Hannah Arendt: Margarethe von Trottas Film greift Debatte zum Eichmann-Prozess wieder auf

Regie: Margarethe von Trotta, Drehbuch: von Trotta und Pam Katz

Von Fred Mazelis und Stefan Steinberg
6. Juli 2013
Hannah Arendt

Margarethe von Trotta, die Regisseurin von Hannah Arendt, blickt auf eine lange Geschichte im deutschen Filmschaffen zurück. Die 1942 zur Welt gekommene von Trotta spielte zunächst als Schauspielerin in Filmen des „Neuen deutschen Kinos“ mit, darunter in Arbeiten Rainer Werner Fassbinders in den frühen 1970er Jahren. 1975 führte sie gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Volker Schlöndorff Regie bei Die verlorene Ehre der Katharina Blum (nach einer Erzählung von Heinrich Böll), einer ergreifenden und verstörenden Skizze zu staatlicher Repression unter Komplizenschaft der Medien in Westdeutschland.

Nachdem sie 1977 ihre Solokarriere als Filmemacherin begonnen hatte, gelang ihr 1981 der Durchbruch mit Die bleierne Zeit, einem Film über zwei Schwestern, von denen eine Anarchistin ist und unter ungeklärten Umständen in Haft der stirbt. Der Streifen lehnt sich an die Geschichte der Rote-Armee-Fraktion (Baader-Meinhof) an, der anarchistischen Gruppe, die in den 1970er Jahren zahlreiche Brandanschläge, Banküberfälle und Morde beging.

Von Trottas bedeutendster Film bislang ist ihre ausgezeichnete filmische Biographie der polnisch-deutschen revolutionären Marxistin Rosa Luxemburg (1986). Über ein Vierteljahrhundert nach ihrer brillanten Darstellung von Luxemburg liefert die Schauspielerin Barbara Sukowa (eine der besten ihrer Generation) als Hannah Arendt eine weitere beeindruckende Leistung.

Arendt kam in einer gebildeten und assimilierten deutschen jüdischen Familie zur Welt. Sie lebte während der Weimarer Epoche in Deutschland und studierte bei dem deutschen Philosophen Martin Heidegger (der bekanntermaßen die Nazis unterstütze, nachdem sie an die Macht gekommen waren), mit dem sie in den 1920er Jahren eine Liebesaffäre hatte. 1933 floh Arendt nach Paris. Nachdem sie im Zuge der deutschen Besatzung Frankreichs und der Installierung des Vichy-Regimes im Jahr 1940 in einem Internierungslager untergebracht worden war, gelang ihr die Flucht und sie emigrierte 1941 in die Vereinigten Staaten.

Hannah Arendt

In der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg lehrte Arendt in Princeton, der New Yorker New School für Sozialforschung und anderenorts. Ein Großteil ihrer intellektuellen Energie floss in ihre Schriften. Besonderen Ruhm brachte ihr das Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ein.

Der Kalte Krieg erreichte damals seinen Höhepunkt und Arendts Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus fand zeitgleich statt, als Bemühungen unternommen wurden, Kommunismus und Faschismus gedanklich in Verbindung zu bringen. Obwohl sie sich offenkundig als Antimarxistin auswies, stand Arendt selbst nicht auf dem rechten Flügel, vielmehr waren liberale akademische und intellektuelle Kreise die von ihr bevorzugte Gesellschaft. Ihr zweiter Ehemann, Heinrich Blücher, war ein ehemaliger deutscher Kommunist. Ihre beste Freundin war die Autorin Mary McCarthy, die in den späten 1930er Jahren kurzzeitig mit dem Trotzkismus in Verbindung stand.

Von Trotta konzentriert ihren Film auf einen relativ kurzen, aber wichtigen Zeitabschnitt in Arendts Leben: auf die Zeit zwischen etwa 1960 bis 1963. Mit ihren Reportagen über den Eichmann-Prozess avancierte Arendt zu einer in der Öffentlichkeit sehr bekannten Person. Sie forderte gehässige Angriffe des zionistischen Establishments heraus und warf Fragen auf über Geschichte und Natur des nazistischen Holocaust.

Mit der Entführung Adolf Eichmanns als Einstiegsszene führt der Film geradewegs in die historische Kontroverse. Eichmann war einer der wenigen Nazi-Führer, die sich noch auf freiem Fuß befanden. Bald darauf wird zeitgleich die kettenrauchende Arendt inmitten ihres engsten Freundeskreises eingeblendet, darunter McCarthy (Janet Teer). Die Szene spielt in Arendts geräumigem Appartement in der New Yorker Upper West Side. Auf den Cocktailpartys, die Blücher (Axel Milberg) und Arendt geben, finden unter intellektuellem Funkenschlag hitzige, doch freundschaftliche Debatten statt.

Als im Mai 1960 die Schlagzeilen von der Entführung Eichmanns durch israelische Agenten sowie seiner geheimen Überstellung nach Israel durch die Weltpresse jagen, erwächst in Arendt die Idee zu einer Reportage über den Prozess. Sie kontaktiert William Shawn (Nicholas Woodeson), den langjährigen Herausgeber des New Yorker und bietet ihm an, eine Artikelserie für sein Magazin zu schreiben.

Arendt beginnt ihre Berichterstattung unter starken Zweifeln, wie Gespräche mit ihrem Ehemann und auf Cocktailpartydebatten mit Freunden und Kollegen verdeutlichen. Trotz ihrer eigenen Unterstützung für den Staat Israel hält sie die Idee eines Schauprozesses, in welchem Eichmann als Symbol der Naziherrschaft vorgeführt wird und mit dem der zionistische Anspruch verteidigt werden soll, das jüdische Volk als Ganzes zu vertreten und zu verteidigen, für fragwürdig. Arendt betrachtet den Holocaust als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und nicht als Verbrechen allein gegen das jüdische Volk.

Der Film präsentiert die Ereignisse weitestgehend in chronologischer Folge. Der Prozess selbst wird mit authentischen schwarzweißen Originalbildern dargestellt. Arendt wohnt ihm im Presseraum sitzend bei, wo sie sich (eine weitere authentische Note) als starke Raucherin zumeist aufhielt.

In ihren Beobachtungen kommt Arendt zu verschiedenen Schlussfolgerungen. Sie ist betroffen von Eichmanns Zeugenaussagen. Regisseurin von Trotta resümiert sie als Ausdruck seiner Mittelmäßigkeit, Gefügigkeit und Unfähigkeit für sich selbst zu denken. Diese Charakterzüge, folgert Arendt, gepaart mit seinen organisatorischen Fähigkeiten ermöglichten seine Rolle bei der Organisierung des Transports von Millionen Menschen in die Gaskammern von Auschwitz und anderswo. Sie prägt den Satz von der „Banalität des Bösen“, um die bürokratische Mentalität und den Geist der Nazi-Führer zu charakterisieren.

Gleichzeitig ist Arendt schockiert von Zeugenaussagen, welche die Zusammenarbeit der Führer der Judenräte darlegen, die von den Nazis in den okkupierten Gebieten eingesetzt wurden. Diese Zusammenarbeit ermöglichte erst die reibungslose Organisierung der Transporte in die Todeslager.

Als Arendts Artikel schließlich erscheinen, führen sie zu Angriffen von verschiedenen Seiten, darunter aus dem zionistischen Establishment, doch ebenso häufig von ihren engsten Freunden. Lionel Trilling, der Intellektuelle von der Columbia- Universität und führende Kopf der Partisan Review, nimmt Anstoß. Der deutlich jüngere Norman Podhoretz, damals polternder zionistischer Herausgeber des Commentary-Magazins und gerade im Begriff, sich vom antikommunistischen Liberalen zum führenden neokonservativen Großmaul und Unterstützer der extremen Rechten zu verwandeln, schnaubt vor Wut.

Schmerzlicher für Arendt als diese Kritik sind die Reaktionen einiger ihrer ältesten Freunde. Hans Jonas (Ulrich Noethen), ein gemeinsamer Flüchtling aus Deutschland, der mit ihr zusammen an der New School lehrte, stellt den Kontakt mit ihr ein. Arendt reist nach Israel, um den ernsthaft erkrankten Kurt Blumenfeld (Michael Degen), einen weiteren lebenslangen Freund, zu besuchen, doch Blumenfeld kehrt ihr den Rücken zu.

Der Film endet mit Arendts öffentlicher Verteidigung ihrer Eichmann-Charakterisierung. Geächtet von ihren Kollegen an der New School und unter Druck gesetzt, ihre Lehrverpflichtungen aufzugeben, bietet Arendt den Ereignissen die Stirn. In einem von Studenten und Lehrkörpern überfüllten Lehrsaal spricht Arendt-Sukowa ganze acht Minuten lang um zu erklären, dass das einzige Gegenmittel zur „Banalität des Bösen“ im kritischen Denken seitens des aufgeklärten Individuums bestehe.

Arendt, eine unbeugsame Individualistin, durchkreuzte die politischen Absichten der Zionisten, vor allem ihre Aussage, dass nur der Staat Israel für alle Juden sprechen könne und dass Israel die einzige Hoffnung für ein Überleben des jüdischen Volkes sei. Zweifellos verdient sie es, gegen all die Angriffe verteidigt zu werden, sie wäre ein „sich selbst hassender Jude“ gewesen.

Gleichzeitig führte ihre gesamte Methode Arendt zu Schlussfolgerungen, die ihre Gegner nur stärkten und es ihnen ermöglichten, sich umso erfolgreicher als Gegner des Nazismus zu gebärden. Später aufgetauchte Belege erhärteten, was Arendt zu dieser Zeit schon hätte klar sein müssen. Ungeachtet seiner Schauspielerei während des Prozesses war Eichmann kein naiver und gehorsamer Bürokrat, sondern ein niederträchtiger Antisemit, der sich in die Arbeit der Endlösung stürzte und mit den Zahlen der Juden prahlte, deren Mord er organisiert hatte.

Doch statt Eichmann in einem historischen Kontext zu sehen, ließ Arendt sich einfach von ihren Eindrücken während seiner Prozessaussagen treiben, was praktisch der Ersetzung einer ernsthaften Analyse durch ein quasi-psychologisches Herangehen gleichkam. Wie Leo Trotzki bereits in seiner Analyse der Rolle Stalins so gründlich darlegte, führt die Geschichte vor Augen, dass unter bestimmten historischen Bedingungen scheinbar unbedeutende und durchschnittliche Elemente schnell in Positionen enormer Macht aufsteigen können.

Auch was die Judenräte betrifft, folgte Arendt ihrem ahistorischen Ansatz, der die Handlungen der jüdischen Führer von den Weltereignissen trennt. Obwohl viele dieser Führer privilegierte Teile der jüdischen Bevölkerung repräsentierten, waren auch sie brutaler Einschüchterung und Todesdrohungen ausgesetzt. Das Vorgehen einiger unter ihnen spiegelte ihren Hass und ihre Geringschätzung der Massen der jüdischen Arbeiter und Armen wider, doch war dies keinesfalls immer der Fall und zweifellos hofften manche unter ihnen, wenigstens einige Angehörige des jüdischen Volkes retten zu können.

Der Film ist nicht in der Lage, diese Themen authentisch zu untersuchen und zu klären. Er bietet indessen viel Interessantes und Fesselndes, darunter Sukowas meisterliche Darbietung, das Filmmaterial vom Eichmann-Prozess selbst sowie den wirkungsvollen Gebrauch des Deutschen, Hebräischen und Englischen, um ein detailgetreues und gelegentlich anspruchsvolles Bild von der Welt zu zeichnen, in der Arendt sich bewegte.

Dessen ungeachtet ist der Film im Großen und Ganzen relativ trocken und schwerfällig. Die Schauspieler leisten ganze Arbeit, besonders Sukowa und Milberg als Blücher. Der historische Kontext (und die Energie, die er erzeugen würde) macht sich nur durch seine Abwesenheit bemerkbar. Besonders hölzern und wirkungslos erscheinen die kurzen Rückblenden zwischen Arendt und Heidegger (Klaus Pohl). Etwas zu Nüchternes, Gedämpftes und Beschränktes liegt über dieser Geschichte, die sich auf Arendts Irrungen und Wirrungen konzentriert, doch die Themen ausspart, die ihr Leben und ihrer Karriere aufwerfen.

Einen Schlüssel zu den Problemen des Films liefern von Trottas Begleitkommentare im Presseheft zum Film. Die Regisseurin erklärt: „[Arendts] ‚Ich will verstehen‘ ist der Satz, der sie vielleicht am besten beschreibt. Gerade in diesem Punkt verspüre ich eine große Nähe zu ihr.“ Arendt hielt indessen, erklärt sie weiter, zu ihrem „Glaube[n] an die Macht des Subjekts, das der Geschichte eben nicht hilflos gegenüber steht.“

Von Trotta beschreibt Eichmann folgendermaßen: “Eichmann, der gehorcht, der eine der wichtigsten Eigenschaften des Menschen, die, selber zu denken, aufgibt und es sich zur Ehre macht, Befehle zu befolgen. [Der Film zeigt] [d]ie politische Theoretikerin und eigenständige Denkerin einerseits und de[n] Bürokrat[en], der nicht denkt, sondern sich unterordnet andererseits.“

Als Erklärung für den Holocaust ist das geradezu absurd. Wenn Eichmann bloß über seine Handlungen nachgedacht hätte, hätte der Massenmord verhindert werden können!

Gänzlich unerwähnt bleibt im Film wie in Arendts Werk die Geschichte Deutschlands von 1918 bis 1933, eine Geschichte verpasster revolutionärer Gelegenheiten und darauffolgendem mehrfachen Verrat an der Arbeiterklasse, begangen von Stalinismus und Sozialdemokratie. Erst dieser Verrat machte Hitlers Aufstieg zur Macht möglich.

Im Rahmen des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der ideologischen Kampagne, die den Sozialismus für tot erklärte, scheint von Trotta ihre Einstellung zur Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts geändert zu haben. Tatsächlich zieht sie heute Arendt Rosa Luxemburg vor. Sie erklärt: „Als ich 1983 einen Film über Rosa Luxemburg machen wollte, war ich überzeugt, sie sei die wichtigste Frau und Denkerin des 20sten Jahrhunderts gewesen, (…) am Beginn des 21sten Jahrhunderts, ist sicherlich Hannah Arendt die Wichtigere.“

Arendts Konzeption, die von Trotta jetzt als unserem Jahrhundert angemessen preist, führt geradewegs zu der äußerst pessimistischen und falschen Schlussfolgerung, dass die Menschheit in Gestalt „gewöhnlicher Menschen“ für den Faschismus verantwortlich gemacht werden muss. In ihrem „Tagebuch, das H.-A.-Projekt betreffend“ (in: Martin Wiebel (Hg.): Hannah Arendt – Ihr Denken veränderte die Welt. Das Buch zum Film von Margarethe von Trotta, München 2013, S. 107) zitiert von Trotta den amerikanischen Philosophen Richard J. Bernstein, der erklärt: „Für Arendt erwuchs die schwerwiegendste moralische Frage nicht aus dem Verhalten der Nazis, sondern aus dem Verhalten der gewöhnlichen und unbescholtenen Leute,“ [a. a. O. auf Englisch] worauf von Trotta hinzufügt: „Das ist auch für mich die Hauptaussage.“

Arendts Theorie von der “Banalität des Bösen” ist nicht vollkommen abwegig, insofern sie impliziert, dass die schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht notwendig von den offensichtlichen „Ungeheuern“ begangen worden sind. Tatsächlich bezeugt das zwanzigste Jahrhundert, dass einfache Menschen solches Tun billigen oder sich gar daran beteiligen können. Das Entscheidende besteht aber darin, zu verstehen, wie so etwas ermöglicht wird: wie beispielsweise konnten Teile der ruinierten und verzweifelten Mittelklassen in Deutschland für die Sache der Nazis gewonnen oder dazu gebracht werden, sich dieser Sache ganz anzudienen? Wie konnten sie gegen die Arbeiterklasse in Stellung gebracht werden? Und schließlich: wie hätten diese Entwicklungen vermieden werden können?

In keinem Falle wird das Konzept der “Banalität” Eichmann gerecht. Arendt schmälert dessen Verantwortung, wenn sie seine Handlungen und den Holocaust selbst von den gesellschaftlichen und historischen Bedingungen trennt, die ihn produziert haben, an erster Stelle von den miteinander ringenden Klassen und der Krise des kapitalistischen Systems. Die Lehre, die aus der „Banalität des Bösen“ gezogen werden muss, besteht gerade nicht darin, dass das isolierte denkende Subjekt oder Individuum die Geschichte unabhängig von der Rolle der Massen ändern könnte, sondern vielmehr darin, dass dringender Bedarf an revolutionärer Theorie und Führung besteht, um die Menschheit durch den Kampf für den Sozialismus retten zu können.