David North spricht in Berlin zum 15-jährigen Bestehen der WSWS

Von unserem Korrespondenten
15. Mai 2013

Am vergangenen Samstag sprach David North, der Vorsitzende der amerikanischen Socialist Equality Party und der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site (WSWS) anlässlich des 15-jährigen Jubiläums der WSWS in Berlin. Die Veranstaltung war ein Meilenstein in der Geschichte der marxistischen Bewegung in Deutschland.

Die WSWS ist die Website des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) und nach 15 Jahren ihres Bestehens die meist gelesene sozialistische Publikation weltweit. Sie hat täglich mehr als 50.000 Leser. Seit ihrer Gründung hat sie über 45.000 Artikel zu Politik, Geschichte, Philosophie und Kultur sowie Reportagen über Kämpfe und Streiks der Arbeiterklasse veröffentlicht.

Die Versammlung in Berlin

North charakterisierte die WSWS als „eine objektive historische Errungenschaft der trotzkistischen Bewegung“. In den vergangenen 15 Jahren hat die WSWS wie keine andere Publikation wichtige politische und kulturelle Ereignisse und Entwicklungen mit unerreichter Klarheit kommentiert. Mit ihren Analysen gibt die WSWS Arbeitern und Jugendlichen täglich ein wissenschaftliches Verständnis für die komplexen Prozesse, die der internationalen Krise des Kapitalismus und der Entwicklung des internationalen Klassenkampfs zu Grunde liegen, und formuliert für die Arbeiterklasse so ein unabhängiges revolutionäres Programm.

Ziel der Veranstaltung sei es jedoch nicht, sich für das Erreichte „gegenseitig auf die Schultern zu klopfen“, sagte North. Er wolle vielmehr erklären, worin die Bedeutung und Stärke der WSWS begründet lägen. Die Website sei einmalig, weil sie sich in einem entscheidenden Punkt von allen anderen politischen Publikationen unterscheide. „Im Gegensatz zu allen bürgerlichen oder kleinbürgerlich-radikalen Publikationen haben wir eine wissenschaftliche Methode, und das ist der historische Materialismus“, sagte North.

North, der seinen Vortrag in deutscher Sprache hielt, erklärte anschaulich die historischen und theoretischen Grundlagen der WSWS. „Die Gründung der WSWS war eine Reaktion des IKVI auf die Auflösung der UdSSR. Als bürgerliche Ideologen das ‘Ende der Geschichte’ und den ‘Triumph des Kapitalismus’ feierten, erklärte das IKVI, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion die historischen Konflikte und Widersprüche des imperialistischen Systems selbst verschärfen wird. Heute kann jeder selbst beurteilen, wer damals Recht hatte.“

Der Kapitalismus hätte in den letzten Jahren genug Zeit gehabt, um zu zeigen, was er kann, sagte North ironisch. Hervorgebracht habe er jedoch lediglich Krieg, Armut und Arbeitslosigkeit für Millionen von Menschen. Zwei Jahrzehnte nach Auflösung der Sowjetunion verstehe man, warum die Oktoberrevolution überhaupt stattgefunden habe.

North betonte die große Bedeutung des Kampfs zur Verteidigung des historischen Materialismus durch das IKVI und die WSWS: „Bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologen greifen den historischen Materialismus als ‘deterministisch’ oder ‘Angriff gegen die Individualität und Freiheit des Subjekts’ an, da sie den Marxismus als theoretische Voraussetzung zur Entwicklung eines revolutionären sozialistischen Programms ablehnen.“

„Die zentrale Aufgabe der WSWS ist der Kampf für sozialistisches Bewusstsein in der Arbeiterklasse,“ betonte North. „Dies ist eine wissenschaftliche Frage. Bei der täglichen Herausgabe der Website geht es darum, die Weltkrise des Kapitalismus zu analysieren und unter Arbeitern, Studierenden und Intellektuellen ein Verständnis über die Krise zu entwickeln. Die Praxis der Arbeiterklasse im internationalen Klassenkampf darf nicht auf subjektiven Impressionen basieren, sondern erfordert eine wissenschaftliches Verständnis der Realität und der objektiven Entwicklung des Klassenkampfs.“

North rechnete schonungslos mit den verschiedenen Spielarten des philosophischen Idealismus ab, die den historischen Materialismus und die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse ablehnen und damit das ideologische Fundament für den Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft bilden.

Er zeigte auf, dass pseudolinke Tendenzen dabei am aggressivsten gegen den Marxismus auftreten. Sie greifen anti-marxistische Philosophien wie die der Frankfurter Schule oder den Postmodernismus auf und behaupten, dass die Frage des Sozialismus eine „Erfindung des 20. Jahrhunderts“ sei, die heutzutage keinen Nutzen mehr habe. In der sich verschärfenden Krise des Kapitalismus zeige sich ihre ideologische Feindschaft gegenüber dem Marxismus politisch mittlerweile in einer offenen Unterstützung für den Kapitalismus und imperialistische Kriege.

Im zweiten Teil seine Vortrags analysierte North die politische Entwicklung der letzten fünfzehn Jahre seit der Gründung der WSWS. Ziel der jährlichen Chronologie, welche die WSWS gegenwärtig veröffentliche, sei es, die Frage zu klären, an welchem „Punkt die Arbeiterklasse in der Geschichte des Klassenkampfs heute steht“ und daraus ihre politischen Aufgaben abzuleiten.

North arbeitete erschreckend frappierende Parallelen der historischen Entwicklung zwischen den fünfzehn Jahren von 1998 bis 2013 und von 1898 bis 1913, den fünfzehn Jahren vor dem ersten Weltkrieg, heraus. Beide Perioden waren von einer sich stetig verschärfenden politischen, ökonomischen und intellektuellen Krise, revolutionären Aufständen und wachsenden Konflikten zwischen den Großmächten geprägt.

North erklärte, dass es einen tiefer liegenden objektiven Zusammenhang zwischen dem Ausbruch des Militarismus, den sozialen Angriffen auf die Arbeiterklasse und dem Abbau von demokratischen Rechten gebe. Diese hätten sich vor allem seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise vor fünf Jahren ständig verschärft und könnten nur durch einen revolutionäre Offensive der Arbeiterklasse gestoppt werden.

„Was würdet ihr sagen, wenn wie kürzlich in Boston eine deutsche Millionenstadt quasi über Nacht unter Militärherrschaft gestellt würde und Panzer durch die Straßen Berlins rollten?“, fragte North. „Jeder würde sich natürlich sofort an die Terrorherrschaft der Nazis erinnert fühlen und verängstigt fragen: kehren die überwunden geglaubten Gespenster der Vergangenheit zurück?“

Insgesamt charakterisierte North die letzten fünfzehn Jahre als „eine vorrevolutionäre Ära, in der sich die Krise in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Geistesleben ständig zuspitzt“. In dieser Situation stelle sich die Frage der revolutionären Führung der Arbeiterklasse wie Anfang des 20. Jahrhunderts erneut als historische Notwendigkeit, um einen Rückfall der Menschheit in Krieg und Barbarei zu verhindern. Der Aufbau von Parteien des Internationalen Komitees der Vierten Internationale sei das Gebot der Stunde.

Am Ende seines Vortrags rief North alle Anwesenden dazu auf, aktiv am Aufbau des IKVI, der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) und ihrer Jugendorganisation, der International Students and Youth for Social Equality (IYSSE) teilzunehmen.

Der Appell von North, der sich direkt aus seiner historischen Analyse der politischen Situation entwickelte, fand eine starke Resonanz im Publikum.

Die anschließende Diskussion drehte sich um Fragen der globalen Verflechtung der Wirtschaft, des Internationalismus und der Gewerkschaften.

North nahm die Kritik eines Zuhörers, es gebe Länder, in denen wirtschaftliches Wachstum herrsche, weshalb man nicht von einer Weltwirtschaftskrise sprechen könne, zum Anlass für eine scharfe und sehr grundsätzliche Antwort. Es sei wichtig, die globale Verflechtung des Kapitalismus zu begreifen, denn jede einzelne nationale Wirtschaft sei nichts anderes als ein Teil des Ganzen und könne nur so in ihrer Dynamik verstanden werden. Die historische Krise des Kapitalismus stelle direkt die Frage der sozialen Revolution auf die Tagesordnung.

Die Frage des Charakters der Gewerkschaften wurde ebenfalls sehr grundsätzlich diskutiert. Die Gewerkschaften seien immer pro-kapitalistische Organisationen gewesen, durch die Arbeiter in einer früheren historischen Epoche jedoch zumindest ihre Tagesinteressen verteidigen konnten. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Globalisierung hätten sie sich jedoch vollkommen in Co-Manager der Unternehmen verwandelt, deren Hauptaufgabe darin bestehe, Entlassungen, Lohnkürzungen und Sozialabbau im Einklang mit den Vorständen und Aufsichtsräten von Unternehmen gegen die Arbeiter durchzusetzen.

In Anbetracht der Krise des Kapitalismus, des Ausmaßes der sozialen Konterrevolution und der wachsenden Kriegsgefahr sei ein politischer Kampf für den Sozialismus notwendig. Dies erfordere den Aufbau des IKVI als internationale revolutionäre Partei der Arbeiterklasse.

Im Anschluss an die Veranstaltung zeigten sich anwesende Studierende und Arbeiter beeindruckt von der Perspektive des Marxismus. Cornelia, eine Musikerin aus Berlin, fand sowohl den Vortrag als auch die anschließende Diskussion „sehr interessant und informativ”. Sie hob „die analytische Herangehensweise des Trotzkismus” hervor und sagte, dass sie vor allem die internationalistische Orientierung trotzkistischer Politik für richtig halte.

Maximilian, ein 26-jähriger Student, fand den Vortrag „anschaulich und gut zu verfolgen”, die historischen Vergleiche „treffend” und meinte, er könne David Norths Schlussfolgerung, dass es im Rahmen des Kapitalismus keinen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise gebe, nur voll und ganz unterstützen.

Barbara, die im Vertrieb eines Berliner Großkonzerns beschäftigt ist, meinte, sie hätte bisher „eher zu den Grünen” tendiert. Die klare politische Zuordnung dieser Partei zu den Interessen einer begüterten kleinbürgerlichen Elite, die den Kapitalismus nur deswegen kritisiere, weil sie selbst einen größeren Teil seiner Reichtümer für sich beanspruche, habe ihr „die Augen geöffnet” und sie noch stärker motiviert, die World Socialist Website in Zukunft regelmäßig zu lesen.