Tod dreier Kali-Bergleute in Thüringen wirft Fragen auf

Von Marianne Arens
4. Oktober 2013

Der Tod dreier Kali-Bergleute durch ein Grubenunglück am Dienstag in Thüringen wirft schwerwiegende Fragen der Arbeitsicherheit auf.

Die Kaligrube Hattorf ist verbunden mit Unterbreizbach

Die drei Bergleute im Alter von 24, 50 und 56 Jahren starben im Schacht II der Kaligrube Unterbreizbach in 700 Metern Tiefe an einer CO2-Vergiftung, nachdem bei einer Sprengung explosionsartig eine große Menge Kohlendioxid freigesetzt worden war.

Die Männer waren Teil einer siebenköpfigen Gruppe, die die Aufgabe hatten, mit Hilfe von Gasdetektoren die Situation nach der Sprengung zu erkunden. Zur Zeit der Detonation waren sie mehrere Kilometer von der Explosionsstelle entfernt, aber das CO2 breitete sich in einer Druckwelle so schnell aus, dass sie nicht einmal Zeit hatten, ihre Sauerstoffgeräte anzulegen. Nur vier der sieben Männer konnten sich rechtzeitig in einen Schutzraum retten.

Die Frage stellt sich, warum sie sich während der Explosion überhaupt unter Tage befanden. Der Vorstandschef der K+S AG (Kassel), Norbert Steiner, sagte, der Voraustrupp habe sich „nach menschlichem Ermessen“ in einem sonst sicheren Gebiet im Grubensystem aufgehalten.

Dagegen zeigte sich der Bergbauexperte Hans-Jürgen Schmidt aus Sondershausen verwundert über die Tatsache, dass die sieben Männer während der Sprengung unter Tage waren. In einem Interview mit dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) sagte Schmidt: „An der Werra war CO2 immer eine Gefährdung. Deshalb müssen [während der Sprengung] grundsätzlich alle Bergleute ausfahren.“ So sei das immer gewesen, „ob das in Unterbreizbach war, ob es in Merkers war oder in Philippsthal“.

Das Kohlendioxid, vor vielen Millionen Jahren durch vulkanische Aktivitäten in das Salzgestein eingedrungen, ist entweder in den Salz-Kristallgittern („intra-kristallin“) oder in kleinen Freiräumen zwischen den Kristallen („inter-kristallin“) eingelagert. Durch die Sprengung wird das Gas freigesetzt und kann explosionsartig entweichen. In einem Geologie-Lexikon heißt es dazu: „Die Ausbrüche können große Dimensionen annehmen und mehrere hundertausend Kubikmeter Gas und mehrere zehntausend Tonnen Salzgestein auswerfen.“

Die damit verbundene große Gefahr ist seit langem bekannt. In der Werra-Region wird seit über 125 Jahren Kali abgebaut, und schon 1953 und 1958 starben am selben Ort wie heute neun Menschen unter Tage, als große Mengen CO2 explosionsartig freigesetzt wurden. 1983 starben vier Bergleute in Hattorf, Philippsthal, 1984 ebenfalls zwei in Hattorf und 1989 drei in Wintershall, immer an den Folgen von überraschenden Kohlendioxid-Austritten.

Der MDR zitierte den früheren Chef des sächsischen Oberbergamtes, Reinhard Schmitt, mit den Worten, es sei bekannt, dass „durch eine Sprengung oder auch nur Bohrung (…) Hunderttausende Kubikmeter Gas auf einmal austreten“ könnten. Daher werde grundsätzlich nur zwischen den Schichten gesprengt.

Der regionale Bezirksleiter der IG Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE), Friedrich Nothhelfer, beeilte sich, die K+S AG aus der Schusslinie zu nehmen. Der Nachrichtenagentur dpa sagte er: „Derartige Grubenunglücke wie in Unterbreizbach gehören zu den großen Ausnahmen.“ Der IG BCE Vorsitzende Michael Vassiliadis betonte gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Die Öffentlichkeit hat vielfach verdrängt, dass auch heutzutage Bergbau immer noch mit einem Risiko verbunden ist.“

Es wird ihnen nicht gelingen, mit solchen Plattitüden von Fragen abzulenken wie zum Beispiel: Warum befanden sich die sieben Bergleute des Voraustrupps schon während der Sprengung unter Tage, wo sie dann durch die gewaltige CO2-Verpuffung überrascht wurden? Waren es Gründe der Wirtschaftlichkeit, weil dreimal am Tag gesprengt wurde? Hat man deshalb beschlossen, dass das Erkundigungsteam unten warten sollte, da sie „nach menschlichem Ermessen“ (Steiner) ja von der Gefahr weit genug entfernt waren?

Der betroffene Kali-Schacht ist seit dem Unglück am Dienstag geschlossen. Fast permanent versammeln sich hier Menschen mit Blumen und Kerzen.

Zurzeit ermitteln die Staatsanwaltschaft und das Bergamt. Sie wollen die vier überlebenden Kumpel noch befragen. Der Werksleiter der betroffenen Grube, Rainer Gerling, hat schon unmittelbar nach dem Unfall angekündigt, nach Abschluss aller Untersuchungen wolle die Direktion das Sicherheitskonzept überprüfen.

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