Zwei rumänische Arbeiter verbrennen in überfüllter Unterkunft

Von Elisabeth Zimmermann
30. Juli 2013

Am 13. Juli starben zwei rumänische Arbeiter, die über Werkverträge bei der Meyer-Werft in Papenburg, Emsland, beschäftigt waren, durch einen Brand in einem Einfamilienhaus, in dem über 30 Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien untergebracht waren. Der tragische Tod dieser Arbeiter wirft ein Schlaglicht auf die brutalen Ausbeutungsbedingungen von Leih- und Werkvertragsarbeitern, in diesem Fall in der deutschen Werftindustrie.

Die Meyer-Werft in Papenburg baut Kreuzfahrt- und Luxusschiffe unter anderem für die Reederei Aida. Während mit diesen Schiffen für Traumreisen geworben wird, gleichen die Arbeits- und Lebensbedingungen vieler Werftarbeiter, vor allem jener, die über Leih- und Werkarbeitsverträge beschäftigt sind, einem Alptraum.

Als am frühen Samstagnachmittag ein Fahrer der Meyer-Werft eine Gruppe rumänischer und bulgarischer Arbeiter zur Schicht abholen wollte, brannte deren Unterkunft – ein Einfamilienhaus, in dem über 30 Arbeiter auf engstem Raum untergebracht waren. Für zwei Arbeiter aus Rumänien, 32 und 45 Jahre alt, kam jede Hilfe zu spät. Sie verbrannten in dem Haus. Die genaue Brandursache ist noch ungeklärt.

Der Arzt Volker Eissing, der zum Unglücksort gerufen wurde, erklärte gegenüber der Süddeutschen Zeitung, in dem Haus hätten „untragbare Zustände“ geherrscht. Bis zu 13 Betten hätten dicht an dicht im Wohnzimmer gestanden. Es habe keine Schränke gegeben, so dass die Arbeiter ihr Hab und Gut unter den Betten verstauen mussten. „Die Männer waren auf engstem Raum zusammen gepfercht.“

120 Arbeiter aus Osteuropa, vor allem aus Rumänien und Bulgarien, arbeiten zurzeit als Schweißer und Schiffbauer per Werkvertrag auf der Meyer-Werft. Den Auftrag dafür hat die Werft an das Personaldienstleistungsunternehmen SDS vergeben. Dieses Unternehmen erhält für die Dienstleistungen angeblich einen Bruttolohn zwischen 20 und 35 Euro pro Stunde. Davon sollten zwischen acht und zehn Euro netto bei den Arbeitern ankommen.

Obwohl schon das ein extremer Niedriglohn für die schwere Arbeit wäre, die auf den Schiffen verrichtet wird, erhalten die Arbeiter aber wesentlich weniger. SDS hat den Auftrag an weitere Subunternehmer vergeben, in diesem Fall an Bordo Mavi, ein Unternehmen, das seinen Sitz in Constanta am Schwarzen Meer hat.

Florin Grigore, ein rumänischer Arbeiter, der bei dem Brand ums Leben kam, war bei Bordo Mavi beschäftigt. Sein Bruder Gelu Grigore, der aus Rumänien nach Papenburg kam, um die Ursache für den Tod seines 32 Jahre alten Bruders herauszufinden, erklärt, er habe für seine Arbeit als Schweißer auf der Werft nur 3,50 Euro pro Stunde erhalten. Dies berichtete die Süddeutsche Zeitung in einem ausführlichen Artikel am 23. Juli.

Das Vermögen der Meyers, der Eigentümer der Meyer-Werft, wird auf 500 Millionen Euro geschätzt. Die Gewinne, die bei der Produktion der Kreuzfahrtschiffe erzielt werden, gehen zu Lasten der Arbeiter und insbesondere auf Kosten der brutalen Ausbeutungs- und Lebensbedingungen der Leih- und Werkvertragsarbeiter.

Auf der Meyer-Werft arbeiten 3.100 fest angestellte Arbeiter. Dazu kommen 290 Leih- und 1.500 Werkvertragsarbeiter. In der Region Emsland und Ostfriesland, die von hoher Arbeitslosigkeit betroffen ist, hängen etwa 15.000 weitere Arbeitsplätze von der Werft ab.

Ein großer Teil der Werkvertragsarbeiter kommt aus Osteuropa. In Papenburg sind etwa 700 Rumänen und Bulgaren gemeldet. Wie Florin Grigore sind sie nicht bei der Werft angestellt, sondern bei einem der Subunternehmen, deren Geflecht teilweise sehr unübersichtlich ist. Es gibt mehr als 1.000 sogenannte Partnerfirmen. Die Firma SDS, die Florin Grigore an die Meyer-Werft ausgeliehen hatte, hat zurzeit 120 Arbeiter aus Osteuropa unter Vertrag. SDS erzielte im letzten Jahr einen Umsatz von 400 Millionen Euro mit der Meyer-Werft.

Die Aussage von Gelu Grigore, sein Bruder habe an sechs Tagen in der Woche 10 bis 12 Stunden gearbeitet und dafür lediglich einen Stundenlohn von 3,50 Euro erhalten, wird auch von dem Arzt Volker Eissing bestätigt. In seine Praxis kommen oft Arbeiter aus Osteuropa. Viele hätten keinen Pass dabei, weil ihn der Chef einbehalten habe. Einige seien nicht krankenversichert. „Viele verdienen nicht mehr als drei Euro in der Stunde.“

SDS behauptet, die Arbeiter bekämen einen Nettolohn von 1.800 Euro im Monat plus Unterkunft. Gregu Grigore hat dagegen der Süddeutschen Zeitung berichtet, sein Bruder Florin habe auf der Werft für eine zehn- bis zwölfstündige Schicht nur 35 Euro am Tag erhalten. Das sei wenig, aber mehr als die 170 Euro, die es in Rumänien als Monatslohn gebe.

Wegen dem tragischen Tod von Florin Grigore und seinem Kollegen bekommen die brutalen Arbeits- und Lebensbedingungen von Werkvertragsarbeitern zurzeit etwas größere Aufmerksamkeit. Die massenweise Ausdehnung von Zeit-, Leih- und Niedriglohnarbeit sowie von Werkverträgen ist ein Ergebnis der Arbeitsmarkreformen, die unter der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder (1998-2005) verabschiedet wurden.

Im Falle der Meyer-Werft haben sie dazu geführt, dass es mehrere Klassen von Beschäftigten gibt. Die fest angestellten Arbeiter, die man an ihren gelben Helmen erkennen kann, die Leiharbeiter mit roten, grünen oder blauen Helmen, die meistens ein Viertel weniger Lohn erhalten und jederzeit kündbar sind, und die Werkvertragsarbeiter, die noch viel weniger verdienen und keinerlei Rechte haben.

Gewerkschaften und Betriebsrat sind für die Werkvertragsarbeiter nicht zuständig und kümmern sich auch nicht um sie. Sie haben der Einführung dieser ungleichen Arbeitsverhältnisse nichts entgegen gesetzt und arbeiten aufs engste mit der Geschäftsführung des Unternehmens zusammen.

Die Zahl der fest angestellten Arbeiter in den Werften geht daher immer stärker zurück. Laut einer Studie der IG Metall Küste arbeitete 2012 schon mehr als ein Drittel der Arbeiter über Werkvertrag (24,4 Prozent) oder als Leiharbeiter (12,3 Prozent). Dies hindert die IG Metall nicht daran, bei der Verfestigung und Verschärfung dieser Verhältnisse mit den Unternehmensleitungen zusammen zu arbeiten.

Nachdem der Tod der beiden rumänischen Arbeiter in Papenburg große Empörung ausgelöst hat, will die Meyer-Werft zur Schadensbegrenzung mit der IG Metall eine Sozialcharta verhandeln, in der verbindliche Mindeststandards und Mitspracherechte des Betriebsrats für die Arbeiter, die über Werkverträge beschäftigt sind, festgelegt werden. Das Prinzip der Werkverträge selbst soll nicht in Frage gestellt werden.

Sollte eine solche Vereinbarung abgeschlossen werden, wird sich an den brutalen Bedingungen der Werkvertragsarbeiter nichts grundsätzlich ändern. Neben den Unternehmen, Subunternehmen und Subsubunternehmen werden dann auch noch die Gewerkschaftsvertreter und Betriebsräte über die Unterdrückung der Werksarbeiter wachen und es werden zusätzliche Posten für ihre Funktionäre entstehen.

Ein wirkungsvoller Kampf gegen diese menschenunwürdigen und im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen Bedingungen kann nur erfolgreich sein, wenn sich alle Arbeiter zusammenschließen und auf der Grundlage einer internationalen sozialistischen Perspektive für sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze zu gleichen Bedingungen eintreten. Ein solcher Kampf muss unabhängig von den Gewerkschaften und Betriebsräten und gegen deren enge Zusammenarbeit mit dem Management der Unternehmen geführt werden.