Wechselseitige Giftgasvorwürfe in Syrien

Von Patrick Martin
17. April 2014

Die syrische Regierung von Präsident Bashar al-Assad und die von den USA unterstützten Aufständischen beschuldigen sich wechselseitig, für den Giftgasangriff vom Freitag verantwortlich zu sein. Der Anschlag erfolgte in Kfar Zeita, einem Dorf in der Provinz Hama, etwa 200 Kilometer nördlich von Damaskus.

Glaubwürdige Augenzeugenberichte liegen zwar nicht vor, die Medien, die über den Krieg in Syrien berichten, richten ihre Aufmerksamkeit aber dennoch auf den Vorfall. Die „Rebellen“ stehen unter erheblichem Druck und hoffen, daraus einen Vorwand für eine US-Intervention herleiten zu können.

In schweren Gefechten im Umkreis der beiden größten Städte des Landes, Damaskus und Aleppo, konnte das Assad-Regime bedeutende Erfolge erzielen, während die zersplitterten Aufständischengruppen weder über Unterstüzung aus dem Volk, noch über militärische Vorteile verfügen.

Noch im August letzten Jahres nutzte die Obama-Administration einen angeblichen Giftgasangriff, um mit Bombenangriffen auf Syrien zu drohen. Auf die jüngsten Beschuldigungen reagierte sie vorsichtiger. Ihre UN-Botschafterin, Samantha Power, bezeichnete Berichte über die Verwendung von Giftgas am Sonntag gegenüber ABC News als “nicht belegt”.

“Ich denke aber, wir haben in der Vergangenheit gezeigt, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun werden, um Klarheit darüber zu schaffen, was passiert ist”, sagte sie. “Dann erwägen wir, welche Schritte eine mögliche Antwort sein können.“ Power bezog sich sowohl auf die Kriegsdrohungen als auch auf die zahlreichen Propagandainitiativen, mit denen die USA versuchen, die syrische Regierung mit früheren Gasangriffen in Verbindung zu bringen.

Unabhängige Berichte über den syrischen Bürgerkrieg weisen darauf hin, dass nicht die Regierung, sondern die “Rebellen” Giftgas benutzen und auf diese Weise versuchen, den Vorsprung des Regimes im Bereich schwerer Waffen auszugleichen. Hauptsächlich wollen sie jedoch einen Vorwand für eine imperialistische Intervention gegen Assad schaffen.

Letzte Woche schrieb der renommierte investigative Journalist Seymour Hersh, es sei wahrscheinlich, dass die türkische Regierung für den Gasangriff in Ghuta, einem Vorort von Damaskus, im August letzten Jahres verantwortlich war. Er zitierte Interviews, in denen gegenwärtige und frühere US-Sicherheitsbeamte angaben, das türkische Regime wolle einen Angriff der USA auf Assad provozieren.

Hershs Behauptungen fanden seither in den US-amerkanischen Medien keine Erwähnung, auch nicht in den Berichten vom Wochenende über den Vorfall bei Kfar Zeita.

Im Internet kursierende Videos zeigen Verletzte im Krankenhaus, die offensichtlich unter Atemproblemen leiden. Bei dem Angriff sollen zwei Menschen getötet und mehr als hundert durch Chlorgas verletzt worden sein.

Im staatlich gelenkten syrischen Fernsehen wurde die al-Nusra Front, eine “Rebellen”-Gruppe mit Verbindungen sowohl zu Al-Qaida als auch zur CIA, für den Angriff verantwortlich gemacht.

Sprecher der “Rebellen” behaupten dagegen, Hubschrauber der syrischen Regierung hätten Fassbomben mit giftigem Gas über dem Dorf abgeworfen. Das Gas habe Chlor geähnelt, das eine gelbliche Farbe und einen charakteristischen Geruch aufweist, aber als Massenvernichtungswaffe vergleichsweise ineffizient ist.

Wie im Fall der Gasangriffe vom August letzten Jahres sind es die “Rebellen” und nicht das Regime, die das offensichtlichste Motiv für den Gebrauch verbotener Waffen haben. Die Assad-treuen Truppen befinden sich in der Offensive. Durch diesen Erfolg, erklärte der syrische Präsident am Sonntag, habe der dreijährige Bürgerkrieg einen “Wendepunkt” erreicht.

Laut der staatlichen Nachrichtenagentur SANA sagte Assad in einer Rede an der Universität von Damaskus: “Es gibt einen Wendepunkt der Krise in Syrien im Sinne anhaltender militärischer Erfolge (…) der Armee und der bewaffneten Kräfte im Krieg gegen den Terror.”

Im Süden und Westen des Landes gelang es den Truppen der syrischen Regierung und ihren Verbündeten der libanesischen Hisbollah, die Nachschubrouten vom Libanon in die von den “Rebellen” gehaltenen Regionen weitgehend zu unterbrechen. Darüber hinaus konnte die Regierung in einer Reihe von Bezirken innerhalb und außerhalb von Damaskus lokale Waffenstillstände aushandeln. Die umzingelten Einheiten der Aufständischen übergaben ihre Waffen, und im Gegenzug wurde die Belagerung aufgehoben.

Derweil werden aus Aleppo die heftigsten Kämpfe seit zwei Jahren gemeldet. Die Angaben darüber, welche Seite sich im Vorteil befindet, sind jedoch widersprüchlich. Beide Seiten nehmen planlose Angriffe vor. Die Regierungstruppen werfen Fassbomben über den von den “Rebellen” gehaltenen Wohngegenden ab, während islamistische Gruppen unter Artilleriebeschuss Stadtviertel eingenommen haben, die bisher von der Regierung gehalten wurden.

Auch ist unter den “Rebellen” ein explosiver Konflikt zwischen rivalisierenden Ablegern von Al-Qaida ausgebrochen. Die Gruppe „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ (ISIL), die einen vereinten islamistischen Krieg in Syrien und dem Irak anstrebt, griff Stellungen der al-Nusra Front in der Stadt Abu Kamal an, die an der syrisch-irakischen Grenze liegt.

Diese Stadt hat doppelte strategische Bedeutung, einmal wegen ihrer Lage (sie trennt die von der ISIL kontrollierten Gebiete bei Raqqa in Nordsyrien von der Provinz Anbar im Westirak) und wegen der von dort ausgeübten Kontrolle über Syriens wichtigste Ölquellen bei Deir Azour.

Auch berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, eine “Rebellen”-Einheit habe die türkische Grenze an der Mittelmeerküste überschritten und Dörfer in der Nähe von Latakia angegriffen. Die Hafenstadt ist das Kerngebiet der alawitischen Minderheit, aus der sich ein Großteil der Führungsschicht des Assad-Regimes rekrutiert. Der Angriff richtete sich auf das armenisch-christliche Dorf Kasab, den letzten Grenzübergang auf der 800 km langen Grenze zwischen Syrien und der Türkei, der noch von Assads Truppen kontrolliert wird.

Indessen warnt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, Syrien stehe vor einer Rekord-Mißernte. Die Weizenproduktion werde sich 2014 voraussichtlich auf lediglich zwei Millionen Tonnen belaufen. Dem steht eine erwartete Nachfrage von über fünf Millionen Tonnen gegenüber. Vor dem Bürgerkrieg konnte das Land sich weitgehend selbst mit Lebensmitteln versorgen.

Die außergewöhnlich geringen Niederschläge, die nicht einmal die Hälfte des Durchschnitts erreichen, stellen neben den Auswirkungen der Kampfhandlungen einen wesentlichen Faktor für die Ernteausfälle dar. Der Bürgerkrieg zwang neun Millionen Syrer, fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung, ihr Zuhause aufzugeben. Sechseinhalb Millionen Syrer halten sich an anderen Orten in Syrien auf, zweieinhalb Millionen befinden sich als Flüchtlinge im Ausland.

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