Kreml zerschlägt Russische Akademie der Wissenschaften

Von Clara Weiss
26. Oktober 2013

Der russische Präsident Wladimir Putin hat Ende September ein Gesetz zur Reform der Russischen Akademie der Wissenschaften gebilligt, das faktisch das Ende der Akademie als unabhängige wissenschaftliche Institution bedeutet und zu weitreichenden Kürzungen in der Wissenschaft führen wird. Zuvor war das Gesetz von der Duma (Parlament) angenommen worden. Das neue Gesetz ist der vorläufige Höhepunkt eines jahrzehntelangen Angriffs auf Wissenschaft und Kultur, der mit der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion einsetzte.

Trotz eines dramatischen Niedergangs seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 umfasste die Akademie bis zur Reform immer noch 500 wissenschaftliche Einrichtungen und rund 55.000 Mitarbeiter. Darunter waren nur 491 vollwertige Akademiemitglieder und 738 korrespondierende Mitglieder. Da Universitäten in Russland viel stärker auf die Lehre beschränkt sind als in den USA oder Westeuropa, ist die Akademie der Wissenschaften die zentrale Organisation der Forschung im naturwissenschaftlichen Bereich.

Das Gesetz zur Steigerung der „Effizienz“ der Akademie sieht vor, dass die Russische Akademie der Wissenschaften mit der Akademie für Medizin und der Akademie für Agrarwissenschaften verschmolzen wird. Der gesamte Besitz der neuen Akademie, einschließlich der Gebäude und der wissenschaftlichen Instrumente, wird von einer von der Regierung eingesetzten Kommission verwaltet. Ihr Vorsitzender muss direkt dem russischen Premierminister Rechenschaft leisten. Seine Ernennung muss vom russischen Präsidenten bewilligt werden.

Das bedeutet, dass von nun an jedes wissenschaftliche Vorhaben von Regierungsbeamten verhindert werden kann, indem diese die Mittel und die notwendigen Räume für seine Umsetzung verweigern. Jede unabhängige Tätigkeit der Akademie und ihrer Mitglieder wird damit faktisch unterbunden. Forschungsprojekte, die nicht unmittelbar den wirtschaftlichen und politischen Interessen der Regierung und der Oligarchen dienen, haben kaum noch Aussicht, realisiert zu werden. Medienberichte gehen auch davon aus, dass ein Großteil der Besitztümer der Akademie verkauft wird.

Die Reform der Akademie wird außerdem zur Zusammenlegung mehrerer Institute führen, und Presse und Experten erwarten weitere umfassende Kürzungen. Angesichts der bereits sehr aufgeheizten Stimmung hat der Kreml aber bisher die Planung neuer Kürzungen dementiert und wenig konkrete Angaben zu den Folgen der Reform gemacht.

Bereits kurz vor der Sommerpause war in der Duma überraschend ein Gesetzesentwurf eingebracht worden, der offen zur Auflösung der Akademie aufrief. Er war laut Aussage zahlreicher hochrangiger Akademiemitglieder nicht einmal mit dem neu gewählten Präsidenten der Akademie, dem Physiker Wladimir Fortow, abgesprochen worden.

Das Gesetz löste einen Schock und eine Welle der Empörung unter russischen und internationalen Wissenschaftlern und in der Öffentlichkeit aus, die es dem Kreml unmöglich machten, das Gesetz wie geplant im Spätsommer durchzupeitschen. Die Verabschiedung wurde um wenige Wochen verzögert. Die minimalen Änderungen, die auf den Vorschlag von Wissenschaftlern aufgenommen wurden, änderten aber nichts am Kern des Gesetzes.

Das Vorgehen der russischen Regierung zeigt, mit welcher Feindschaft und Verachtung die herrschenden Eliten Wissenschaft und Kultur behandeln. Wissenschaftliche Forschung soll nur noch so weit betrieben werden, wie es ihren unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Interessen dient.

Obwohl die Jahre seit dem Zusammenbruch der UdSSR von einem permanenten Angriff auf soziale Errungenschaften, Kultur und Bildung geprägt waren, hatten die herrschenden Kreise es bisher nicht gewagt, die Akademie der Wissenschaften anzutasten, da diese wie keine andere Institution des Lande für kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften steht.

Die Russische Akademie der Wissenschaften wurde 1724 unter dem Zaren Peter dem Großen gegründet und hat in den fast 300 Jahren ihres Bestehens – wenn man die Sowjetische Akademie der Wissenschaften miteinschließt – einige der bedeutendsten Wissenschaftler und Entdecker der vergangenen Jahrhunderte hervorgebracht und gefördert.

Darunter waren unter anderem der Universalgelehrte Michail Lomonossow (1711-1765), der Mathematiker Pafnuti Tschebyschow und Dmitrij Mendelejew (1834-1907), der das Periodensystem in der Chemie entwickelte. Im Jahr 1820 wurde von Fabian Gottlieb von Bellingshausen und Michail Lasarew die Antarktis entdeckt. Der berühmte Mediziner und Physiologe Iwan Pawlow (1849-1936), der die Verhaltensforschung mitbegründete, wurde 1904 mit dem Nobelpreis für Physiologie und Medizin ausgezeichnet.

Einen enormen Aufschwung erlebte die Akademie in der Sowjetunion. Trotz der stalinistischen Repressionen, denen tausende Wissenschaftler zum Opfer fielen, und der bürokratischen Zensur führten umfassende staatliche Investitionen in Wissenschaft, Bildung und Kultur zu einer Blütezeit der Akademie. Unter den mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Mitgliedern der Akademie waren insbesondere viele Physiker, die an der Entwicklung der Atomwissenschaften mitbeteiligt waren: Pawel Tscherenkow, Ilja Frank, Igor Tramm (alle drei 1958), Lew Landau (1962), Nikolai Bassow und Alexander Prochorow (1964) und Pjotr Kapiza (1978).

Doch mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es wie in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens auch in der Wissenschaft zu einem dramatischen Niedergang. Die soziale Konterrevolution war verbunden mit einem radikalen Kahlschlag in Wissenschaft und Kultur.

Zwischen 1992 und 1995 sank die Zahl der Beschäftigten in den Wissenschaften um 22 Prozent – von 2,3 Mio. auf 1,7 Mio.. Schätzungen zufolge verließen in den 1990er Jahren zwischen 100.000 und 250.000 Wissenschaftler das Land. Die Staatsausgaben für Wissenschaft wurden laut dem ehemaligen Präsidenten der Russischen Akademie der Wissenschaften, Juri Ossipow, um einen Faktor von 12 oder 15 gekürzt.

Das durchschnittliche Alter der Geräte in der Akademie verdoppelte sich von 1990 bis 2006 von 7,5 auf 15 Jahre. Der Beitrag russischer Wissenschaftler zur internationalen Forschung ist dementsprechend deutlich zurückgegangen. Inzwischen produzieren russische Wissenschaftler mit durchschnittlich 25.000 Papers pro Jahr weniger als Wissenschaftler im viel kleineren Südkorea. Die russische Regierung investiert mit knapp einem Prozent des BIP weit weniger in die Forschung als die USA (2,7 Prozent) oder Japan (3,7 Prozent).

Eine Reform im Jahr 2006 brachte zwar vorübergehend eine leichte Steigerung der Finanzierung der Wissenschaft und eine Erhöhung des Gehalts für viele einfache Akademiemitarbeiter, doch seit Beginn der Krise hat sich die Situation wieder enorm verschlechtert.

Die Akademie ist so stark hierarchisiert, dass es Nachwuchswissenschaftlern kaum möglich ist, aufzusteigen. Sie spiegelt die soziale Spaltung in der Gesellschaft wider. Während ein durchschnittlicher Mitarbeiter der Akademie laut offiziellen Angaben zwischen 500 und 1.000 Euro, oft aber auch nur 150 bis 300 Euro im Monat verdient, sind die führenden Akademiemitglieder Teil der politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes.

Eine schmale Schicht von hochrangigen Akademikern hat die kapitalistische Restauration zur Selbstbereicherung genutzt und seitdem nicht nur die sozialen Angriffe auf die Arbeiterklasse, sondern auch die fortwährenden Kürzungen in Kultur und Wissenschaft mitgetragen.

Bezeichnenderweise soll an dem Gesetzesprojekt der Physiker Michail Kowaltschuk, ein korrespondierendes Mitglied der Akademie, beteiligt gewesen sein. Kowaltschuk und sein Bruder Juri, der ebenfalls ein ehemaliger Physiker und heute einer der reichsten Männer des Landes ist, gehören zum engsten Kreis um Präsident Putin. Nachdem ihm trotz tatkräftiger Unterstützung Putins mehrfach die Vollmitgliedschaft in der Akademie verwehrt worden war, sagte Michail Kowaltschuk in einem Interview: „Die Akademie muss notwendigerweise zugrunde gehen wie das Römische Imperium.“

Auch der langjährige Präsident der Akademie und nunmehriger Vize-Präsident, Physik-Nobelpreisträger Schores Alferow, ist Millionär und ein führendes Mitglied der stalinistischen KPRF. Als Duma-Abgeordneter der KPRF und Präsident der Akademie hat er die Kürzungen in der Wissenschaft und ihre wachsende Unterordnung unter die Profitinteressen der Oligarchie jahrelang mit umgesetzt.

Nachdem er sich vehement gegen die Reform ausgesprochen hatte, wurden Alferow in Kreml-nahen Medien in den letzten Wochen mehrere große Korruptionsfälle und Vetternwirtschaft vorgeworfen. Auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Korruptionsskandale, in die führende Akademiemitglieder verwickelt waren. Doch die in den oberen Rängen der Akademie grassierende Korruption ist nur ein Vorwand der nicht weniger kriminellen Eliten im Kreml, um mit der „Reform“ Wissenschaft und Kultur umfassend anzugreifen und die wichtigste Forschungsinstitution des Landes vollständig den Interessen der Oligarchie unterzuordnen.

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