Kasachstan wertet die Landeswährung Tenge um 19 Prozent ab

Von Clara Weiss
28. Februar 2014

Die Nationalbank Kasachstans hat am 11. Februar ohne Vorankündigung die Landeswährung Tenge gegenüber dem US-Dollar um 18,9 Prozent abgewertet. Damit ist die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung auf einen Schlag um fast ein Fünftel gesenkt worden.

Die Tenge-Abwertung ist die jüngste in einer Reihe von drastischen Abwertungen in Schwellenländern. In den vergangenen Monaten hatten angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise bereits Südafrika, Russland, Argentinien, die Türkei und Brasilien ihre Landeswährungen abgewertet. Auch in der Ukraine und Weißrussland könnten nun drastische Währungsabwertungen folgen.

Die kasachische Regierung begründete die Tenge-Abwertung mit dem Wertverlust des russischen Rubels im vergangenen Jahr um insgesamt rund 15 Prozent. Anfang Februar kostete ein US-Dollar 35,25 Rubel – der niedrigste Wert seit 2009.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg wertete die Tenge-Abwertung als Beginn eines Währungskriegs zwischen Russland und Kasachstan.

Russland und Kasachstan befinden sich mit Weißrussland seit 2010 in einer Zollunion. Die russische Rubelabwertung hatte den Wettbewerbsdruck auf die lokalen Produzenten in Weißrussland und Kasachstan erhöht.

Besonders beim Export von Rohstoffen wie Erdöl sind Kasachstan und Russland auf dem Weltmarkt Konkurrenten. Kasachstan ist nach Russland das Land mit den umfassendsten Rohstoffreserven der ehemaligen Sowjetunion. Die wichtigsten Rohstoffabnehmer sind für beide Länder die EU und China. Während die EU sich seit Jahren in einer Rezession befindet, hat sich zuletzt auch in China das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamt.

Kasachstan war bereits 2008/09 schwer von der Finanzkrise getroffen worden. Bis dahin hatte es ähnlich wie Russland und Aserbaidschan einen relativen Boom erlebt, der in erster Linie auf dem Export von Öl basierte. Der Rohölexport macht rund 60 Prozent der Gesamtrohstoffexporte Kasachstans aus.

Insgesamt hängt die Wirtschaft des Landes zu rund 73 Prozent von Rohstoffexporten ab, wodurch sie sehr anfällig für jede Schwankungen bei den Weltmarktpreisen ist. Angesichts hoher Rohstoffpreise konnte Kasachstan in den vergangenen Jahren eine gute Leistungsbilanz aufbauen, d.h. das Land hat langfristig mehr durch Exporte eingenommen als durch Importe ausgegeben wurde.

Die Leistungsbilanz ist jedoch 2013 nach Angaben der Zentralbank um 82 Prozent auf schätzungsweise 118 Mio. US-Dollar eingebrochen. Wesentlich dazu beigetragen hat der Preisverfall an den Rohstoffmärkten. In den vergangenen Monaten sank der Ölpreis auf den internationalen Märkten und rutschte im Februar unter 100 US-Dollar pro Barrel.

Im letzten Jahr mehrten sich Anzeichen für eine neue Wirtschaftskrise in Kasachstan: In vier der letzten sechs Quartale hat das Land laut Bloomberg ein Defizit im Handel von Waren und Dienstleistungen verzeichnet.

Zugleich häuften sich Warnungen vor einer Konsumkreditblase, die sich seit 2009 aufgebaut hat. Diese Inlandsverschuldung nimmt angesichts eines deutlichen Einbruchs des Leistungsbilanzüberschusses bedrohliche Formen an.

Analysten rechnen damit, dass auch der weißrussische Rubel und die ukrainische Hryvnia von den Zentralbanken der Länder abgewertet werden könnten. Der weißrussische Rubel gab bereits im letzten Jahr gegenüber dem US-Dollar insgesamt rund 10 Prozent nach. Auch die Hryvnia ist geschwächt worden, sowohl aufgrund der politischen Unruhen des Landes als auch der Rubelabwertung in Russland. Anfang Februar war die Hryvnia zum ersten Mal seit Februar 2008 weniger als 9 US-Dollar wert. Damit hat sie seit Anfang November rund 10 Prozent an Wert verloren.

Für die Arbeiterklasse bedeuten diese Währungsabwertungen einen weitreichenden Angriff auf ihre Lebensbedingungen und haben in Kasachstan bereits starken sozialen Unmut hervorgerufen.

Seit dem 11. Februar kam es zu zahlreichen Protesten gegen die Tenge-Abwertung. Am 12. Februar belagerten Dutzende Demonstranten das Gebäude der Nationalbank in Almaty. Drei Tage später demonstrierten rund 200 in Almaty gegen die Abwertung. Etwa 30 Menschen wurden dabei festgenommen.

Nach Presseberichten über einen drohenden Bankrott von drei Banken – Kaspi Bank, Alians Bank, and Centrcredit Bank – kam es am 18. Februar in den beiden Großstädten Astana und Almaty zu einem Ansturm auf die Banken. Mehrere Dutzend Menschen protestierten am nächsten Tag vor dem Gebäude der Nationalbank in Almaty, weil ihre Hypothekenschulden, die sie in US-Dollar aufgenommen hatten, durch die Tenge-Abwertung drastisch gestiegen sind.

Am stärksten trifft die Währungsabwertung jedoch die Arbeiterklasse und verarmte Landbevölkerung. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax lag das durchschnittliche Monatsgehalt eines Arbeiters im Jahr 2012 bei 103 bis 517 US-Dollar. 34 Prozent der Bevölkerung verdienten dabei weniger als 310 US-Dollar im Monat. Die Tenge-Abwertung treibt vor allem die Preise für wichtige Nahrungsmittel wie Brot, Zucker, Milchprodukte, Früchte und Öl in die Höhe, die Kasachstan zu 50 bis 75 Prozent aus dem Ausland importiert.

Das Land ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der kapitalistischen Restauration von extremer sozialer Ungleichheit geprägt. Während 2011 laut einer Schätzung des Think Tanks Central Asia-Caucasus Institute Analyst 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung in Armut lebten, besaßen laut Forbes 2012 die reichsten 50 Oligarchen des Landes insgesamt 24 Mrd. US-Dollar. Allein der Präsident Nursultan Nasarbajew, ehemaliger Generalsekretär der kasachischen KP, hatte 2010 ein geschätztes Vermögen von 7 Mrd. US-Dollar.

Die massiven sozialen Spannungen haben sich im Dezember 2011 entladen, als die Regierung zum 20. Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes in der Monostadt Schanaosen Dutzende Ölarbeiter niederschießen lies, die seit Monaten gestreikt hatten. Während nach offiziellen Angaben 17 Arbeiter ums Leben kamen, gehen andere Quellen von bis zu 70 Toten aus.

Im Frühjahr 2013 fanden im ganzen Land Proteste gegen die Rentenreform statt, durch die ab 2018 der monatliche Rentenbeitrag von Arbeitern um fünf Prozent erhöht und das Rentenalter für Frauen von 58 auf 63 Jahre angehoben werden soll. Mit der Abwertung der Tenge werden die sozialen Spannungen im Land weiter verschärft.