Thatchers Bestattung: Prunk im Dienste der politischen Reaktion

Von Chris Marsden and Julie Hyland
23. April 2013

Es ist nicht schwer, Adjektive zu finden, mit denen sich die Beisetzung der ehemaligen konservativen Premierministerin Margaret Thatcher am 17. April beschreiben ließe, beispielsweise: „ekelerregend“, „obszön“ oder „provokant“.

Sie war schließlich die verhassteste Politikerin der jüngeren britischen Geschichte, eine Bewunderin von Pinochets Diktatur in Chile und des rassistischen Apartheid-Regimes in Südafrika, und hat großes Leid über die britische Arbeiterklasse gebracht.

Thatcher erhielt ein Staatsbegräbnis – auch wenn man es nicht so nannte. Daher ist es nicht möglich, zu erfahren, wieviel es gekostet hat, allerdings werden die Kosten auf etwa zehn Millionen Pfund geschätzt. Damit ist es das teuerste Begräbnis dieser Art, das je organisiert wurde.

Die Zeremonie war so stark vom Militär geprägt, dass die Veranstaltung in London teilweise mit einem Putsch verglichen wurde. Alle paar hundert Meter standen bewaffnete Polizisten. Die Prozession mit ihrem Sarg begann in St. Clement Danes, der Hauptkirche der Royal Air Force mit der Statue von „Bomber-Harris“. Arthur Harris war der Verantwortliche für die Brandbombenangriffe auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg. Dann wurde er auf einer von Pferden gezogenen Lafette und mit der britischen Flagge bedeckt von 700 bewaffneten Soldaten begleitet und zur St. Pauls-Kathedrale gebracht.

Die politische Speichelleckerei zeigte sich bereits eine Woche zuvor in der Sondersitzung des Parlaments. Die Glocken des Big Ben wurden während der Zeit der Beerdigung abgestellt und die Sitzung des Parlaments vertagt, damit die Abgeordneten teilnehmen konnten.

Die Queen war zum ersten Mal seit dem Tod von Winston Churchill im Jahr 1965, bei der Bestattung eines ehemaligen Premierministers anwesend. Im Gegensatz zu Churchill wurde Thatcher kein offizielles Staatsbegräbnis zuteil, weil sie in der Bevölkerung so verhasst ist.

Aus dem gleichen Grund wurde auch noch die zurückhaltendste Kritik an Thatcher oder den Kosten für ihr Begräbnis mit lautstarker Empörung und sogar der Androhung von Gewalt und Verhaftung beantwortet.

Die herrschenden Kreise versuchen, die „heilige Margaret“ zu einer Art Schutzheiligen der Korruption und der Gier zu verklären. Premierminister David Cameron fasste dies in der Aussage zusammen: „Wir sind heute alle Thatcheristen“. Ihr politisches Erbe wird als unverrückbarer Grundstein des modernen Großbritannien gesehen. Zu diesem Erbe gehören ihr aggressiver Einsatz militärischer Stärke im Falklandkrieg, und vor allem die Zerstörung des Sozialstaates, ihr Kampf gegen die Gewerkschaften, für Privatisierungen und die Deregulierung der City of London.

Die Konstruktion dieses Mythos erfordert die völlige Unterdrückung der öffentlichen Meinung. Schließlich wurde ihr Name zum Synonym einer Politik, die Millionen Menschen in eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe gesürzt hat. Der Thatcherismus ist so verhasst, dass weniger als ein Dutzend internationale Staatsoberhäupter an ihrer Trauerfeier teilnahmen.

Welche sozialen Interessen mit dieser Propagandaoffensive wirklich bedient wurden, zeigt sich daran, wer kam. Die Feier wurde zu einer Versammlung des Bodensatzes des Neokonservatismus in Großbritannien und den USA und anderer Erzreaktionäre.

Zu den Gästen gehörten die ehemaligen US-Außenminister George Shultz, James Baker und Henry Kissinger, und der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney. Auch Newt Gingrich und die Anführerin der „Tea Party“ Michele Bachmann gehörten zu den Gästen.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu war ebenso anwesend wie F.W. de Klerk, der letzte Präsident des südafrikanischen Apartheidsregimes; der ehemalige australische Premierminister John Howard, der ehemalige kanadische Premierminister Stephen Harper und aus Polen Lech Walesa und Premierminister Donald Tusk.

Die ehemaligen Labour-Premierminister Tony Blair und Gordon Brown machten die Versammlung von Verbrechern komplett. Beide sind politische Erben Thatchers und unterstützten diese Art von Begräbnis.

Vielleicht wollten sie zeigen, dass die rechte Wirtschaftspolitik, von denen alle Anwesenden profitiert haben, unangefochten ist. Der schrille und einschüchternde Ton, den die Medien anschlugen, und der Bombast und Überschwang der Bestattung zeugt nicht von der Stärke der herrschenden Elite, sondern von ihrer Schwäche.

Der offizielle Prunk kann die Tatsache nicht verleugnen, dass das politische Projekt, das man mit Thatcher in Verbindung bringt, zusammenbricht, während sie beerdigt wird.

Letztlich war der Thatcherismus ein verzweifelter und räuberischer Versuch der britischen Bourgeoisie, den Niedergang ihrer globalen Stellung aufzuhalten. Aber die Mittel, mit denen sie dies erreichen wollte – imperialistische Kriege, der Angriff auf die soziale Stellung der Arbeiterklasse und hemmungslose Finanzspekulation, die mit keiner wirtschaftlich produktiven Aktivität zu tun hatte – zeigten selbst ihre zunehmende Fäulnis.

Der Beinahe-Zusammenbruch des ganzen wirtschaftlichen Gebäudes im Jahr 2008 führte nur zur Verschärfung der gleichen reaktionären und bankrotten Agenda. Der Prozess der Selbstbereicherung der Wenigen ging weiter, finanziert durch brutale Sparmaßnahmen gegen die Bevölkerung.

Während Thatcher beerdigt wurde, begann die konservativ-liberaldemokratische Regierungskoalition die Sozialleistungen in vier Bezirken Londons zu deckeln. Diese Deckelung wird allein in der Hauptstadt 80.000 Menschen obdachlos machen. Am gleichen Tag wurden Zahlen veröffentlicht, laut denen die Arbeitslosenzahl in Großbritannien im letzten Quartal um 70.000 auf 2,56 Millionen gestiegen ist, die Zahl der arbeitslosen 16- bis 24-Jährigen hat sich um 20.000 auf 979.000 erhöht.

Durch Thatchers Tod ändert sich für die arbeitende Bevölkerung nichts, denn ihre angeblichen politischen Gegner – die Gewerkschaften und die Labour Party – sind zu den eifrigsten Verfechtern ihrer Agenda geworden. Einmal hatte Thatcher sogar scherzhaft behauptet, Tony Blair und „New Labour“ seien ihr größtes Vermächtnis.

Dass sich daran nichts ändert, machten auch die überschwänglichen Würdigungen klar, die Labour-Chef Ed Miliband ihr zollte, sowie die Zustimmung seiner Partei, die Sitzungen des Parlaments während ihrer Bestattung ausfallen zu lassen.

Der ganze Zustand zeigt, dass die bürgerliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung über zwanzig Jahre nach Thatchers Amtszeit noch verkommener und verknöcherter geworden ist.

Das extreme Missverhältnis zwischen der offiziellen Darstellung Thatchers und dem Hass und der Verachtung, mit der die arbeitende Bevölkerung an sie denkt, ist ideologischer Ausdruck einer unhaltbaren Polarisierung der Klassenverhältnisse und weist deutlich auf bevorstehende politische Stürme hin.

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