Georg Büchner (1813-1837)

Ein zeitgemäßes Jubiläum – Teil 1

Von Sybille Fuchs
27. Dezember 2013

Georg Büchner - Revolutionär mit Feder und Skalpell, Ausstellung vom 13.10.2013 bis 16.02.2014. Darmstadtium, Schlossgraben 1, 64283 Darmstadt. Gleichnamiger Katalog, Verlag Hatje Cantz, 612 S., 58,– €

"Ein Kopf merkwürdiger Frühreife,
ein Freidenker in politischen Dingen,
wie keiner sonst von allen, die im damaligen
Deutschland politisch hervorgetreten sind."
Franz Mehring, 1897

Im vergangenen Jahr gab es zahlreiche Jubiläen, die an einen zweihundertjährigen Geburtstag erinnerten. Das Jahr 1813 war das Geburtsjahr der Komponisten Richard Wagner und Giuseppe Verdi. Es war das Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig, in der die Armee Napoleons geschlagen wurde. Aber es war auch das Geburtsjahr des revolutionären Dichters und Naturwissenschaftlers Georg Büchner. An ihn erinnert zurzeit in Darmstadt eine große und sehenswerte Ausstellung.

Von dem jung verstorbenen Genie sind nur ein schmales Werk, wenig Biographisches und außer einer Haarlocke keine Devotionalien überliefert. Sein dichterisches Werk umfasst keine dreihundert Seiten. Dennoch hat die Ausstellung großes Publikumsinteresse geweckt und wurde in der Presse vielfach besprochen, was sicherlich nicht nur ihrer interessanten Konzeption und der vielseitigen Auswahl des Gezeigten zu verdanken ist. Hauptsächlich zeigt es die große Bedeutung, die diesem Dichter zukommt, der doch nur 23 Jahre alt wurde.

Angesichts der mageren Quellenlage beschränkten sich die Kuratoren keineswegs darauf, Handschriften und Druckeditionen zu zeigen. Sie vermitteln in der Ausstellung vielmehr ein lebendiges Bild sowohl der faszinierenden, vielseitigen Persönlichkeit Georg Büchners, als auch der Zeit des politisch gesellschaftlichen Umbruchs, in der er lebte. All ihre wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Facetten werden dargestellt, wie auch die Menschen und die Literatur, die den jungen Autor beeinflussten. Seine Persönlichkeit und seine unmittelbare Umgebung werden anschaulich illustriert: durch einen Seziertisch, medizinische Präparate, eine zeitgemäße Druckmaschine, eine Guillotine, zahlreiche Gemälde, politische Karikaturen, erotische Darstellungen und Vieles mehr.

Portrait Georg Büchners von Philipp August Joseph Hoffmann, 1833. Das Portrait wurde erst vor kurzem wieder entdeckt.

Wer sich die Zeit nimmt, die umfangreiche Ausstellung in Darmstadt anzuschauen, für den wird nicht nur die damalige vorrevolutionäre Zeit zum Leben erweckt, sondern er wird auch begreifen, weshalb Georg Büchner, dem nur wenige Jahre produktiver Arbeit vergönnt waren, die Menschen im neunzehnten wie im zwanzigsten Jahrhundert immer wieder begeistern konnte. Seine Werke sind in der Tat auch heute noch höchst aktuell.

Büchner wird mitten in die reaktionäre Periode der deutschen Restauration geboren. In der Zeit nach der Völkerschlacht 1813 und der endgültigen Niederlage Napoleons ist Deutschland noch immer in unzählige kleine Staaten und Fürstentümer zersplittert. Die feudale Herrschaft kann sich erneut in all ihrer Rückständigkeit etablieren. Freigeister und Intellektuelle werden verfolgt und wie die „Göttinger Sieben“ ihrer Ämter enthoben. Die durch die Herrschaft Napoleons eingeführten bürgerlichen Rechte und Gesetze werden beseitigt. Die konservative, biedermeierliche Kleinstaaterei stützt sich auf Unterdrückung, Polizeiwillkür und Pressezensur. Die arme Landbevölkerung hungert und friert, während die reichen Bürger und der Adel ihre Privilegien genießen.

Aber die Zeit ist eine höchst politische; die dreißiger und vierziger Jahre des 19. Jahrhundert sind Jahre revolutionärer Gärung. Die Ideen der französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ergreifen breite Schichten der Bevölkerung.

Dabei wenden sich die Privilegierten und Wohlhabenden nach den Jahren der Schreckensherrschaft und den Napoleonischen Kriegen wieder reaktionären Ideologien zu. Die deutsche Freiheitsbewegung wird immer stärker von chauvinistischem Franzosenhass, der Sehnsucht nach dem Mittelalter und der Wiederauferstehung von Kaiser Barbarossa geprägt, die Heinrich Heine in seinem Wintermärchen aufs Korn nimmt.

Die Familie Büchner

Am 17. Oktober 1813 wirdKarl Georg Büchner in Goddelau im damaligen Großherzogtum Hessen-Darmstadt als Sohn des Amtschirurgen Ernst Büchner und seiner Frau Caroline, geb. Reuß, geboren. 1816 siedelt die Familie in die Residenzstadt Darmstadt über. Georg ist der Älteste von sechs Geschwistern.

Der Vater, Mediziner, ist naturwissenschaftlich gebildet, Atheist und Anhänger Napoleons, was ihn im Kreise der Darmstädter Honoratioren nicht übermäßig beliebt macht. Er verhält sich jedoch dem Darmstädter Duodezfürsten Ludwig gegenüber loyal und wird in seinem Amt hoch geachtet. Die Mutter ist literarisch interessiert und religiös. Bei ihrer Straßburger Verwandtschaft ist Büchner während seiner Studienzeit häufig zu Gast.

Bis auf seine Schwester Mathilde, die sich sozialen Tätigkeiten widmet, treten alle Geschwister Büchners auch schriftstellerisch hervor. Die Schwester Louise wird Schriftstellerin und ist in der frühen Frauenbewegung aktiv. In ihrem Romanfragment Ein Dichter schildert sie zahlreiche Begebenheiten aus dem Leben ihres Bruders Georg.

Bruder Ludwig wird Arzt und Naturwissenschaftler und nimmt an der Revolution 1848 teil. Als Anhänger Darwins und (Vulgär-)Materialist veröffentlicht er das vielbeachtete Buch Kraft und Stoff. Wegen seines offen vertretenen Materialismus wird er später seine Professur in Tübingen verlieren und seinen Lebensunterhalt als Arzt in Darmstadt verdienen. 1850 besorgt Ludwig die erste Werkausgabe der nachgelassenen Schriften seines Bruders Georg Büchner.

Bruder Wilhelm, Pharmazeut und Chemiker, wird als Fabrikant einer Farbenfabrik als einziger der Familie zu größerem Wohlstand gelangen. Er ist auch politisch interessiert und wird als hessischer Landtags- und Reichstagsabgeordneter etliche Schriften veröffentlichen. Der jüngste Bruder Alexander wird sein Leben als deutsch-französischer Schriftsteller in Frankreich verbringen, nachdem ihm die Zulassung als Jurist am Landgericht wegen staatsfeindlicher Gesinnung entzogen wird.

Schon während der Schulzeit im Großherzoglichen Gymnasium wird Georg Büchners erzählerische Begabung offensichtlich. So schreibt er zum Geburtstag des Vaters eine Erzählung über die wunderbare Rettung Schiffbrüchiger und hält eine Rede zur Verteidigung des Cäsar-Gegners Catos von Utica. Auch gründet er mit Freunden einen literarischen Zirkel. Sie begeistern sich vor allem für Shakespeare, lesen aber auch philosophische Texte, zum Beispiel von Voltaire und Rousseau.

1831 immatrikuliert sich Georg an der Medizinischen Fakultät der Académie in Straßburg. Er wohnt bei dem Pfarrer Johann Jakob Jaeglé, mit dessen Tochter Wilhelmine (Minna) er sich später verlobt.

Frankreich

Büchner, der schon als Jugendlicher unter den beengten Verhältnissen im hessischen Duodezfürstentum gelitten hat, fühlt sich in der offeneren und freiheitlicheren Atmosphäre Frankreichs wohl, was ihn nicht davon abhält, die neue französische Verfassung heftig zu kritisieren: Sie stelle auf dem Gebiet der sozialen Gleichheit keinerlei Fortschritt dar und erlaube nur reichen Bürgern die Wahl ins Parlament. „Das Ganze ist doch eine Komödie. Der König und die Kammern regieren, und das Volk klatscht und bezahlt."

Er besucht Veranstaltungen der Studentenverbindung Eugenia, nimmt an Demonstrationen und politischen Debatten teil. Zur Illustration der politisch-gesellschaftlichen Situation im damaligen Frankreich zeigt die Darmstädter Ausstellung etliche Karikaturen des Meisters der politischen Satire, Honoré Daumier. Sie treffen ebenso auf die Zustände im Großherzogtum Hessen zu.

„Gargantua“, von Honoré Daumier. Die Karikatur stellt König Louis-Philippe I als unersättliches Monstrum dar.

In der Folge der Juliereignisse von 1830 in Paris, der belgischen Revolution von 1830/31 und der polnischen Aufstandsbewegung breitet sich auch unter deutschen Intellektuellen und Studenten eine zunehmend revolutionäre Stimmung aus. Das Hambacher Fest im Mai/Juni 1832 ist der Höhepunkt der oppositionellen bürgerlichen Vormärz-Bewegung gegen die Restauration. Die Teilnehmer des Marschs auf das Hambacher Schloss in der Pfalz fordern nationale Einheit, Freiheit und Demokratie.

Im April 1833 kommt es in Frankfurt am Main zum sogenannten „Wachensturm“. Etwa fünfzig Aufständische versuchen, die Hauptwache und die Konstablerwache zu stürmen, um dadurch eine allgemeine Revolution in Deutschland auszulösen, was aber gründlich misslingt.

Am 5. April 1833 schreibt Büchner anlässlich der Frankfurter Ereignisse aus Straßburg an seine Eltern:

„Meine Meinung ist die: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was sie bewilligen, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen wie eine erbettelte Gnade und ein elendes Kinderspielzeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen. (…) Man wirft unseren jungen Leuten Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, dass wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Was nennt Ihr denn gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unterstützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten, dies Gesetz ist eine ewige rohe Gewalt, angetan mit dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann.“ (i)

Er distanziert sich zwar von den Frankfurter Kämpfern, weil er „im gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung“ betrachtet. Er schreibt, er teile „nicht die Verblendung derer (…), welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen“. Ob Letzteres seine wirkliche Überzeugung ist, oder ob es vor allem zur Beruhigung der Eltern beitragen soll, sei dahingestellt. Zumindest mischt er sich sehr bald in die Ereignisse ein.

Aus Straßburg schreibt er im Juni 1833 an die Familie: „(…) Ich werde zwar meinen Grundsätzen gemäß handeln, habe aber in neuerer Zeit gelernt, dass nur das notwendige Bedürfnis der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann, dass alles Bewegen und Schreien der Einzelnen vergebliches Torenwerk ist. Sie schreiben, man liest sie nicht; sie schreien, man hört sie nicht; sie handeln, man hilft ihnen nicht. – Ihr könnt voraussehen, dass ich mich in die Gießner Winkelpolitik und revolutionären Kinderstreiche nicht einlassen werde.“ (ii)

Frankfurter „Wachensturm“, zeitgemäße Darstellung des gescheiterten Aufstands vom 3. April 1833.

Mit „Winkelpolitik“ und „revolutionären Kinderstreichen“ hat er vermutlich die in Gießen aktiven studentischen Burschenschaften im Sinn, deren Franzosenhass, Deutschtümelei und Rückwärtsgewandtheit sicher nicht in seinem Sinne waren.

Im gleichen Jahr wechselt Büchner an die Medizinische Fakultät der Großherzoglich-Hessischen Landesuniversität Gießen, um ein in seiner Heimat anerkanntes Examen machen zu können. Hier macht er die Bekanntschaft des Theologiekandidaten August Becker, wegen seines roten Haarschopfs „der rote Becker“ genannt. Durch ihn lernt er auch den Rektor und Theologen in Butzbach, Friedrich Ludwig Weidig, kennen, den führenden Kopf der oppositionellen Bewegung in Hessen und Initiator des gescheiterten Aufstandsversuchs in Frankfurt.

Mit diesen Menschen empört sich Büchner über die katastrophale Lage der armen Landbevölkerung im Großherzogtum, und nun beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte der Französischen Revolution. Er nimmt an der Gründungsversammlung eines konspirativen „Preßvereins“ teil.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

(i) http://gutenberg.spiegel.de/buch/421/5

(ii) http://gutenberg.spiegel.de/buch/421/5