Britischer Komiker Russell Brand ruft zur Revolution auf

Von Chris Marsden
22. November 2013

Der englische Komiker und Schauspieler Russell Brand ist unter anhaltenden Beschuss einer Vielzahl politischer Schurken gekommen.

Weil er empfahl, nicht wählen zu gehen und eine “Revolution” befürwortet hat, ist Brand auf die Position des Staatsfeinds Nummer Eins katapultiert worden – jedenfalls soweit es die Schurkengalerie von Apologeten des Kapitalismus und der Labour Party betrifft.

Brands politische Einstellung ist verworren. Er hat eine Vielzahl von Protestbewegungen der Mittelschicht wie “Occupy” und Anonymous unterstützt und wurde nicht müde zu betonen, dass sein Konzept der Revolution sich auf eine Änderung der Art, wie die Menschen denken, stütze. Aber das Recht ist ganz auf seiner Seite und nicht auf der seiner Kritiker.

Brand wurde gebeten, eine Ausgabe der Zeitschrift New Statesman zu bearbeiten. In einem Leitartikel lobte er den “NHS, Urlaubsgeld, Krankengeld, das Wochenende” als “großes Erbe der Linken” und erklärte: “Uns Briten scheint die Revolution ein wenig peinlich zu sein, als sei Leidenschaft ungehobelt oder als ob beim Aufstand vielleicht etwas Tee auf unsere Manschetten verschüttet werden könnte. Revolution ist eher französisch oder, schlimmer noch, amerikanisch. Nun, die Alternative ist Vernichtung, so dass jetzt ein guter Zeitpunkt für eine Neubewertung wäre”.

Dies war der Anlass zu einem Interview auf BBC Newsnight durch den schon immer unausstehlichen Jeremy Paxman, der Brand für seine Wahlenthaltung beschimpfte und sagte, dass aus diesem Grund niemand auf ihn hören sollte.

Brand antwortete: “Ich wähle nicht aus Apathie nicht. Ich wähle nicht wegen der absoluten Gleichgültigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung gegenüber den Lügen, dem Verrat und der Betrügerei der politischen Klasse, die nun schon seit Generationen andauert”.

Politiker, fügte er hinzu, seien nur daran interessiert “die Bedürfnisse der Unternehmen zu bedienen”, und es werde ein sozialistisches System auf der Grundlage von Gleichheit benötigt.

Die Resonanz darauf zielte unter die Gürtellinie. Der konservative Abgeordnete Michael Fabricant sagte über Brand, “was für eine Saftarsch” er sei. Die selbstzufriedene und moralisch bankrotte Labour-Linke war noch wütender darüber, dass Brand erklärte, alle Politiker und Parteien seien die gleichen Kreaturen der Konzerne.

Emmett Rensen proklamierte in Policy Mic: “Wenn du dich jedes Mal weigerst deine Stimme abzugeben, wenn du die Chance hast zu wählen, und dadurch versäumst, das Leiden auch nur einer Person zu mildern, verweigerst Du nicht einem bösen System die Komplizenschaft – sondern Du wirst selbst ein Komplize des Bösen”.

Robert Lustig kombinierte in der Huffington Post seine Verurteilung Brands mit einer Verteidigung der Labour Party und von Barack Obama indem er verkündete, dass Nicht-Wählen “Feigheit” sei.

Der käufliche Kriegstreiber Nick Cohen, der für den Observer schreibt, gab sich nicht damit zufrieden, Brand als böse hinzustellen, sondern verglich ihn mit dem italienischen faschistischen Führer Benito Mussolini.

Die Dinge erreichten einen wirklich absurden Höhepunkt, als der Komikerkollege Robert Webb im New Statesman verkündete, Brand habe ihn dazu gebracht, wieder in die Labour-Party einzutreten!

In einem offenen Brief an Brand beschuldigte Webb ihn “vorsätzlich mit Deinem Arsch über etwas sehr Wichtiges zu reden” und dabei “einer Menge Leute aktiv einzureden, dass Engagement in unserer Demokratie eine schlechte Idee ist .... Die letzte Labour-Regierung hat nicht genug getan und viele Wähler bitterlich enttäuscht. Aber, auf die Gefahr hin, Deine Aufmerksamkeit zu verlieren: im Ganzen gesehen hat sie geholfen ... [und] das reale Leben von Millionen von echten Menschen zum Besseren hin verändert”.

Er endete, indem er sich selbst dafür beglückwünschte, das “unermessliche Privileg” zu genießen, in das Großbritannien des 21. Jahrhunderts hineingeboren worden zu sein. Er machte für Brands Revolutionsgerede eine “Sehnsucht nach dem Licht” verantwortlich, das “die Revolution nicht länger liefert. Wir haben es wieder und wieder versucht, und wir wissen heute, dass es in Todeslagern, Gulags, Repression und Mord endet.”

Es führte jetzt zu weit, Webbs ignorante Darstellung zu widerlegen, welche die von der stalinistischen Bürokratie, der konterrevolutionärsten Tendenz in der Weltgeschichte, verübten Verbrechen in der Sowjetunion als das unvermeidliche Produkt der Revolution hinstellt. Er sagt in keiner Hinsicht etwas Neues, sondern käut lediglich die politischen Vorurteile wieder, die er täglich an der Universität Cambridge inhaliert hat. Und Brand legte sehr zu Recht selbst dar, dass der in Cambridge ausgebildete Webb überhaupt keine Ahnung habe von der Realität, in der Millionen weniger privilegierte Menschen des 21. Jahrhunderts in Großbritannien leben.

Aber es ist wichtig zu verstehen, warum Brand solche Empörung entgegenschlägt.

Dies kann nur so verstanden werden, dass seine Kritiker nur zu gut verstehen, dass er die wirklichen Gefühle von vielen, vielen Menschen angesprochen hat, allen voran der jüngeren Generation. In diesem Zusammenhang ist der Kommentar von Tom Chevers im Daily Telegraph mit dem Titel “Russell Brand, unnötig revolutionär”, mit Abstand der apokalyptischste, hat aber zumindest den Vorzug hat, ein Minimum an Ehrlichkeit aufzuweisen.

Brand, schrieb Chevers, “jagt mir Angst ein, denn wenn so die ‘Jugendlichen’ denken ... dann hat er vielleicht Recht und wir alle steuern tatsächlich auf eine Revolution zu.”

Er zitiert Brands Aussage “Eine Revolution ist im Anmarsch. Darauf läuft es hinaus. Ich habe nicht den geringsten Zweifel” und fragt dann: “Lässt Dich das nicht erschauern”?

“Generell gesprochen sind Revolutionen eine schreckliche Idee. Wenn Du die Dinge zum Besseren wenden willst, Russell, dann musst Du das kleinste Übel wählen, Dich an die Gesetze halten, und eine politische Partei gründen, die für das kämpft, was sich Deiner Meinung nach ändern muss.”

Er kommt zu dem Schluss: “Wenn es zu einer Revolution kommt, dann deswegen, weil Menschen wie Brand (oder seine rechtsextremen Spiegelbilder) glauben, dass die Welt vor die Hunde geht, und wir sie einreißen und wieder neu aufbauen müssen. So ist es nicht. Das tun wir nicht.”

Mit Verlaub Herr Chevers, genau so ist es und wir tun es.

Im Wesentlichen muss Brand, ein im Großen und Ganzen einnehmender und willentlich exzentrischer Charakter, genau deswegen feststellen, dass ihm die Rolle einer modernen Version von Lenin zugewiesen wird. Sein Urteil über das politische Establishment ist richtig und ist weithin akzeptiert, weil seine Forderung nach einer sozialistischen und egalitären Gesellschaft anziehend wirkt.

Aus diesem Grund wird der verzweifelte und konzertierte Versuch, Brand zu verleumden, nach hinten losgehen und wird stattdessen auf die Verteidiger des verfaulten und unhaltbaren Status Quo zurückfallen.