Soziale Ungleichheit in Russland erreicht Rekordwerte

Von Clara Weiss
15. Oktober 2013

Der diesjährige Global Wealth Report der Schweizer Bank Credit Suisse belegt, dass die Kluft zwischen der breiten Masse der Bevölkerung und den Superreichen in Russland 22 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion so tief ist wie in keinem anderen großen Land der Welt. 35 Prozent des gesamten Reichtums des Landes befinden sich demnach in den Händen von 0,00008 Prozent der Bevölkerung, das sind 110 von 143 Millionen Menschen.

In der Studie heißt es: „Russland hat das höchste Niveau an Vermögensungleichheit in der Welt, abgesehen von kleinen Karibik-Nationen, wo Milliardäre wohnen. Weltweit kommt im Durchschnitt ein Milliardär auf 170 Mrd. US-Dollar privates Haushaltsvermögen; Russland hat einen Milliardär auf 11 Mrd. US-Dollar privates Haushaltsvermögen. Weltweit besitzen Milliardäre insgesamt 1-2 Prozent des gesamten Haushaltsvermögens; in Russland besitzen heute 110 Milliardäre 35 Prozent des gesamten Vermögens.“

Gleichzeitig besitzen 94 Prozent der erwachsenen Bevölkerung weniger als 10.000 US-Dollar. Das reichste eine Prozent der Bevölkerung, das sind rund 1,43 Mio. Menschen, nennen dagegen 71 Prozent des gesamten Vermögens ihr Eigen.

Selbst an der Spitze der russischen Vermögenspyramide ist der Reichtum höchst unterschiedlich verteilt. Laut Credit Suisse besitzen 5,6 Prozent der Bevölkerung zwischen 10.000 und 100.000, 0,6 Prozent zwischen 100.000 und 1 Mio. und 0,1 Prozent mehr als 1 Mio. US-Dollar. Die Zahl der Millionäre soll sich nach Berechnungen der Bank von derzeit 84.000 auf 133.000 in fünf Jahren erhöhen.

Einer der Autoren der Studie, Anthony Shorrocks, erklärte: „Zur Situation in Russland gibt es keine Parallelen. Wenn Sie sich anschauen, wie die Russen an ihr Geld gekommen sind und welche politischen Verbindungen notwendig sind, es zu behalten, dann gibt es nur sehr wenige Orte, wo die Situation ähnlich ist.“

Doch selbst diese ungeheuerlichen Zahlen unterschätzen die wirkliche Lage. Credit Suisse berechnete sie auf der Grundlage der Milliardärs-Liste, die das Forbes Magazine alljährlich veröffentlicht. Die Ergebnisse aus diesen Berechnungen sind aus zwei Gründen mangelhaft.

Erstens gibt es in Russland einen sehr beachtlichen Anteil an nicht deklarierten Vermögenswerten, insbesondere im Immobilienbereich. Die Schattenwirtschaft kommt in Russland für rund 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf.

Zweitens umfasst die Forbes-Liste nicht alle superreichen Individuen des Landes. Ausgenommen sind insbesondere Personen mit Schlüsselfunktionen in der Regierung, allen voran Präsident Wladimir Putin, dessen Privatvermögen auf 40 bis 70 Mrd. US-Dollar geschätzt wird. Damit würde der russische Präsident zu den reichsten Menschen der Welt gehören. Allein seine öffentlich vorgeführte Armbanduhrenkollektion hat einen geschätzten Wert von über 250.000 US-Dollar. Darüber hinaus besitzt Putin mehrere Paläste, Jachten und Flugzeuge.

Der britische Journalist Ben Judah, der unter den russischen Eliten gut vernetzt ist, schrieb in seinem Buch Fragile Empire (Yale University Press 2013): „Der beste Weg, die russischen Eliten abzubilden, besteht darin, sich die Oligarchen auf der Forbes-Liste von Russlands Reichsten anzuschauen, eine Liste von Ministern, führenden Regierungsbeamten und Direktoren von Staatsunternehmen darüber zu legen und sich dann eine Liste von Putins persönlichen Freunden vorzustellen, bevor man ein Diagramm in Form eines Spinnennetzes zeichnet, das auch die Familienmitglieder und ein Geflecht aller oben Genannten umfasst.“ (S. 124)

Die beispiellose Konzentration des von der Arbeiterklasse geschaffenen gesellschaftlichen Reichtums in den Händen einiger weniger Oligarchen, deren Vermögen auf kriminellen Geschäften und der Zerschlagung der Sowjetwirtschaft beruht, fällt ein vernichtendes Urteil über die Einführung kapitalistischer Verhältnisse in Russland und über das gesamte kapitalistische System.

Die soziale Ungleichheit ist mit der Einführung kapitalistischen Eigentums explosiv angestiegen: Der Gini-Koeffizient für Russland, der die Ungleichheit der Einkommensverteilung misst (0 bedeutet völlige Gleichheit und 100, dass einer alles besitzt), stieg zwischen 1988 und 1993 von 23,8 auf 48,4 – ein bis dahin historisch einzigartiger Prozess. In den folgenden Jahren ging der Gini-Koeffizient wieder leicht zurück, doch unter Putin wuchs er wieder stetig an.

Insbesondere die Zahl der Milliardäre ist seit 2000 in atemberaubendem Tempo gewachsen. Während die Forbes-Liste 2000 noch keinen einzigen Dollar-Milliardär in Russland verzeichnete, waren es 2003 schon 17. Bis 2008 stieg die Zahl auf 87, und seit der Krise von 2008 kamen 23 weitere hinzu. Credit Suisse konstatiert im jüngsten Bericht, dass die „Überlebenschancen“ von Milliardären in Russland so hoch sind wie in keinem anderen BRIC- oder G7-Land und die Superreichen in Russland offenbar in besonders hohem Maße vom Staat geschützt werden.

Dank dem durch den Öl-Boom ermöglichte Wirtschaftswachstum hat sich zugleich eine schmale, aber substantielle obere Mittelschicht herausgebildet. Ähnlich wie in den USA ging in Russland 2011 über die Hälfte des nationalen Einkommens an die reichsten 20 Prozent, während die unteren 20 Prozent der Bevölkerung gerade einmal 3 bis 5 Prozent erhielten.

Die breite Masse der Bevölkerung lebt in bitterer Armut. Selbst die geschönten offiziellen Zahlen sind alarmierend: Im Jahr 2010 lebten offiziell 12,6 Prozent der Bevölkerung (knapp 18 Millionen Menschen) unter der extrem niedrig angesetzten Armutsgrenze. Der Anteil derjenigen, die „wenig hatten“ (maloimushchiye), betrug laut einem Artikel des russischen Politologen Israpil Sampiev auf dem Land 40,2 und in den Städten 59,7 Prozent. Von der „wirtschaftlich aktiven“, d.h. arbeitenden Bevölkerung waren es 64,9 Prozent.

Seit der Krise 2008/2009 hat sich die soziale Polarisierung weiter verschärft. Wie in anderen Ländern auch nutzen die Eliten in Russland die Krise für eine Verschärfung der Angriffe auf die Arbeiterklasse und die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben. Allein im letzten Jahr hat sich laut Credit Suisse der Vermögensanteil, der sich in den Händen von Milliardären befindet, von 30 auf 35 Prozent erhöht.

Gleichzeitig ist das durchschnittliche Wohlstandsniveau der breiten Mehrheit der Bevölkerung seit 2007 unter Einbeziehung der Wechselkursveränderungen deutlich gesunken. Besaß 2007 ein durchschnittlicher Erwachsener in Russland 14.000 US-Dollar, so verfügte er 2013 nur noch über 11.900 US-Dollar.

Das ungeheuerliche Ausmaß der sozialen Ungleichheit bestätigt die Perspektive des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, das während der Perestroika als einzige politische Tendenz vor der Einführung des Kapitalismus durch die Bürokratie gewarnt hatte. Die Zerschlagung des durch die Oktoberrevolution geschaffenen gesellschaftlichen Eigentums hat zu einer sozialen Katastrophe und zu Ungleichheit von historischem Ausmaß geführt.

Die Zahlen über Vermögen und Einkommen geben nur einen ungefähren Eindruck der sozialen Katastrophe, die durch die Zerschlagung des Sowjet-Staates entstanden ist. Das Gesundheits- und Bildungssystem wurde fast vollständig ruiniert. Es herrscht akuter Mangel an Fachkräften in allen Bereichen. Die Infrastruktur befindet sich im fortgeschrittenen Stadium des Verfalls. Brände und Unfälle fordern jährlich zehntausende Todesopfer. Naturkatastrophen führen regelmäßig zu hunderten Todesopfern und dem finanziellen Ruin zehntausender Menschen.

Am deutlichsten zeigt sich diese soziale Katastrophe im dramatischen Bevölkerungsrückgang.

Bis 2025 wird die russische Bevölkerung nach Angaben der UN von derzeit 143,5 Mio. auf 121 bis 133 Mio. zurückgehen. Seit 1991 ist sie bereits um knapp 5 Mio. Menschen geschrumpft. Davon starben fast 1 Mio. durch Suizid. Die Suizidrate unter Teenagern ist in Russland nach Kasachstan und Weißrussland die höchste der Welt: nach Angaben der UN begehen 22 von 100.000 Jugendlichen Selbstmord. Weltweit sind es im Durchschnitt nur 7.

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