Verdi vereinbart Reallohnsenkung bei der Lufthansa

Von Ernst Wolff
3. Mai 2013

Die Gewerkschaft Verdi hat sich am Mittwoch mit der Geschäftsleitung der Lufthansa auf einen neuen Tarifvertrag für das Bodenpersonal der Fluglinie geeinigt. Er gilt für 33.000 Beschäftigte.

Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 26 Monaten und gilt bis Ende März 2015. Er beginnt mit einer halbjährigen Nullrunde vom Februar 2013 bis zum Juli 2013. Danach gibt es zum 1. August 2013 und zum 1. August 2014 eine zweistufige Lohnsteigerung von insgesamt 3,0 Prozent bei der Hauptgesellschaft Lufthansa AG und 4,7 Prozent bei den Töchtern Technik, Cargo und Systems. Die Auszubildenden erhalten 5,2 Prozent mehr.

Zusätzlich wurden für geplante Ausgründungen und die Beschäftigten an den dezentralen Standorten außerhalb Münchens und Frankfurts „neue Tarifstrukturen“ vereinbart, die bis Ende Oktober 2013 verhandelt werden sollen.

Die Lufthansa hat für die Dauer des Tarifvertrags betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Das hat wenig zu bedeuten, da der Konzern trotzdem Arbeitsplätze abbauen kann, indem er aus Alters- und anderen Gründen ausscheidende Beschäftigte nicht ersetzt oder andere durch unzumutbare Arbeitsbedingungen zum „freiwilligen“ Ausscheiden zwingt.

Mit dem Tarifabschluss ist Verdi der Belegschaft gleich dreifach in den Rücken gefallen.

Erstens bleibt das Verhandlungsergebnis nicht nur weit hinter den ursprünglich geforderten 5,2 Prozent für ein Jahr zurück, sondern bedeutet angesichts einer erwarteten Jahresinflationsrate von 2,0 Prozent eine deutliche Senkung der Reallöhne.

Zweitens hat Verdi die Belegschaft gespalten, indem sie für unterschiedliche Konzernbereiche abhängig von deren Profitabilität unterschiedliche Tariferhöhungen akzeptierte.

Und drittens herrscht für das Bodenpersonal für die kommenden zwei Jahre Friedenspflicht, so dass die Lufthansa andere Gruppen von Beschäftigten, die vor Tarifverhandlungen stehen, isolieren und sich einzeln vorknüpfen kann.

Während der Kurs der Lufthansa-Aktie nach Bekanntwerden der Vereinbarung in die Höhe schnellte, lobte Personalvorstand Stefan Lauer den „differenzierten Tarifabschluss“ und sagte, er setze „ein wichtiges Zeichen“ und leiste „einen Beitrag zum Sparprogramm“.

Verdi-Verhandlungsführerin und Lufthansa-Aufsichtsratsmitglied Christine Behle äußerte sich ähnlich positiv über das Verhandlungsergebnis und fügte hinzu, es sei „dem Widerstand der Beschäftigten und ihrem eindrucksvollen Streik zu verdanken“.

Die übereinstimmende Bewertung des Tarifabschlusses durch Unternehmensleitung und Gewerkschaftsführung belegt ebenso wie der gesamte Verlauf der Tarifauseinandersetzungen vor allem eines – das Zusammenspiel und die Arbeitsteilung zwischen den vermeintlichen Kontrahenten.

Ziel des Lufthansavorstandes ist es, den Kostendruck auf Grund der verschärften Wettbewerbslage so weit wie möglich an die Beschäftigten weiterzugeben, um die Profitabilität des Unternehmens zu erhöhen. Verdi agiert dabei als Bündnispartner und sieht seine Aufgabe darin, den wachsenden Widerstand der Beschäftigten aufzufangen, zu zersplittern und ins Leere laufen zu lassen.

Wie sonst lässt sich erklären, dass sich die Gewerkschaft eine Woche nach dem bedeutendsten Streik in der Geschichte des Unternehmens – bei dem 14.000 Beschäftigte einen Tag lang mehr als 97 Prozent des Flugbetriebes lahmlegten – bereit erklärt, eine sechsmonatige Nullrunde und die Senkung der Reallöhne über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren hinzunehmen?

Verdis Streikaufruf in der vergangenen Woche war keinesfalls die von den Medien beschworene „Demonstration der Macht“, sondern ein wohlkalkuliertes Täuschungsmanöver, das als Blitzableiter für die zunehmende Wut der Beschäftigten angesichts des Angriffs auf ihren Lebensstandard diente.

Auch die dreitägigen Tarifverhandlungen in Mörfelden bei Frankfurt waren alles andere als die „erbitterte Auseinandersetzung“, als die sie in der Presse dargestellt wurden, sondern ein inszeniertes Scheingefecht. Für Verdi ging es nicht darum, das bestmögliche Ergebnis für die Beschäftigten zu erkämpfen, sondern dem Unternehmen Flankenschutz bei der Durchsetzung des „Score“-Sparprogramms zu leisten, mit dem der Vorstand den Gewinn der Luftlinie um 1,5 Mrd. Euro erhöhen will.

Außerdem will Verdi die Verhandlungsposition der Konzernleitung in ihrer Auseinandersetzung mit der Spartengewerkschaft Cockpit stärken. Cockpit verlangt für die Flugkapitäne von Lufthansa, Lufthansa Cargo und German Wings für ein Jahr 4,6 Prozent mehr Lohn und hat der Geschäftsleitung nach einjährigen ergebnislosen Verhandlungen in der vergangenen Woche ein Ultimatum bis zum 12. Mai gestellt und mit einem Streik gedroht.

Schützenhilfe erhielt Verdi vergangene Woche von dem Chef der weltgrößten Pilotengewerkschaft Air Line Pilots Association (ALPA), Lee Moak. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche beurteilte Moak die Forderungen vieler Belegschaften als „unrealistisch und kurzsichtig“ und warf ihnen die Gefährdung von Unternehmen und Arbeitsplätzen vor. „Bei Airlines wie Swissair, Sabena oder Alitalia haben die Kollegen auf hohen Löhnen und selbst auf überzogenen Privilegien... bestanden – nun sind die Unternehmen verschwunden und mit ihnen viele Jobs.“

Speziell für die Lufthansa hatte der Gewerkschaftsboss, dessen Worte aus dem Mund eines knallharten Unternehmens-Sanierers stammen könnten, einen Rat bereit: Niedrigere Arbeitskosten könne man „durch effizientere Abläufe erreichen. Aber wo das wie bei der Lufthansa weitgehend ausgereizt ist, geht es auch um die Gehälter.“

Welche verheerenden Folgen Moaks Haltung hat, zeigt sich in den USA. Seine Air Line Pilots Association hat entscheidend mit dazu beigetragen, dass amerikanische Luftfahrtgesellschaften ihrem Personal heute bis zu 50 Prozent niedrigere Löhne zahlen als zur Jahrtausendwende.

Der von Verdi ausgehandelte Tarifabschluss, der den Gewerkschaftsmitgliedern und der Tarifkommission bis zum 14. Mai zur Abstimmung vorgelegt werden muss, ist ein klarer Schritt in die Richtung solcher Verhältnisse.