64. Internationales Berliner Filmfestival – Teil 1

Politische Agenden auf diesjähriger Berlinale

Von Stefan Steinberg
22. Februar 2014

Dies ist der erste Teil einer Artikelreihe zu dem kürzlich beendeten Filmfestival in Berlin, der 64. Berlinale, die vom 6. bis zum 16. Februar 2014 stattfand.

Eine bemerkenswerte Besonderheit der 64. Berlinale war die Art und Weise, in der bestimmte führende Persönlichkeiten aus der Filmwelt offen ihre rückwärtsgewandten politischen Agenden bewarben.

Filmstar George Clooney reiste in die Stadt, um Reklame für seine jüngste Schöpfung, The Monuments Men – Ungewöhnliche Helden zu machen, bei der er Regie führte und eine Rolle übernahm. Der Film wurde bereits auf der WSWS besprochen.

Während der Berliner Pressekonferenz zu seinem neuen Film legte Clooney Wert darauf, den rechten Parteien, die zurzeit die gewalttätigen Proteste in der Ukraine anführen, seine Unterstützung zu bekunden. Der amerikanische Regisseur und Schauspieler berichtete, dass seine Beziehung zu den Klitschko-Brüdern (Boxer Vitali Klitschko führt die rechts stehende Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen [UDAR]) auf ihre Zusammenarbeit bei dem Film Ocean’s Eleven (2001) zurückgehe, in welchem Wladimir Klitschko, der ebenfalls Boxer ist, eine Rolle übernahm.

George Clooney auf einer Pressekonferenz

Clooney bekundete seinen Beistand für die im Gefängnis sitzende Oligarchin Julia Timoschenko – eine Person, die von Ukrainern überwiegend verachtet und als Kriminelle betrachtet wird. Sodann erklärte Clooney den Demonstranten in Kiew, die „eine schwierige Zeit haben“, seine Sympathie. Er bediente sich des Neusprechs des amerikanischen Außenministeriums und tat die führende Rolle ab, die die ultrarechte Swoboda-Partei und die faschistischen Schergen des Rechten Sektors in den Demonstrationen spielen, indem er ihre Handlungen als Taten „einiger Hooligans“ bezeichnete.

Gegen die Ironie, einen Werbefeldzug für die halbfaschistischen und antisemitischen Kräfte in Kiew bei einer Pressekonferenz anlässlich seines Films The Monuments Men zu unternehmen, der den Versuch einer amerikanischen Spezialeinheit schildert (dies allerdings auf höchst unbefriedigende Art und Weise), am Ende des Zweiten Weltkriegs den Nazis geraubte Kunstwerke abzujagen, schien Clooney mit undurchdringlichen Widerstandskräften gewappnet.

Teil des Problems ist offensichtlich die ablehnende Haltung, die viele zeitgenössische Künstler, zu denen auch Clooney gehört, gegenüber einer ernsthaften Beschäftigung mit der Geschichte an den Tag legen. An einer Stelle in seinem neuen Film erklärt Clooney kommentierend, dass das größte Verbrechen, das man einem Volk antun könne, darin bestehe, seine Geschichte und Errungenschaften zu vernichten und es zurückzulassen, „als ob sie niemals existiert hätten.“ Unglücklicherweise demonstriert Clooney selbst einen leichthändigen und oberflächlichen Umgang mit Geschichte. Dieser ist zum Teil verantwortlich dafür, dass The Monuments Men so überfrachtet ist mit klischeehaften Szenen und unfähig bleibt, Charaktere zu entwickeln, die das Publikum ernsthafter ansprechen.

Ganz unzweideutig stimmen mehrere von Clooneys jüngsten Äußerungen mit den offiziellen Operationen der amerikanischen Regierung überein.

Der Schauspieler hat einen kurzen Auftritt in einem ausgezeichneten Dokumentarfilm von Hubert Sauper, We Come as Friends [Wir kommen als Freunde], der auf der Berlinale gezeigt wurde und die katastrophalen Folgen der vor kurzem erfolgten Teilung des Sudans in zwei unabhängige Staaten aufzeigt (diesen Film werden wir separat besprechen). In We Come as Friends zeigt sich Clooney als unerschütterlicher Befürworter der Politik des US-Außenministeriums, das heißt als Unterstützer der Spaltung des Sudans. Zu diesem Zweck warb der Filmstar intensiv für eine Intervention imperialistischer (UNO-)Kräfte in dem Land, die mit einem „robusten Mandat“ versehen werden müsse.

Der Propagandawert, den Clooneys neuester Film für das amerikanische Establishment besitzt, blieb dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel nicht verborgen. In seiner Besprechung von The Monuments Men schrieb das Magazin: „Sein [Clooneys] Film wirkt eher wie eine nostalgische Ansichtskarte an das Amerika von heute – ein Land, das sich in den vergangenen Jahrzehnten eher durch schmutzige Kriege von Vietnam bis Irak hervorgetan hat. Im Gegensatz zu Napalm, Drohnen und Massakern an Zivilisten sind die Monuments Men ein Denkmal des Anstands“.

Ken Loach in Berlin

Ebenfalls anwesend in Berlin war Ken Loach, der britische Altmeister unter den Regisseuren, der während des Festivals für sein Lebenswerk geehrt wurde. Die Organisatoren stellten Loachs, wie sie es nannten, „umfassendes Interesse an Menschen und ihrem individuellem Schicksal sowie sein kritisches Engagement für die Gesellschaft“ heraus. Zehn von Loachs Filmen, von denen einige bis in die 1960er Jahre zurückdatieren, wurden im Verlauf des Festivals gezeigt.

Die WSWS hat ausführlich über die Bedeutung sowie über die Widersprüche von Loachs Lebenswerk geschrieben und dabei unsere unumstößlichen Differenzen mit seinem jüngsten politischen Projekt dargelegt: dem Unterfangen, verschiedenste pseudoradikale Gruppen in eine Organisation von „Vereinigten Linken“ (Left Unity) zusammenzurufen, das kürzlich unter seiner Mithilfe in Großbritannien gestartet wurde.

Vor einem Jahr schrieb ich in der Besprechung seines letzten Films The Spirit of ’45 (2013): „Während seiner fast fünfzigjährigen Karriere hat sich Loach verdientermaßen eine Reputation als Filmemacher erworben, welcher der Arbeiterklasse treu gesinnt und um ihr Schicksal bekümmert ist. Er ist einer der ganz wenigen, von denen man das sagen kann. Schwerlich lässt sich an einen andren Regisseur denken, der so konsequent Leben und Probleme der einfachen Menschen zu porträtieren versucht hat.“

Die Besprechung fährt fort: “The Spirit of ’45 deckt indessen die Grenzen seiner Methode auf. Loachs Konzeption der Arbeiterklasse ist aufs Engste verknüpft mit der nationalistischen Zwangsjacke, in welche diese für viele Jahrzehnte von Labour und der Gewerkschaftsbürokratie gezwängt worden ist.“

Ken Loach

Loach nutzte seinen Auftritt beim Berliner Festival, um sein neues pro-kapitalistisches Parteiprogramm zu bewerben. Während der Preisverleihung beispielsweise sagte er zum Publikum: „Wir leben, glaube ich, in sich verdüsternden Zeiten. Es ist manchmal schwer, sich das vor Augen zu halten.“ Indem er den Aufruf der europäischen Gewerkschaftsbürokratie für ein „soziales Europa“ wiedergab, womit eine Plattform der Gewerkschaften gemeint ist, auf der diese dabei behilflich sein wollen, die Austeritätspolitik quer über den Kontinent durchzusetzen, sagte Loach weiter: „Ich weiß nicht, wie Sie es halten, aber ich denke, wir brauchen ein einiges Europa. Wir leben darin zusammen, wir sind Europäer und wir müssen ein gemeinsames Anliegen finden.“ Niemand unter rechten und „linken“ Politikern, Ex-Stalinisten, Gewerkschaftsvertretern und anderen wird in diesem Kommentar etwas Anstößiges entdecken.

Am folgenden Tag war Loach Hauptsprecher bei einer Versammlung, die unter dem Banner „Die Krise in Europa und die Neuformierung der radikalen Linken“ im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte stattfand. In seiner Rede an ein Publikum, das sich vornehmlich aus pseudolinken Organisationen zusammensetzte, berichtete Loach, wie er in den 1960er Jahren vom Trotzkismus angezogen wurde. Seit damals, fuhr er fort, habe er dazugelernt und lehne jetzt das trotzkistische Programm als „sektiererisch“ ab. Auf dieser prinzipienlosen Grundlage versucht der Filmmacher, Illusionen in die diskreditierten Gewerkschafts- und Arbeiterbürokratien zu schüren und damit der Arbeiterklasse eine neue politische Falle zu stellen.

Schaut man sich einige von Loachs Frühwerken erneut an, insbesondere Cathy Come Home (1966) und Kes (1969), mit ihrem durchdringenden Blick auf das soziale Leben im England der 1960er Jahre, erscheinen diese als heilsame Erinnerung an die Tatsache, dass so viele herausragende britische Künstler und Filmemacher, darunter Tony Garnett, Roy Battersby, David Mercer, Jim Allen, Loach und andere, die Suppenküchenpolitik von Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbürokratie auf das Entschiedenste zurückwiesen und sich dem Programm des Trotzkismus und des revolutionären Sturzes des Kapitalismus zuwandten.

Clooney und Loach, beides talentvolle Persönlichkeiten, gehören verschiedenen Generationen an und haben eine sehr unterschiedliche Geschichte. Clooney, der einer Familie entstammt, die im Showbusiness tätig war, kam niemals über einen wohlmeinenden und seichten amerikanischen Allerweltsliberalismus hinaus, während Loach vor Jahrzehnten in Kontakt mit der revolutionären sozialistischen Bewegung stand. Nichtsdestoweniger ist ihr Zusammenkommen zur Verteidigung der bestehenden Institutionen, das auf einer Linie mit verschiedenen offiziellen politischen Operationen liegt, symptomatisch für einige der Schwierigkeiten, die sich in der jetzigen kulturellen Situation ergeben.

In weiteren Artikeln werden wir von den interessantesten in diesem Jahr auf dem Festival vorgestellten Filmen berichten.

Wird fortgesetzt

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