Reichenliste der Sunday Times:

Ein ”erstaunliches Jahr” für die reichsten Briten

Von Jordan Shilton
22. Mai 2014

Die jährliche Reichenliste der Sunday Times verzeichnet einen atemberaubenden Vermögenszuwachs der britischen Superreichen.

Die Liste kam am 18. Mai heraus. Schon eine Woche davor berichtete die Zeitung in einer Titelstory,, dass es in Großbritannien zum ersten Mal mehr als hundert Milliardäre gebe. Mit insgesamt 104 Milliardären hat das Land im letzten Jahr den Aufstieg von über zwanzig neuen Milliardären erlebt und weist jetzt weltweit den größten Milliardärs-Anteil an der Bevölkerung auf.

Insgesamt zeigt die Liste, dass die reichsten tausend Briten zusammen ein Vermögen von 519 Milliarden Pfund (640 Milliarden Euro) besitzen, was einem Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts gleichkommt. Die Superreichen konnten seit 2013, als sie zusammen 449 Milliarden Pfund besaßen, ihr Vermögen um 15,4 Prozent vermehren. Seit 2008, dem Jahr der globalen Finanzkrise und der Einführung einer Bankenrettung über mehrere Milliarden Pfund, hat sich ihr Gesamtvermögen verdoppelt.

Gründe für diesen rasanten Anstieg sind natürlich Spekulation und offene Kriminalität. Gleichzeitig enthüllt die Tatsache, dass der Reichtums-Pegel in den letzten fünf Jahren auf so abstoßende Weise gestiegen ist, den wirklichen Zweck der Sparpolitik mehrerer Regierungen seit der Finanzkrise. Für die große Bevölkerungsmehrheit bedeutete der Beinahe-Kollaps des Finanzsystems die schlimmsten Angriffe auf Lebensstandard, Arbeitsplätze und öffentliche Dienstleistungen seit dem zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig hat sich die gehobene Oligarchie an den Bailouts auf Staatskosten bereichert. Ihre Maßlosigkeit ist in der Geschichte ohne Beispiel.

Um auf die Reichenliste zu kommen, musste man dieses Jahr mindesten 85 Millionen Pfund (fast 105 Millionen Euro) besitzen. Das ist mehr als das Spitzenvermögen zur Zeit des Booms unmittelbar vor der Krise von 2008, als die Summe achtzig Millionen Pfund (99 Millionen Euro) betrug. Unter die Top-500 schaffte es nur, wer mindestens 190 Millionen Pfund (234 Mio. Euro) besitzt, mehr als doppelt so viel wie 2004 (achtzig Millionen Pfund) und fast zwanzig Prozent mehr als letztes Jahr, als noch 160 Millionen Pfund (197 Mio. Euro) dafür ausreichten.

London, eine weltweit führende Metropole des Finanzbetrugs, hat sich als bevorzugter Wohnort der Oligarchie durchgesetzt: Hier residieren 72 Milliardäre. Das ist mehr als doppelt so viel wie in ganz Großbritannien vor zehn Jahren. Aber die Vermögensexplosion ist nicht auf die Hauptstadt beschränkt. In Schottland verzeichneten die reichsten hundert Personen letztes Jahr einen Anstieg ihres Gesamtvermögens um 19 Prozent auf 25 Milliarden Pfund (31 Mrd. Euro).

Die gewaltige Besitzvermehrung an der Spitze der Gesellschaft kommt auch in einer offiziellen Statistik zum Ausdruck, die nur wenige Tage vor der Reichenliste veröffentlicht wurde.

Laut der Nationalen Statistikbehörde besitzt das oberste Prozent der britischen Bevölkerung heute mehr als die 55 unteren Prozent zusammen. Das heißt, 600.000 Individuen verfügen über mehr Reichtum als die ärmsten 33 Millionen britischen Einwohner. Wie ein weiterer Bericht der Hilfsorganisation Oxfam zeigt, kontrollieren gerade mal fünf Milliardärs-Familien mehr Reichtum als die untersten zwanzig Prozent der Bevölkerung.

Die Konzentration von Reichtum in wenigen Händen steht der wachsenden Verarmung eines immer größeren Teils der Bevölkerung gegenüber. Die EU-Statistikbehörde Eurostat identifizierte in einem Bericht von Anfang Mai vier schwarze Armenregionen in Großbritannien, wo der Lebensstandard vergleichbar wie oder niedriger als in osteuropäischen Regionen wie Litauen, Polen oder Ungarn sein soll. Wie es darin heißt, weist das durchschnittliche Jahreseinkommen in Armutsgebieten wie Cornwall oder den Tälern von Wales gerade mal 14.300 Pfund (ca. 17.600 Euro) auf.

Die Zeitung Lancet brachte einen von 170 Medizin-Professoren unterzeichneten Brief, in dem die Existenzbedingungen und Ernährung vieler Briten mit denen in der Viktorianischen Zeit verglichen werden. „Die Schreckgespenster von Oliver Twist sind wieder da. In Großbritannien hungern die Kinder: Sie essen zwar keinen Haferschleim, aber ihre Eltern müssen einen Billigfraß kaufen, der zwar satt macht, aber nicht nahrhaft ist“, heißt es in dem Brief. Einer der Verfasser, Professor John Ashton, beschreibt die Situation als „allgemeinen Gesundheits-Notstand“.

Sogar Phillip Beresford, der die Reichenliste seit ihrer Einführung 1989 betreut, zeigte sich über die Geschwindigkeit verblüfft, mit der das Vermögen der Superreichen im letzten Jahr gewachsen ist. Er kommentierte: „Nie zuvor habe ich einen so phänomenalen Anstieg an Privatvermögen wie im letzten Jahr, am Beispiel der tausend reichsten Briten, erlebt.“ Er fügte hinzu: „Es war für die reichsten Briten wirklich ein erstaunliches Jahr. Manche mögen sie kritisieren, aber viele dieser Leute befinden sich im Zentrum der Wirtschaft, und ihr Erfolg bringt dem Land mehr Arbeitsplätze und mehr Reichtum.“

In welchem Ausmaß diese phantastisch reiche Schicht Kontrolle ausübt, und wie unterwürfig die dienstbare Presse reagiert, kann man daran erkennen, dass sämtliche Medien Mister Beresfords empörende Bemerkungen ohne jede Kritik widergaben. Die klassischen Thatcher-Theorien werden immer noch als unumstößliche Wahrheiten gehandelt. Die herrschende Elite klammert sich an jedes Argument, das ihre morsche Gesellschaftsordnung rechtfertigt, selbst wenn es durch die aktuellen Ereignisse vollkommen widerlegt wird.

Das beste Beispiel dafür ist die Times, die in einem Leitartikel mit dem Hinweis reagierte, Zehntausende sollten doch versuchen, der Reichenliste nachzueifern. Darin heißt es: “Großbritannien muss als Standort gelten, wo man einem solchen Erfolg Beifall spendet.”

In Wirklichkeit scheffelt die Oligarchie ihren gewaltigen Reichtum direkt auf Kosten der restlichen Gesellschaft, die dafür aufkommen muss. So werden Löhne gekappt, öffentliche Dienstleistungen zusammengestrichen, Steuern den Arbeitern aufgehalst und Milliarden Pfund den Banken zugeschustert.

Den größten Teil des Reichtums, den die Superreichen horten, legen sie im Finanz- und Immobiliensektor an. Am selben Tag, an dem die Reichenliste herauskam, zitierten mehrere Zeitungen ein Interview mit dem Gouverneur der Bank von England, Mark Carney. Darin warnte er vor der Gefahr explodierender Grundstückspreise, besonders in London, wo sie durch Immobilienspekulation seit 2008 schon um ein Viertel gestiegen sind.

Labour-Politiker äußerten verhalten Kritik an der Liste. Schattenfinanzminister Chris Leslie sagte: „Kein Wunder, dass die Superreichen sich im letzten Jahr derart bereichern konnten, denn David Cameron hat den Millionären riesige Steuererleichterungen verschafft.“ Er behauptete: „Labour ist entschlossen, dafür zu sorgen, dass alle Arbeiter vom Wirtschaftswachstum profitieren, nicht nur ein paar Wenige ganz oben.“

Gewiss stellt die Entscheidung der konservativ-liberaldemokratischen Regierung, die Spitzensteuer zu senken, ein Geschenk für die Reichen dar. Doch es stimmt nicht, dass allein die Senkung des Spitzensteuersatzes von 50 auf 45 Prozent zu derart astronomischen Vermögenszuwächsen geführt hätte. In Wirklichkeit spielt auch die multi-Milliarden-schwere Bankenrettung der Labour Party von 2008 eine große Rolle. Hinzu kommen die Politik der „quantitativen Lockerung“, die die Bank von England betreibt, und die Kürzungen im öffentlichen Dienst. Diese Politik hat den britischen Superreichen Milliarden Pfund in den Safe gespült.

Sollte Labour nächstes Jahr an die Macht kommen, wird auch diese Partei die Sparmaßnahmen uneingeschränkt fortsetzen, weil sie den Interessen der modernen britischen Aristokratie verpflichtet ist.