Deutsche Großkonzerne streichen tausende Arbeitsplätze

Von unserem Korrespondenten
2. Oktober 2013

Kaum ist die Bundestagswahl vorbei, kündigen deutsche Großkonzerne Massenentlassungen an. Siemens will weltweit 15.000 und in Deutschland 5.000 Stellen abbauen, der Baukonzern Bilfinger-Berger 1.250, der Energiekonzern RWE 3.000 und die Chemiekonzerne Lanxess und Evonik jeweils 1.000 und Bayer 700.

Während des Wahlkampfs hatten die Konzerne ihre Pläne in enger Absprache mit den Gewerkschaften und sämtlichen Parteien hinter dem Berg gehalten. Die bevorstehenden Entlassungen sollten nicht Thema des Wahlkampfs werden, ebenso wenig wie die neue Welle von sozialen Kürzungen in der Europäischen Union und andere geplante soziale Angriffe auf die arbeitende Bevölkerung. Nun, nachdem die Wahl vorbei ist, lassen sie die Katze aus dem Sack.

Siemens will die 15.000 Stellen innerhalb eines Jahres abbauen. Zurzeit beschäftigt der Konzern weltweit noch 370.000 Mitarbeiter. Die Betriebsräte zeigten sich über die Ankündigung des neuen Konzernchefs Joe Kaeser „überrascht und maßlos verärgert“. Doch das dient lediglich der Täuschung der Belegschaft.

IG Metall und Betriebsrat haben nicht nur die Ablösung des bisherigen Vorstandschefs Peter Löscher durch Joe Kaeser unterstützt und mitorganisiert, sie haben auch die geplanten Entlassungen seit langem mitgeplant. „Die Streichpläne werden intern schon lange diskutiert und mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt“, schreibt die in München, dem Sitz der Siemens-Zentrale beheimatete Süddeutsche Zeitung in einem Kommentar zu den Entlassungsplänen.

Sie zeigten sich nur empört, weil sie um ihre Pfründe fürchten. „Offenbar bangen die Arbeitnehmervertreter um ihren Einfluss“, kommentiert die Süddeutsche. „Ohne Betriebsrat und IG Metall läuft im komplizierten Beziehungsgeflecht des Unternehmens wenig.“

Siemens soll dem Betriebsrat zugesichert haben, dass der Abbau der 5.000 Stellen in Deutschland ohne „betriebsbedingte Kündigungen“ erfolgt. Das heißt, frei werdende Arbeitsplätze werden nicht wieder besetzt, Arbeiter werden mit Abfindungen geködert oder so lange unter Druck gesetzt, bis sie freiwillig gehen. Der Betriebsrat wird der Personalabteilung dabei tatkräftig helfen.

Die 15.000 Stellen, die Siemens bis zum Herbst 2014 abbauen will, sind voraussichtlich nur der Anfang. Der Konzern steckt in tiefen Problemen und die Aktionäre drängen auf eine höhere Rendite.

Der Baukonzern Bilfinger-Berger, der vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) geführt wird, will in den nächsten zwei Jahren etwa 1.250 seiner 9.000 Arbeitsplätze in der Verwaltung streichen. Auch hier dienen Kostensenkungen als Begründung. Das 70.000 Mitarbeiter zählende Unternehmen will ab 2015 jährlich 80 bis 90 Millionen Euro Personalkosten einsparen.

RWE Generation, eine Tochtergesellschaft des RWE-Konzerns, will nach Angaben des Handelsblatts durch die Entlassung von 3.000 der 18.000 Mitarbeiter ebenfalls Kosten sparen. Als Begründung wird der Preiszerfall im Stromgroßhandel angeführt, wo der Preis pro Megawattstunde von 60 auf rund 40 Euro gesunken ist.

RWE-Chef Peter Terium hatte im Frühjahr ein Sparprogramm angekündigt, durch das RWE Neo 500 Millionen Euro im Jahr einsparen soll. Diese Einsparung soll nun auf 750 Millionen Euro erhöht werden.

Die Chemieindustrie steckt in einer Krise, weil sie viele Produkte an andere, von der Rezession in Europa betroffene Industriezweige liefert. So ist die Kautschuknachfrage wegen der geringen Verkaufszahlen in der Autoindustrie und der sinkenden Nachfrage nach Reifen stark zurückgegangen.

Nachdem Lanxess im zweiten Quartal 2013 nur einen Gewinn von neun Millionen Euro erwirtschaftet hat und die Prognose von 1,4 Milliarden Euro für 2014 unhaltbar erscheint, will Konzernchef Axel Heitmann ab 2015 jährlich 100 Millionen Euro einsparen. Teil des Sparprogramms ist die Streichung von 1.000 Stellen.

Bayer ist ebenfalls von der Krise in der Autoindustrie betroffen und will in den nächsten vier Jahren 700 Arbeitsplätze in seiner Kunststoffsparte Material Science abbauen.

Evonik, der zehntgrößte Chemiekonzern in Deutschland, will bis 2017 250 Millionen Euro einsparen. Hierzu sollen bis zu 1.000 Arbeitsplätze gestrichen werden.

Die Loewe AG, Produzent von Unterhaltungs- und Kommunikationstechnik und einer der letzten Hersteller von Fernsehgeräten mit Sitz in Europa, hat am Dienstag Insolvenz angemeldet und sucht händeringend nach einem Investor. Gefährdet sind 800 Arbeitsplätze.

Die Vernichtung von zehntausenden Arbeitsplätzen ist Teil einer systematischen Offensive gegen die Arbeiterklasse, die erst begonnen hat. Banken und Konzerne geben keine Ruhe, bis sie in Europa Arbeitsverhältnisse wie in China geschaffen haben. Viele der Entlassenen werden, wenn überhaupt, nur im Billiglohnsektor oder als Zeitarbeiter wieder Arbeit finden.

Die Überkapazitäten, die als Grund für die Entlassungen immer wieder genannt werden, sind selbst ein Ergebnis des sozialen Kahlschlags, der vor allem in Südeuropa verheerende Ausmaße angenommen hat.