Die Überschwemmungen auf dem Balkan und der Zerfall von Jugoslawien

Von Paul Mitchell
22. Mai 2014

Bei den bisher schwersten Überschwemmungen auf dem Balkan kamen mindestens 47 Menschen ums Leben, Zehntausende wurden obdachlos.

Letzte Woche ging in drei Tagen genug Regen für drei Monate nieder, der Fluss Sawe trat über die Ufer. Die Sawe entspringt in den westslowenischen Alpen, bildet die Grenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina und fließt weiter durch Serbien bis zur Hauptstadt Belgrad, wo sie mit der Donau zusammenfließt. Es wurden tausende von Erdrutschen gemeldet, die Straßen, Bahnlinien und ganze Dörfer zerstörten.

In Bosnien kamen mindestens 27 Menschen ums Leben, neun davon in Doboj im Nordosten; der Polizeichef der Region erklärte, die Stadt sei von einem drei bis vier Meter hohen "Tsunami" verwüstet worden. Etwa ein Drittel des Landes steht unter Wasser, mehr als eine Million Menschen sind betroffen.

Der Vorsitzende des dreiköpfigen bosnischen Präsidiums, Bakir Izetbegovic, erklärte, sein Land stehe vor einer "schrecklichen Katastrophe... Wir sind uns immer noch nicht bewusst, welches Ausmaß sie tatsächlich hat."

In Serbien wurden in der überschwemmten Stadt Obrenovac, etwa zwanzig Meilen von der Hauptstadt Belgrad entfernt, zwölf Leichen geborgen. Mehr als 25.000 Menschen wurden evakuiert, viele weitere sind noch immer in Not.

Das Nikola Tesla-Elektrizitätswerk in Obrenovac, das einen Großteil von Belgrad versorgt, ist in Gefahr, ebenso das Kohlekraftwerk in Kostolac, das mehr als zwanzig Prozent von Serbiens Stromversorgung produziert.

Der serbische Premierminister Aleksandr Vucic erklärte: "Was uns passiert ist, passiert einmal in tausend Jahren, nicht in hundert, sondern in tausend."

Es ist klar, dass das Ausmaß der Überschwemmungen durch die Folgen des Zusammenbruchs des ehemaligen Jugoslawien, den Bosnienkrieg (1991-95) und den Nato-Bombenkrieg gegen Serbien 1999 verstärkt wurde. Politische Spannungen zwischen den Balkanstaaten und die wirtschaftliche Katastrophe, ergänzt durch die weltweite Krise 2008, forderten ebenfalls ihren Tribut.

Diese Faktoren wurden in den meisten Nachrichten ignoriert, ihre Kommentare beschränkten sich auf die Gefahr, die von den 120.000 Landminen ausgeht, die noch aus dem Bosnienkrieg übrig sind, und das Verschwinden von Warnschildern bei Minenfeldern. Seit dem Jahr 1995 wurden etwa 500 Menschen durch Minen getötet. Einige Berichte zitieren auch Sasa Obradovic vom Sarajevoer Mine Action Center: "Abgesehen von den Minen wurden auch viele Waffen in die Flüsse geworfen und liegen dort seit fast zwanzig Jahren." Aber noch tiefer geht niemand ins Detail.

1972 versuchte die jugoslawische Regierung erstmals, die Sawe, den wichtigsten Binnenfluss des Landes, der Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien und Montenegro verbindet, zu überwachen und zu kontrollieren. Ihr Verwaltungsplan für das Sawebecken war einer der ersten weltweit und versuchte, die unterschiedlichen Forderungen der Teilrepubliken auszugleichen – Wasserkraft in Slowenien, Schifffahrt für Kroatien an dem großen Binnenhafen Sisak, die landwirtschaftlichen Bedürfnisse von Bosnien und Serbien. Es wurden Dämme und Talsperren gebaut und Wasserwege ausgehoben. Weitere Pläne zur Verbesserung der Schifffahrt, Vermeidung von Überschwemmungen und gegen Umweltverschmutzung wurden in den 1980er Jahren entworfen.

Diese Pläne scheiterten jedoch am Zusammenbruch der Republik Jugoslawien und ihrem Niedergang durch die Kriege. Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 begannen die USA und Deutschland, Jugoslawien zu zerstückeln, indem sie abtrünnige Republiken der alten Föderation – Slowenien, Kroatien und zuletzt Bosnien – als unabhängige souveräne Staaten anerkannten. Die USA beabsichtigten, das Machtvakuum auszunutzen, das der Zusammenbruch der Sowjetunion erzeugt hatte, um ihre Macht nach Osten auszudehnen und die riesigen, unangetasteten Öl- und Erdgasvorkommen in den nun unabhängigen zentralasiatischen Republiken der ehemaligen UdSSR unter Kontrolle zu bekommen. Die europäischen Mächte, unter Führung Deutschlands, waren eifrig bedacht, ihren eigenen Anteil zu sichern.

In den folgenden Jahren wurde der Schutz vor Überschwemmungen ignoriert, die Infrastruktur wurde nicht repariert. Zahlreiche Initiativen und Kommissionen wurden eingerichtet, um das Vorgehen zu koordinieren, aber aufgrund der fortdauernd schlechten wirtschaftlichen und politischen Lage bewirkten sie wenig.

Im Jahr 2001 unterzeichneten Bosnien-Herzegowina, die damalige Bundesrepublik Jugoslawien und Slowenien eine "Absichtserklärung" zur Gründung der "Sawebecken-Initiative," die "das Sawebecken auf eine Weise verwenden, schützen und kontrollieren" sollte, die "bessere Lebensbedingungen für die Bevölkerung in der Region" garantieren und "einen angemessenen institutionellen Rahmen finden soll, um die Zusammenarbeit zu verbessern."

Einige Jahre später wurde die Internationale Sawebecken-Kommission eingerichtet. Um die Sawe, der größte Zufluss zur Donau, kümmerte sich außerdem die Internationale Kommission zum Schutz der Donau, die "die Vertragspartner verpflichtet, gemeinsam für ein nachhaltiges Wassermanagement zu sorgen, unter anderem durch die Bewahrung von Oberflächen- und Grundwasser, Senkung der Verschmutzung und die Vermeidung und Kontrolle von Überschwemmungen, Unfällen und Eisgefahren."

Im Jahr 2004 kam noch der Entwicklungsplan für das Management des Sawebeckens als Pilot Project der Vereinten Nationen (Development of Sava River basin Management Plan—Pilot Project) dazu, in dem es hieß: "Es ist notwendig, Daten für das gesamte Becken zu koordinieren, zu integrieren und auszutauschen. Dazu gehört die Koordination von Operationen in den Retentionsräumen und Talsperren, um die Ansammlung von Überschwemmungen und die Aufrechterhaltung von Flutbedingungen in der Sawe und der Drina zu vermeiden. Nationale Notfallpläne, Überschwemmungswarnungen und Interventionspläne sind für Unfälle wichtig."

Das Projekt forderte den Wiederaufbau von Hochwasserschutzeinrichtungen und neuen Frühwarnsystemen, die im Krieg zerstört wurden.

Fast zehn Jahre später wurde nur die Einbindung der Sawe in das neue Europäische Überschwemmungsalarmsystem (EFAS) verwirklicht, das 2012 betriebsbereit war. Die Flutabwehr und Wartung liegt weiterhin größtenteils in den Händen der nationalen Regierungen, die diese Aktivitäten als von geringer Priorität und leichte Ziele für Sparmaßnahmen einschätzen.

Laut dem Buch Water and Post-Conflict Peacebuilding, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, ist die Sawe weiterhin weniger ausgebaut als andere Flussläufe in Europa, die Wasserverwaltung krankt an nicht ausreichenden institutionellen Strukturen, ineffizientem Betrieb, fehlenden Wasser- und Abwasserbehandlungswerken und gesenkter finanzieller Kapazität.

Es gibt weiterhin Streitigkeitigkeiten über den Bau von Wasserkraftwerken am Fluss und seinen Zuflüssen. Große Schiffe können das obere Drittel des Flusses immer noch nicht befahren, wegen Erosion, versperrten Abschnitten durch zerstörte Brücken, der Zerstörung von Navigations-Infrastruktur und Minen aus dem Balkankrieg und die Bombardierung Serbiens durch den Luftkrieg der Nato. Das Ölembargo hat außerdem zu "schwerer Entwaldung" und Bodenerosion geführt, was die Gefahr von Überschwemmungen zusätzlich erhöht. Aufgrund von Sanktionen konnten serbische Wissenschaftler nicht an internationalen Konferenzen teilnehmen.

Die Organisation Water and Post-Conflict Peacebuilding weist darauf hin, dass ein gemeinsames Handeln im Bereich der Sawe auch an politischen Spannungen gescheitert ist. Die montenegrinische Regierung weigerte sich seit ihrer Abspaltung von Serbien im Jahr 2006, an Diskussionen über ihre Zukunft teilzunehmen. Behörden der beiden Teile von Bosnien-Herzegowina – die Serbische Republik und die Kroatisch-Muslimische-Föderation sprechen kaum miteinander, im Jahr 2009 reichte die serbische Regierung eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof ein, in der sie Kroatien Völkermord während des Balkankrieges vorwarf, wie dies Kroatien bereits 1999 gegen Serbien getan hatte.