BIZ warnt vor neuer globaler Finanzkrise

Von Nick Beams
1. Juli 2014

Wie die schweizerische Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) erklärt, könnte die aktuelle Politik der Zentralbanken und Finanzbehörden zu einer erneuten Finanzkrise führen, die schlimmer wäre als die von 2008.

Die Warnung ist in dem jüngsten, am Sonntag veröffentlichten Jahresbericht der Bank enthalten, die gelegentlich als die Weltzentralbank bezeichnet wird.

Im Bericht wird die Sorge darüber ausgesprochen, dass das gegenwärtige Niedrigzinsregime, das die Folgen des Zusammenbruchs von 2008 auffangen sollte, die Finanzmärkte auf neue Höhenflüge geschickt hat, während die Prämien für viele riskante Kredite gesenkt wurden.

Die BIZ erklärt, dass die Märkte “im vergangenen Jahr von Überschwang geprägt” gewesen seien, besonders in den entwickelten Volkswirtschaften. Sie wurden „hauptsächlich von Zentralbankentscheidungen beeinflusst“. Die Beweglichkeit habe historische Tiefstände erreicht und „Marktteilnehmer (…) preisen kaum noch Risiken ein“.

„Insgesamt irritiert die begrenzt nachvollziehbare Abkopplung der Marktdynamik von den zugrundeliegenden wirtschaftlichen Entwicklungen weltweit“, erklärt die Bank.

Diese “Abkoppelung” ist am klarsten in den Vereinigten Staaten sichtbar, wo die Federal Reserve Billionen Dollar in die Finanzmärkte gepumpt und die Aktienmärkte auf Rekordhöhen katapultiert hat, während die Realwirtschaft stagniert oder sich im Rückwärtsgang befindet. Letzte Woche wurde bekannt, dass die US-Wirtschaft im ersten Quartal 2014 um fast drei Prozent geschrumpft ist. Aber die Aktienmärkte stiegen noch höher in der Erwartung, dass die Stagnation zu noch größeren und noch billigeren Geldspritzen führen werde.

Die BIZ bemerkte, dass die Weltwirtschaft trotz höherem Wachstum weiter auf die Unterstützung der Geldpolitik angewiesen sei. Auf globaler Ebene sei die Gesamtverschuldung des privaten Nicht-Finanzsektors seit dem Beginn der globalen Finanzkrise um dreißig Prozent gestiegen. Damit sei das Verhältnis dieser Schulden zum globalen Ausstoß gestiegen.

Außerdem bedeute die Konzentration auf kurzfristige Wachstumszahlen das Risiko, langfristige Gefahren durch die heutige Geldpolitik zu übersehen.

„Wer sich auf kurzfristige Veränderungen beim Ausstoß konzentriert, gleicht jenem, der auf die kräuselnde Meeresoberfläche starrt, aber die unter der Oberfläche lauernden Wellen übersieht“, warnte der Chef der Wirtschaftsabteilung der BIZ, Claudio Borio, bei einem Pressegespräch über den Bericht.

In dem Bericht heißt es, wenn man die aktuelle Konfiguration makroökomischer und finanzieller Entwicklungen aus der „Optik des Finanzzyklus“ betrachte, ergäben sich ganz bestimmte Risiken.

In Ländern, die überdimensionierte finanzielle Konjunkturen erlebt hätten, bestehe das Risiko, dass diese einbrächen und zu finanziellen Notlagen führen könnten. Indikatoren, die früher verlässliche Daten geliefert hätten, wie das Niveau der Kredit- und Immobilienpreise, zeigten „beunruhigende Anzeichen“. Die BIZ nannte zwar die USA nicht beim Namen, aber sie sind das führende Beispiel für einen aufgeblähten Finanzboom.

Es gebe auch in so genannten aufstrebenden Märkten Gefahren „aufgrund des enormen Größenunterschieds zwischen den globalen Anlegerportfolios und den Zielmärkten“, die der [englische] Bericht mit der Wirkung “eines Elefanten im Planschbecken“ vergleicht. Es sei „alles andere als beruhigend“, dass „diese Kapitalzuflüsse infolge aggressiven Renditestrebens angeschwollen sind“, womit gesagt werden soll, dass sie sich auch sehr schnell umkehren könnten.

Der Bericht führte aus, dass Daten, die auf gesunde Finanzpositionen schließen ließen, und so genannte makroökonomisch kluge Maßnahmen der Finanzbehörden, deren Ziel es sei, die Anhäufung von Risiken zu vermeiden, kein Ruhekissen verschaffen. „Immer wieder“, heißt es, „lauern in scheinbar soliden Bankbilanzen – sowohl in fortgeschrittenen als auch in aufstrebenden Volkswirtschaften – unvermutete Risiken, die erst dann zutage treten, wenn sich der Finanzboom in einen Abschwung kehrt.“

Die BIZ warnt, dass eine Krise in aufstrebenden Märkten große Auswirkungen auf die entwickelten Märkte hätte. Seit der Asienkrise von 1997 ist der Anteil der aufstrebenden Märkte auf ca. ein Drittel des globalen Bruttoinlandsprodukts gewachsen, und ihr Gewicht im internationalen Finanzsystem hat zugenommen.

„Die Folgen wären besonders schwerwiegend, wenn es in China, das einen übermäßig starken Finanzboom erlebt, zu einem Zusammenbruch käme. Besonders gefährdet wären die rohstoffexportierenden Länder, die ein starkes Kreditwachstum und ausgeprägte Preissteigerungen bei den Vermögenswerten erlebt haben und in denen Terms-of-Trade-Gewinne nach der Krise die hohen Schuldenstände und Immobilienpreise stützen.“

Die BIZ nannte zwar Australien nicht direkt beim Namen, aber die Beschreibung trifft voll auf die australische Wirtschaft zu. Andere Rohstoffexporteure wie Brasilien und Südafrika wären ebenfalls stark betroffen.

Dem Bericht zufolge sei es “etwas beunruhigend“, Wachstumsmuster wie vor der Krise von 2008 zu beobachten. Immobilienpreise in Großbritannien seien „ungewöhnlich dynamisch“, während Teile der Kreditmärkte für die Wirtschaft in den USA sich „in einem noch stärkeren Höhenflug als vor der Krise“ befänden.

Die BIZ nannte nicht die amerikanische Federal Reserve, aber sie kritisierte deren quantitative Lockerung an zwei Fronten. Während der Nutzen einer „ungewöhnlich lockeren Geldpolitik“ kurzfristig spürbar sein möge, besonders wenn man sie an der Reaktion der Finanzmärkte messe, „werden die Kosten aber leider erst mit der Zeit und im Nachhinein sichtbar. Dies war in der Vergangenheit oft genug zu beobachten.“

Dann nahm die BIZ die Politik der Fed ins Visier, die Finanzmärkte über ihre Absichten zu informieren. Der Wunsch, die Märkte auf die Absichten der Fed vorzubereiten, könnte unabsichtlich dazu führen, dass Marktteilnehmer mehr Sicherheit empfänden, als die Zentralbank eigentlich vermitteln wolle. Dies könne ein stärkeres Risikoverhalten bewirken und damit die Saat für eine umso schärfere Gegenreaktion legen.

Mit anderen Worten, die Politik, die eigentlich gemacht wird, um eine Finanzkrise zu verhindern, könnte gut und gern die Bedingungen für eine solche schaffen. Der BIZ-Bericht hielt fest, dass ein Politikmodell, das zu sehr auf einen Anstieg der Schulden baut, „seinen eigenen Untergang heraufbeschwört“.

Der Bericht der BIZ ist die jüngste einer ganzen Reihe von Warnungen, dass der gegenwärtige Finanzboom den Boden für eine weitere Krise bereitet. Der Bericht ist auch deshalb glaubwürdig, weil die Bank eine der wenigen offiziellen Körperschaften war, die vor der Krise von 2007-2008 auf die nicht tragfähigen Verhältnisse in der Finanzwirtschaft hinwies.

Aber genau wie alle anderen Wirtschaftsinstitutionen in der globalen kapitalistischen Wirtschaft hat auch die BIZ keine politische Lösung parat, wie man zu einem ehedem als „normal“ betrachteten Rhythmus des Wirtschaftswachstums zurückkehren könnte.

Ihre hauptsächliche Kritik an der Politik des billigen Geldes der Fed und anderer Zentralbanken ist die, dass sie den notwendigen „Strukturreformen“ nicht genügend Aufmerksamkeit widmen, vor allem der Reform der Arbeitsmärkte. Mit anderen Worten, um den verkalkten Arterien des globalen kapitalistischen Systems wieder frisches Blut zuführen zu können, muss die Offensive gegen die Arbeiterklasse intensiviert werden, die nach 2008 begonnen hat.