Stephen Hawking und der Akademikerboykott Israels

Von Chris Marsden
18. Mai 2013

Der Physiker Stephen Hawking hat beschlossen, nicht an der fünften jährlich stattfindenden Präsidentenkonferenz in Israel teilzunehmen. Bei dieser handelt es sich um eine offizielle staatliche Propagandaveranstaltung. Unter der Überschrift „Facing Tomorrow“ [Dem Kommenden zugewandt] beschäftigt sie sich mit der Frage: “Worin besteht angesichts machtvoller Veränderungsprozesse die wünschenswerte Dynamik innerhalb der Beziehungen zwischen Bevölkerungen und Führern?“

Zu den prominenten Teilnehmern und Sprechern zählen der frühere US-Präsident Bill Clinton, der ehemalige britische Premierminister Tony Blair und der einstige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow. Neben dem amtierenden israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres selbst, der die Konferenz im Jahr 2008 ins Leben rief, wird auch Premierminister Benjamin Netanjahu eine Rede halten.

Es ist ganz und gar prinzipienfest, die Teilnahme an einer solchen Versammlung abzulehnen, wie Hawking es tat. Dies ist eine Plattform für Staatsoberhäupter, die ungezählte Verbrechen gegen die Arbeiterklasse im Nahen Osten verübt haben.

Hawking erwog ebenso, seine Teilnahme zuzusagen, um, wie er im Brief an die Konferenzorganisatoren ausführte, die Konferenz als Bühne gegen die Regierung zu nutzen und „meine Meinung auszusprechen, dass die Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung offenbar in eine Katastrophe führt“.

Hawkings Entscheidung, nicht an dem Meeting teilzunehmen, wird indessen von den Akademikern Stephen und Hilary Rose, den britischen Initiatoren des generellen akademischen Boykotts Israels, ausgenutzt, um ihre Kampagne voranzubringen. Im Guardian stellen die beiden Hawkings Haltung als „möglichen Wendepunkt“ für ihre Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionskampagne dar. Die von ihnen verwendeten Begriffe demonstrieren einmal mehr, wie sehr politisch spalterisch ihr Standpunkt ist und wie sie – welche Absichten sie auch haben mögen – dadurch letztlich der israelischen Elite in die Hände spielen.

Das Ehepaar Rose bramarbasiert von “immer mehr Wissenschaftlern, die Israel als Pariastaat betrachten.“ Anschließend beklagen die beiden sich, dass es einem Nahoststaat „gelungen ist, Mitglied des europäischen Wissenschaftsraums zu werden“ und loben „europäische Parlamentarier“ dafür, dass sie diese Mitgliedschaft in Frage stellen.

Sie fügen hinzu, dass “es ein israelischer Ingenieur war, der die Drohnen entwickelte, welche die USA jetzt massenhaft einsetzen.” Außerdem sei die Rolle, die die israelischen Universitäten bei der Versorgung des israelischen Militärs „mit soziologischen, psychologischen und technologischen Methoden“ spielen, „die von diesen angewandt werden, um die palästinensischen Proteste gegen die Okkupation zu unterdrücken,“ der „unwiderlegliche“ Beweis der „Komplizenschaft der akademischen Welt Israels mit der Politik des israelischen Staates.“

In Wirklichkeit legitimiert der Standpunkt, den Hawking einnimmt, keine der Behauptungen, auf denen die akademische Boykottkampagne basiert. Der 71-jährige theoretische Physiker zog sich von der Veranstaltung zurück, nachdem er ursprünglich Bitten von Unterstützern der Kampagane erhalten hatte und daraufhin palästinensische Kollegen konsultierte.

Hawking unterzeichnete eine Stellungnahme, die von BRICUP (British Committee for Universities for Palestine – Britisches Komitee für Universitäten für Palästina) veröffentlicht wurde, in der er „seine unabhängige Entscheidung“ versicherte, „den Boykott auf Grundlage seiner Kenntnis Palästinas sowie des einhelligen Rates seiner eigenen dortigen akademischen Kontakte zu respektieren.“

Hawking befürwortete keineswegs die weiteren Aktionen, für die sich die Boykottorganisatoren einsetzen. Er ist auch kein bekehrter Verteidiger der Palästinenser, den die Roses aus ihm machen wollen. Im Jahr 2009 verurteilte er den dreiwöchigen israelischen Angriff auf den Gasastreifen, indem er Riz Kkan von Al-Dschasira sagte, dass die Antwort auf den Abschuss von kleinen Raketen „vollkommen unangemessen“ war und dass „die Situation derjenigen in [dem Apartheidregime in] Südafrika vor 1990 gleicht und nicht fortgesetzt werden kann.“

Seine Stellungnahmen hielten ihn nicht davon ab, seine Kontakte mit israelischen Akademikern aufrecht zu halten und er deutete auch nicht an, dass sich dies jetzt ändern würde.

Als der Boykott erstmals im Jahr 2002 zur Diskussion stand, lehnte die World Socialist Web Site ihn von dem Standpunkt aus ab, dass er Isolation und politische Verwirrung unter den israelischen Arbeitern und Jugendlichen stiften und damit der israelischen Elite in die Hände spielen würde, zionistische Stimmungen zu schüren.

Am 20. Juli 2002 berichteten wir über die Entscheidung von Mona Baker von der Universität Manchester, zwei israelische Akademiker, Dr. Miriam Schlesinger und Professor Gideon Toury, von der Mitarbeit bei linguistischen Zeitschriften in Großbritannien auszuschließen.

Die WSWS lehnte “vehement alle Versuche ab, der israelischen Bevölkerung eine Kollektivschuld an der Unterjochung der Palästinenser zuzuschreiben. Solche Vorwürfe einer nationalen Schuld und die Vorgehensweisen, die sich daraus ergeben, sind in jeglicher Hinsicht zutiefst reaktionär.“

Die richtige Handlungsweise für die britischen Akademiker, sagten wir, „bestände darin, sich für ein Maximum an Zusammenarbeit mit den israelischen und arabischen Kollegen einzusetzen, einen ernsthaften Dialog über die aufgeworfenen Fragen zu unterstützen und somit über nationale Grenzen hinwegzugehen, anstatt sie zu verstärken.“

Wir bemerkten, wie zutiefst undemokratisch es wäre, die Taktik eines akademischen Boykotts Israels auf Großbritannien oder die USA anzuwenden – das heißt, britische oder amerikanische Akademiker zu boykottieren, weil man sie kollektiv verantwortlich für die Verbrechen ihrer Staaten machte – und wie viel Licht dadurch auf den undemokratischen Charakter solch eines Boykotts fällt, der sich gegen Akademiker in Israel richtet. Wir bemerkten außerdem, dass der Boykott seine Unterstützer Vorwürfen des Antisemitismus aussetzt.

Diese Warnungen wurden durch die Äußerungen des Ehepaars Rose nur bestätigt. Sie sprechen davon, dass Israel Drohnentechnologie an die Vereinigten Staaten liefert und dass eine unterschiedslose israelische akademische Welt bei der Knechtung der Palästinenser mitspielt. Doch wie vermeiden sie selbst, als britische Akademiker, ähnliche Verurteilungen ihrer eigenen Schuld an viel schlimmeren Verbrechen des britischen Imperialismus? Und warum sollte der Boykott nicht auf die amerikanischen Akademiker ausgedehnt werden?

Der Vorwurf einer “Kollektivschuld”, ob er sich gegen Akademiker oder gegen alle israelischen Bürger richtet, ist ein Geschenk an die Netanjahu-Regierung.

Wie leicht vorhersehbar, antworteten die Regierungsverteidiger Hawking, indem sie ihn der Verletzung akademischer Prinzipien und des freien Austauschs von Ideen beschuldigten und der Heuchelei ziehen. Israel Maimon, der Konferenzvorsitzende und vormalige Kabinettssekretär unter Ariel Scharon und Ehud Olmert, nannte Hawkings Haltung „unvereinbar mit offenem, demokratischem Dialog.“ Alan Dershowitz verunglimpfte ihn als „Dummkopf“ und als „Lemming“ bei der Unterstützung einer antisemtischen Kampagne.

Es liegt im politischen Interesse von Netanjahu, Peres & Co., eine belagerungsähnliche Atmosphäre zu schüren. Das tun sie, indem sie die Vorstellung bestärken, alle Juden der Welt hätten ein gemeinsames Interesse, den israelischen Staat zu beschützen – es ist ganz dieselbe Konzeption, die der Boykottkampagne zugrunde liegt und ihr Gestalt gibt.

m Juli 2011 verabschiedete die Regierung das Gesetz zur Prävention von Schaden für den Staat Israel durch Boykottmaßnahmen. Dieses Gesetz verbiete es jeder Person und jeder Organisation zu einem Boykott aufzurufen, der definiert wird als „absichtliche Vermeidung wirtschaftlicher, kultureller oder akademischer Beziehungen zu einer anderen Person oder einem anderen Faktor, nur weil diese Bindungen zum Staat Israel unterhält, oder einer seiner Institutionen oder einem Gebiet, das seiner Kontrolle unterliegt, und zwar in einer Weise, die wirtschaftlichen, kulturellen oder akademischen Schaden verursachen kann.“ (Hervorhebung von uns)

Darüber hinaus machte sie ihr eigenes Bemühen deutlich, aufrichtigen Dialog zwischen israelischen und ausländischen Akademikern zu verhindern. Im Dezember 2012 wurde die Menschenrechtsexpertin Rivka Faldhay von einem Wissenschaftssymposium in Berlin ausgeschlossen, weil Netanjahu keine Teilnahme eines Israelis erlaubte, „der den Namen israelischer Soldaten und Piloten beschmutzt,“ wie der Guardian berichtete.

Ihr Verbrechen bestand darin, im Jahr 2008 eine Petition unterschrieben zu haben, die Reservisten unterstützte, welche es ablehnten, in den palästinensischen Gebieten Dienst zu tun. Dafür wurde sie vom Nationalen Sicherheitsrat zum „Staatsfeind“ gestempelt.

Anstelle einfache Israelis für die Verbrechen ins Visier zu nehmen, die der Staat begeht, müssen Arbeiter und Intellektuelle in Großbritannien und weltweit einen Appell zur gemeinsamen politischen Tat gegen die weltweite herrschende Klasse beschließen. Israelische Arbeiter und Intellektuelle können und müssen politisch überzeugt werden, dass ihre Zukunft darin liegt, die falsche politische Perspektive und Ideologie des Zionismus zurückzuweisen und eine auf Gleichheit beruhende Gesellschaft für Araber und Juden zu erschaffen: die Vereinigten Sozialistischen Staaten des Nahen Ostens.