Die Reichen werden reicher

Größte soziale Ungleichheit der Eurozone in Deutschland

Von Dietmar Henning
1. März 2014

Seit über zehn Jahren vermelden Statistiken über die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland regelmäßig die gleichen Erkenntnisse: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Die soziale Kluft wächst.

Dies bestätigt einmal mehr eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), deren Ergebnisse Mitte der Woche vorgestellt wurden. Die von der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie von Dr. Markus M. Grabka und Christian Westermeier stellt fest, dass die oberen Einkommensgruppen in den zehn Jahren zwischen 2002 und 2012 „ihren Vermögensbestand weiter ausbauen“ konnten, während das der unteren Gruppen teils stagnierte, teils sank.

Die beiden DIW-Forscher haben für ihre Arbeit die neuesten Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zur Vermögenssituation der erwachsenen Bevölkerung (ab siebzehn Jahren) ausgewertet. Danach besaßen alle privaten Haushalte 2012 brutto rund 7,4 Billionen Euro, Privatfahrzeuge und Hausrat nicht mit eingerechnet. Die Wissenschaftler errechneten ein durchschnittliches Vermögen aller Erwachsenen, indem sie von diesem Bruttovermögen alle Verbindlichkeiten abzogen. Das Ergebnis (6,3 Billionen Euro) teilten sie auf alle Erwachsenen auf und kamen zum Schluss: In Deutschland hat rein statistisch jeder Mensch ab siebzehn Jahren 83.000 Euro auf der hohen Kante.

Soweit die Statistik. Ein genauerer Blick verweist jedoch auf eine enorme Ungleichheit bei den Vermögen. Die lässt schon der niedrige Median erkennen, also der Wert, der die reiche und die arme Hälfte voneinander trennt. Er liegt bei nur 16.663 Euro.

Während also die Hälfte der Bevölkerung weniger als diese Summe ihr Eigen nennen konnte, musste man, um zu den reichsten zehn Prozent zu gehören, schon mindestens 217.000 Euro besitzen.

Und wer zum reichsten Prozent gehört, verfügte 2012 über ein Nettovermögen von mehr als 800.000 Euro. Dabei sind diese Zahlen im oberen Vermögensbereich stark untertrieben. Die Statistik, das SOEP, erfasst kaum die Superreiche, die Milliardäre und Besitzer von dreistelligen Millionenvermögen. „Externe Statistiken zur Validierung dieser Unterschätzung, zum Beispiel eine Vermögenssteuerstatistik, liegen in Deutschland aber nicht vor“, schreiben die Wissenschaftler. Das tatsächliche Durchschnittsvermögen im obersten Hundertstel dürfte also noch weit höher liegen.

Mehr als ein Fünftel aller Erwachsenen in Deutschland hatte dagegen 2012 kein Vermögen, bei weiteren sieben Prozent waren die Schulden höher als das Vermögen.

Grabka und Westermeier haben als Maß für die Ungleichheit der Vermögensverteilung auch den Gini-Koeffizienten als Maßstab für die soziale Ungleichheit berechnet. Der Wert kann zwischen 0 und 1 liegen. Bei dem Wert 0 wäre das Vermögen gleichmäßig verteilt, alle hätten dasselbe Vermögen. Dieser Wert würde eintreten, wenn in Deutschland jeder Erwachsene die oben genannten 83.000 Euro Vermögen hätte. Beim Wert 1 würde eine Person alle 6,3 Billionen Euro besitzen, alle anderen gar nichts. Je höher dieser Wert also im Bereich von 0 bis 1 ausfällt, desto größer ist die gemessene Ungleichheit. In den USA, einem der sozial am weitesten gespaltenen Länder, betrug im Jahr 2010 der Gini-Koeffizient 0,87.

Mit 0,78 war die nach diesem Wert gemessene soziale Ungleichheit in Deutschland größer als in jedem anderen Land der Euro-Zone. Die Werte etwa in der Slowakei mit 0,45, in Italien mit 0,61 oder in Frankreich mit 0,68 lagen deutlich darunter. Frankreichs Wert liegt im Durchschnitt des Euroraums, stellen die DIW-Wissenschaftler fest.

Da sich der Wert des Gini-Koeffizienten gegenüber den Vergleichsjahren 2002 und 2007 kaum geändert hatte, sprechen die Wissenschaftler vorsichtig vom „Verharren auf hohem Niveau“ bei der Ungleichheit in Deutschland. Die Süddeutsche Zeitung schlussfolgert daher, die Aussage, die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, sei ein „Vorurteil“. Doch scheint die Bewegungslosigkeit des Gini-Koeffizienten bei den Vermögen eher auf die Schwäche des statistischen Werts hinzuweisen. Er bildet nicht detailliert und exakt die Einkommensverteilung ab.

Die Studie selbst weist darauf hin, dass die oberen Einkommensgruppen ihr Vermögen vermehren konnten. In den letzten zehn Jahren seien Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen im Vergleich zu Löhnen und Gehältern überdurchschnittlich gestiegen.

Während die zehn Prozent der Erwachsenen mit den geringsten Einkommen 2012 im Durchschnitt nur knapp 20.000 Euro besaßen, steigt das durchschnittliche Vermögen im Bevölkerungszehntel mit dem zweithöchsten Einkommen (9. Dezil) auf durchschnittlich 130.000 Euro pro Kopf. Die oberen zehn Prozent beim Einkommen verfügten über ein Pro-Kopf-Vermögen von durchschnittlich 285.000 Euro. Diese beiden oberen Einkommensgruppen verzeichneten über das vergangene Jahrzehnt beim Vermögen einen Zuwachs von durchschnittlich 25.000 Euro. Bei den dreißig Prozent mit den geringsten Einkommen stellten sie hingegen keine Änderung fest, das Vermögen verharrte auf niedrigem Niveau.

Dafür hatte fast ein Drittel der Bevölkerung 2012 Schulden, bedeutend mehr als 2002. Insbesondere der Anteil der Personen mit Konsumentenkrediten sei deutlich gewachsen, von zwölf auf sechzehn Prozent.

Drastische Vermögensverluste mussten seit 2002 die Arbeitslosen hinnehmen. Damals belief sich ihr durchschnittliches Nettovermögen noch auf rund 30.000 Euro, 2012 waren es nur noch 18.000. Grabka und Westermeier weisen dabei den Hartz-Gesetzen eine wichtige Rolle zu, die u. a. dazu zwingen, vor dem Bezug von Arbeitslosengeld II fast das gesamte Ersparte aufzubrauchen. Dies ist eine Folge der von der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) durchgesetzten Hartz-Gesetze: Fast zwei Drittel der Arbeitslosen hatten 2012 kein Vermögen oder sogar Schulden.

Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit bestätigt, dass der Staat auf Kosten der Arbeitslosen Milliarden einspart. Die „Kosten der Arbeitslosigkeit in den vergangenen zehn Jahren [haben] sich real mehr als halbiert“. Während 2012 die gesamtfiskalischen Kosten der Arbeitslosigkeit mit 53,8 Milliarden Euro etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entsprachen, waren es 2003 (vor Einführung von Hartz IV) mit 91,5 Milliarden Euro noch 4,3 Prozent des damaligen BIP.

Bemerkenswert an der aktuellen DIW-Studie ist die Feststellung, dass „25 Jahre nach der Vereinigung noch immer ein starkes Gefälle zwischen West- und Ostdeutschland“ besteht. Das durchschnittliche Nettovermögen der Ostdeutschen (41.000 Euro) war 2012 um mehr als die Hälfte niedriger als das der Westdeutschen (94.000 Euro). Auch bei den Geschlechtern waren die Unterschiede erwartungsgemäß hoch.

Die gewerkschaftsnahen Forscher Grabka und Westermeier verweisen zum Schluss ihrer Studie auf die kommenden Gefahren der Altersarmut hin. Zwar hätten immer mehr Deutsche private Versicherungen, sie seien aber zu gering, um die Kürzungen bei der gesetzlichen Rente auszugleichen. Insbesondere in Ostdeutschland, warnen die Wissenschaftler, hätten die Menschen der drohenden Altersarmut mit ihren Privatvermögen kaum etwas entgegenzusetzen.

Nimmt man dazu noch die wachsenden Schulden, die gerade die Ärmsten anhäufen, die wachsende Umwandlung von relativ gut bezahlten Arbeitsplätzen in Billiglohnjobs und die Kürzungen in der Arbeitsmarktpolitik, gleicht Deutschland einem Koloss auf tönernen Füßen. Die Reichen und ihre Entourage in Politik und Medien sitzen auf einem sozialen Pulverfass.