Brand im toskanischen Prato tötet sieben Textilarbeiter

Von Stefan Steinberg und Marianne Arens
7. Dezember 2013

Am frühen Morgen des vergangenen Sonntags starben in Prato, nordwestlich von Florenz, sieben Textilarbeiter, fünf Männer und zwei Frauen, als Feuer in ihrem Schlafraum ausbrach und die gesamte Fabrikhalle in Flammen aufging. Vier weitere Arbeiter wurden verletzt, zwei davon schwer. Sie alle sind Einwanderer aus China.

Die Arbeiter wurden im Schlaf überrascht, als das Feuer rasch auf die Pappe- und Gipswände der improvisierten Kojen übergriff, die ihnen als Schlafraum dienten. Ein Teil des Dachs über der Galerie, in der elf Menschen schliefen, stürzte ein. Ein vierjähriges Kind soll mit seiner Mutter nur durch einen glücklichen Zufall entkommen sein.

Die Halle diente als Produktionsstätte, Stofflager, Aufenthalts- und Schlafraum in einem. Obwohl die Ursache der Feuersbrunst nicht festgestellt werden konnte, hatte man offenbar jegliche Sicherheitsmaßnahmen außer Acht gelassen. Die Feuerwehrleute fanden den Körper eines Arbeiters dicht an einem Fenster, wo Gitterstäbe seine Flucht ins Freie verhinderten.

Ein freiwilliger Carabinieri-Helfer sah den Qualm auf seinem Weg zur Morgenschicht und schlug Alarm. Er berichtete einem Journalisten von Rai-TG2: „Das Schlimmste waren die Schreie der eingeschlossenen Menschen. Ich tat was ich konnte, ich zog zwei Menschen heraus (…). Offenbar wurden sie von den Flammen im Schlaf überrascht.“ Andere, die durch den Qualm bewusstlos wurden, konnten nicht mehr entkommen.

Einwohner von Prato nahmen am Dienstagabend an einem Fackelzug zur ausgebrannten Werkhalle teil, wo viele Menschen Blumen niederlegten. Der Mittwoch wurde zum Trauertag erklärt. Gegen die Eigentümerin des Textilbetriebs und drei weitere chinesische Manager wird Klage erhoben. Sie werden der fahrlässigen Tötung und Missachtung von Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz beschuldigt.

Bei dem Textilbetrieb „Ye life pronto moda“ (oder „Teresa moda“) handelt es sich offenbar um einen der zahlreichen „Sweatshops“ oder Ausbeuterbetriebe, die seit Jahren in Prato wie Pilze aus dem Boden schießen. Der Brand wirft ein grelles Licht auf die entsetzlichen Bedingungen, unter denen die Textilarbeiter, oft illegal eingeschleuste chinesische Männer und Frauen, für den Weltmarkt produzieren. Auch teure Markenklamotten Made in Italy und Luxusaccessoires, z.B. von Gucci und Prada, werden hier hergestellt.

Die Stadt Prato, eine Hochburg der italienischen Textilindustrie, hat sich in den letzten Jahren infolge globaler Wettbewerbsbedingungen stark verändert. Seit den 1990er Jahren verlagerten die Konzerne einen Großteil der Arbeit in Billiglohnländer, vor allem nach China. In der Region gingen rund die Hälfte der etwa achttausend Textilbetriebe und über ein Drittel der rund dreißigtausend Arbeitsplätze verloren.

Umgekehrt strömten Tausende chinesische Textilhändler in dieses Industriegebiet. Sie mieten und kaufen seither leer stehende Fabrikgebäude und Ladenlokale, auch Garagen, Schuppen, Keller und Hinterhöfe. So ist eine riesige Enklave der chinesischen Textilmanufaktur entstanden. In der Industriezone von Macrolotto sollen mittlerweile über viertausend Produktionseinheiten mit bis zu 50.000 Beschäftigten rund um die Uhr arbeiten und täglich rund eine Million Kleidungsstücke herstellen.

Der britische Sunday Mirror berichtete schon 2007: „Italiens feinste Modehäuser stützen sich immer starker auf eine Armee billiger chinesischer Immigranten, die das toskanische Textilzentrum in Italiens Little China verwandelt haben.“

Der Artikel zitiert einen chinesischen Textilarbeiter, der bei Gucci entlassen wurde und seine eigene Fabrik in der Region aufmachte. Er berichtet, dass die Luxusmarke Dolce&Gabbana seine Fabrik und seine Arbeitskräfte nutze, um die Nachfrage nach ihren Handtaschen zu befriedigen. „Sie schicken mir das Material, und mein Team näht, klebt und dekoriert die Taschen. Ich zahle meinen hundert Arbeitern 2,70 Euro die Stunde, aber sie sind zufrieden. Sie schlafen in einem Schlafraum über dem Arbeitsraum, und ich sorge auch für ihr Essen. D&S verkauft die Taschen für über 1.300 Euro das Stück.“

Auf Videofilmen ist zu sehen, wie sich Dutzende chinesischer Arbeiterinnen über Nähmaschinen beugen. Ihre Schlafstätten befinden sich in einer Ecke derselben Halle. Sie schuften täglich zehn bis achtzehn Stunden. Die meisten haben keine richtigen Papiere und sind vollkommen von den Werksleitern abhängig. Sie haben Arbeit und Unterkunft, aber der Verdienst ist extrem unsicher, und bei Entlassung können sie sofort abgeschoben werden.

Die grauenhaften Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Arbeiter sind seit Langem bekannt. Schon seit Jahren erscheinen in den Medien immer wieder Berichte über die chinesischen Sweatshops in Prato und anderen italienischen Städten, doch die Politiker tun so, als habe der Brand vom Sonntag sie völlig überrascht. Mit markigen Worten kommentieren sie die Tatsache, dass Textilarbeiter auch in Italien, und nicht nur in Bangladesch oder Pakistan, durch Fabrikbrände ums Leben kommen.

Staatspräsident Giorgio Napolitano sprach von „Bedingungen unerträglicher Illegalität und Ausbeutung“. Die Integrationsministerin Cecile Kyenge erklärte: „Vielleicht haben wir nicht alles Notwendige getan, um die Chinesen zu schützen.“ Die stärksten Worte fand Enrico Rossi (PD), Regionalpräsident der Toskana, der ausrief: „Die Sklaverei in Prato muss ein Ende haben“. Ein Verbrechersyndikat habe die Kontrolle übernommen, hier lebten Arbeiter unter Bedingungen, „die an Auschwitz erinnern“.

Tatsächlich betreiben sämtliche etablierten Parteien, auch die Demokratische Partei, der Rossi angehört, und die aus der einstigen KPI hervorging, eine Politik, die Ausbeutungsbedingungen wie in Prato erst möglich macht und hervorbringt. Gefördert von der Europäischen Union werden die Rechte der Arbeiter seit Jahren systematisch ausgehöhlt.

Besonders seit dem Finanzkollaps vor fünf Jahren wurden gesicherte Arbeitsverhältnisse systematisch beseitigt. Daran sind die großen Gewerkschaft CGIL, CISL und UIL maßgeblich beteiligt. Sie arbeiten dabei eng mit dem Unternehmerverband zusammen. So unterzeichneten sie im Juni 2011 einen „Nationalen Pakt für Arbeit“, der im März 2013 erneuert wurde. Bei Fiat akzeptierten sie kampflos massive Angriffe auf die Errungenschaften der Arbeiter.

Den Brand in Prato kommentierte ein Vertreter der Gewerkschaft mit den Worten: „Niemand kann ernsthaft behaupten, er wisse nicht, was in Prato vor sich geht“. Das ist ein entlarvendes Eingeständnis, dass die Gewerkschaften wider besseres Wissen keinen Finger gerührt haben, um die Zustände aufzudecken und die Arbeiterklasse zu mobilisieren, geschweige denn, die chinesischen Arbeiter zu verteidigen.

Die Industriestadt Prato war über sechzig Jahre lang eine Hochburg der Gewerkschaften, der Kommunistischen Partei und ihrer Nachfolgeorganisationen. 2009 wurde dann mit Roberto Cenni erstmals ein Vertreter von Berlusconis PdL zum Bürgermeister gewählt. Seither versucht der Textilunternehmer, den Unmut der Bevölkerung mit einer Politik der harten Hand gegen die Einwanderer aufzufangen. Auf die Brandkatastrophe vom Sonntag reagierte Cenni mit der Drohung, er wolle gemeinsam mit Innenminister Angelino Alfano (Neue Rechte Mitte) im illegalen „Parallelbezirk“ von Prato aufräumen.

Die Politiker sind generell bemüht, die Brandkatastrophe als Einzelfall hinzustellen und das Augenmerk auf die Tatsache zu lenken, dass es sich dabei um einen chinesischen Textilbetrieb handelte. Arbeitsminister Enrico Giovannini sagte: „Prato ist ein besonderer Fall; wir können ihn als Grenzfall bezeichnen.“ Die Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore schrieb, man müsse sich „China vorknöpfen, weil es uns in unserem eigenen Land Konkurrenz macht und dabei nur seine eigenen Gesetze gelten lässt“.

Als wären die Sweatshops mit ihren mafiösen Arbeitsbedingungen eine chinesische Besonderheit.

In Wirklichkeit greifen solche menschenverachtende Strukturen in ganz Europa immer stärker um sich. So werden in Nordeuropa polnische und rumänische Bauarbeiter zu niedrigsten Löhnen ausgebeutet. In der deutschen Fleischindustrie arbeiten und schlafen Arbeiter aus Osteuropa unter Bedingungen, die mit jenen der chinesischen Arbeiter in Prato durchaus vergleichbar sind. Ein Sonderausschuss des Europäischen Parlaments (CRIM) gelangte kürzlich zum Schluss, dass es in der Europäischen Union rund 880.000 Sklavenarbeiter gibt.

In Süditalien und Spanien werden Erntehelfer aus Afrika zu niedrigsten Löhnen ausgebeutet – aber auch Arbeiter aus Italien. Der Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano hat im Hinterland von Neapel riesige mafiöse Strukturen in der Textilindustrie aufgedeckt. „Das System“ (die Camorra) ist dort nicht nur der größte, sondern oft auch der einzige Arbeitgeber.

In seinem Buch „Gomorrha“ schreibt Saviano über die Schattenwirtschaft in Kampanien: „Die Fabriken hier sind in Räumen unter der Treppe und im Erdgeschoss von Reihenhäuschen untergebracht. (…) Hier wird gearbeitet, genäht, Leder zugeschnitten, werden Schuhe gefertigt. Hintereinander, der Rücken des Kollegen vor deinen Augen und dein Rücken vor denen des nächsten. Ein Arbeiter in dieser Textilindustrie arbeitet ungefähr zehn Stunden pro Tag. Die Löhne liegen zwischen fünfhundert und neunhundert Euro.“ Er fährt fort, keiner wisse, „wie viele Menschen hier normale Arbeitsverträge haben, aber jeden Monat den Erhalt von Lohnsummen quittieren müssen, die sie nie erhalten“.