Großbritanniens neue Aristokratie

24. Mai 2014

Thomas Paine schrieb über die sozialen Bedingungen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, dass der Kontrast zwischen dem Überfluss und der äußersten Dürftigkeit, welchen man beinahe alle Augenblicke wahrnehme, das Auge beleidige und ein Schauspiel abgebe ungefähr so, als wenn man Leichname und lebende Menschen aneinanderkette.

Mehr als 200 Jahre später zeigt die Veröffentlichung der jährlichen Reichenliste in der letzten Ausgabe der Sunday Times, dass Paines vernichtendes Urteil über die soziale Ungleichheit noch stärker auf das moderne Großbritannien zutrifft.

Das Gesamtvermögen der tausend reichsten Personen in Großbritannien entspricht mittlerweile einem Drittel der Gesamtwirtschaftsleistung, 519 Milliarden Pfund (über 641 Milliarden Euro). In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Milliardäre verdreifacht, sodass Großbritannien die zweifelhafte Ehre hat, das Land mit dem höchsten Milliardärsanteil der Bevölkerung der Welt zu sen. Der Betrag, der notwendig ist, um sich zu den 500 reichsten Personen in Großbritannien zu zählen, hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist er noch einmal um zwanzig Prozent gestiegen.

Mehrere Statistiken zeigen, dass das oberste eine Prozent, 600.000 Menschen, mehr Vermögen besitzen als die ärmsten 55 Prozent der Bevölkerung; das sind 33 Millionen Menschen. Der Gesamtwert des Grundbesitzes, der Renten und Finanzanlagen Großbritanniens liegt bei 9,5 Billionen Pfund (11,75 Billionen Euro), das oberste eine Prozent kontrolliert davon 5,225 Billionen Pfund (6,46 Milliarden Euro). Alleine die fünf reichsten Familien in Großbritannien sind reicher als die untersten zwanzig Prozent, die 12,6 Millionen Menschen, die heute unter der Armutsgrenze leben.

Die Entstehung der modernen Finanzaristokratie an der Spitze der Gesellschaft ging direkt einher mit der Verarmung immer größerer Schichten der arbeitenden Bevölkerung. In den letzten zehn Jahren hat sich das Vermögen der tausend reichsten Einwohner Großbritanniens verdoppelt. Im gleichen Zeitraum wurden die Staatskassen geplündert, um die gleichen Schichten, die ihr Vermögen durch Finanzspekulationen und offene Kriminalität angehäuft haben, mit mehreren Milliarden zu retten.

Für die Arbeiterklasse bedeutete die Bankenrettung den Beginn einer Ära beispielloser Angriffe auf Lebensstandard und Sozialleistungen, von denen Millionen abhängig sind. Während die Reichen im Wohlstand schwimmen, hat die Nutzung von Lebensmittelausgabestellen ein vorher nie gekanntes Niveau erreicht, Löhne wurden gekürzt und öffentliche Dienstleistungen abgeschafft oder privatisiert.

Dies ist Teil eines internationalen Prozesses, der in jedem Land stattfinden. Die Finanzkrise von 2008 war ein Signal an die herrschende Klasse, die größten Angriffe auf die arbeitende Bevölkerung seit den 1930er Jahren zu beginnen mit dem Ziel, alle Zugeständnisse zurückzunehmen, die sie in der Nachkriegszeit machen musste. Die Folgen dieser Politik zeigte ein Bericht von Oxfam, der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, laut dem die reichsten 85 Individuen mehr Vermögen besitzen als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung - 3,5 Milliarden Menschen.

Noch vor einer Generation wären einige Teile des Establishments über eine so erschreckende soziale Ungleichheit beschämt gewesen, heute jedoch berichteten die großen Sonntagszeitungen über die Reichenliste ohne die geringste Kritik an der obszönen Anhäufung von Reichtum an der Spitze der Gesellschaft. Es gab kein Wort des Protestes über die Behauptung von Phillip Beresford, der die Reichenliste zusammenstellt, die Milliardenvermögen einer Finanzoligarchie würden für "mehr Arbeitsplätze und mehr Reichtum für das Land" sorgen.

In Wahrheit sind die superreichen Oligarchen, die in der Reichenliste vertreten sind, eine parasitäre Kaste, die der Gesellschaft den Reichtum aussaugt. Die riesigen Summen, über die die Elite verfügt, wurden nicht durch Investitionen in die produktive Wirtschaft erworben, sondern durch Finanzspekulationen. London ist gerade darum der Spielplatz der Milliardäre der Welt geworden, weil er synonym ist mit der Deregulierung der Finanzwirtschaft und den korrupten Praktiken, die daraus entstanden sind, wie die Manipulation des Libor-Zinssatzes.

Alles Gerede über einen Wirtschaftsaufschwung gilt nur für die Reichen. Die Aktienkurse sind höher als je zuvor, die Immobilienpreise in London astronomisch hoch, während die Löhne für die große Mehrheit stagnieren oder sinken. Die Zahlen zum Wirtschaftswachstum, das als das Ende der Krise dargestellt wird, kommen in überwältigender Mehrheit aus dem Finanzsektor, der für 40 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung verantwortlich ist.

Es fällt auf, dass alle großen Parteien das abstoßende Niveau der sozialen Ungleichheit kritiklos akzeptieren. Alle Vertreter des politischen Establishments sind von der Finanzoligarchie gekauft. Sie haben seit Jahren rechte Rezepte durchgesetzt und soziale Ungleichheit zur natürlichen Ordnung erklärt. Nach ihrer Auffassung steigen die Reiche wegen ihres Talents und ihres Erfolges auf, der Rest der Gesellschaft muss dankbar dafür sein, wenn von ihrem Reichtum etwas zu ihnen "heruntertröpfelt." Seit Thatcher in den 1980er Jahren ihre Offensive gegen die Arbeiterklasse begonnen hat, hat sich diese POlitik als verheerend für die arbeitende Bevölkerung erwiesen.

Als die Labour Party an der Macht war, setzte sie nahtlos fort, was die Konservativen davor getan hatten - sie privatisierte öffentliche Dienstleistungen und unterstützte das Anwachsen eines riesigen Finanzsektors, der immer mehr vom Rest der Wirtschaft abgekoppelt ist. Als die Finanzkrise von 2008 ausbrach, setzte Labour die Bankenrettung durch und begann ein brutales Sparprogramm. Ihre Verbündeten in den Gewerkschaften organisierten keinen einzigen größeren Streik gegen den verheerenden Angriff auf die Arbeitsplätze und den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung.

Heute ist die Aufrechterhaltung selbst der notwendigsten Grundbedürfnisse des täglichen Lebens für den größten Teil der Bevölkerung unvereinbar mit der Existenz einer Finanzaristokratie, deren riesiger Reichtum nichts zur Gesellschaft beiträgt. Das heißt, kein einziges der Probleme, vor denen die arbeitende Bevölkerung steht, kann ohne einen politischen Kampf gegen die Ursache der immer größeren sozialen Ungleichheit geführt werden: das kapitalistische Profitsystem.

Die Gesellschaft muss sich aus dem Griff dieser parasitären Kaste befreien, die an ihrer Spitze steht und alle Aspekte der Politik und der Wirtschaft diktiert. Dazu müssen Arbeiterregierungen aufgebaut und ein sozialistisches System umgesetzt werden, in dem die Produktion auf der Grundlage der Bedürfnisse statt des Profitstrebens geplant ist.

Diese grundlegende Aufgabe lässt sich nur durch die Vereinigung der Arbeiterklasse in Großbritannien mit ihren Genossen und Genossinnen in ganz Europa und der Welt bewältigen. Dieser Aufgabe widmen sich die britische Socialist Equality Party und die deutsche Partei für Soziale Gleichheit. Sie bildet die wichtigste Grundlage unseres Europawahlkampfes.

Jordan Shilton