Orchestermusiker demonstrieren gegen Stellenabbau und Lohnkürzungen

Von Sofia Staubach
5. Oktober 2013

Kurz nach den Bundestagswahlen machen Mitglieder Deutscher Orchester auf eine Entwicklung aufmerksam, die sich seit mehreren Jahren verschärft: den schleichenden Niedergang der Kulturlandschaft durch Einsparungen.

Rund hundert Orchester beteiligten sich am 30. September an einem Aktionstag und an Warnstreiks, um gegen Kürzungen und die Stilllegung von Orchestern zu protestieren. Aufgerufen hatte die Gewerkschaft Deutsche Orchestervereinigung (DOV). 8.500 ihrer Mitglieder sind davon direkt betroffen.

Die Proteste fanden ein hohes Maß an Unterstützung. Auch Orchester, die nicht unmittelbar von den Kürzungen betroffen sind, wie zum Beispiel die Berliner Philharmoniker, das Leipziger Gewandhausorchester oder das Deutsche Sinfonieorchester haben ihre Solidarität bekundet.

Direkter Auslöser der Proteste war ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) vom 25. September, das massive Lohneinbußen für die Musiker bedeutet. Bislang hatte ein „Tarifvertrag für Musiker in Kulturorchestern“ die Gehälter der Künstler an die Bezahlung der Bediensteten im öffentlichen Dienst gekoppelt.

Jetzt hat das BAG entschieden, dass die Musiker keinen rechtskräftigen Anspruch auf die unmittelbare Anpassung ihrer Gehälter haben. Mögliche Lohnerhöhungen müssen von nun an in direkten Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft DOV und dem Arbeitgeberverband Deutscher Bühnenverein (DBV) festgelegt werden.

Das Urteil hat dramatische Folgen für die Musiker. Es zementiert die Lohnkürzungen der vergangenen Jahre und bereitet weitere Einschnitte vor. Der DBV hat sich bereits seit 2010 geweigert, die seit Jahrzehnten geltende tarifliche Regelung zur Angleichung der Löhne auf die Staats- und Kommunalorchester umzusetzen. Dadurch liegen die Tariflöhne der Orchestermusiker bereits acht Prozent unter denen der Beschäftigten des öffentlichen Diensts. Das entspricht einer Nachzahlung von 2.600 Euro brutto seit 2010.

Die jüngsten Kürzungen sind Bestandteil einer breiteren Offensive gegen Kunst und Kultur, die vor allem mit dem Ende der DDR begann. Seit 1992 sind von 168 Orchestern 37 gestrichen worden, größtenteils in Ostdeutschland. Insgesamt wurden 2.315 Stellen abgebaut. Damit bleiben von den einst 12.159 Orchestermusikern in Deutschland nur noch 9.844 übrig.

Weitere Einsparungen werden durch Fusionen und Privatisierungen erzielt. Seit 1990 gab es 39 Umwandlungen ehemals staatlicher Orchester in GmbHs, allein 30 davon in Ostdeutschland. Aktuell kämpfen aufgrund dieser Entwicklung zahlreiche, vor allem kleinere Orchester um ihr Überleben, darunter die traditionsreiche Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin, deren Gründung bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht. In Halle führte die Fusion vom Orchester des Opernhauses mit dem philharmonischen Staatsorchester zu einem Stellenabbau von 65 Musikern.

Neben den Orchestern sind auch Musikschulen massiv von Einsparungen betroffen. Vollzeitstellen werden abgebaut und stattdessen von Lehrern auf freiberuflicher Basis besetzt. Das niedrige Jahresbruttogehalt eines freiberuflichen Musikers ist von 13.330 Euro im Jahr 2008 auf 12.404 Euro 2012 gesunken.

Trotz aller Kürzungen sind in Deutschland immer noch ein Viertel aller Sinfonie- und Opernorchester weltweit beheimatet. Über 900 Musikschulen bilden neue Musiker aus. Diese einzigartige Landschaft ist bedroht. Die Einsparungen im Kulturbereich sind ein direktes Resultat der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise und ein Angriff der herrschenden Klasse auf das Recht auf Kultur und Bildung.

Gerechtfertigt werden die Sparmaßnahmen mit der Begründung, die öffentlichen Kassen seien leer. Das Argument verschleiert die Tatsache, dass hinter den Einsparungen eine gezielte Politik steht, die die Finanzinteressen einer schmalen Elite höher stellt als das Recht auf Bildung und Kultur. 2008 haben alle Parteien, von der CSU bis zur Linkspartei, darin übereingestimmt, die Banken mit Milliardenpaketen zu retten. Nun gehen die gleichen Parteien daran, die entstandenen Haushaltslöcher durch Einsparungen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene zu füllen.

Die Kürzungen an den deutschen Orchestern sind Teil einer internationalen Entwicklung. Weltweit finden Angriffe auf Kulturinstitutionen und das Recht der Arbeiterklasse auf Zugang zu Kultur statt. Am deutlichsten zeigt sich dies momentan in den USA. Nach der Insolvenzanmeldung der Stadt Detroit sollen nun unschätzbare Kunstwerke des Detroit Institute of Arts (DIA) an Privatpersonen verkauft werden. Dieser Plan wird von den Gewerkschaften offen unterstützt.

Auch hierzulande haben die Gewerkschaften keine Perspektive, um den Kürzungen entgegen zu treten. Während der DOV zu Protesten aufruft, sitzt er in Schwerin schon seit Wochen mit den Arbeitgebern am Verhandlungstisch und kommt den geforderten Sparmaßnahmen des Landes von 25 Prozent mit einem Lohnverzicht der Musiker von 16 Prozent entgegen. Nach dem Urteil des BAG ist der DOV nun auch an den Verhandlungstisch mit dem DVB zurückgekehrt. Erste Gespräche fanden am 1. Oktober statt. Die nächste Verhandlungsrunde folgt am 13. Oktober.