Starker Anstieg der sozialen Ungleichheit in Deutschland

Von Elisabeth Steinert
10. Dezember 2013

Der Ende November veröffentlichte „Datenreport 2013“ gibt ein Bild der sozialen Lage in Deutschland, das in völligem Gegensatz zur beschönigenden Regierungspropaganda steht. Trotz einer steigenden Zahl von Erwerbstätigen wächst die Armut. Grund sind prekäre Arbeitsverhältnisse und sinkende Löhne im unteren Einkommensbereich.

Herausgegeben wird der Report vom Statistischen Bundesamt, der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Forscher dokumentieren darin mit umfangreichem Datenmaterial die weitreichenden Auswirkungen der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die von der rot-grünen Bundesregierung in den Jahren 1998 bis 2005 in Gang gesetzt wurde.

Ein zentrales Ergebnis ist, dass fast jede sechste Person in Deutschland im Jahr 2011 arm war. Das waren rund 13 Millionen Menschen oder 16,1 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2007 lag der Anteil dieser sogenannten „armutsgefährdeten“ Personen noch bei 15,2 Prozent. 2011 galt als arm, wer weniger als 980 Euro im Monat zur Verfügung hatte.

Das Armutsrisiko für Frauen war in allen Altersgruppen höher als für Männer, bedingt überwiegend durch ihren hohen Anteil an Teilzeitarbeit und geringere Bezahlung. Waren 2011 17,2 Prozent der Frauen armutsgefährdet, lag der Anteil bei Männern bei 14,9 Prozent.

Besonders stark verschärfte sich die Armut in den Altersgruppen der 18- bis 24-Jährigen und der 55- bis 64-Jährigen. Bei beiden Gruppen lag der Anteil der Armen 2011 deutlich über 20 Prozent. Bei den jungen Erwachsenen werden als Grund unter anderem schlecht bezahlte Einstiegsjobs genannt.

Zu unterschiedlichen Armutsquoten führt auch der Bildungsstand. Fast 30 Prozent der Menschen ohne Schulabschluss waren 2011 von Armut bedroht. Aber auch 8 Prozent der gut Ausgebildeten teilten dieses Schicksal, obwohl sie erwerbstätig waren und es für sie leichter war, einen Job zu bekommen. Ein Grund ist die Ausbreitung befristeter Arbeitsverhältnisse.

Besonders stark von Armut betroffen sind Menschen mit Migrationshintergrund, Personen, die in Haushalten von Alleinerziehenden leben, und Arbeitslose.

Unter Zugewanderten ist das Armutsrisiko doppelt so hoch wie unter Menschen ohne Migrationshintergrund. Unter Alleinerziehenden und ihren Angehörigen liegt es bei 38,8 Prozent. Auch allein lebende Personen sind mit einem Anteil von 32,4 Prozent überdurchschnittlich stark betroffen. Und in Haushalten, in denen Arbeitslose leben, sind mit 69,3 Prozent mehr als zwei Drittel arm. 2007 hatte der Anteil noch bei 56,8 Prozent gelegen.

Die Erhebung bestätigt, dass auch Erwerbstätige nicht von der Armut ausgenommen sind. 2011 waren 5,7 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten und sogar 15,7 Prozent der Vollzeitbeschäftigten mit befristetem Arbeitsverhältnis betroffen.

Die Zahlen des Datenreports widerlegen die Mär von den Segnungen des deutschen „Jobwunders“. Von einem Aufschwung merkt der Großteil der Bevölkerung nichts. Er findet nur an den Börsen und bei den Reichen statt, während die Einkommen der Mehrheit der Bevölkerung sinken.

Obwohl die Zahl der Erwerbstätigen 2012 mit 41,5 Millionen einen Rekordwert erreichte, wächst die Armut. Immer mehr Menschen sind dauerhaft davon betroffen. Grund dafür sind sinkende Einkommen in den unteren Einkommensgruppen wegen der Zunahme atypischer Arbeitsverhältnisse, die für einen wachsenden Teil der Bevölkerung zur Normalität werden.

Bei den neuen Beschäftigungsverhältnissen, die zum Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen geführt haben, handelt es sich vor allem um derartige atypische Verhältnissen. Zu ihnen zählen befristete Jobs, Teilzeitarbeitsplätze mit weniger als 21 Wochenstunden, geringfügige Beschäftigungen sowie Zeit- und Leiharbeit.

Diese Art von Tätigkeit führt zu geringeren Einkommen und geringerer sozialer Absicherung. Die weitverbreiteten Werkverträge, die die Löhne noch weiter nach unten drücken, kommen im Datenreport 2013 gar nicht vor, weil sie in den Betrieben nicht als Lohn-, sondern als Sachkosten verbucht werden.

Von 1993 bis 2012 stieg der Anteil der atypischen Beschäftigung von 13 auf 22 Prozent. Mehr als jeder Fünfte (7,9 Millionen) hatte ein solches prekäres Arbeitsverhältnis. Nur noch etwa 24,2 Millionen Personen waren normal erwerbstätig. Am häufigsten betroffen waren Frauen und junge Erwerbstätige zwischen 15 und 24 Jahren mit jeweils 33 Prozent und Personen ohne anerkannten Berufsabschluss mit 37 Prozent.

So ist es zu erklären, dass trotz erhöhter Beschäftigungszahlen auch das Arbeitsvolumen sank. Obwohl im Jahr 2012 2,8 Millionen Menschen mehr als 1991 eine bezahlte Arbeit hatten, lag die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden unter dem Wert von 1991.

Zu dem geringeren Arbeitsvolumen kommt ein Anwachsen der Niedriglöhne. Im Jahr 2010 verdiente in Deutschland jeder fünfte Beschäftigte weniger als 10,36 Euro. Dieser Stundenlohn lag unterhalb der Niedriglohngrenze von zwei Dritteln des mittleren Verdienstes. Fast jeder zweite atypisch Beschäftigte, aber auch 11 Prozent der Normalbeschäftigten, arbeiteten für einen solchen Niedriglohn. Das Einkommen des oberen Fünftels der Bevölkerung lag viereinhalbmal über dem Einkommen des unteren Fünftels.

Auch die Dauer der Armut und das Risiko, arm zu bleiben, sind gestiegen. 2011 waren 40 Prozent der untersten Einkommensschicht dauerhaft arm. Im Jahr 2000 hatte dieser Anteil noch 27 Prozent betragen.

Armut bedeutet starke Einschränkungen im persönlichen Leben und frühen Tod. Die Erkenntnisse des Reports belegen, dass die mittlere Lebenserwartung von Spitzenverdienern elf Jahre höher als die von Männern in der niedrigsten Einkommensgruppe liegt. Bei Frauen beträgt der Unterschied acht Jahre.

Aufgrund von Verbesserungen der Ernährung, der Wohnverhältnisse, der sozialen Sicherheit und der medizinischen Versorgung ist die Lebenserwartung großer Teile der Bevölkerung im letzten Jahrhundert stark gestiegen. Der Datenreport stellt fest, dass sich dies aufgrund der umfassenden Verschlechterung der Lebensbedingungen wieder umkehren kann.

Unter der Armutsgrenze lebende Menschen müssen sich im täglichen Leben in jeder Hinsicht einschränken. Hohe Wohnkosten aufgrund stark ansteigender Mieten und Ausgaben für Anschaffungen verringern die ohnehin geringen finanziellen Möglichkeiten. Mehr als jede vierte arme Person konnte sich 2011 keine regelmäßigen vollwertigen Mahlzeiten leisten, von Urlaub und Teilnahme am kulturellen Leben gar nicht zu reden. Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung haben Arme erhebliche Einbußen in der Lebensqualität, da zum Beispiel in billigen Wohnungen viel häufiger gravierende Mängel auftreten.

Die soziale Ungleichheit wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. Viele Krankheiten und Beschwerden kommen bei Personen mit geringem Einkommen und Bildungsstand und niedriger beruflicher Stellung verstärkt vor. Auch Arbeitslosigkeit wirkt sich wegen des geringen Lebensstandards und psychischer Belastungen auf die Gesundheit aus.