

Kuroda hatte seinen Posten mit der Vorgabe erhalten, den Plan des vor kurzem gewählten japanischen Premierministers Shinzo Abe durchzusetzen und Japans Inflationsrate auf zwei Prozent pro Jahr anzuheben. Der Preisrückgang in Japan seit dem Zusammenbruch des Aktienmarktes und der Immobilienblase Anfang der 1990er Jahre hat dazu geführt, dass Japans BIP 2012 in Geld ausgedrückt niedriger ausfiel als zwanzig Jahre zuvor.

Obwohl Abe auf der neuen politischen Linie beharrt, wurde bezweifelt, ob der Gouverneursrat dem Richtungswechsel zustimmen würde, der auf längere Laufzeiten der Staatsanleihen abzielt. Bisher hatte die japanische Zentralbank ihre Eingriffe auf kurzfristige Anleihen beschränkt und gezögert, ein massives quantitatives-Lockerungs-Programm durchzuführen.

Aber der von Kuroda angeführte „Regimewechsel“ wurde mit nur einer Gegenstimme angenommen, und diese bezog sich auch nur auf einen Teilaspekt der neuen Politik.

Als die japanische Zentralbank die Veränderungen bekanntgab, erklärte sie, sie strebe „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ eine zweiprozentige Inflationsrate an. Kuroda sagte: „Damit schaffen wir eine neue Dimension der monetären Erleichterung.“

Kuroda verwarf die zuvor verfolgte Strategie, die als zu vorsichtig bezeichnet worden war: „Das bisherige, schrittweise Vorgehen hätte uns nicht aus der Deflation geholfen. Ich bin sicher, dass wir jetzt all die Maßnahmen ergriffen haben, die uns in die Lage versetzen werden, das Zwei-Prozent-Ziel zu erreichen.“

Sollten die Preise nicht wie erwartet zu steigen beginnen, so werde die japanische Zentralbank Koruda zufolge „nicht zögern“, ihr Programm zu verschärfen. Er kritisierte die bisherige Politik als zu ängstlich: Sie habe sich von der Möglichkeit einschüchtern lassen, dass eine galoppierende Inflation ausgelöst werden könnte.

Während die neue Strategie in Finanzkreisen allgemein begrüßt wird, gibt es warnende Stimmen angesichts der Folgen der von Kuroda als „nie dagewesen“ beschriebenen Politik. Zum einen wird befürchtet, dass die massiven Käufe von Staatsanleihen durch die Zentralbank unter Investoren die Angst verbreiten könnten, dass die japanischen Staatsschulden, ohnehin die höchsten der Welt, niemals mehr gesenkt werden könnten. Falls es zu einer Panik käme, könnte dies zu einem Anstieg der Zinsraten führen und damit – im Gegensatz zu den beabsichtigten Folgen der Politik – zum Staatsbankrott.

Kuroda gestand die Risiken ein, bestand aber darauf, dass sie die japanische Zentralbank nicht am Handeln hindern dürften. „Wir haben die Nebeneffekte diskutiert, aber wir machen uns gegenwärtig keine Sorgen, dass langfristige Zinsraten in die Höhe schießen könnten, oder dass es umgekehrt zu einer Vermögensblase [einer Folge niedriger Zinsraten] kommen könnte“, sagte er. „Dass es Risiken gibt, sollte uns nicht daran hindern, auf die dringend benötigte monetäre Erleichterung zu setzen. Wir werden diese Risiken im Auge behalten, aber zügig voranschreiten.“

An der Entscheidung fiel die Einsamkeit auf, in der sie gefasst wurde. Es scheint, dass die US-Zentralbank Federal Reserve, die Bank von England und die Europäische Zentralbank, die alle ihre eigenen Versionen der quantitativen Lockerung verfolgen, nicht vorab informiert wurden.

Gavyn Davies, Kolumnist der Financial Times, beleuchtete das Ausmaß der Operation. „In der Tat“, schrieb er, „hat der neue Gouverneur die komplette Bilanzstrategie der Federal Reserve nach dem Lehmann-Zusammenbruch nach Japan importiert, und er wird sie in weniger als zwei Jahren durchsetzen, anstatt in den fünf oder mehr Jahren, die die Fed benötigt hat. Die Verdoppelung der japanischen Kapitalbasis über einen Zeitraum von 21 Monaten ist an sich schon bemerkenswert. Zusammen mit der Verlängerung der Laufzeiten der Anleihen von weniger als drei Jahren auf sieben Jahre, nimmt die Geldspritze historische Ausmaße an.“

Die Entscheidung wird international bedeutende Folgen haben. Sie überrascht vollständig angesichts der Entscheidung, die bei dem Treffen der G7-Nationen im Februar getroffen wurden, dass nämlich kein Land Währungsabwertungen vornehmen sollte, um die eigene Position auf dem Exportmarkt zu verbessern.

Ungeachtet der Behauptungen Japans, dass die Maßnahmen auf die Wiederbelebung der heimischen Wirtschaft abzielten, werden sie den Wert des Yen drücken. Die Ankündigung hatte sofort Auswirkungen auf die Währungsmärkte. Der Yen fiel gegenüber dem US-Dollar und beendete seinen kurzen Höhenflug nach der Zypernkrise.

Seit vergangenem Juni ist der Yen bereits um 22 Prozent, bzw. 24 Prozent gegenüber dem US-Dollar und dem australischen Dollar gefallen. Eines der besonders betroffenen Länder ist Südkorea, dessen große Elektronikkonzerne auf dem Weltmarkt mit japanischen Firmen konkurrieren.

Über die Folgen der Entscheidung hinaus deutet die neue Politik der japanischen Zentralbank auf das wachsende Ungleichgewicht des internationalen Währungssystems und die Verschärfung der Krise des Weltkapitalismus.

Mittlerweile werden Entscheidungen getroffen, die noch vor wenigen Jahren verworfen worden wären, weil sie die Bedingungen für eine zukünftige finanzielle Katastrophe schaffen. Der Zustand der Weltwirtschaft hat sich derart verschlechtert, dass die Zentralbanker, einst eine Bastion des finanziellen Konservatismus, jetzt nach dem Prinzip „nach mir die Sintflut“ handeln.

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