Verbreitete Kinderarmut in Deutschland

Von Sybille Fuchs
2. November 2013

Obwohl Deutschland zu den reichsten Ländern der Welt zählt, leben zahlreiche Kinder in Armut. Das bestätigt der jüngste Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF.

Rund 10 Prozent der Mädchen und Jungen leben in Familien, deren Einkommen unter der Armutsgrenze liegt. Als Maßstab gelten die Kriterien der OECD, laut denen arm ist, wer weniger als die Hälfte des sogenannten Medianeinkommens verdient. Von 29 untersuchten OECD-Staaten liegt Deutschland auf Platz 11.

Am anderen Pol der Gesellschaft wächst dagegen dank der Umverteilungspolitik der Berliner Parteien der Reichtum. Laut der Anfang Oktober veröffentlichten Rangliste des Manager-Magazins ist das Vermögen der Top 100 in den vergangenen zwölf Monaten um 5,2 Prozent auf den Rekordwert von 336,6 Milliarden Euro gestiegen. Insgesamt leben in Deutschland 135 Milliardäre und, laut einer Studie der Credit Suisse, 1,7 Millionen Dollarmillionäre.

Die Studie der UNICEF fasst die Ergebnisse verschiedener Wissenschaftler zusammen, die zwischen 2000 und 2010 die Lebensverhältnisse von Betroffenen untersucht haben. Neben der wirtschaftlichen und sozialen Lage von Kindern, Jugendlichen und deren Familien befassen sie sich auch mit deren Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit sowie mit dem subjektivem Wohlbefinden. Auch Gewaltbereitschaft und Kriminalität sowie die Mediennutzung der Heranwachsenden und ihre Folgen haben die Wissenschaftler untersucht.

Die Studie gelangt zum Schluss, dass 8,6 Prozent der Kinder langfristige Armutserfahrungen gemacht haben, die ihr gesamtes zukünftiges Leben schwerwiegend beeinträchtigen können. Über eine Million Heranwachsende mussten mehr als ein Drittel ihrer Kindheit und Jugend in Armut verbringen.

„Es ist enttäuschend, dass Deutschland es nicht schafft, die materiellen Lebensbedingungen für Kinder entscheidend zu verbessern“, kommentierte dies Christian Schneider, UNICEF-Geschäftsführer in Deutschland.

Über große Teile der Kindheit andauernden Armutserfahrungen haben oft zur Folge, dass die Betroffenen auch als Erwachsene mit ihrem Leben unzufrieden sind und kaum Hoffnung haben, es durch eigene Anstrengungen und Fähigkeiten verbessern zu können.

Besonders schwierig ist die Lage von Kindern Alleinerziehender. Deren Zahl hat deutlich zugenommen. Hatte 1996 noch jede siebte Familie mit minderjährigen Kindern nur einen Elternteil, war es laut Mikrozensus 2009 schon fast jede fünfte. In der großen Mehrzahl wachsen die betroffenen Kinder mit der Mutter auf.

Viele alleinerziehende Mütter arbeiten Teilzeit oder sogar Vollzeit. Trotzdem sind sie wegen niedrigen Löhnen nicht in der Lage, ihren Kindern die Teilnahme am sportlichen oder kulturellen Leben zu ermöglichen oder ihnen Klassenfahrten zu finanzieren. Außerdem fehlt ihnen die Zeit, sich um die Betreuung von Hausaufgaben zu kümmern. Auch für Nachhilfe, die in wohlhabenderen Familien fast selbstverständlich ist, um Lerndefizite auszugleichen, fehlt Alleinerziehenden meist das Geld.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass Kinder aus alleinerziehenden Familien am Ende der vierten Klasse in Mathematik und Naturwissenschaften einen durchschnittlichen Leistungsrückstand von etwa einem halben Lernjahr haben. Den wichtigsten Grund für die Leistungsdefizite sehen die Forscher aber in der sozialen und ökonomischen Lage der Familien und nicht im Familienstand.

Weil in Deutschland der Bildungserfolg in höherem Maße von Einkommen und Bildungsstand der Eltern abhängt als in den meisten anderen Ländern Europas, wird hier auch ein größerer Teil der Kinder und Jugendlichen im Bildungssystem “abgehängt“.

Auch die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten der Kinder ist sehr stark von der sozialen und wirtschaftlichen Lage abhängig. So schneiden Kinder aus Familien, in denen ein oder beide Elternteile arbeitslos sind, in vielen Bereichen schlechter ab als Altersgenossen aus bessergestellten Familien.

Mit dem Vorurteil der steigenden Jugendgewalt räumt die Studie auf. Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2011 in Deutschland 6,7 Prozent der jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren wegen eines Delikts polizeilich registriert. 1998 lag der Anteil noch bei 8,2 Prozent. Sowohl häufige Delikte wie Ladendiebstahl oder Sachbeschädigung, als auch Gewaltkriminalität sind rückläufig.

In den Schlussfolgerungen formuliert der UNICEF-Bericht Forderungen an die neue Bundesregierung. Die Politik müsse „entschieden gegen Kinderarmut vorgehen“, die Bildung müsse „frühzeitige und gezielte Förderung für benachteiligte Kinder umfassen“, die UN-Kinderrechtskonvention müsse vollständig umgesetzt werden und die neue Bundesregierung solle „Kommunen dabei unterstützen, kinderfreundlicher zu werden“, heißt es darin.

Angesichts der schon weitgehend beschlossenen Sparpolitik und der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse werden diese Forderungen ungehört verhallen. Eine wirksame und nachhaltige Verbesserung der Lage benachteiligter Kinder ist nur in einer sozialistischen Gesellschaft möglich, die die Bedürfnisse der großen Mehrheit der Bevölkerung höher stellt als den Profit einiger Weniger.