Konflikte innerhalb der syrischen Opposition

Von Patrick Martin
17. Juli 2013

In Syrien unterstützen die USA mehrere rivalisierende Fraktionen der Widerstandsgruppen im Kampf gegen Assad. In letzter Zeit zeigen eine Reihe von gegenseitigen Hinterhalten und Mordanschlägen, wie reaktionär und demokratiefeindlich in Wirklichkeit die gesamte US-Kampagne für einen „Regimewechsel“ in Syrien ist.

Anlass für den Ausbruch der Kämpfe war die Ermordung von Kamal Hamami, einem hochrangigen Kommandanten der Freien Syrischen Armee, am Dienstag. Er war in der Stadt Salma in der nordwestsyrischen Provinz Latakia erschossen worden. Für den Mord war die Gruppe Islamischer Staat Irak und al-Sham (ISIS) verantwortlich, die mit Al Qaida verbündet ist. Zuvor war es zwischen Hamami und dem lokalen islamischen Staatsführer Abu Ayman zu einem Streit gekommen.

Laut Presseberichten bezeichnen Abu Ayman und andere ISIS-Kämpfer die FSA als „Ungläubige“ und kritisieren sie dafür, dass sie eine Erklärung unterzeichnet hat, laut der sie die christlichen und alawitischen Minderheiten tolerieren würde. Islamistische Gruppen wie die ISIS und die al-Nusra-Front, die von US-Verbündeten wie Katar große Geldbeträge erhalten, greifen regelmäßig Nicht-Sunniten und Sunniten an, die eine weniger strenge Form des Islam praktizieren.

In diesen Konflikten könnte es auch um Geld gehen, da die beiden Kommandanten angeblich uneins über Pläne waren, einen Kontrollposten der syrischen Regierung an der syrisch-türkischen Grenze anzugreifen. Abgesehen von ihrer strategischen Bedeutung sind Grenzübergänge auch eine lukrative Einnahmequelle, da die Rebellen sowohl von Bürgerkriegsflüchtlingen als auch bei grenzüberschreitenden Warenlieferungen „Steuern“ kassieren können, – wobei es sich in der Praxis schlicht um Erpressung und Diebstahl handelt.

Der kanadische Sender CTV meldete: „Jede Gruppe versucht außerdem, in dem Gebiet im Norden, das die Opposition seit einem Jahr kontrolliert, Regierungsstrukturen aufzubauen und Geld aus den Gütern zu gewinnen, die über die türkische Grenze nach Syrien eingeschmuggelt werden.“

Dieser Vorfall war schon der zweite im Raum Latakia. Vor einer Woche wurden bei Kämpfen zwischen Scharfschützen der ISIS und der FSA zehn Menschen getötet und Dutzende verletzt. Die Schilderungen der Presse widersprachen sich jedoch in den Fragen, welche Gruppe begonnen habe, und wie das Gefecht ausgegangen sei.

Der Mord an Hamami am 11. Juli war jedoch ein wesentlich hochrangigerer Fall. Hamami war Mitglied des dreißigköpfigen Obersten Militärrates gewesen, der obersten Koordinierungsinstanz der FSA. Zwei Tage nach seiner Ermordung brachen in Aleppo, der größten Stadt Syriens, offene Kämpfe aus, und in Bustan al-Qasr im Südosten kam es zu schweren Gefechten.

Die FSA hat im vergangenen Jahr einen Großteil der Osthälfte von Aleppo kontrolliert, aber laut Presseberichten haben Islamisten die Kontrolle über einen Verkehrskontrollpunkt im Westen der Stadt erlangt, der bisher von Kräften gehalten wird, die auf der Seite von Präsident Bashar al-Assad stehen.

Laut einem Reuters-Bericht vom 11. Juli haben die „Rebellen“, die den Kontrollpunkt bei Bustan al-Qasr kontrollierten, eine zivile Demonstration mit Gewalt unterdrückt. Die Menschen demonstrierten gegen eine Blockade, die verhinderte, dass Nahrungsmittel und Medizin in die von der Regierung gehaltenen Gebiete der Stadt gelangen konnten.

Im Internet erschien ein Video, auf dem ein Schild zu sehen war, das die Rebellen am Kontrollpunkt Bustan al-Qasr aufgestellt hatten: „Nahrung, Medizin, Öl, Babynahrung, Milch, Gemüse, Fleisch, Brot – ausnahmslos verboten.“ So können die Einwohner ihren Familien und Freunden keinerlei dringend benötigte Güter mehr schicken, wenn sie auf der falschen Seite der Frontlinie wohnen, welche die Stadt teilt.

Wie Reuters berichtete, schossen die „Rebellen“ in die Luft, um die Demonstranten auseinander zu treiben, und diese riefen Slogans wie: „Das Volk will das Ende der Blockade!“

Dieser Bericht ist in der westlichen Presse eine Seltenheit: eine ehrliche Darstellung der Beziehung zwischen den von den USA unterstützten Kräften und der syrischen Bevölkerung. Die Rebellen treten nicht als „Freiheitskämpfer“ auf, sondern versuchen jene, die immer noch unter Assads Herrschaft leben, auszuhungern, und halten die Bewohner der „befreiten“ Gebiete mit Gewalt in Schach.

Am Samstag sollen Schützen der ISIS zudem das Hauptquartier der FSA in der nordwestlichen Provinz Idlid angegriffen haben.

Die FSA nutzte den Vorfall als Argument, um von den USA und anderen imperialistischen Mächten weitere Waffenlieferungen zu fordern. Als Grund nannten sie die Gefahr, die durch mit Al Qaida verbündete Gruppen ausgeht. Louay al-Mokdad, der Medienkoordinator der FSA, sagte über die Islamisten: „Sie planen, die FSA-Führung zu töten.“ Er fügte hinzu: „Wir wollen keinen Nebenkriegsschauplatz. Wir wollen nicht gegen sie kämpfen. Aber wenn sie das Blut unserer Menschen vergießen – und das tun sie – müssen wir kämpfen.“

Wie die britische Zeitung Daily Telegraph meldete, hat die FSA als Reaktion auf den Mord an Hamami einen Vergeltungsangriff auf die Islamisten begonnen. „Die Freie Syrische Armee bereitet einen Großangriff auf die Al Qaida-Gruppe in der Provinz Latakia vor, um den Tod des Kommandanten zu rächen“, sagte ein Aktivist aus der Region der Zeitung. „Hier sind viele ausländische Extremisten. Man kann mit ihnen nicht offen verhandeln. Die FSA wird ihnen ein Ultimatum unterbreiten: Verschwindet, oder wir nehmen den Kampf gegen euch auf.“

Ein anonymer „ranghoher Kommandant“ der FSA erklärte Reuters am Freitag: „Wir lassen ihnen nichts durchgehen, denn sie haben es auf uns abgesehen. Denen wird das Lachen noch vergehen.“

Ein weiterer Faktor bei dem immer stärkeren Blutvergießen in Syrien ist die Intervention Israels. Wie amerikanische und britische Quellen am Sonntag meldeten, hatten israelische U-Boote am 5. Juli ein Waffenlager der Regierung in der Hafenstadt Latakia mit Marschflugkörpern angegriffen.

Der israelische Angriff war laut der Jerusalem Post „eng mit den USA abgestimmt“ und richtete sich gegen ein Lager von 50 Jachont P800-Schiffsabwehrraketen aus russischer Produktion, die eine effektive Waffe gegen Kanonenboote der israelischen Marine sind. Es war der vierte derartige Angriff Israels auf syrische Militäranlagen seit Beginn des Jahres.

Am 9. Juli haben die syrischen Gruppen mit Unterstützung der USA den Krieg auch auf den Libanon ausgedehnt und einen Bombenanschlag auf einen Supermarkt in einem südlichen Vorort von Beirut verübt. Der Markt liegt in einem hauptsächlich von Schiiten bewohnten Gebiet, in dem auch viele Führer der schiitischen Partei und Miliz Hisbollah leben, die mit Assad verbündet ist. Bei dem Anschlag wurden fast zwei Dutzend Menschen verwundet; die Verantwortung übernahm eine syrische Gruppe namens Brigade 313-Special Missions.